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Material für die Diskussion im Sozialforum Eimsbüttel aus:
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/allg/roth2.html
Rainer Roth
Agenda 2010 - wie weiter?
Vortrag auf einer Veranstaltung der IG Metall Kiel am 27.05.2004
Giederung:
I. Agenda 2010 im Interesse der Menschen?
II. Ware Arbeitskraft und damit der Profit im
Mittelpunkt, nicht der Mensch
III. Agenda 2010 - Antwort auf die tiefste Krise
der Nachkriegszeit.
IV. Sozialabbau und Lohnabbau mit Agenda 2010
- Versuch, dem Fall der Profitraten entgegenzuwirken
V Agenda 2010: Lösung der Krise durch Stärkung
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit?
VI Schluß
I) Agenda 2010 im Interesse der Menschen?
Agenda 2010 bedeutet:
Abschaffung der Arbeitslosenhilfe,
Verwandlung von 3 Mio. Arbeitslosen in Sozialhilfeempfänger,
Senkung des neuen Arbeitslosengelds II unter das bisherige
Sozialhilfeniveau
Zumutbarkeit von Löhnen, die bis zu einem Drittel unter
Tarif
und damit weit unter dem Sozialhilfeniveau liegen dürfen
und
Ausbau der Zwangsarbeit.
Das ist nach Auffassung der SPD-Grünen-Bundesregierung gerecht
und vereinbar mit einer solidarischen Gesellschaft: "Gerecht
ist, Menschen schneller in Arbeit zu bringen. ... Gerecht ist, allen
Bürgerinnen und Bürgern die Teilhabe an der Gesellschaft,
der Wirtschaft und der Politik möglich zu machen." (agenda
2010, Deutschland bewegt sich, Hg. Presse- und Informationsamt der
Bundesregierung, November 2003, 10)
2,8 Mio. Erwerbstätige in 670 Berufen beziehen nach Angaben
der Bundesregierung Tariflöhne von 6 Euro und darunter. Für
sie sind Löhne von 4 Euro und darunter zumutbar.
Löhne unterhalb des Existenzminimums sind gerecht, Hauptsache
Arbeit. Arbeit als solche scheint gerecht und solidarisch zu sein,
unabhängig davon, ob man seine Miete davon bezahlen kann. Löhne
bis zu einem Drittel unter Tarif sind nach der Rechtsprechung des
Bundesarbeitsgerichts nicht sittenwidrig, sondern entsprechenden
den hier geltenden guten Sitten.
"Unternehmen interessieren sich nicht dafür, ob man
seine Miete zahlen kann," erklärte der Leiter des Münchener
ifo-Instituts, Prof. Dr. Hans-Werner Sinn in einer Talk-Show bei
Christiansen am 4.4.2004. Er hat recht.
Der Mensch steht bei der Agenda 2010 für Regierung und Unternehmen
auf eine bestimte Weise zweifellos im Mittelpunkt.
Wie kann man, sofern "der Mensch" davon lebt, seine Arbeitskraft
als Ware zu verkaufen, den Preis der Ware Arbeitskraft des Menschen
und seine Kosten als Arbeitsloser unter das Existenzminimum senken?
Dazu muss man sich schon voll auf "den Menschen" konzentrieren.
Im modernen Deutsch eben: Kundenfreundlichkeit zeigen.
Andererseits, sofern "der Mensch" Ware Arbeitskraft kauft,
steht auch er im Mittelpunkt, denn die Verbilligung der Ware Arbeitskraft
verschafft diesem Typ Mensch höhere Gewinne.
Zentrum der Agenda 2010 und der Hartz-Gesetze: massives staatlich
organisiertes Lohndumping.
Die Arbeitgeberverbände verlangen seit vielen Jahren die
Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und die Senkung der Sozialhilfe.
Die Dachorganisation aller Unternehmen, der Deutsche Industrie-
und Handelskammertag fordert die Senkung der Sozialhilfe um 25%.
Das bedeutet: Nur noch 3,75 sollen am Tag für Essen und Trinken
zur Verfügung stehen. Mit 2,30, die ein Pils kostet, wäre
dann mehr als die Hälfte des Tagesbedarfs vertrunken. Prof.
Sinn geht in seinem Buch "Ist Deutschland noch zu retten"
unter dem Beifall von Konzernvorständen sogar so weit, die
Abschaffung der Regelleistung des Arbeitslosengelds II in Höhe
von 345 Euro zu fordern und nur noch einen Mietzuschuss zuzugestehen.
Die Allgemeinheit soll für Essen und Trinken von Arbeitslosen
aufkommen? Wo kommen wir denn da hin! Hunger ist angesagt, als Motor
für Hungerlöhne.
Zweck des Sozialabbau ist nämlich nicht der Sozialabbau selbst,
sondern die Senkung des Lohnniveaus. Senkungen der Arbeitslosenunterstützung,
also Sozialabbau, dienen dem Lohnabbau. Das ist das eindeutige Interesse
des Kapitals.
Sozialhilfe definiert eine Art Mindestlohn, ein unteres Niveau
der Tarife.
Unterhalb des staatlich definierten Existenzminimums möchte
kein Lohnabhängiger arbeiten.
Die Arbeitgeberverbände und die Masse der Ökonomen erklären
die Ursachen der Arbeitslosigkeit daraus, dass die Löhne zu
hoch sind. Wenn Waren auf einem Markt (hier dem Arbeitsmarkt) nicht
verkäúflich sind, müssen sie eben im Preis fallen,
so wie Bananen oder Äpfel auf dem Wochenmarkt.
"Jeder findet Arbeit, wenn man zulässt, dass der Lohn
weit genug fällt, denn je weiter er fällt, desto attraktiver
wird es für die Arbeitgeber, Arbeitsplätze zu schaffen,
um die sich bietenden Gewinnchancen auszunutzen." (Hans Werner
Sinn, Ist Deutschland noch zu retten, München 2003, 93) Sozialhilfe
und Tarifverträge lassen das leider nicht zu, also müssen
Sozialhilfe und Tarifverträge geknackt werden. Beides: Sozialhilfe
und Tarifverträge gehören zusammen, denn auch die Sozialhilfe
definiert eine Art Mindesttariflohn.
"Hier zu Lande ist der Arbeitsmarkt das Problem. Er wird
heftig verzerrt durch Flächentarifverträge, vor allem
aber durch die Sozialhilfe." (Sinn in FTD 29.01.2004)
Sinn verlangt die Senkung aller Bruttolöhne um 10-15%. Die
Arbeitgeberverbände streben seit vielen Jahren die Senkung
der unteren Löhne um ein Drittel an, um das Tariflöhne
von allen von unten her zum Einsturz zu bringen. Alles im Interesse
der sich "bietenden Gewinnchancen".
