Paul Lafargue:
Das Recht auf Faulheit
Widerlegung
des »Rechts auf Arbeit« von 1848 (1883)
(neu
übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der »Schriften
gegen die Arbeit«, Ludwigshafen 1988)
Das Recht auf Faulheit
Widerlegung
des »Rechts auf Arbeit« von 1848
Paul Lafargue,
1883
Vorwort
Im Jahre 1849
sagte Herr Thiers als Mitglied der Kommission für den Grundschulunterricht:
»Ich will den Einfluß der Kirche umfassend wieder herstellen,
weil ich auf sie zähle in der Verbreitung jener guten Philosophie,
die den Menschen lehrt, daß er hier ist, um zu leiden, und
nicht jener anderen Philosophie, die im Gegenteil zum Menschen sagt:
»Genieße!«.« Herr Thiers drückte damit
die Moral der Bourgeoisie aus, deren brutaler Egoismus und deren
engherzige Denkart sich in ihm verkörperte. (*4))
Als die Bourgeoisie
noch gegen den von der Kirche unterstützten Adel kämpfte,
befürwortete sie freie Forschung und Atheismus, kaum aber hatte
sie ihr Ziel erreicht, so änderte sie Ton und Haltung. Und
heute sehen wir sie bemüht, ihre ökonomische und politische
Herrschaft auf die Religion zu stützen. Im 15. und 16. Jahrhundert
hatte sie fröhlich die Überlieferungen des Heidentums
aufgegriffen und das Fleisch und dessen Leidenschaften, diese Greueln
in den Augen des Christentums, verherrlicht; heute dagegen, gestopft
mit Gütern und Genüssen, will sie von den Lehren ihrer
Denker, der Rabelais und Diderot, nichts mehr wissen und predigt
den Lohnarbeitern Enthaltsamkeit. Die kapitalistische Moral, eine
jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch
des Arbeiters mit einem Fluch; ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse
des Produzenten auf das geringste Minimum zu drücken, seine
Freude und seine Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer
Maschine zu verurteilen, aus der man pausenlos und gnadenlos Arbeit
herausschindet.
Die revolutionären
Sozialisten müssen also den Kampf, den einst die Philosophen
und Flugblattschreiber der Bourgeoisie gekämpft haben, wieder
aufnehmen; sie müssen gegen die Moral und die Soziallehren
Sturm laufen und in den Köpfen der zur Aktion gerufenen Klasse
die Vorurteile ausrotten, welche die herrschende Klasse gesät
hat; sie müssen allen Heuchlern gegenüber verkünden,
daß die Erde aufhören wird, das Tal der Tränen für
die Arbeiter zu sein, daß in der kommunistischen Gesellschaft,
die wir errichten werden »wenn es geht, friedlich, wenn nicht,
mit Gewalt«, die menschlichen Leidenschaften sich selbst überlassen
werden, da alle »von Natur aus gut sind, wir nur ihren falschen
und übermäßigen Gebrauch zu vermeiden haben« [1].
Und das wird nur durch das freie Gegenspiel der Leidenschaften und
die harmonische Entwicklung des menschlichen Körpers erreicht,
denn, sagt Dr. Beddoe, »erst wenn eine Rasse das Höchste
ihrer körperlichen Entwicklung erreicht, erreicht sie auch
den höchsten Grad moralischer Kraft und Energie«. Das
war auch die Meinung des großen Naturforschers Charles Darwin [2].
Die Widerlegung
des Rechts auf Arbeit, die ich mit einigen zusätzlichen Anmerkungen
neu herausgebe, erschien in der Wochenzeitschrift L'Egalité
von 1880.
P.L.
(Gefängnis Sainte-Pélagie, 1883.)
Ein
verderbliches Dogma
Laßt
uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb' und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.
Lessing
Eine seltsame
Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen
die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel-
und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit
seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die
rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie
des Einzelnen und seiner Nachkommen. Statt gegen diese geistige
Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen
und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte
Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und
unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verworfen
hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ,
noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch
an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen,
ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen
Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.
In der kapitalistischen
Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens
und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einem
menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen
eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen,
welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren.
Man betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels
und die Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum,
Syphilis und das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche
man mit ihm unsere elenden Maschinensklaven. [3]
Will man in
unserem zivilisierten Europa noch eine Spur der ursprünglichen
Schönheit des Menschen finden, so muß man zu den Nationen
gehen, bei denen das wirtschaftliche Vorurteil den Haß gegen
die Arbeit noch nicht ausgerottet hat. Spanien, das -ach!- verkommt,
darf sich rühmen, weniger Fabriken zu besitzen als wir Gefängnisse
und Kasernen; aber der Künstler genießt, den kühnen,
kastanienbraunen, gleich Stahl elastischen Andalusier zu bewundern;
und unser Herz schlägt höher, wenn wir den in seinem durchlöcherten
Umhang majestätisch bekleideten Bettler einen Herzog von Orsana
mit »Amigo« anreden hören. Für den Spanier,
in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist,
ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei. [4]
Auch die Griechen hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüte
nur Verachtung für die Arbeit; den Sklaven allein war es gestattet
zu arbeiten, der freie Mann kannte nur körperliche Übungen
und Spiele des Geistes. Das war die Zeit eines Aristoteles, eines
Phidias, eines Aristophanes, die Zeit, da eine Handvoll Tapferer
bei Marathon die Horden Asiens vernichtete, welches Alexander bald
darauf eroberte. Die Philosophen des Altertums lehrten die Verachtung
der Arbeit, diese Herabwürdigung des freien Menschen; die Dichter
besangen die Faulheit, diese Gabe der Götter:
»O Meliboea, Deus nobis haec otia fecit.« [5]
Christus lehrt
in der Bergpredigt die Faulheit: »Sehet die Lilien auf dem
Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und
doch sage ich Euch, daß Salomo in all seiner Pracht nicht
herrlicher gekleidet war.« [6]
Jehova, der
bärtige und sauertöpfische Gott, gibt seinen Verehrern
das erhabenste Beispiel idealer Faulheit: nach sechs Tagen Arbeit
ruht er auf alle Ewigkeit aus.
Welches sind
dagegen die Rassen, denen die Arbeit ein organisches Bedürfnis
ist? Die Auvergnaten (*5);
die Schotten, diese Auvergnaten der Britischen Inseln; die Galizier,
diese Auvergnaten Spaniens; die Pommern, diese Auvergnaten Deutschlands;
die Chinesen, diese Auvergnaten Asiens. Welches sind in unserer
Gesellschaft die Klassen, welche die Arbeit um der Arbeit willen
lieben? Die Kleinbauern und Kleinbürger, welche, die einen
auf ihren Acker gebückt, die anderen ihren Geschäften
hingegeben, dem Maulwurf gleichen, der in seiner Höhle herumwühlt,
und sich nie aufrichtet, um mit Muße die Natur zu betrachten.
Und auch das
Proletariat, die große Klasse, die alle Produzenten der zivilisierten
Nationen umfaßt, die Klasse, die, indem sie sich befreit,
die Menschheit von der knechtischen Arbeit befreien und aus dem
menschlichen Tier ein freies Wesen machen wird, das Proletariat
hat sich, seine Instinkte verleugnend und seine geschichtliche Aufgabe
verkennend, von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart
und schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und
soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit.
