SoZ - Sozialistische
Zeitung Nr.7 vom 30.03.2000, Seite 11
Quelle: http://www.vsp-vernetzt.de/soz/0007111.htm
EU-Gipfel in Lissabon
Rohstoff Arbeit besser verwerten
Außerordentlich wohlwollend reagierten
die Unternehmer auf die Ergebnisse des vergangenen EU- Beschäftigungsgipfels
in Lissabon. "Wir sind glücklich über den neuen Schwung,
die hohe Arbeitslosigkeit in der EU durch wirtschaftliche und strukturelle
Reformen zu bekämpfen", sagte Georges Jacobs, der Präsident
des größten europäischen Unternehmerverbands UNICE,
einer Vereinigung der Industriellen- und Arbeitgeberverbände
in Europa.
Der Verband will die vollständigen Öffnung aller Märkte
in Europa, die "exzessiven" Steuern und Abgaben in den
Mitgliedsländern senken und die Schaffung "effizienterer"
Arbeitsmärkte statt "übertriebenem Schutz" der
Arbeitskräfte. Außerdem spricht sich UNICE für eine
stärkere Rolle der EU-Kommission bei der Koordinierung der
Beschäftigungspolitik aus, auf die auch die multinationalen
Konzerne ihre Lobbyarbeit konzentrieren.
Angesichts der offiziell 15 Millionen Erwerbslosen in Europa hatte
der portugiesische Ministerpräsident Antonio Guterres, der
zur Zeit den Vorsitz des Europäischen Rates inne hat, schon
zu Beginn des Gipfels angemahnt, dass dies "kein Gipfel über
Österreich, sondern zur Beschäftigung" sei. Schnell
gingen die Teilnehmer der 15 Mitgliedstaaten zur Tagesordnung über.
"Die EU begreift sich als Veranstaltung, die Ökonomie
modernisieren, aber den sozialen Zusammenhalt nicht kleinschreiben
will", erklärte Bundeskanzler Schröder auf dem Sondergipfel.
Folglich diskutierten die Regierungschefs das Thema "Beschäftigung"
vor allem im Kontext der Konkurrenz zu den USA und Japan. Dort liegt
die Beschäftigungsquote bei über 75%, während sie
in Europa geringfügig die 60%- Marke überschreitet. Das
sind schlechte Vorraussetzungen im Wettlauf um die Spitze, denn
es geht um die optimale Ausnutzung des "Rohstoffs Arbeit",
erklärt der Fahrplan des EU-Vorsitzes. Bis zum Jahr 2010 soll
deshalb die Quote an die 70% herangeführt werden. Der britische
Premier Tony Blair rechnet mit 20 Millionen Arbeitsplätzen,
die in nächster Zeit vor allem im Dienstleistungs- und Informationssektor
entstehen sollen.
Die Qualität der Arbeitsbedingungen spielt dabei kaum eine
Rolle. Im Gegenteil: Sie sollen weiter verschlechtert werden. Das
steht so zwar nicht in der Schlusserklärung des Sondergipfels,
aber in den Nationalen Aktionsplänen der EU-Kommission, die
nach dem Willen der Regierungschefs künftig weiter aufgewertet
werden sollen.
Die Pläne sind das Herzstück der europäischen Beschäftigungspolitik
und ihre Erfüllung sollen die Regierungschefs der einzelnen
Mitgliedstaaten nun jährlich im Rahmen eines EU-Ratstreffens
überprüfen. Heraufsetzung des Rentenalters, Flexibilisierung
der Arbeitszeit und Abbau der sozialen Leistungssysteme sind nur
wenige Beispiele für die Stoßrichtung der Nationalen
Aktionsplänen.
Um diese durchzusetzen, setzt die EU-Kommission auf bilaterale Seminare,
in denen sie Funktionsträgern der Ministerien, aber auch denen
regionaler Behörden und den "Sozialpartnern" ihre
Aktionspläne nachdrücklich erläutert.