Beim Streben nach Senkungen von Löhnen und Sozialhilfe gibt
es für das Kapital
keine Grenze nach unten. Denn in seinen Augen zeigt Arbeitslosigkeit
immer nur an, dass Löhne und Sozialhilfe zu hoch sind. Und
das, obwohl mit wachsender Produktivität die Nachfrage des
Kapitals nach Arbeitskraft sind. Das ist eben der Standpunkt der
Käufer der Ware Arbeitskraft. Und deren Interessen stehen bei
der Agenda 2010 im Mittelpunkt.
Es gibt keine Grenze nach unten, es sei denn, die LohnarbeiterInnen
erkämpfen sie. Auf eine soziale Verantwortung des Kapitals,
auf dessen ethische und moralische Werte können sie sich dabei
nicht verlassen. Verantwortung kennt das Kapital nur gegenüber
sich selbst und seiner profitablen Vermehrung. Löhne und Sozialhilfe
nicht drücken zu wollen, wäre von diesem Standpunkt aus
unmoralisch und unsozial.
Agenda 2010 - nicht in erster Linie Sozialabbau, sondern Lohnabbau
Es geht bei Agenda 2010 um Sozialabbau als Mittel zum Zweck des
Lohnabbaus und nicht in erster Linie um einen Angriff zwecks Zerschlagung
des Sozialstaates. Der Angriff richtet sich sowieso nicht in erster
Linie gegen "den Staat". Er richtet sich gegen Menschen,
genauer gegen LohnarbeiterInnen und ihre elementaren Interessen.
Der Angriff dient auch nicht in erster Linie dem Sozialkahlschlag
oder einer ökonomischen unsinnigen Senkung der Binnennachfrage.
Der Angriff richtet sich in erster Linie gegen das Lohnniveau und
hat das Ziel die Unternehmensgewinne zu erhöhen.
Senkungen der Sozialhilfe richten sich nicht in erster Linie gegen
"Sozialschmarotzer", sondern gegen die Lohnabhängigen
Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und die Senkung der Sozialhilfe
dienen nicht dazu, die Faulheit der Arbeitslosen zu bekämpfen
und endlich den Anreiz zur Arbeit zu schaffen, den es ansonsten
angeblich nicht gibt. Das wollen uns nur das Kapital, seine Ökonomen
und seine Parteivorstände von CDU bis SPD weismachen.
Die Senkung der Sozialhilfe dient auch nicht dazu, den Sozialschmarotzern
das süße Leben zu vermiesen oder den Missbrauch der Sozialhilfe
durch Florida-Rolfs zu unterbinden. Das wollen uns die Medienkonzerne
unter Führung von BILD, aber auch die Parteiführer der
Großen Koalition einreden.
Angriffe auf und Stimmungsmache gegen Sozialhilfe, richten sich
hauptsächlich gegen die Sozialhilfe als Mindestlohn und sind
letztlich Angriffe auf die LohnarbeiterInnen und ihr Lohnniveau,
sowie auf die Tarifverträge.
Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe (im Hartz-Deutsch: Zusammenlegung
von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe) dient auch nicht der besseren
Betreuung der Langzeitarbeitslosen durch jetzt nur noch eine Behörde,
das Jobcenter.
Das ganze Elend der bisherigen Haltung der DGB-Führung gegenüber
der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe kommt in einer Erklärung
von elf DGB-Bezirksvorsitzenden zum Ausdruck: "Das ursprüngliche
Ziel der Alg II-Reform, Langzeitarbeitslose besser zu betreuen,
habe sich ins Gegenteil verkehrt. Von der Idee des Förderns
und Forderns, seien nur "massive Leistungseinschnitte"
zu Lasten der Arbeitslosen übrig geblieben." (einblick
10/04 vom 24.05.2004, 1)
Jobcenter und Arbeitslosengeld II - bessere Betreuung von Langzeitarbeitslosen?
Das ursprüngliche und wichtigste Ziel der Abschaffung der
Arbeitslosenhilfe war immer Lohndumping, Senkung von Mindestlöhnen
und nicht die bessere Betreuung der Langzeitarbeitslosen. Und auch
die Versuche, die Vermittlung zu verbessern, haben in erster Linie
das Ziel, die Kosten zu senken und die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung
zu senken, damit mehr für die Profite übrigbleibt.
Wenn die Hartz-Gesetze bessere Betreuung von Langzeitarbeitslosen
zum Ziel haben, also eine Chance für sie sind, dann geht man
dagegen auch nicht auf die Straße oder? Aus diesem Grund war
von energischer Mobilisierung der DGB-Führung gegen den massivsten
Angriff auf die Arbeitslosenunterstützungen nicht viel zu spüren.
Die grundlegende Übereinstimmung mit den Hartz-Gesetzen und
nicht das angebliche Desinteresse der Arbeitslosen und Beschäftigten,
etwas gegen die Agenda 2010 zu unternehmen, war der Grund für
die miserable Mobilisierung der DGB-Führung gegen Hartz.
Illusionen, die Bereitschaft zum "Dialog" und zur Mitarbeit
bei der Umsetzung der Hartz-Reformen haben die notwendige Mobilisierung
dagegen lange Zeit blockiert und verhindert.
Erst die Demonstration der 100.000 in Berlin am 1.11.2003, die gegen
den heftigen Widerstand der DGB-Führung zustandekam, brach
die Blockade etwas auf. Nach der Verabschiedung der Agenda 2010
sprach auch Michael Sommer von Lohndumping mit Hilfe von Hartz IV.
Bündnis zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten ist
notwendig
Wir brauchen ein Bündnis von Arbeitslosen und Beschäftigten
und nicht die Unterstützung von Reformen, die Arbeitslosen
und Beschäftigten in den Rücken fallen.
Das Kapital versucht, dieses Bündnis zu verhindern. Wir müssen
es fördern. Und es wird nicht gefördert, wenn Gewerkschaften
den Arbeitslosen die Agenda 2010 als Chance zu verkaufen. Arbeitslose
erleben tagtäglich das Gegenteil.
Dieses Bündnis zu fördern, setzt voraus, die gemeinsamen
Interessen zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten herauszuarbeiten
und in den Mittelpunkt zu stellen.
Das ist nur möglich, wenn der Zusammenhang zwischen Sozialabbau
und Lohnabbau im Zentrum steht. Nur so können die KollegInnen
in den Betrieben sehen, dass sich Angriffe auf Arbeitslose und Arme
letztlich gegen sie selbst richten. Nur auf dieser Basis gibt es
gemeinsame Aktionen, nur auf diese Weise kommt der Protest gegen
Kürzungen bei Arbeitslosen auch in die Betriebe.
Beschäftigte sind an einem möglichst hohen Mindestlohn
Sozialhilfe (bzw. Arbeitslosenunterstützung) interessiert,
nicht an Kürzungen bei Arbeitslosen und Armen. Das Kapital
will sie mit dem trojanischen Pferd der Senkung der Lohnnebenkosten
und der Steuern ködern. Das Kapital lockt mit einer Erhöhung
des Nettolohns, wenn durch Kürzungen bei Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern
Ausgaben verringert und deshalb Beiträge zur Arbeitslosenversicherung
und Steuern gesenkt werden können.