Der
Segen der Arbeit
Im Jahre 1770
erschien in London eine anonyme Schrift: »An essay on trade
and commerce« (Abhandlung über Gewerbe und Handel). Sie
erregte zu ihrer Zeit ein gewisses Aufsehen. Ihr Verfasser, ein
großer Menschenfreund, erboste sich darüber, daß
»der englische Manufakturpöbel es sich in den Kopf gesetzt
hat, daß ihm als Engländer durch das Recht der Geburt
das Vorrecht zukomme, freier und unabhängiger zu sein als das
Arbeitervolk in irgendeinem Land in Europa. Diese Idee kann ihren
Nutzen haben, wenn sie die Tapferkeit unserer Soldaten anspornt;
aber je weniger die Manufakturarbeiter davon haben, desto besser
für sie selbst und für den Staat. Arbeiter sollten sich
nie für unabhängig von ihren Vorgesetzten halten. Es ist
außerordentlich gefährlich, Mobs in einem kommerziellen
Staat wie dem unseren, zu ermutigen, wo vielleicht sieben Achtel
der Gesamtbevölkerung Leute mit wenig oder keinem Einkommen
sind. Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen
Armen sich bescheiden, sechs Tage für dieselbe Summe zu arbeiten,
die sie heute in vier Tagen verdienen.«
So predigte
man bereits hundert Jahre vor Guizot die Arbeit als einen Zügel
für die edlen menschlichen Leidenschaften.
»Je
mehr meine Völker arbeiten, um so weniger Laster wird es geben«,
schrieb Napoleon am 5. Mai 1807 aus Osterode. »Ich bin die
Autorität, ... und ich wäre geneigt zu verfügen,
daß sonntags nach vollzogenem Gottesdienst die Werkstätten
wieder geöffnet werden und die Arbeiter wieder ihrer Beschäftigung
nachgehen sollen.«
Um die Faulheit
auszurotten und um den Stolz und Unabhängigkeitssinn zu beugen,
schlug der Verfasser des Essay on trade vor, die Armen in
ideale Arbeitshäuser (ideal workhouses) einzusperren, die »Häuser
des Schreckens sein müßten, in denen man 14 Stunden pro
Tag in der Weise arbeiten sollte, daß nach Abzug der Mahlzeiten
volle 12 Arbeitsstunden übrigbleiben«.
12 Arbeitsstunden
pro Tag, das Ideal der Menschenfreunde und Moralisten des 18. Jahrhunderts.
Wie weit sind wir über dieses Ideal hinaus! Die modernen Werkstätten
sind ideale Zuchthäuser geworden, in welche man die Arbeitermassen
einsperrt, und in denen man nicht nur die Männer, sondern auch
die Frauen und Kinder zu zwölf- und vierzehnstündiger
Zwangsarbeit verdammt! [7]
Und die Kinder der Helden der Französischen Revolution haben
sich durch die Religion der Arbeit so weit herabwürdigen lassen,
daß sie 1848 das Gesetz, welches die Arbeit in den Fabriken
auf 12 Stunden täglich beschränkte, als eine revolutionäre
Errungenschaft entgegennahmen; sie proklamierten das Recht auf
Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über
das französische Proletariat! (*6)
Nur Sklaven sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre
kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um
einem Griechen der antiken Heldenzeit eine solche Entwürdigung
begreiflich zu machen!
Und wenn die
Leiden der Zwangsarbeit, die Foltern des Hungers, über das
Proletariat hereingebrochen sind, zahlreicher als die Heuschrecken
der Bibel: eben das haben sie selbst heraufbeschworen.
Dieselbe Arbeit,
welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand forderten,
haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder
den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre
häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste
ihrer Frauen trocken gelegt; diese Unglücklichen haben schwangere
und stillende Frauen in die Bergwerke und Fabriken geschickt, wo
sie sich schinden und die Nerven zerrütten; sie haben mit eigener
Hand das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.
Schande über
die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem Mundwerk,
frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen unsere
alten Märchen und Erzählungen berichten? Wo sind die Übermütigen
hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend,
Leben säend, wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen
gesunde und kräftige Kinder gebaren? Heute haben wir Frauen
und Mädchen aus der Fabrik, verkümmerte Blumen mit blassem
Teint, mit Blut ohne Röte, mit krankem Magen und erschöpften
Gliedmaßen! Ein gesundes Vergnügen haben sie nie kennengelernt
und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie
eroberte. Und die Kinder? 12 Stunden Arbeit für die Kinder.
O Elend! Alle Jules Simon von der Akademie der moralischen Wissenschaften,
alle jesuitischen Germinys (*7)
hätten kein den Geist der Kinder mehr verdummendes, ihr Gemüt
mehr verderbendes, ihren Körper mehr zerrüttendes Laster
ersinnen können als die Arbeit in der verpesteten Atmosphäre
der kapitalistischen Werkstätten.
Unser Jahrhundert
wird das Jahrhundert der Arbeit genannt; tatsächlich ist es
das Jahrhundert der Schmerzen, des Elends und der Verderbnis.
Und doch haben
die bürgerlichen Ökonomen und Philosophen, von dem peinlich
konfusen Auguste Comte bis zum lächerlich klaren Leroy-Beaulieu,
die bürgerlichen Schriftsteller, von dem scharlatanhaften romantischen
Viktor Hugo bis zum naiv albernen Paul de Kock, samt und sonders
ekelerregende Loblieder auf den Gott Fortschritt, den ältesten
Sohn der Arbeit, angestimmt. (*8)
Hört man auf sie, so meint man, das Glück müsse auf
Erden herrschen, so sehr fühlt man schon seine Nähe. Sie
durchwanderten vergangene Jahrhunderte, durchwühlten den Staub
und das Elend des Feudalismus, um dessen Dunkelheit als Gegensatz
neben die Freuden der Gegenwart zu stellen. Wie sie uns gelangweilt
haben, diese Gesättigten, diese Zufriedenen, jüngst noch
Teil der Dienerschaft der großen Herren, heute fett besoldete
Schriftlakaien der Bourgeoisie; haben sie uns nicht gelangweilt
mit dem Landmann des Schönredners La Bruyère? Nun, wir
wollen ihnen das Bild der proletarischen Genüsse im kapitalistischen
Fortschrittsjahr 1840 zeigen, wie es von Einem von ihnen geschildert
wird, dem Dr. Villermé, Mitglied des Instituts, der 1848
zu jenem Kreis von Gelehrten gehörte (Thiers, Cousin, Passy,
der Akademiker Blanqui waren darunter), die den Massen die Plattheiten
der Ökonomie und der bürgerlichen Moral beizubringen suchten.
Es ist das
gewerblich entwickelte Elsaß, von dem der Dr. Villermé
spricht, das Elsaß der Kestner und Dollfus, dieser Blüten
der Menschenliebe und des industriellen Republikanismus. Aber bevor
der Doktor das Bild des proletarischen Elends vor uns ausbreitet,
wollen wir erst hören, wie ein elsässischer Manufakturist,
Herr Th. Mieg vom Hause Dollfuß, Mieg und Cie, die Lage des
Handwerkers unter dem alten Gewerbesystem beschreibt:
»Vor
50 Jahren (1813, als die moderne Maschinenindustrie gerade entstand),
waren in Mülhausen alle Arbeiter Kinder des Landes, sie bewohnten
die Stadt und die umliegenden Dörfer und hatten fast jeder
ein Häuschen und oft ein Stück Land.« [8]
Das war das
goldene Zeitalter des Arbeiters. Indes, damals hatte die Industrie
noch nicht die Welt mit ihren Baumwollstoffen überschwemmt
und ihre Dollfus und Koechlin noch nicht zu Millionären gemacht.
Aber 25 Jahre später, als Villermé das Elsaß besuchte,
hatte der moderne Minotaurus, die kapitalistische Fabrik, bereits
das Land erobert; in seiner Gier nach menschlicher Arbeit hatte
er die Arbeiter aus ihrem Heim gerissen, um sie besser schinden,
die Arbeit besser aus ihnen herauspressen zu können. Zu tausenden
liefen die Arbeiter dem Pfeifen der Maschine nach.
