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Version 16.07.08 Drucken

Mit Zwangsarbeit zur Vollbeschäftigung?

SPD-Chef Beck und Partei-Vize Steinmeier sind stolz auf die weiter gesunkenen Arbeitslosenzahlen: Dank der sozialdemokratischen Reformen sei „die Wende zum Besseren“ geschafft. Nun halten sie sogar Vollbeschäftigung für möglich und vergessen auch die Gewerkschaften nicht, mit denen sie für Mindestlohn und eine Regulierung der Leiharbeit kämpfen wollen. Ganz so, als hätten diese Probleme nichts mit ihnen zu tun.

Doch was heißt hier Vollbeschäftigung? Über 6 Millionen Menschen in Deutschland schuften für niedrigste Löhne. 1,3 Millionen verdienen so wenig, daß sie aufstocken müssen. Immer mehr Beschäftigte gehen krank zur Arbeit nur weil der schlechteste Job besser ist als gar keiner. Andere machen Überstunden, natürlich unbezahlt. Rund 3 Millionen Erwerbslose tauchen in den Statistiken gar nicht auf, da sie in 1-€-Jobs hängen, Kinder betreuen, in s. g. „Bedarfsgemeinschaften“ leben, sich gar nicht erst beim Arbeitsamt melden oder krank sind.

1-€-Jobs: Privatnützigkeit fast schon die Regel!

Arbeitsgelegenheiten zu gemeinnütziger und zusätzlicher Arbeit gab es schon vor den 1-Euro-Jobs. Mittlerweile geht es aber längst nicht mehr darum, zu helfen, sondern Menschen mit der nackten Wahrheit zu konfrontieren. Nämlich: Daß man nichts mehr für ihre Integration am Arbeitsmarkt ausrichten will. 1-€-Jobs ersetzen z.B. Zivildienstleistende oder sie dienen zum „parken“ erwerbsloser Jugendlicher, um die Erwerbslosenstatistik zu schönen. Es geht nicht mehr um soziale Hilfe, sondern um „ Arbeiten für die Sozialhilfe“. An die Stelle der Gemeinnützigkeit der Tätigkeiten ist die Privatnützigkeit getreten. Auch im öffentlichen Bereich werden 1-€-Jobber zunehmend dort eingesetzt, wo Stellen vorher abgeschafft wurden. Sogar als Streikbrecher werden sie missbraucht, wie jetzt beim Arbeitskampf im Einzelhandel. „Gemeinnützige Beschäftigungsträger“ von 1-€-Jobbern werden vielfach zu reinen Arbeitskräfte-Verleihern, denen sogar der Bundesrechnungshof bescheinigt, daß sie mittlerweile ohne Rücksicht auf ihre gesetzlichen Voraussetzungen operieren. Der Gesetzgeber aber stellt sich blind und kein Staatsanwalt fühlt sich für regierungsamtlich gewollte Gesetzesübertretungen zuständig.

Aber nicht nur Beck und Steinmeier träumen von Vollbeschäftigung, sondern auch der Bundes-Wirtschaftsminister und sein Kumpel Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt. Jeden Tag, so Glos, entstünden in Deutschland 1.400 neue Jobs. Deshalb hofft er, daß es bald kaum noch Erwerbslose geben wird. Und so soll es funktionieren:

Das „Modell Bürgerarbeit“ des Wirtschaftsministeriums

sieht vor, daß Empfänger von staatlichen Lohnersatz-Leistungen, vor allem Arbeitslosengeld II, als Gegenleistung zu einer Arbeit von 39 Stunden die Woche (!) für die „Gemeinschaft“ verpflichtet werden sollen. Sonst riskieren sie eine Kürzung oder Streichung dieser Leistung.

Die Devise lautet: Arbeitspflicht statt Mindestlohn!

Das Konzept, welches sich auf eine vom Ministerium in Auftrag gegebene Studie stützt, hat erklärtermaßen zum Ziel, die „wirklich Bedürftigen zu erkennen, denn wenn sie sowieso für die Grundsicherung arbeiten müssen, lohnt sich der Aufwand, einen Job zu suchen“. Das wäre die Einführung des Arbeitsdienstes.

Ein weiteres erklärtes Ziel ist es, auf diese Weise die öffentlichen Haushalte um 25 Milliarden zu entlasten. Klar, man kann sich ja gut vorstellen, daß zum Beispiel die Stadtreinigung in Zukunft entlassen kann, weil es genügend Zwangsarbeiter gibt, die diese Arbeit machen.

Dieses Konzept, welches nicht wirklich neu ist, kommt jedoch zu einem Zeitpunkt und von einem Ministerium, das ja eigentlich nicht für die Arbeitsmarktpolitik zuständig ist. Das verdeutlicht, daß es hier um einen Gegenentwurf zu dem viel geforderten Mindestlohn geht. Der Staatssekretär dieses Ministeriums, Walter Otremba, formuliert diese Absicht auch unverhohlen.

Und der Zeitpunkt ist auch deshalb gut gewählt, weil durch die zuletzt verbesserte Lohnentwicklung die Hoffnung auf bessere Zeiten mal wieder geschürt wird. Das verstellt vielen gewöhnlich den Blick auf das untere Ende der Leiter. So ist auch ein Kernpunkt dieser Strategie die Ausgrenzung der so genannten Unterschicht und die gesellschaftliche Entsolidarisierung. Ob dieses Kalkül aufgeht bleibt besser nicht abzuwarten. Dem muß entgegengesteuert werden.

Und in der Diskussion um Gegenmaßnahmen, vor allem zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit, reicht der Blick auf die Arbeitslosenquote (geschönt oder nicht) oder die Beschäftigungsquote bei weitem nicht aus, denn über die Qualität der Arbeit sagt das nichts. Früher verbanden sich damit auch Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, Mitbestimmung, Arbeitsschutz und die Frage, was überhaupt gesellschaftlich nützliche Arbeit ist.

Schwindelerregender Regierungsbericht:

Die Armutsgrenze wurde einfach um € 157,- nach unten definiert.

Der gerade veröffentlichte dritte „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung zeigt, daß die Kluft zwischen Arm und Reich trotz „Aufschwung“ und niedrigerer Arbeitslosenquote breiter wird und mittlerweile jede/r Vierte von Armut betroffen ist. Und selbst diese Zahlen sind geschönt, da man mittlerweile weiß, daß der Arbeitsminister, um das Armutsrisiko runter zu rechnen, bei diesem Bericht eine andere Statistik als bei den Berichten davor verwendet hat. Hinzu kommt, daß die letzte Berichtslegung die Grenze zur Armut noch bei einem Einkommen von weniger als € 938,- und nicht wie jetzt bei € 781,- festsetzte.

Wie man sieht, gehört der entschiedene Kampf um Abschaffung von Hartz 4, für Mindestlöhne, für Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung nicht nur auf die Agenda der Gewerkschaften. Über kurz oder lang geht es um aller Wohl und Wehe. Und wir alle haben nur ein Leben. Das ist bekanntlich jetzt.

Wehrt Euch gegen diese Schweinereien !!!

Z. B. hier:

Selbsthilfe gegen 1-€-Jobs:

  • Jeden Mittwoch um 18.30 – 19.30, Lerchenkolleg,
  • Sternstraße 2, Schlachthofpassage

 

Das Sozialforum Eimsbüttel trifft sich vierzehntägig

  • am Mittwoch um 20 Uhr im
  • Magda-Thürey-Zentrum, Lindenallee 72. Nächstes Treffen: 16.7.2008.
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