Das Ziel der Senkung der Lohnnebenkosten, richtet sich gegen Arbeitslose,
weil es nur mit Kürzungen zu Lasten der Arbeitslosen durchzusetzen
ist. Es kann nicht unser Ziel sein.
Umgekehrt sind Arbeitslose an möglichst hohen Löhnen interessiert
und nicht an möglichst niedrigen. Das gibt das Kapital vor,
um Arbeitslose gegen Tarifverträge und die beschäftigten
KollegInnen und gegen Gewerkschaften aufzuhetzen.
Notwendige Grundlage eines Bündnisses zwischen Beschäftigten
und Arbeitslosen muss m.E. die Forderung nach gesetzlichen Mindestlöhnen
sein. Zehn Euro brutto die Stunde (rd. 1.700 brutto bei einer 38,5
Stundenwoche oder 1.000 - 1.100 netto) liegen knapp über der
Pfändungsfreigrenze von 940, die seit einigen Jahren gilt.
Ein solcher Mindestlohn würde ein bescheidenes Niveau der Lebenshaltung
erlauben und dem Lohndumping entgegenwirken. Gesetzliche Mindestlöhne
sind notwendig, weil erstens eine wachsende Zahl von Betrieben nicht
tarifgebunden ist und zweitens viele Tarife Löhne unterhalb
des Existenzminimums festschreiben.
Andererseits ist eine Grundsicherung für alle Arbeitslosen
notwendig, und zwar nicht in der Höhe der abgesenkten Sozialhilfe
namens ALG II, sondern m.E. auf einem Niveau von etwa 800-850 Euro
für einen Alleinstehenden. Dieser Betrag würde deutlich
über dem Niveau der heutigen Sozialhilfe für einen Alleinstehenden
liegen, die sich auf etwa 650 beläuft (nach Angaben des Instituts
für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik in Köln).
Er würde aber auch unter dem festzusetzenden gesetzlichen Mindestlohn
liegen. Der Mindestlohn muss das Sozialleistungsniveau übersteigen,
da Arbeitende gegenüber Nicht-Arbeitenden einen höheren
Bedarf haben.
Neben gesetzlichen Mindestlöhnen und Grundeinkommen für
Erwerbslose und RentnerInnen, dem Ausbau der Sozialversicherung
zu Lasten der Privatversicherungen und massiver Arbeitszeitverkürzung
steht auch die Rücknahme aller Senkung von Gewinnsteuern auf
der Agenda der LohnarbeiterInnen.
Seit 2001 bekommen Kapitalgesellschaften jährlich 20-25Mrd.
zugeschoben, weil der Körperschaftssteuersatz massiv gesenkt
wurde. Angeblich sollen die Gewinnsteuersenkungen Investitionen
fördern und die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Die Investitionen
der Kapitalgesellschaften fielen jedoch in den Keller und die Arbeitslosigkeit
stieg. Das gleiche trifft auf die Senkung des Spitzensteuersatzes
der Einkommensteuer zu.
Bei der Steuerreform gibt es kein Controlling und keine Evaluation.
Den Arbeitslosen gegenüber heißt es: keine Leistung ohne
Gegenleistung. Das Kapital dagegen erhält staatliche Leistungen
ohne jede Gegenleistung und lässt sich das mit Kürzungen
im Bildungswesen, Gesundheitswesen oder bei der öffentlichen
Infrastruktur usw. bezahlen.
Den Arbeitslosen gegenüber heißt es: Fördern und
Fordern. Dem Kapital gegenüber gilt. Fördern ohne zu fordern.
Staatsknete an nicht-Bedürftige austeilen, ist hier üblich.
Die Steuerreform hat ihren vorgeblichen Zweck nicht erfüllt.
Die Gewinnsteuersenkungen müssen folglich rückgängig
gemacht werden.
II) Ware Arbeitskraft und damit der Profit im Mittelpunkt,
nicht der Mensch
Solange die Arbeitskraft eine Ware ist, die auf einem Arbeitsmarkt
verkauft werden muss, kann der Mensch und die Entwicklung seiner
Fähigkeiten gar nicht im Mittelpunkt stehen.
Es stehen die Interessen der Käufer der Ware Arbeitskraft im
Mittelpunkt. Sie können menschliche Fähigkeiten nur insoweit
nutzen und ihre Entwicklung nur insoweit zulassen, als sie daraus
Profite ziehen können. Auch wenn sie gute Menschen wären
und soziale Verantwortung spüren würden, können sie
letztlich nicht anders, wenn sie überleben wollen.
Die Nachfrage nach Ware Arbeitskraft sinkt aber mit den revolutionären
technischen Fortschritten und sie wird weiter sinken. Das gesamtwirtschaftliche
Arbeitsvolumen fällt, besonders in der Industrie.
Die Produktivität in Industrie, aber auch in anderen Bereichen
ist vor allem im letzten Jahrzehnt enorm gestiegen. Mit sinkender
Nachfrage des Kapitals nach Arbeitskraft entwickelt sich die Langzeitarbeitslosigkeit
und nimmt zu. Diejenigen, deren Arbeitskraft im Durchschnitt weniger
produktiv ist, d.h. nur unterdurchschnittlich Gewinn abwirft, werden
zu den sogenannten Problemgruppen des Arbeitsmarkts.
Dazu zählen laut Statistischem Bundesamt "insbesondere
Jüngere, Ältere, Frauen, Ausländer und Schwerbehinderte."
Also die Mehrheit. Der Chef von Infineon redete von "Schwach-Performern".
Deren Ware ist schlechter, ihr Ertrag (Performance) schwach.
Ältere werden immer früher aussortiert, da Leistungsdruck
und Arbeitszeiten in Betrieben zunehmen. Sie werden nicht als Menschen
respektiert, sondern nur als Profitbringer.
Wenn die Nachfrage des Kapitals nach Arbeitskraft sinkt, sinkt auch
die Nachfrage nach Jugendlichen, die die ausscheidenden Arbeitskräfte
ersetzen. Meines Erachtens ist das auch eine (vielleicht die wichtigste)
Ursache der gesunkenen Geburtenraten.
Frauen sind eine Problemgruppe, weil das Kapital an ihnen letztlich
nur als Arbeitskraft interessiert ist. Dass sie Kinder gebären
und großziehen, stört das Eigeninteresse der sogenannten.
Arbeitgeber. Sie fühlen sich privat nicht für die Reproduktion
der ganzen Gesellschaft verantwortlich. Sie sind dafür nicht
zuständig.