»Eine
große Zahl«, sagt Villermé, »fünftausend
von siebzehntausend, waren infolge der teueren Mieten gezwungen,
sich in den Nachbardörfern einzumieten. Einige wohnten 2¼
Wegstunden von der Fabrik entfernt, in der sie arbeiteten.«
»In
Mülhausen, in Dornach, begann die Arbeit um fünf Uhr morgens
und endete um fünf Uhr abends, Sommer wie Winter ... Man
muß sie jeden Morgen in die Stadt kommen und jeden Abend abmarschieren
sehen. Es gibt unter ihnen eine Menge bleicher, magerer Frauen,
die barfüßig durch den Schmutz laufen und wenn es regnet
oder schneit, mangels eines Regenschirms ihre Schürzen oder
Unterröcke über den Kopf ziehen, um Hals und Gesicht zu
schützen; und eine noch erheblichere Zahl nicht minder schmutziger
und abgezehrter junger Kinder, in Lumpen gehüllt, die ganz
fettig sind von dem Öl, das aus den Maschinen auf sie herabtropft,
wenn sie arbeiten. Diese Kinder, welche die Undurchlässigkeit
ihrer Bekleidung besser vor dem Regen schützt, haben nicht
einmal wie die Frauen einen Korb mit Lebensmitteln für den
Tag im Arm, sondern sie tragen in der Hand oder versteckt unter
ihrem Kittel oder wo sie sonst können, das Stück Brot,
das sie ernähren muß, bis sie wieder nach Hause zurückkehren.«
»So
gesellt sich für diese Unglücklichen zu der Übermüdung
durch einen übermäßig langen Arbeitstag - denn er
beträgt mindestens 15 Stunden - noch die durch die langen,
oft beschwerlichen Wege. Infolgedessen kommen sie übermüdet
nach Hause und gehen morgens, noch ehe sie ordentlich ausgeschlafen
haben, fort, um pünktlich zu sein, wenn die Fabrik geöffnet
wird.«
Und über
die Quartiere, in denen diejenigen sich einpferchen mußten,
die in der Stadt wohnten:
»Ich habe in Mülhausen, in Dornach und in den umliegenden
Häusern jene elenden Zimmer gesehen, in denen zwei Familien
schliefen, jede in einem Winkel auf Stroh, welches auf dem Fußboden
ausgebreitet lag und nur durch zwei Bretter zusammengehalten wurde ...
Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk
Oberrhein leben, ist so groß, daß während in den
Familien der Fabrikanten, Kaufleute, Werkdirektoren ungefähr
50 Prozent der Kinder das 21. Jahr erreichen, derselbe Prozentsatz
in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter bereits vor vollendetem
zweiten Jahr stirbt ...«
Über
die Arbeit in den Werkstätten fügt Villermé hinzu:
»Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und
man halst dieselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf ... Diese
lange tägliche Qual ist es hauptsächlich, welche die Arbeiter
in den Baumwollspinnereien entkräftet.«
Und mit Bezug
auf die Arbeitsdauer bemerkt Villermé, daß die Sträflinge
in den Zuchthäusern nur zehn Stunden, die Sklaven auf den Antillen
nur neun Stunden durchschnittlich arbeiteten, während in Frankreich,
das die Revolution von 1789 gemacht, das die hochtrabenden Menschenrechte
proklamiert hat, es Manufakturen gibt, wo der Arbeitstag 16 Stunden
dauert, von denen den Arbeitern 1½ Stunden Eßpausen
bewilligt werden. [9]
O jämmerliche
Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie! O
grausige Geschenke ihres Götzen Fortschritt! Die Menschenfreunde
nennen diejenigen, die, um sich auf die leichte Art zu bereichern,
den Armen Arbeit geben, Wohltäter der Menschheit - es wäre
besser, die Pest zu säen, die Brunnen zu vergiften, als inmitten
einer ländlichen Bevölkerung eine Fabrik zu errichten.
Führe die Fabrikarbeit ein, und adieu Freude, Gesundheit, Freiheit
- adieu alles, was das Leben schön, was es wert macht, gelebt
zu werden. [10]
Die Ökomomen
werden nicht müde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit
der Nationalreichtum wächst! Und doch war es einer von ihnen,
Destutt de Tracy (*9),
der sagte: »Die armen Nationen sind es, wo das Volk sich wohlbefindet;
bei den reichen Nationen ist es gewöhnlich arm.«
Und sein Schüler
Cherbuliez setzt hinzu: »Indem die Arbeiter zur Anhäufung
produktiver Kapitalien mitwirken, fördern sie selbst den Faktor,
der sie früher oder später eines Teils ihres Lohnes berauben
wird.«
Aber von ihrem
eigenen Gekrächz betäubt und verwirrt, erwidern die Ökonomen:
Arbeitet, arbeitet, um eures Wohlstandes willen! Und im Namen der
christlichen Milde predigt der Pfaffe der anglikanischen Kirche,
Reverend Townsend: Arbeitet, arbeitet Tag und Nacht; indem ihr arbeitet,
vermehrt ihr eure Leiden, und euer Elend enthebt uns der Aufgabe,
euch gesetzlich zur Arbeit zu zwingen. Der gesetzliche Arbeitszwang
macht »zuviel Mühe, fordert zu viel Gewalt und erregt
zuviel Aufregung; der Hunger ist dagegen nicht nur ein friedlicher,
geräuschloser, unermüdlicher Antreiber, er bewirkt auch,
als die natürlichste Veranlassung zu Arbeit und Fleiß,
die gewaltigste Anstrengung.« (*10)
Arbeitet,
arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum
und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um,
immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten
und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen
Produktion.
Dadurch, daß
die Arbeiter den trügerischen Reden der Ökonomen Glauben
schenken und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, stürzen
sie die ganze Gesellschaft in jene industriellen Krisen der Überproduktion,
die den gesellschaflichen Organismus in Zuckungen versetzen. Dann
werden wegen Überfluß an Waren und Mangel an Abnehmern
die Werke geschlossen, und mit seiner tausendsträhnigen Geißel
peitscht der Hunger die arbeitende Bevölkerung. Betört
von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier nicht ein, daß
die Mehrarbeit, der sie sich in der Zeit des angeblichen Wohlstandes
unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist, und anstatt
vor die Getreidespeicher zu ziehen und zu schreien: »Wir haben
Hunger, wir wollen essen! ... Allerdings haben wir keinen roten
Heller, aber wenn wir auch Habenichtse sind, wir sind es gewesen,
die das Korn eingebracht und die Trauben gelesen haben« -
anstatt die Lagerhäuser des Herrn Bonnet aus Jujurieux, Erfinder
der industriellen Klöster, zu belagern und zu rufen: »Hier,
Herr Bonnet, sind eure Zwirnerinnen, Hasplerinnen, Spinnerinnen
und Weberinnen, sie zittern vor Kälte in ihren geflickten Baumwollappen,
daß es einen Stein erweichen könnte, und doch sind sie
es, welche die seidenen Roben der Mätressen der gesamten Christenheit
gesponnen und gewebt haben. Die Ärmsten konnten bei dreizehnstündiger
Arbeit nicht an ihr Äußeres denken, jetzt sind sie ohne
Arbeit und können selber Staat machen in der Seide, die sie
hergestellt haben. Seit sie ihre Milchzähne verloren, haben
sie für euch Reichtümer geschaffen und selbst dabei verzichtet;
jetzt haben sie Pause und wollen daher auch ein wenig von den Früchten
ihrer Arbeit genießen. Auf, Herr Bonnet, bringt die Seide,
Herr Harmel wird seine Musseline liefern, Herr Pouyer-Quertier seine
Stoffe, Herr Pinet seine Stiefeletten für ihre lieben, kalten
und feuchten Füßchen.- Von Kopf bis Fuß eingekleidet
und ausgelassen vor Freude, wird es euch Freude machen, sie anzuschauen.