Die EU-Kommission übernimmt dabei die Rolle einer Art rating
agency für Unternehmen. Ihre detaillierten Analysen, die den
nationalen Aktionsplänen zugrunde liegen, umfassen sowohl das
Qualifikations- als auch das Lohnniveau der Bevölkerung sowie
gesetzliche Regelungen in den einzelnen Mitgliedstaaten.
Die Sozialsysteme werden ebenfalls einer eingehenden Prüfung
unterzogen. Besonders gute Noten erhalten die Mitgliedstaaten, die
statt "passiver" Hilfen "aktive" Maßnahmen
bevorzugen. Statt Arbeitslosenhilfe sollen vermehrt Fortbildungs-
oder Arbeitsprogramme für Beschäftigte und Erwerbslose
eingerichtet werden, deren Kosten bei ersteren zum Teil selbst getragen
werden sollen und bei Erwerbslosen im Falle einer Ablehnung zum
Entzug staatlicher Hilfen führen können.
In diesem Zusammenhang sprach die französische Präsidentin
des EU-Parlaments, Nicole Fontaine, in ihrer Eröffnungsrede
zum Sondergipfel vom "ungezähmten Kapitalismus, der über
Standortverlagerungen Sozialdumping durch Ausnutzung von Unterschieden
in unserer jeweiligen Sozial- und Steuergesetzgebung praktiziert".
Nicht nur die politische Bedeutungslosigkeit des EU-Parlaments macht
diese treffliche Analyse zum sozialen Feigenblatt.
Die Rede dürfte auch ein Zugeständniss an die innenpolitische
Situation in Frankreich sein, wo es seit Mitte der 90er Jahre zahlreiche
Mobilisierungen gegen Sozialabbau und Privatisierungen gab und die
politischen Ereignisse auf europäischer Ebene von Gewerkschaften
und Erwerbslosenorganisationen weitaus genauer und kritischer betrachtet
werden als in den deutschsprachigen Mitgliedsländern der EU.
Der Rat der EU und auch die Kommission werden nicht müde, die
Rolle der "Sozialpartner" im europäischen Einigungsprozess,
gerade auf nationaler und regionaler Ebene, zu betonen und fordern
sie gleichzeitig zur "Lohnmäßigung" auf. Während
die Kommission diesbezüglich vor allem für die Gewerkschaften
in Österreich und Dänemark voll des Lobes ist, ist ein
gemeinsamer Vorstoß des britischen Premiers und des italienischen
Ministerpräsidenten DAlema zur Arbeitsmarktpolitik, in
dem beide die Vorgaben der Kommission aufgriffen, beim größten
italienischen Gewerkschaftsverband CGIL nicht nur auf heftigten
Widerspruch gestoßen. Der Chef der CGIL drohte sogar den Bruch
mit der Regierung in Rom an, sollte dieser Vorstoß in Rom
zum offiziellen Kurs deklariert werden.
Während der Europäische Gewerkschaftsbund bereits wenige
Tage vor dem Sondergipfel mit einer Erklärung seine willfährige
Rolle als Sozialpartner signalisierte, demonstrierten in Lissabon
mehr als 60000 Menschen gegen die europäische Arbeitsmarktpolitik.
Zu der Demonstration hatte der portugiesische Gewerkschaftsbund
CGTP und die "Europäischen Märsche gegen Erwerbslosigkeit,
ungeschützte Beschäftigung, Ausgrenzung und Rassismus"
aufgerufen. Am 10.Juni mobilisieren die EuroMärsche nach Brüssel,
denn am selben Wochenende hat dort UNICE zu einer Konferenz geladen.
Obwohl die arbeitsmarktpolitischen Vorgaben des Unternehmerverbands
den EU-Gremien seit langem bekannt sind, will UNICE seinen Forderungskatalog
diesmal in einer medienwirksamen Show der Öffentlichkeit in
Europa unterbreiten.
Gerhard Klas
|