Die "Problemgruppen" nehmen mit steigender Produktivität
zu. Das ist keine Folge der schlechten Arbeit der Arbeitsämter
oder schlechter Vermittlung, und auch keine Folge zu hoher Unterstützungen
bzw. einer wachsenden Faulheit der Arbeitslosen, sondern eine Folge
der Logik des Kapitals.
Das Kapital verschärft das Problem "Langzeitarbeitslosigkeit"
noch, weil es auf die gestiegene Produktivität mit Arbeitszeitverlängerung
statt mit Arbeitszeitverkürzung antwortet. Die immer teureren
Maschinen und Anlagen müssen länger in Betrieb gehalten
werden. Die Arbeitskraft muss bei gleichem Lohn besser genutzt werden.
Das hängt auch mit den gesunkenden Profitraten zusammen. (vgl.
Rainer Roth, Nebensache Mensch, Frankfurt 2003, 218-233)
Unsere Antwort heißt: massive Arbeitszeitverkürzung (30-Stunden
bei vollem Lohnausgleich) und nicht massive Arbeitszeitverlängerung
(42 Stunden ohne jeden Lohnausgleich).
Der Warencharakter der Arbeitskraft steht der Entfaltung der Fähigkeiten
von Millionen Menschen im Wege. Ihre Fähigkeiten verfaulen,
erlahmen, werden verschwendet, ins Private abgedrängt. Das
mangelnde Selbstvertrauen, die Trägheit, die daraus entsteht,
das Desinteresse, die Gleichgültigkeit gegen sich selbst wird
den Jugendlichen, den Älteren usw. auch noch als Faulheit ausgelegt
und als eigentliche Ursache ihrer Arbeitslosigkeit hingestellt.
Wachsende Arbeitslosigkeit aber spiegelt nicht wachsende Faulheit
wieder, sondern wachsendes Unvermögen des Kapitals, menschliche
Fähigkeiten produktiv zu nutzen, spiegelt sinkende Nachfrage
des Kapitals nach Arbeitskraft wieder. Das gilt weltweit, wenn auch
unter verschiedenen Bedingungen verschieden.
Menschliche Fähigkeiten können sich erst dann allseitig
entwickeln, wenn die menschliche Entwicklung zum Selbstzweck geworden
ist und nicht mehr eingepresst ist in beschränkte private Profitinteressen,
die sich nur das Wachstum des Kapitals und entsprechende Renditen
als Zweck setzen.
III) Agenda 2010 - Antwort auf die tiefste Krise
der Nachkriegszeit.
Die Agenda ist nicht in erster Linie einem Kurswechsel hin zum
Neoliberalismus zu verdanken oder einem Wechsel der Politik bzw.
einer Ideologie oder eines paradigmas (Leitbilds). Sozialabbau und
Lohnabbau waren die Antwort des Kapitals auf alle bisherigen Krisen,
gemäss seinem Leitbild Profitsicherung. Und zwar unabhängig
davon, ob SPD oder CDU die Regierung gestellt haben. Die bisher
nicht gekannte Aggressivität des Sozialabbaus folgt ganz einfach
daraus, dass sich das Kapital in der der tiefsten Krise der Nachkriegszeit
befindet. Und das erfordert härtere Bandagen.
a) Seit 2001 bis heute Überproduktionskrise.
Die Industrieproduktion war 2003 und auch im ersten Quartal 2004
immer noch niedriger als im Jahr 2000, dem Höhepunkt des letzten
Aufschwungs. Die Krise der Industrieproduktion ist die Grundlage
der Krise. Sie dauert nun schon drei Jahre und damit länger
als jemals zuvor. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Bisher wurde
der Aufschwung zwar schon oft angekündigt, er lässt sich
aber immer noch nicht blicken.
Überproduktion und ihre Vernichtung in Krisen sind die notwendige
Folge der Entwicklung der Produktivität unter der Regie des
Kapitals. (vgl. Roth 2003, 291-310)
Es wurden zu viele Waren produziert, nicht zu wenige; es wurde zu
viel investiert, nicht zu wenig. Privateigentümer stehen in
Konkurrenz zueinander, jeder strebt nach Profit. Der aber steckt
in den Waren, die produziert werden. Das Interesse jedes Unternehmens
besteht darin, möglichst viel produzieren. Bis der Markt erklärt,
ich kann die erzeugten Waren nicht mehr aufnehmen, ich bin gesättigt.
Dann erst weiß man, dass man hat zuviel Kapital investiert
hat und beginnt, die Überkapazitäten abzureißen.
Überproduktionskrisen entstehten aufgrund der Eigentumsverhältnisse
und der Produktion für Markt und Profit. Das Wirtschaftssystem
verschleudert Produktivkräfte, reißt nieder, was es aufgebaut
hat. Nicht eine falsche Politik von SPD oder CDU, sondern, wenn
man so will, eine falsche Ökonomie ist die Ursache von Krisen.
Krisen sind also auch nicht mit einem "Politikwechsel"
der SPD oder einem Regierungswechsel zu verhindern.
Die Ursache der Krise liegt auch nicht bei den Löhnen. Das
Kapital erklärt, die Krise wäre ausgebrochen, weil die
Löhne zu hoch waren. Aber: wären sie niedriger gewesen,
wäre die Krise aber nur noch früher ausgebrochen. Die
Gewerkschaftsführungen sagen, die Krise sei ausgebrochen, weil
die Löhne zu niedrig wären. Aber: wären sie höher
gewesen, wäre die Krise allenfalls später ausgebrochen.
Auch wenn die Binnennachfragen, also Löhne und Sozialleistungen
höher oder niedriger gewesen wären, wäre die Krise
ausgebrochen. Es ist eine Krise der Kapitalverwertung überhaupt,
nicht eine Krise einer falschen Verteilungspolitik. Das Kapital
treibt die Produktion immer wieder über die zahluingsfähige
Nachfrage, die Kaufkraft hinaus, egal wie hoch diese ist.
Das Kapital wird mit der Produktivität nicht fertig, die
es selbst so energisch fördert.
Es behindert und bremst die Entwicklung der Produkivität. Das
und nicht plötzliche Ausbrüche von Faulheit der Arbeitslosen
und Anspruchsmentalität der Lohnabhängigen ist die Ursache
der Krisen.
b) Finanzkrise - Überproduktion an Finanzkapital
Wir verzeichnen auch die tiefste Finanzkrise der Nachkriegszeit.
Pleiten und wachsende Unternehmensverschuldung machen die Rückzahlung
von Krediten schwieriger. Riesige Massen fauler Kredite stehen in
den Büchern der Banken. Allein 2002 waren es faule Kredite
im Umfang von 32 Mrd. Euro, die von den Banken unter riesigen Verlusten
der Steuerzahler abgeschrieben wurden.
Es gibt eine gewaltige Überschussliquidität, gewaltige
Summen überschüssigen Kapitals, die die Banken und Versicherungen
in einen Anlagenotstand gebracht haben. Der Kapitalüberschuss
musste unter hohem Risiko in der Hoffnung auf Renditen irgendwo
untergebracht werden.