Nur keine Ausflucht - ihr seid doch Menschenfreunde, nicht wahr,
und Christen außerdem? Stellt euren Arbeiterinnen die Vermögen
zur Verfügung, die sie für euch an ihrem eigenen Leib
abgedarbt haben. Ihr seid Freunde des Handels? Fördert den
Umsatz, hier habt ihr Verbraucher wie gerufen; gebt ihnen unbegrenzten
Kredit. Ihr müßt dies ja auch gegenüber Geschäftsleuten
tun, die ihr nie gesehen habt, die euch absolut nichts geschenkt
haben, nicht mal ein Glas Wasser. Eure Arbeiterinnen werden bezahlen,
wie sie es können: Wenn sie am Fälligkeitstag gambettisieren (*11)
und ihre Unterschrift platzen lassen, werdet ihr sie für bankrott
halten, und wenn sie nichts zu pfänden haben, werdet ihr verlangen,
daß sie euch mit Gebeten bezahlen: Sie werden euch ins Paradies
schicken, besser noch als eure wohlhabenden Pfaffen.«
Statt in den
Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung
zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe
an den Toren der Fabriken ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten
Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen
Ansprachen: »Lieber Herr Chagot, bester Herr Schneider, geben
Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern
die Liebe zur Arbeit!«- Und, kaum imstande sich aufrechtzuerhalten,
verkaufen die Elenden 12 bis 14 Stunden Arbeit um die Hälfte
billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die
Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit,
um noch billiger zu produzieren.
Wenn die industriellen
Krisen auf die Perioden der Überarbeit so notwendig folgen
wie die Nacht dem Tag und erzwungene Arbeitslosigkeit bei grenzenlosem
Elend nach sich ziehen, so bringen sie auch den unerbittlichen Bankrott
mit sich. Solange der Fabrikant Kredit hat, läßt er der
Arbeitswut die Zügel schießen, er pumpt und pumpt, um
den Arbeitern den Rohstoff zu liefern. Er läßt drauflosproduzieren,
ohne zu bedenken, daß der Markt überfüllt wird und
daß, wenn er seine Waren nicht verkauft, er auch seine Wechsel
nicht einlösen kann. In die Enge getrieben, fleht er den Rothschild
an, wirft sich ihm zu Füßen, bietet ihm sein Blut an,
seine Ehre. »Ein klein wenig Gold würde meinem Geschäft
gut tun«, antwortet der Rothschild, »Sie haben 20 000
Paar Strümpfe auf Lager, die 20 Sous wert sind; ich nehme sie
für 4 Sous.« Ist der Handel gemacht, so verkauft Rothschild
zu 6 und 8 Sous und steckt lebendige 100-Sousstücke ein, für
die er keinem etwas schuldet; der Fabrikant aber hat seinen Aufschub
nur erlangt, um desto gründlicher pleite zu gehen. Endlich
tritt der allgemeine Zusammenbruch ein und die Warenlager laufen
über; da werden dann so viel Waren aus dem Fenster herausgeworfen,
daß man gar nicht begreifen kann, wie sie zur Tür hereingekommen
sind. Nach Hunderten von Millionen beziffert sich der Wert der zerstörten
Waren; im vorigen Jahrhundert verbrannte man sie oder warf sie ins
Wasser. [11]
Bevor sie
sich aber zu dieser Maßregel entschließen, durchlaufen
die Fabrikanten die Welt auf der Suche nach Absatzmärken für
die angehäuften Waren; sie verlangen von ihrer Regierung, den
Kongo anzugliedern, Tonking zu erobern, die Mauern Chinas zusammenzuschießen,
nur damit sie ihre Baumwollartikel absetzen können. In den
letzten Jahrhunderten kämpften England und Frankreich ein Duell
auf Leben und Tod, wer von ihnen das ausschließliche Vorrecht
haben werde, in Amerika und Indien zu verkaufen. Tausende junger,
kräftiger Männer haben in den Kolonialkriegen des 16.,
17. und 18. Jahrhunderts mit ihrem Blut das Meer gefärbt.
Wie an Waren,
so herrscht auch Überfluß an Kapitalien. Die Finanziers
wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen; so machen sie sich
dann auf, bei jenen glücklichen Völkern, die sich noch
Zigaretten rauchend in der Sonne räkeln, Eisenbahnen zu bauen,
Fabriken zu errichten und den Fluch der Arbeit zu importieren. Und
dieser französische Kapitalexport endet eines schönen
Tages mit diplomatischen Verwicklungen: in Ägypten wären
sich Frankreich, England und Deutschland beinahe in die Haare geraten,
um sich zu vergewissern, wessen Wucherer zuerst bezahlt werden,
und mit Kriegen wie in Mexiko, wo man französische Soldaten
hinschickte, die Rolle von Gerichtsvollziehern zur Eintreibung fauler
Schulden zu spielen. [12]
Diese persönlichen
und gesellschaftlichen Leiden, so groß und unzählbar
sie auch sind, so ewig sie auch erscheinen mögen, werden verschwinden
wie die Hyänen und die Schakale beim Herannahen des Löwen,
sobald das Proletariat sagen wird: »Ich will es«. Aber
damit ihm seine Kraft bewußt wird, muß das Proletariat
die Vorurteile der christlichen, ökonomischen und liberalistischen
Moral mit Füßen treten; es muß zu seinen natürlichen
Instinkten zurückkehren, muß die Faulheitsrechte ausrufen,
die tausendfach edler und heiliger sind als die schwindsüchtigen
Menschenrechte, die von den übersinnlichen Anwälten der
bürgerlichen Revolution wiedergekäut werden; es muß
sich zwingen, nicht mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten,
um den Rest des Tages und der Nacht müßig zu gehen und
flott zu leben.
Bis hierher
war meine Aufgabe leicht; ich hatte nur wirkliche, uns allen leider
nur zu bekannte Übel zu schildern. Aber das Proletariat zu
überzeugen, daß die zügellose Arbeit, der es sich
seit Beginn des Jahrhunderts ergeben hat, die schrecklichste Geißel
ist, welche je die Menschheit getroffen, daß die Arbeit erst
dann eine Würze der Vergnügungen der Faulheit, eine dem
menschlichen Körper nützliche Leidenschaft sein wird,
wenn sie weise geregelt und auf ein Maximum von drei Stunden täglich
beschränkt wird - das ist eine Aufgabe, die meine Kräfte
übersteigt. Nur Ärzte, Fachleute für Gesundheitsvorsorge
und kommunistische Ökonomen können sie unternehmen. In
den nachfolgenden Seiten werde ich mich auf den Nachweis beschränken,
daß angesichts der modernen Produktionsmittel und ihrer unbegrenzten
Vervielfältigungsmöglichkeiten die übertriebene Leidenschaft
der Arbeiter für die Arbeit gebändigt und es ihnen zur
Pflicht gemacht werden muß, die Waren, die sie produzieren,
auch zu verbrauchen.
Was
der Überproduktion folgt
Ein griechischer
Dichter aus der Zeit Ciceros, Antipatros, besang die Erfindung der
Wassermühle (zum Mahlen des Getreides) als Befreierin der Sklavinnen
und Errichterin des goldenen Zeitalters:
»Schonet
der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet sanft! Es verkündet
der Hahn euch den Morgen umsonst! Däo hat die Arbeit der Mädchen
den Nymphen befohlen, und jetzt hüpfen sie leicht über
die Räder dahin, daß die erschütterten Achsen mit
ihren Speichen sich wälzen, und im Kreise die Last drehen des
wälzenden Steins. Laßt uns leben das Leben der Väter,
und laßt uns der Gaben arbeitslos uns freun, welche die Göttin
uns schenkt.« (*12)
Ach! Die Zeit
der Muße, die der heidnische Dichter verkündete, ist
nicht gekommen; die blinde, perverse und mörderische Arbeitssucht
hat die Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument
zur Knechtung freier Menschen umgewandelt: die Produktionskraft
der Maschine verarmt die Menschen.
Eine gute
Arbeiterin verfertigt auf dem Handklöppel gerade fünf
Maschen in der Minute; gewisse Klöppelmaschinen fertigen in
derselben Zeit dreißigtausend. Jede Minute der Maschine ist
somit gleich hundert Arbeitsstunden der Arbeiterin, oder vielmehr,
jede Minute Maschinenarbeit ermöglicht der Arbeiterin zehn
Tage Ruhe. Was für die Spitzenindustrie gilt, gilt mehr oder
weniger für alle durch die moderne Mechanik umgestalteten Industrien.
Was sehen wir aber? Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und
mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die
menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch
seine Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren,
als wollte er mit den Maschinen wetteifern. O törichte und
mörderische Konkurrenz!
Um der Konkurrenz
zwischen Mensch und Maschine freie Bahn zu verschaffen, haben die
Proletarier die weisen Gesetze, welche die Arbeit der Handwerker
der alten Zünfte beschränkten, abgeschafft, die Feiertage
unterdrückt. [13]
Denkt ihr, daß die Arbeiter, als sie damals von sieben Tagen
nur fünf arbeiteten, nur von Luft und frischem Wasser gelebt
hätten, wie die verlogenen Ökonomen uns vorerzählen?
So ein Quatsch! Sie hatten Mußezeit, um die irdischen Freuden
zu kosten, um zu lieben und zu scherzen, um vergnügt zu Ehren
des lustigen Gottes des Müßiggangs Tafel zu halten. Das
grämliche, im Protestantismus verheuchelte England hieß
damals das »fröhliche England« (Merry England).
Rabelais, Quevado, Cervantès, die unbekannten Verfasser der
Schelmenromane lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen mit
ihren Schilderungen jener monumentalen Schlemmereien [14],
die man sich damals zwischen zwei Schlachten und zwei Verheerungen
schmecken ließ und bei denen »an nichts gespart wurde«.
Jordaens und die niederländische Schule haben sie uns auf ihren
lebenslustigen Gemälden dargestellt. Erhabene Riesenmägen,
was ist aus euch geworden? Erhabene Geister, die ihr das ganze menschliche
Denken umfaßtet, wo seid ihr hin? Wir sind durch und durch
verzwergt und entartet. Die Entbehrungen, die Kartoffel, gefärbter
Wein und der preußische Schnaps haben in raffinierter Verbindung
mit Zwangsarbeit unsere Körper erschlafft und unseren Geist
verkleinert. Und während der Mensch seinen Magen zusammenschnürt
und die Produktivität der Maschine wächst, wollen uns
die Ökonomen die Malthussche Theorie (*13),
die Religion der Enthaltsamkeit und das Dogma der Arbeit predigen?
Man sollte ihnen lieber die Zunge ausreißen und den Hunden
zum Fraß vorwerfen.
Da jedoch
die Arbeiterklasse in ihrer Einfalt sich den Kopf hat verdrehen
lassen und sich mit ihrem kindlichen Ungestüm blindlings in
Arbeit und Enthaltsamkeit gestürzt hat, so sieht sich die Kapitalistenklasse
zu erzwungener Faulheit und Üppigkeit, zur Unproduktivität
und Überkonsum verurteilt. Und wenn die Überarbeit des
Proletariers seinen Körper abrackert und seine Nerven zerrüttet,
so bringt sie dem Bourgeois nicht weniger Leiden.
Die Enthaltsamkeit,
zu welcher sich die produktive Klasse hat verurteilen lassen, macht
es der Bourgeoisie zur Pflicht, sich der Überkonsumtion der
zuviel verfertigten Produkte zu widmen. Zu Anfang der kapitalistischen
Produktion, vor ein oder zwei Jahrhunderten, war der Bourgeois noch
ein ordentlicher Mann mit vernünftigen und friedlichen Sitten:
er begnügte sich mit einer Frau, wenigstens beinahe, er trank
nur, wenn er Durst, und aß nur, wenn er Hunger hatte. Er überließ
den Höflingen und Hofdamen die adligen Tugenden der Ausschweifung.
Heute gibt es keinen Sohn eines Emporkömmlings, der nicht glaubt,
er müsse die Prostitution fördern und seinen Körper
verquecksilbern, um der Schufterei, der sich die Arbeiter in den
Quecksilberminen aussetzen, einen Sinn zu geben. (*14)
Es gibt keinen Bourgeois, der sich nicht mit Trüffelkapaunen
und mit herangeschafftem edlen Wein vollstopft, um die Geflügelzüchter
von La Flèche und die Winzer des Bordelais zu fördern.
Bei diesem Geschäft geht der Körper schnell zugrunde,
die Haare fallen aus, das Zahnfleisch geht zurück, der Rumpf
deformiert, der Bauch schwillt an, die Brust wird asthmatisch, die
Bewegungen werden schwerfälliger, die Gelenke steif, die Glieder
gichtig. Andere, die zu schwach sind, um die Anstrengung der Ausschweifung
zu ertragen, aber mit der Neigung zu Klugscheißerei ausgestattet,
dörren ihr Gehirn aus, wie die Garnier von der politischen
Ökonomie oder die Acollas von der juristischen Philosophie,
und hecken dickbändige, schlafsuchterregende Bücher aus,
um die Mußestunden von Schriftsetzern und Buchdruckern auszufüllen.
Die Frauen
von Welt führen ein Märtyrerleben. Um die feenhaften Garderoben,
bei deren Herstellung sich die Schneiderinnen zugrunde richten,
zu probieren und zur Geltung zu bringen, schlüpfen sie von
morgens bis abends von einer Robe in die andere; stundenlang liefern
sie ihren hohlen Kopf Haarkünstlern aus, die um jeden Preis
ihre Leidenschaft für die Aufschichtung falscher Haare befriedigen
wollen. Eingeschnürt in Korsetts, die Füße in engen
Stiefeletten, den Busen entblößt, daß ein Pionier
darüber rot werden könnte, drehen sie sich die ganze Nacht
hindurch auf ihren Wohltätigkeitsbällen, um einige Sous
für die Armen zusammenzubringen. O ihr Heiligen!
Um ihrer doppelten
gesellschaftlichen Funktion als Nichtproduzent und Überkonsument
nachzukommen, mußte die Bourgeoisie nicht nur ihren bescheidenen
Bedürfnissen Zwang antun, sich die ihr seit zwei Jahrhunderten
zur Gewohnheit gewordene Arbeitsamkeit abgewöhnen und sich
einem zügellosen Luxus, dem Sich-vollstopfen mit Trüffeln,
sowie syphilitischen Ausschweifungen ergeben, sie mußte auch
eine enorme Masse Menschen der produktiven Arbeit entziehen, um
sich Mitesser zu verschaffen.
Einige Zahlen
mögen beweisen, wie kollosal dieses Brachlegen von produktiven
Kräften ist. Nach der Volkszählung von 1861 zählte
die Gesamtbevölkerung von England und Wales 20 066 244
Personen, 9 776 259 männlich und 10 289 965
weiblich. Zieht man hiervon ab, was zu alt oder zu jung zur Arbeit,
die Frauen, unproduktive Jugendliche und Kinder, dann die ideologischen
Berufe, wie Regierung, Polizei, Kirche, Stadtverwaltung, Armee,
Prostituierte, Künstler, Wissenschaftler etc., ferner alle,
deren ausschließliches Geschäft der Verzehr fremder Arbeit
in der Form von Grundrente, Zinsen, Dividenden etc., so bleiben
in runder Zahl acht Millionen beiderlei Geschlechts und der verschiedenen
Altersstufen, mit Einschluß sämtlicher in der Produktion,
dem Handel, der Finanz etc. tätigen Kapitalisten. Von diesen
acht Millionen kommen auf:
-
|
Ackerbauarbeiter
(mit Einschluß der Hirten und bei Pächtern
wohnenden Ackersknechte und Mägde)
|
1 098 261
|
|
Arbeiter in Baumwoll-, Woll-, Flachs-,
Hanf-, Seidefabriken und in Strickereien
|
642 607
|
|
Arbeiter in Kohlen- und Metallbergwerken
|
565 835
|
|
Arbeiter in Metallwerken (Hochöfen, Walzwerke etc.)