Die Kapitalüberschüsse waren auch die Ursache für
den Höhenflug der Aktienkurse, der 2001 in sich zusammenbrach.
Auch hier war die Folge: Wertberichtigungen in gigantischem Umfang
in den Bilanzen der Finanzkonzerne aber auch der Industriekonzerne.
Die Allianz, der größte Finanzkonzern Deutschlands, fuhr
2002 zum ersten Mal einen Verlust ein. 2003 konnte sie einen erneuten
Verlust nur den (steuerfreien) Verkauf von Beteiligungen vermeiden.
Die Zinsen sind auf einem historischen Tief, nicht zuletzt wegen
der Überproduktion von Kapital.
c) Immobilienkrise
Dank spekulativ aufgeblähter Investitionen gibt es eine Überproduktion
von Immobilien und sinkende Immobilienpreise, und das nicht nur
in Ostdeutschland. Auch hier entstehen Verluste, die zu Wertberichtigungen
und zu massiven Verlusten führen. Die Verluste schwächen
vor allem die Banken. Besonders gebeutelt wurde die Hypovereinsbank,
aber auch die Berliner Bankgesellschaft usw.. Die mit Milliarden
Steuererleichterungen geförderte Überinvestition im Immobiliensektor
endete in einer langandauernden Krise der Bauindustrie und entsprechender
Massenarbeitslosigkeit von Bauarbeitern. Von Faulheit bzw. zu hohen
Löhnen der Bauarbeiter als Ursache der Krise und ihrer Arbeitslosigkeit
zu sprechen, kommt Idiotismus gleich.
In der Entwicklung der Immobilienpreise liegt ein wichtiger Grund,
weshalb die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in Großbritannien
oder Spanien höher sind als in Deutschland. In beiden Ländern
sind die Immobilienpreise seit 2001 um etwa 60% gestiegen. In Deutschland
dagegen sind sie gefallen. Aufgrund niedriger Zinsen strömte
Überschusskapital in Immobilienanlagen. Beim Wiederverkauf
erlöste Gewinne flossen in den Konsum und stärkten die
Binnennachfrage. Die Industrieproduktion jedenfalls war es nicht,
die dazu führte, dass Großbritannien Deutschland beim
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf überrundet hat. Die liegt nämlich
heute unter dem Niveau von 1995.
Die Bankenkrise außert sich in Überkapazitäten.
Diese werden massiv abgebaut.
Überproduktionskrise und Finanzkrise erzeugen Arbeitslosigkeit.
d) Auf dieser Basis spitzt sich die Krise der Staatsfinanzen
zu.
Es sind die höchsten Haushaltsdefizite der Nachkriegszeit
zu verzeichnen, tatkräftig gefördert durch die massive
Senkung der Gewinnsteuern durch die Bundesregierung, mit der diese
den krisengebeutelten Konzernen unter die Arme greifen wollte.
e) Auf dieser Basis entwickelt sich auch die Krise der Sozialversicherung.
Sie ist vor allem eine Krise der Arbeiterrentenversicherung. Heute
werden 40% der Arbeiterrenten vom Staat bezahlt, vor einem Jahrzehnt
waren es erst 25%. Die Angestelltenversicherung steht wesentlich
besser da.
Schuld daran ist nicht die demographische Entwicklung, also der
Umstand dass Arbeiter angeblich immer länger leben und außerdem
zu wenig Kinder in die Welt setzen, die Rentenbeiträge zahlen
könnten.
Das ist die vorherrschende "Erklärung". "Die
Bürger der Bundesrepublik werden immer älter. Für
das Rentensystem bedeutet dies, dass Renten immer länger gezahlt
werden müssen. Gleichzeitig verringern sich die Einzahlungen
in die Rentenkasse, weil immer weniger Kinder geboren werden."
(FTD 26.05.2004, 14)
Tatsache ist aber: das Kapital macht mit steigender Produkivität
immer mehr ArbeiterInnen überflüssig und entlässt
sie in Rente und Arbeitslosigkeit. Besonders seit der Krise 1992/1993.
Das erhöhte die Zahl der Arbeiterrentner und senkte gleichzeitig
die Zahl der Beitragszahler, beides um etwa 2 Millionen Personen.
Die Kinder der Arbeiter werden weniger als Ersatz der Arbeitskraft
ihrer Eltern gebraucht. Das Kapital hindert sie also immer mehr
daran, zu Beitragszahlern zu werden. Die Lebenserwartung männlicher
Arbeiter ist ferner im letzten Jahrzehnt leicht gesunken, nur die
von weiblichen ArbeiterInnen ist gestiegen. Also sind wieder mal
die Frauen an allem schuld: sie leben länger und setzen weniger
Kinder in die Welt. Eine absurde Erklärung, die von der Verantwortung
des Kapitals ablenken soll und die Krise der Rentenversicherung
den LohnarbeiterInnen und ihren Familien in die Schuhe schieben
will.
IV) Sozialabbau und Lohnabbau mit Agenda 2010 - Versuch, dem
Fall der Profitraten entgegenzuwirken
In der Krise sind die Profitraten des Kapitals erheblich gesunken.
Ihr Niveau niedriger als in der letzten Krise, aber auch niedriger
als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Tiefe der Krise seit 2001
erklärt auch die Aggressivität der Angriffe. Sie erklärt
die Wahllügen der Regierung usw..( Den Erhalt der Arbeitslosenhilfe
vor der Wahl versprechen usw. und dann das Gegenteil tun) Sie erklärt
die Hektik des Vorgehens, die überstürzten Planungen und
die Vielzahl der Baustellen, die man auf einmal bearbeitet. Die
SPD vollzieht keinen Paradigmenwechsel, und keinen Systemwechsel,
handelt auch nicht nach einer neuer Ideologie, sondern steigert
nur die alten Antworten auf neue Lage. Auch in den Krisen 1980/82
bzw. 1992/93 wurde von einer großen Koalition Sozialabbau
zwecks Lohnabbau getrieben, 1993 z.B. unter dem schönen Titel
"Solidarpakt". Die Krisen waren nur harmlos im Verhältnis
zur heutigen Krise.
Die Agenda 2010 ist der Versuch des Kapitals, sich selbst aus
der Krise zu retten.
Die Krise zu lösen, heißt für das Kapital, mit Lohnabbau
und erneuter Steigerung der Produktivität seine Profitraten
zu erhöhen. Und das schafft es auch:" Einen Trost kann
die Börse aus den Lohnstückkosten ziehen, die in der Industrie
um 2,6% gegenüber dem Vorjahr gefallen sind und den Gewinnen
zugute kommen. ... Die Ausrüstungsinvestitionen (dagegen) sind
gegenüber dem Vorjahr .... nominal um drei Prozent gesunken."