|
396 998
|
|
Dienende Klasse
|
1 208 648
|
»Rechnen
wir die Beschäftigten in allen Textilfabriken zusammen mit
denen der Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1 208 442;
rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metallwerke und
Manufakturen, so ist die Gesamtzahl 1 039 605, beidemal
kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes
Resultat der kapitalistisch angewandten Maschinerie!« [15]
Zu dieser
ganzen dienenden Klasse, deren Zahl den Entwicklungsgrad der kapitalistischen
Zivilisation widergibt, müssen wir die zahlreiche Klasse der
Unglücklichen hinzurechnen, die sich ausschließlich der
Befriedigung der kostspieligen und belanglosen Bedürfnisse
der reichen Klassen widmen: Diamantschleifer, Spitzenarbeiterinnen,
Luxusstickerinnen, Galanteriearbeiter, Modeschneider, Ausstatter
der Lusthäuser etc. [16]
Einmal in
der absoluten Faulheit versunken und von dem erzwungenen Genuß
demoralisiert, gewöhnte sich die Bourgeoisie trotz der Übel,
welche ihr daraus erwachsen, bald an das neues Leben. Mit Schrecken
sah sie jeder Änderung der Dinge entgegen. Angesichts der jammervollen
Lebensweise, der sich die Arbeiterklasse resigniert unterwarf, und
der organischen Verkümmerung, welche die unnatürliche
Arbeitssucht zur Folge hat, steigert sich noch ihr Widerwille gegen
jede Auferlegung von Arbeitsleistungen und gegen jede Einschränkung
ihrer Genüsse.
Und just zu
dieser Zeit setzten es sich die Proletarier, ohne der Demoralisierung,
welche sich die Bourgeoisie als eine gesellschaftliche Pflicht auferlegt
hatte, im geringsten zu achten, in den Kopf, die Kapitalisten zwangsweise
zur Arbeit anzuhalten. In ihrer Einfalt nahmen sie die Theorien
der Ökonomen und Moralisten über die Arbeit ernst und
schickten sich an, die Praxis derselben den Kapitalisten zur Pflicht
zu machen. Das Proletariat proklamierte die Parole: »Wer
nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Im Jahre 1831
erhob sich Lyon für »Blei oder Arbeit«;
die Juni-Insurgenten von 1848 forderten das Recht auf Arbeit;
und die Förderierten vom März bezeichneten ihren Aufstand
als die Revolution der Arbeit.
Auf diese
Ausbrüche barbarischer Wut auf bürgerliches Wohlleben
und bürgerliche Faulheit konnten die Kapitalisten nur mit gewaltsamer
Unterdrückung antworten; aber wenn sie auch diese revolutionären
Ausbrüche zu unterdrücken vermochten, so wissen sie doch,
daß selbst in dem Meere des vergossenen Blutes die absurde
Idee des Proletariats, den Müßiggängern und Satten
Arbeit aufzuerlegen, nicht ertränkt worden ist; und nur um
dieses Unheil abzuwenden, umgeben sie sich mit Polizisten, Behörden
und Kerkermeistern, die in einer mühseligen Unproduktivität
erhalten werden. Heute kann niemand mehr über den Charakter
der modernen Heere im unklaren sein; sie werden nur deshalb auf
Dauer aufrechterhalten, um den »inneren Feind« niederzuhalten.
So sind die Festungen von Paris und Lyon nicht gebaut worden, um
die Stadt nach außen zu verteidigen, sondern um Revolten zu
unterdrücken. Ein Beispiel, gegen das es keinen Widerspruch
gibt, ist Belgien, dieses Schlaraffenland des Kapitalismus. Seine
Neutralität ist von den europäischen Mächten verbürgt,
und trotzdem ist seine Armee, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl,
eine der stärksten. Die glorreichen Schlachtfelder der tapferen
belgischen Armee aber sind die Ebenen des Borinage und von Charleroi;
in dem Blute von unbewaffneten Bergleuten und Arbeitern pflegt der
belgische Offizier seinen Degen zu taufen und Abzeichen zu sammeln.
Die europäischen Nationen haben keine Volks-, sondern Söldnerarmeen
zum Schutze der Kapitalisten gegen die Wut des Volkes, das diese
zu zehnstündiger Gruben- und Fabrikarbeit verdammen will.
Die Arbeiterklasse
hat, indem sie sich den Bauch zusammenschnürt, den Bauch der
Bourgeoisie über alles Maß entwickelt, sie zu Überkonsum
verdammt.
Um sich diese
mühselige Arbeit zu erleichtern, hat die Bourgeoisie eine Masse
Leute von der Arbeiterklasse abgezogen und sie, die bedeutend höherstehend
sind als jene, die in der nützlichen Produktion verblieben,
ihrerseits zu Unproduktivität und Überkonsum verdammt.
Aber so groß dieses Heer von unnützen Mäulern, so
unersättlich seine Gefräßigkeit auch ist, es reicht
immer noch nicht, um alle Waren zu konsumieren, welche die durch
das Dogma von der Arbeit verdummten Arbeiter wie Besessene erzeugen,
ohne sie konsumieren zu wollen, ohne sich darum zu kümmern,
ob sich überhaupt Leute finden, die sie konsumieren.
Und so besteht,
angesichts der doppelten Verrücktheit der Arbeiter, sich durch
Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren,
das große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin,
Produzenten zu finden und ihre Kräfte zu verzehnfachen, sondern
Konsumenten zu entdecken, ihren Appetit zu reizen und bei ihnen
künstliche Bedürfnisse zu wecken.
Und da die
europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd,
sich weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, den Wein, den
sie ernten, zu trinken, so sehen sich die armen Fabrikanten genötigt,
wie Wiesel in ferne Länder zu laufen und dort Leute zu suchen,
die sie tragen und trinken. Hunderte von Millionen und Milliarden
sind es, welche Europa jährlich nach allen vier Enden der Welt
zu Völkern exportiert, die nicht wissen, was sie damit anfangen
sollen. [17]
Die erforschten Erdteile sind ihnen nicht groß genug, daher
brauchen sie jungfräuliches Land. Die Fabrikanten Europas träumen
Tag und Nacht von Afrika, von der Sahara, von der Sudanbahn; mit
angestrengter Aufmerksamkeit folgen sie dem Vordringen der Livingstone,
der Stanley, der Du Chaillu, der de Brazza; offenen Mundes lauschen
sie den wunderverheißenden Erzählungen dieser mutigen
Reisenden. Welch unbekannte Wunder verbirgt nicht dieser »schwarze
Kontinent«! Ganze Felder sind mit Elefantenzähnen besät,
Flüsse von Kokosöl tragen Goldsand dahin, Millionen von
schwarzen Hintern, nackt wie der Schädel von Dufaure oder Girardin,
warten auf europäische Baumwolle, um Anstand zu erlernen, auf
Schnapsflaschen und Bibeln, um die Tugenden der Zivilisation kennenzulernen.
Aber alles
das reicht nicht: die Bourgeois, die sich fettfressen, die Dienstbotenklasse,
die zahlreicher ist als die produktive Klasse, fremde und barbarische
Völker, die man mit europäischen Waren vollstopft - nichts,
nichts vermag die Berge der Produktion zu erschöpfen, die sich
höher und gewaltiger als die Pyramiden Ägyptens auftürmen:
die Produktivität der europäischen Arbeiter trotzt allem
Konsum, aller Verschleuderung. Die Fabrikanten wissen in ihrer Verwirrung
nicht mehr, wo den Kopf lassen, sie können nicht Rohstoffe
genug auftreiben, um die unmäßige, kaputte Leidenschaft
ihrer Arbeiter für die Arbeit zu befriedigen. In unseren Wollfabriken
wird aus schmutzigen und halbverfaulten Lumpen ein Tuch hergestellt,
das Renaissance genannt wird und so lange hält wie Wahlversprechen.
Anstatt der Seidenfaser ihre Einfachheit und natürliche Geschmeidigkeit
zu lassen, überläd man sie in Lyon mit Mineralsalzen,
die ihr Gewicht geben, sie aber brüchig und wenig brauchbar
macht. Alle unsere Produkte sind verfälscht, um ihren Absatz
zu erleichtern und ihre Haltbarkeit zu verkürzen. Unsere Epoche
sollte das Zeitalter der Fälschung genannt werden, wie
die ersten Epochen der Menschheit die Namen Steinzeit, Bronzezeit
nach dem Charakter ihrer Produktion erhielten. Dummköpfe beschuldigen
unsere frommen Fabrikanten des Betrugs, während sie in Wahrheit
nur der Gedanke beseelt, den Arbeitern, die sich nicht in ein Leben
mit verschränkten Armen fügen können, Arbeit zu geben.
Diese Fälschungen, die einzig und allein menschlichen Rücksichten
entspringen, jedoch den Fabrikanten, die sie praktizieren, famose
Profite eintragen, sind zwar für die Qualität der Waren
von verderblichster Wirkung, sind zwar eine unerschöpfliche
Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie kennzeichnen
doch die geniale Menschenliebe der Bourgeois und die schreckliche
Perversität der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte Arbeitssucht
zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die Stimme
ihres Gewissens zu ersticken und sogar die Regeln der kaufmännischen
Ehrbarkeit zu verletzen.
Und doch,
trotz aller Überproduktion, trotz Warenfälschung überfüllen
die Arbeiter in unzählbarer Menge den Markt und rufen flehendlich:
Arbeit! Arbeit! Ihre Überzahl müßte sie veranlassen,
ihre Leidenschaft zu zügeln - statt dessen treibt sie sie zur
Raserei. Wo sich nur Aussicht auf Arbeit bietet, darauf stürzen
sie sich; sie verlangen 12, 14 Stunden, um sich richtig ausleben
zu können; und tags darauf liegen sie wieder auf dem Pflaster
und wissen nicht, wie ihr Laster befriedigen. Jahr für Jahr
treten in allen Industrien mit der Regelmäßigkeit der
Jahreszeiten Stockungen ein; auf die für den Körper mörderische
Überarbeit folgt für ein bis zwei Monate absolute Ruhe,
und - keine Arbeit, kein Bissen. Wenn nun das Arbeitslaster im Herzen
der Arbeiter teuflisch eingewurzelt ist, wenn es alle anderen natürlichen
Instinkte erstickt, und wenn andererseits die von der Gesellschaft
erforderte Arbeitsmenge notwendigerweise durch den Konsum und die
Menge des Rohmaterials begrenzt ist, warum in sechs Monaten die
Arbeit des ganzen Jahres verschlingen? Warum sie nicht lieber gleichmäßig
auf die zwölf Monate verteilen, und jeden Arbeiter zwingen,
sich das Jahr über täglich mit sechs oder fünf Stunden
zu begnügen, anstatt sich während sechs Monaten mit täglich
12 Stunden den Magen zu verderben? Wenn ihnen ihr täglicher
Arbeitsanteil gesichert ist, werden die Arbeiter nicht mehr miteinander
eifersüchteln, sich nicht mehr die Arbeit aus der Hand und
das Brot vom Mund wegreißen; dann werden sie, nicht mehr an
Leib und Seele erschöpft, anfangen, die Tugenden der Faulheit
zu üben.
Was die Arbeiter,
verdummt durch ihr Laster, nicht einsehen wollen: man muß,
um Arbeit für alle zu haben, sie rationieren wie Wasser auf
einem Schiff in Not. Das haben sogar Industrielle im Interesse der
kapitalistischen Ausbeutung selbst verlangt: eine gesetzliche Einschränkung
der Arbeitszeit. Im Jahre 1860 erklärte einer der größten
Fabrikanten des Elsaß Herr Bourcart aus Gebweiler vor der
gewerblichen Unterrichtskommision, daß »die Arbeit von
12 Stunden übermäßig ist und auf elf Stunden reduziert
werden, daß sonnabends die Arbeit um zwei Uhr aufhören
sollte. Ich empfehle diese Maßregel, obwohl sie auf den ersten
Blick zu teuer scheint, wir haben sie in unseren Fabriken seit vier
Jahren versucht und stehen uns gut dabei; die Durchschnittsproduktion
ist gestiegen, anstatt zu fallen.«
In seiner
Studie Die Maschinen zitiert Herr F. Passy folgenden Brief
eines belgischen Großindustriellen, eines Herrn Ottevaere:
»Obwohl unsere Maschinen dieselben sind wie die der englischen
Spinnereien, produzieren sie doch nicht so viel wie sie sollten,
und wie dieselben Maschinen in England produzieren, trotzdem dort
täglich zwei Stunden weniger gearbeitet wird ... Wir arbeiten
zwei volle Stunden zuviel; ich bin überzeugt, daß
wenn wir statt 13 Stunden nur elf arbeiteten, wir ebenso viel und
infolgedessen wirtschaftlicher produzieren würden.«
Aus anderer
Quelle bestätigt Herr Leroy-Beaulieu, daß ein großer
belgischer Manufakturist die Beobachtung gemacht hat, daß
die Wochen, in welche ein Feiertag fällt, keine geringere Produktion
aufweisen als die gewöhnlichen Wochen.« [18]
Was das durch
die Moralisten versimpelte Volk nicht gewagt hat, hat eine aristokratische
Regierung gewagt. Unbekümmert um die hochmoralischen und wirtschaftlichen
Einwände der Ökonomen, die wie Unglücksraben krächzten,
daß die Fabrikarbeit um eine Stunde herabsetzen den Ruin der
englischen Industrie herbeiführen hieße, hat die englische
Regierung die zehnstündige Arbeitszeit gesetzlich eingeführt
und streng überwacht; und nach wie vor ist England das erste
Industrieland der Welt.
Die große
Erfahrung Englands liegt vor, die Erfahrung einiger intelligenter
Kapitalisten liegt vor: sie beweisen unwiderlegbar, daß, um
die menschliche Produktion zu steigern, man die Arbeitszeit herabsetzen
und die Zahl der bezahlten Feiertage vermehren muß, und das
französische Volk sieht es immer noch nicht ein. Aber wenn
eine jämmerliche Verkürzung um zwei Stunden die englische
Produktion um ein Drittel in zehn Jahren erhöht hat [19],
welchen schwindelerregenden Vormarsch würde eine gesetzliche
Verringerung des Arbeitstages auf drei Stunden für die französische
Produktion bedeuten? Können die Arbeiter denn nicht begreifen,
daß dadurch, daß sie sich mit Arbeit überbürden,
sie ihre und ihrer Nachkommenschaft Kräfte erschöpfen,
daß sie, abgenutzt, vorzeitig arbeitsunfähig werden,
daß sie, aufgesogen und abgestumpft von einem einzigen Laster,
nicht mehr Mensch sind, sondern menschliche Wracks, daß sie
alle schönen Anlagen in sich abtöten, nur der rasenden
Arbeitssucht zuliebe?
Ach, wie Papageien
plappern sie die Lektionen der Ökonomen nach: »Arbeiten
wir, arbeiten wir, um den Nationalreichtum zu vermehren!«
O ihr Idioten! Eben weil ihr zuviel arbeitet, entwickelt sich die
industrielle Technik zu langsam. Laßt euer Geschrei und hört
einen Ökonomen - es ist kein großes Licht, es ist nur
Herr L. Reybaud, den wir glücklicherweise vor einigen Monaten
verloren haben:
»Im
Allgemeinen richtet sich die Revolution in den Arbeitsmethoden nach
den Bedingungen der Arbeitskräfte. Solange die Arbeitskräfte
ihre Dienste billig anbieten, wendet man sie im Übermaße
an; werden sie teurer, so sucht man sie zu sparen.« [20]
Um die Kapitalisten
zu zwingen, ihre Maschinen aus Holz und Eisen zu vervollkommnen,
muß man die Löhne der Maschinen aus Fleisch und Blut
erhöhen und die Arbeitszeit derselben verringern. Beweise dafür?
Man kann sie zu hunderten erbringen. In der Spinnerei wurde die
automatische Spinnmaschine (selfacting mule) in Manchester erfunden
und angewendet, weil die Spinner sich weigerten, solange zu arbeiten
wie früher.