(Financial Times Deutschland 26.05.2004, 21)
Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerung, Senkung der Lohnnebenkosten,
Privatisierung der Sozialversicherung, Staatsausgaben kürzen,
um Gewinnsteuern senken zu können - all das dient der Anhebung
der Profitraten bzw. der Nettoprofitraten. Das Kapital versucht,
sich aus der Krise zu retten, in dem es Millionen von uns in die
Krise stürzt.
Vertuschung der Ziele der Agenda
Das wird mit Formeln vertuscht, die das Profitinteresse des Kapitals
als Allgemeininteresse erscheinen lassen:
Es geht angeblich um den Kampf gegen Arbeitslosigkeit,
angeblich um die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen
im internationalen Wettbewerb,
angeblich um die Konsolidierung des Sozialstaats für die Zukunft,
die Bewältigung der demographischen Entwicklung, angeblich
um eine solidarische, gerechte, soziale Gesellschaft unter den Bedingungen
des globalen Wettbewerbs usw..
Die neueste Blüte der politischen Aromastoffindustrie: "Deutschland
ist für mich zuerst und vor allem ein Land für Kinder.
... Wir müssen uns alle anstrengen, eine familien- und kinderfreundliche
Gesellschaft zu werden." (Bundespräsident Köhler,
FR 24.05., 5)
Die Agenda 2010 geht ihm allerdings nicht weit genug. Lohnsenkungen,
Kürzungen der Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe
bei den Eltern sind also letztlich dazu da, dass es für die
Kinder freundlicher zugeht. Die ganze Familie freut sich, wenn ihr
Lebensstandard sinkt und die Existenzunsicherheit zunimmt. Und natürlich
besonders, wenn dann die Eltern auch noch länger arbeiten müssen.
Das dient vor allem den Kindern.
Kanzler Schröder redet genauso wie Köhler. Schon vor 3.4.
warf er den Demonstranten vor, sie würden nur an sich, nicht
aber an die Zukunft ihrer Kinder denken.
Eigentlich - so die logische Schlussfolgerung - müssten die
Kolleginnen und Kollegen dafür demonstrieren, endlich zu Löhnen
von 4 arbeiten zu dürfen, damit sie ihren Kindern eine sichere
Zukunft bieten können.
Den LohnarbeiterInnen muss man umso mehr Beruhigungstabletten
verabreichen, je aggressiver die Angriffe werden. Umso wichtiger
wird es, sie daran zu hindern, sich für ihre Interessen einzusetzen.
Umso mehr Gemeinsamkeit mit dem Kapital wird verlangt. Es geht um
die Steigerung der Profitraten auf dem Rücken der LohnarbeiterInnen.
Dem höheren Profit wird dann eine heilsame Wirkung für
alles zugeschrieben, obwohl die Profitproduktion doch gerade die
Ursache der Krise ist.
BILD schoss den Vogel ab. Am Montag nach den Demonstrationen des
3.4. schrieb das Blatt:" "So laut wie die 500.000 Demonstranten
am Wochenende haben Menschen in Deutschland selten ihrem Ärger
Luft gemacht. Ihre Botschaft war deutlich! -> An die Politiker:
Erklärt uns die Reformen - dann sind die Menschen auch zu persönlichen
Opfern bereit. -> An die Gewerkschaften: Packt mit an, statt
einfach immer nur "nein" zu sagen! Nur GEMEINSAM mit den
Arbeitgebern werden die Jobs in Deutschland wieder sicher."
(BILD 5.4.2004) Eine solche Demonstration hat es außer als
Wunsch des Springerkonzerns nicht gegeben. Es gab nur Demonstrationen,
auf denen Menschen erklärt haben, sie wären nicht zum
Verzicht bereit, auf denen Menschen nein gesagt haben zur Agenda
2010.
Auf diese Weise werben die Herrschenden um Vertrauen. Köhler
z.B. erklärt, "dass es gerade in Umbruchphasen auf Vertrauen
als Sozialkapital ankommt." (FR 24.05.2004) Stimmt. Je mehr
die LohnarbeiterInnen dem Kapital vertrauen und je mehr man sie
belügt, je mehr sich LohnarbeiterInnen dem Kapital unterwerfen
(keine Alternative), desto mehr Kapital kann gebildet werden.
Kann das Kapital umdenken?
Um die Krise auf Kosten der breiten Masse zu "lösen"
und den Widerstand dagegen zu schwächen, muss das Kapital denen,
die es angreift, den Lohnabhängigen, den Arbeitslosen, den
Armen (SH-BezieherInnen), den RentnerInnen usw. die Schuld an der
Krise in die Schuhe schieben. Da sie die ganze Misere angeblich
verursacht haben, müssen eben auch dafür zahlen. Ein wahres
Trommelfeuer geht jeden Tag auf uns nieder. Gegenpropaganda ist
dringend notwendig. Das geschieht zu wenig.
Die Ursachen der Krise liegen aber nicht bei den LohnarbeiterInnen
oder den Arbeitslosen, sondern beim Kapital selbst! Von daher ist
sie auch nicht gemeinsam mit dem Kapital zu bewältigen, das
sie erzeugt hat. Wenn aber das Kapital die Krise verursacht hat,
dann sind entspricht es dem Interessen der LohnarbeiterInnen, ihrerseits
die Folgen der Krise auf das Kapital abzuwälzen, das sie verursacht
hat. Nicht die Gemeinsamkeit mit dem Kapital, das immer weniger
Gemeinsamkeiten kennt, sondern die Gemeinsamkeit, die Solidarität
unter LohnarbeiterInnen, zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen,
zwischen Alten und Jungen, zwischen Deutschen und Einwanderern ist
angesagt.
Die Forderungen zur Verteidigung der Interessen der LohnarbeiterInnen
senken zwangsläufig die Profitraten des Kapitals und schwächen
damit seine "Konkurrenzfähigkeit". Wie soll es auf
dieser Basis Gemeinsamkeiten oder sogar eine Solidarität des
Kapitals mit der Lohnarbeit, also eine "solidarische"
oder "soziale" Gesellschaft geben? Wenn LohnarbeiterInnen
aber nicht für ihre Interessen eintreten, geben sie sich selbst
auf, sind sie nur noch Lohnsklaven, die ihre Würde verloren
haben.
V) Agenda 2010: Lösung der Krise durch Stärkung
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit?
Krisen gibt es nicht deswegen, weil ein Land hinter dem anderen
zurückbleibt, nach dem Motto: Deutschland ist das Schlusslicht
und deshalb gibt es die Krise. Krisen brechen periodisch in allen
kapitalistischen Ländern aus, nur nicht unbedingt iommer zum
selben Zeitpunkt. Krisen brechen aus, unabhängig von Höhe
des Niveaus der Löhne und Sozialleistungen. In USA genauso
wie in Zukunft auch in China. China z.B. hat seine Investitionen
gegenüber dem Vorjahr um sagenhafte 50% gesteigert und steuert
gerade dadurch auf eine gewaltige Überproduktionskrise zu.
Es hat gewaltige Wachstumsraten und gerade das bereitet eine gewaltige
Krise vor.
Das Kapital versucht die Krise auch dadurch zu lösen, dass
es neue Märkte auf dem Weltmarkt erobern will, dass es mehr
Kapital und Waren exportiert, dass es sich gegen die Konkurrenz
durchsetzt und die "Wettbewerbsfähigkeit" steigert.
Die Konkurrenz aber wird in nationalem und internationalen Maßstab
geführt, in dem die menschliche Arbeitskraft, die Quelle, aus
der das Kapital entspringt, stärker ausgebeutet wird.
Agenda 2010 heißt deshalb Agenda 2010 (Was bis 2010 zu tun
ist), weil die EU nach einem Beschluss der EU-Kommission bis zum
Jahr 2010 die wettbewerbsfähigste Region der Welt werden und
die USA überholen soll.
Wie wird die "Wettbewerbsfähigkeit" durch die
Agenda 2010 gestärkt?
* Arbeitslosengeld II ist letztlich ein Wettbewerbsnachteil, denn
in USA gibt es für Langzeitarbeitslose gar nichts!
* Auch das Arbeitslosengeld I, das ein Jahr gezahlt wird (ab dem
55 Lebensjahr 18 Monate) ist ein Wettbewerbsnachteil, denn in Großbritannien
wird es nur 1/2 Jahr gezahlt, in den USA nur drei bis sechs Monate.
* Die Höhe des Arbeitslosengelds ist ein Wettbewerbsnachteil,
denn in den USA werden nur 30% des Nettolohns gezahlt.
* Das Lohnniveau ist ein Wettbewerbsnachteil, da es anderswo niedriger
liegt.
* Die Sozialversicherung ist ein Wettbewerbsnachteil, da in den
USA und anderswo Privatversicherungen den Vorrang haben.
Die Agenda 2010 ist eine Kampfansage an die USA, aber vor allem
auch an uns. Denn wir sollen dafür zahlen. Denn die Wettbewerbsfähigkeit
wird gesteigert durch Lohnsenkungen, Abbau der Sozialleistungen,
Arbeitszeitverlängerung, Arbeitszeitverdichtung, weitere Gewinnsteuersenkungen
und Erhöhung von Massensteuern, durch Verschlechterung der
öffentlichen Infrastruktur, sinkende Renten, schlechtere Gesundheitsversorgung
usw..
Soll dafür eintreten, Schulter an Schulter mit dem Kapital
im Wirtschaftskrieg gegen unsere amerikanischen oder französischen
Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen? Wir können bekanntlich
nur gewinnen, wenn andere verlieren und umgekehrt. Wettbewerbsfähigkeit,
d.h. Profitraten des Kapitals stärken, kann nicht unsere Losung
sein. Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bedeutet, dass die
LohnarbeiterInnen sich gegenseitig bekämpfen sollen, innerhalb
Deutschlands und im internationalen Rahmen. Und das soll die solidarische
Gesellschaft sein, die Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit,
die Verwirklichung des sozialen Europa? Die EU-Staaten, die mit
der Agenda 2010 gemeinsam gegen die USA antreten, treten mit einem
Wettbewerb von Sozial- und Lohnabbau auch gegeneinander an.
Stolz sagen manche Gewerkschaftsführer: -> Wir sind doch
Exportweltmeister. Wer ist Wir? Auf den Weltmeister stolz sein,
ist hilflos, da die Wettbewerbsfähigkeit auf den Knochen der
LohnarbeiterInnen erarbeitet ist. Den Handelsbilanzüberschüssen
bei uns entsprechen außerdem die Handelsbilanzdefizite anderer
Länder, z.B. die der USA oder Osteuropas.
Jeder unterbietet jeden, produziert billiger und verdrängt
den anderen, national und international. Bis man selbst dran ist.
Man verspricht uns, dass es uns besser geht, wenn wir an der Weltspitze
sind und den Platz an der Sonne erobert haben, auf den der deutsche
Imperialismus auch schon unter Wilhelm II strebte. Das ist haltlos.
Auch die anderen streben zur Weltspitze. Die Konkurrenz bleibt.
Die Produktivität steigt, Krisen brechen nachwievor aus.
Und wenn alle ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, marschieren
sie alle zusammen um so zielstrebiger wieder in die nächste
Krise und bereiten eine Weltwirtschaftskrise vor, die früher
oder später ausbrechen wird, wenn alle Märkte gesättigt
sind und auch nicht mehr mit Krediten ausgedehnt werden können.
Das Kapital und seine Parteien packen es nicht. Sie haben keine
Lösung für das Problem der Krisen und der Arbeitslosigkeit.
Sie selbst sind das Problem, nicht die Lösung des Problems.
Auch Geld, bzw. eine Umverteilung des Geldes ist nicht die Lösung.
Denn die Anhäufigung von immer mehr Reichtum in Form von Geld
ist Ergebnis desselben Prozesses der Warenproduktion und der Kapitalverwertung,
durch den die wachsende Arbeitslosigkeit und Krisen erzeugt werden.
Überschüssiges Kapital und überschüssige Arbeitskraft
wird gleichzeitig produziert. Und das überschüssige Kapital
wäre kein Kapital, wenn es sich nicht vermehren, sondern sich
wohltätig den überschüssigen Arbeitskräften
zur Verfügung stellen wollte. Geld ist also selbst Ausdruck
des Problems und nicht die Lösung des Problems.
VI) Schluss
Es ist kein Kurswechsel oder Politikwechsel vom Kapital zu erwarten
bzw. von den Parteien, die eben diesen Kurs des Kapital politisch
umsetzen. Man kann genauso gut von Krokodilen verlangen, dass sie
Vegetarier werden sollen.
Eine Einsicht, dass Löhne und Sozialleistungen zwecks Steigerung
der Binnennachfrage steigen müssten, dass Gewinnsteuern steigen
müssten, um öffentliche Aufgaben zu erfüllen, dass
man auf Gewinn verzichten müsste, um Ältere Menschen einzustellen,
Schwerbehinderte, Frauen gleichzustellen, obwohl sie Kinder bekommen,
alle Jugendlichen auszubilden usw., eine solche Einsicht wird man
allenfalls im Einzelfall, aber nie als Gesamtinteresse des Kapitals
vorfinden können.
Alles, was hierzulande möglich ist, muss und musste von den
LohnarbeiterInnen erkämpft werden, war auch nicht eine freiwillige
Leistung eines Sozialstaates.
Die Kapitalverwertung schafft unlösbare Probleme. Die Entwicklung
der Produktivität, die das Kapital rasant vorantreibt, untergräbt
seine Profitraten.
Je mehr Kapitalinvestiert wird, desto mehr Menschen werden ersetzt,
desto größer wird der Druck, mehr Gewinne zu machen,
damit die wachsenden Kapitalmassen wenigstens diegleiche Profitrate
abwerfen. Der Sachverständigenrat nennt das sinkende "Kapitalprodukivität".
Es muss immer mehr Kapital investiert werden, um dieselbe Profitmasse
zu erwirtschaften oder anders herum: Mit derselben Summe an Kapital
wird relativ immer weniger Profit erwirtschaftet. (Roth 2003, Teil
2)
Deshalb muss das Kapital immer mehr Arbeitskraft einsaugen, die
Lohnkosten senken, neue Märkte erobern im Innern und nach außen,
um sich zu vermehren usw. usf.. (Roth 2003, Teil 3)
Immer mehr Menschen spüren, dass hier etwas nicht stimmt.
Das Misstrauen gegenüber dem ganzen System und seinen Repräsentanten
nimmt zu. Und diese spüren es auch. "Immer mehr Bürger
begegnen der politischen und der unternehmerischen Führungselite
mittlerweile mit offener Verachtung. Es gibt eine zunehmende Vertrauenskrise
im Grundsätzlichen, die eine andere Qualität bekommt als
das bisherige Auf und Ab des Meinungspegels. Diese Vertrauenskrise
kann ganz schnell in eine Akzeptanzkrise des gesamten politischen
und marktwirtschaftlichen Systems umschlagen." So der Fraktionsführer
der CDU im Bundestag, Friedrich Merz.
Nur noch die Hälfte im Westen und ein Viertel im Osten trauen
nämlich laut Meinungsumfragen dem Wirtschaftssystem zu, die
Probleme zu lösen. (Merz in FTD 23.03.2004)
Daran sollten wir anknüpfen. Wir sollten nicht den Eindruck
erwecken, als ob das Kapital die Probleme lösen könnte.
Also nicht: die könnten es, wenn sie nur einsehen würden,
dass sie die falsche Politik machen, sondern: die können es
nicht.
Lernen, Nein zu sagen
Die arbeitenden Menschen müssen lernen, Nein zu sagen, die
eigenen Interessen zu formulieren und zu vertreten, ohne Rücksicht
auf das, was das Kapital will und ohne Illusionen in das Kapital.
Und zwar auch dann, wenn man zu Zugeständnissen gezwungen ist,
die den eigenen Zielen und Interessen entgegenlaufen, auch dann,
wenn man nicht die Kraft hat, Niederlagen zu vermeiden.
Von denen, die selbst keine Lösung haben, braucht man sich
nicht vorwerfen lassen, man hätte selber noch keine.
Das Kapital kann keine Gesamtlösung für die Probleme,
die es verursacht. Es versucht nur, die Folgen der selbst verursachten
Krise auf dem Rücken der LohnarbeiterInnen abzuladen.
Umgekehrt gilt es zu versuchen, die Folgen der Krise, die das Kapital
verursacht, möglichst weitgehend auf seinem Rücken abzuladen.
Das ist zunächst einmal eine Alternative gegenüber dem
freien Fall nach unten. Man kann auch kämpfen, wenn man noch
keine Gesamtlösung hat.
Es ist möglich etwas durchzusetzen bzw. aufzuhalten, z.B.
die Agenda 2010 zu bremsen. Die Agenda 2010 ist ins Stocken geraten.
Das ist ein Erfolg der massiven Ablehnung der Agenda durch große
Teile der Bevölkerung. Aber der Kapitalismus wird dadurch nicht
sozial und gerecht, dass er zu den früheren Zuständen
zurückkehrt, aus denen die heutigen entstanden sind.
Unabhängige Strukturen örtlich und überregional
erhalten und ausbauen
Am 3.4.2004 haben die größten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte
stattgefunden.
Ohne die Demonstration am 1.11., die gegen den erklärten Willen
der DGB-Führung stattgefunden hat, wäre es dazu nicht
gekommen.
Und ohne Kräfte, die sich örtlich und bundesweit außerhalb
von Gewerkschaftsstrukturen organisiert haben, wäre wiederum
das nicht zustandegekommen.
Deshalb ist die erste Schlussfolgerung, dass diese unabhängigen
Strukturen unbedingt aufrechterhalten und gestärkt werden müssen.
Frankfurter Appell unterstützen
Grundlage dafür sollte der Frankfurter Appell sein, der im
Januar 2004 auf einer Konferenz von rd. 500 Personen aus dem ganzen
Bundesgebiet entwickelt wurde. Ich bitte euch, den zu unterstützen
und weitere Unterschriften zu sammeln. Der Frankfurter Appell fordert
u.a. gesetzliche Mindestlöhne, ein ausreichendes Mindesteinkommen
für Erwerbslose, keine Privatisierung der Sozialversicherung,
massive Arbeitszeitverkürzung usw..
Es wird eine Aktionskonferenz am 19. September geben, auf der die
weiteren Schritte besprochen werden sollen.
Gewerkschaften gegen die Angriffe des Kapitals verteidigen
Noch einmal zu den Gewerkschaften. Kannegießer, der Präsident
von Gesamtmetall, hat als Reaktion auf den 3.4. die Existenzberechtigung
der Gewerkschaften offen in Frage gestellt.
Das Kapital möchte am liebsten die Gewerkschaften zerstören,
auch wenn die DGB-Führung schon dabei ist, das bis zu einem
gewissen Grad selbst zu besorgen. Auch das ist noch lästig.
Es hemmt und bremst die Entwicklung. Aber die Abschaffung der Tarifverträge,
des Kündigungsschutzes, der Arbeitslosenversicherung usw. ist
auch mit diesen Gewerkschaften und ihren Führungen nicht möglich.
Man sollte sich daran erinnern, dass ab 1934 die Lohnfindung völlig
auf die betriebliche Ebene verlagert worden war. Der Betriebsführer
setzte die Löhne fest. Tarifverträge galten nicht mehr.
Und die Gewerkschaften waren zerschlagen.
In diesem Sinne kommt es darauf an, Gewerkschaften verteidigen.
In diesem Sinne kommt es darauf an, Gewerkschaften stärken,
Mitglied werden bzw. als Gewerkschaftsmitglied aktiv zu sein. Die
Interessen der Millionen Gewerkschaftsmitglieder müssen besser
zum Ausdruck kommen. Auch das setzt eigenständige Organisationsformen
innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften voraus. Die Demonstration
am 1.11. 2003 ist außerhalb gewerkschaftlicher Strukturen
beschlossen worden. Aber ohne die Unterstützung durch zahlreiche
Gewerkschaftsgliederungen wäre sie so nicht möglich gewesen.
Jeder Schritt, bei dem Gewerkschaften Flagge zeigen, ist notwendig,
um sich selbst zu erhalten und zu stärken.
LohnarbeiterInnen müssen ihre eigenen Interessen vertreten,
so wie das Kapital die seinen. In dieser Hinsicht kann man viel
vom Kapital lernen.
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