In Amerika
bemächtigt sich die Maschine aller Zweige der Agrarproduktion,
von der Butterfabrikation bis zum Getreidejäten. Warum? Weil
die Amerikaner, frei und faul, lieber tausend Tode sterben möchten,
als das Viehleben eines französischen Bauern zu führen.
Die im glorreichen Frankreich so mühsame, mit so vielem Bücken
verbundene Landarbeit ist im Westen Amerikas ein angenehmer Zeitvertreib
in freier Luft, den man sitzend genießt und dabei gemächlich
seine Pfeife raucht.
Ein
neues Lied, ein besseres Lied
Wenn die Verkürzung
der Arbeitszeit der gesellschaftlichen Produktion neue mechanische
Kräfte zuführt, so wird die Verpflichtung der Arbeiter,
ihre Produkte auch zu verzehren, eine enorme Vermehrung der Arbeitskräfte
zur Folge haben. Die von ihrer Aufgabe, Allerweltsverbraucher zu
sein, erlöste Bourgeoisie wird nämlich schleunigst die
Menge von Soldaten, Beamten, Dienern, Kupplern usw., die sie der
nützlichen Arbeit entzogen hatte, freigeben. Infolgedessen
wird der Arbeitsmarkt so überfüllt sein, daß man
ein eisernes Gesetz haben muß, das die Arbeit verbietet; es
wird unmöglich sein, für diesen Schwarm bisher unproduktiver
Menschen Verwendung zu finden, denn sie sind zahlreicher als die
Heuschrecken. Dann wird man an die denken, die für den kostspieligen
und nichtsnutzigen Bedarf dieser Leute aufzukommen hatten. Wenn
keine Lakaien und Generäle mehr geschmückt, keine verheirateten
oder unverheirateten Prostituierten mehr in Spitzen gehüllt,
keine Kanonen mehr gegossen und keine Paläste mehr eingerichtet
werden müssen, dann wird man mittels drakonischer Gesetze die
Schnick-Schnack-, Spitzen-, Eisen-, Bau- Arbeiter und -Arbeiterinnen
zu gesundem Wassersport und Tanzübungen anhalten, um ihr Wohlbefinden
wieder herzustellen und die menschliche Art zu verbessern. Von dem
Augenblick an, wo die europäischen Produkte am Ort verbraucht
und nicht mehr zum Teufel geschickt werden, werden auch die Seeleute,
die Verladearbeiter und die Fahrer anfangen, Däumchen drehen
zu lernen. Dann werden die glücklichen Südseeinsulaner
sich der freien Liebe hingeben können, ohne die Fußtritte
der zivilisierten Ankömmlinge und die Predigten der europäischen
Moral zu fürchten.
Noch mehr.
Um für alle Nichtsnutze der heutigen Gesellschaft Arbeit zu
finden, und die immer weitere Vervollkommnung der Arbeitsmittel
zu fördern, wird die Arbeiterklasse ihrem Hang zur Enthaltsamkeit,
gleich der Bourgeoisie, Gewalt antun und ihre Konsumfähigkeit
unbegrenzt steigern müssen. Anstatt täglich ein oder zwei
Unzen zähes Fleisch zu essen, wenn sie überhaupt welches
ißt, wird sie saftige Beefsteaks von ein oder zwei Pfund essen;
statt katholischer als der Papst bescheiden einen schlechten Wein
zu trinken, wird sie aus großen, randvollen Gläsern Bordeaux
und Burgunder trinken, der keiner industriellen Taufe unterzogen
ist, und das Wasser dem Vieh überlassen.
Die Proletarier
haben sich in den Kopf gesetzt, den Kapitalisten zehn Stunden Schmiede
oder Raffinerie aufzuerlegen - das ist der große Fehler, die
Ursache der sozialen Gegensätze und der Bürgerkriege.
Nicht auferlegen, verbieten muß man die Arbeit. Den Rothschilds,
den Says wird erlaubt werden, den Beweis zu liefern, daß sie
ihr ganzes Leben lang vollkommene Nichtstuer gewesen sind; und wenn
sie versprechen, trotz des allgemeinen Zuges zur Arbeit, als vollkommene
Nichtstuer weiterzumachen, werden sie auf die Rechnung gesetzt und
erhalten jeden Morgen auf dem zuständigen Rathaus ein 20-Francstück
als Taschengeld. Die gesellschaftliche Zwietracht verschwindet.
Die von Zinsen Lebenden und die Kapitalisten werden die allerersten
sein, die sich zur Partei des Volkes schlagen, wenn sie einmal überzeugt
sind, daß man ihnen nichts Böses will, sondern im Gegenteil
sie von der Arbeit befreien will, Überkonsument und Vergeuder
zu sein, mit der sie seit ihrer Geburt belastet sind. Diejenigen
Bourgeois, die nicht in der Lage sind, ihren Titel als Nichtsnutz
nachzuweisen, wird man ihren Instinkten nachgehen lassen: es gibt
genügend abstoßende Berufe, um sie unterzubringen. Dufaure
würde die öffentlichen Latrinen reinigen und Gallifet
die räudigen Schweine und aufgeblähten Pferde abstechen,
die Mitglieder des Gnadenausschußes werden, ins Gefängnis
Poissy geschickt, das Vieh anzumerken, das zum Schlachten reif ist,
die Senatoren, die am Beerdigungspomp hängen, werden Leichenträger
spielen. Für andere wird man Berufe finden, die ihrer Intelligenz
entsprechen. Lorgeril, Borglie würden Champagnerflaschen verkorken,
doch wird man ihnen einen Maulkorb vorbinden, damit sie sich nicht
vollsaufen. Ferry, Freycinet, Tirard würden Wanzen und Ungeziefer
in Ministerien und anderen öffentlichen Häusern jagen.
Allerdings müßten diese Leute außer Reichweite
der Bürger gehalten werden, aus Angst vor ihren schlechten
Gewohnheiten.
Aber bittere
und lange Rache wird man an den Moralisten nehmen, welche die menschliche
Natur verdreht haben, an den Betbrüdern, Heuchlern, Scheinheiligen
»und dem anderen derartigen Gesindel, das sich verstellt,
um die Leute zu betrügen. Denn während sie dem einfachen
Volk weismachen, sie wären mit geistlicher Betrachtung und
Andacht, mit Fasten und Verzicht beschäftigt und hielten ihr
bißchen Sterblichkeit nur eben so am Leben, lassen sie es
sich Gott weiß wie wohl sein, et Curios simulant, sed bacchanalia
vivunt (Sie tun als seien sie wie Curius, aber leben wie auf
Bacchanalien) (*15).
Das könnt ihr in großer Leuchtschrift von ihren roten
Backen und ihren Wänsten ablesen, vorausgesetzt, sie pudern
sich nicht mit Schwefel.« [21]
An den großen
Volksfesten, bei denen, anstatt Staub zu schlucken, wie beim bürgerlichen
15. August oder 14. Juli, die Kommunisten und Kollektivisten die
Fläschchen kreisen, die Schincken herumreichen und die Becher
hochleben lassen, werden die Mitglieder der Akademie der moralischen
und politischen Wissenschaften, die Frack und Talar tragenden Pfaffen
der ökonomischen, katholischen, protestantischen, jüdischen,
positivistischen und freidenkerischen Kirche, die Vertreter des
Malthusianismus, der christlichen, menschenfreundlichen, unabhängigen
oder unterwürfigen Moral in gelbem Kostüm die Kerzen halten,
bis sie sich die Finger verbrennen; und unter ausgelassenen Frauen,
bei mit Fleisch, Früchten und Blumen beladenen Tafeln werden
sie hungern, bei gefüllten Fässern dürsten. Viermal
im Jahr, immer beim Wechsel der Jahreszeiten, wird man sie wie die
Hunde von Scherenschleifern in Tretmühlen zehn Stunden lang
Wind mahlen lassen. Die gleiche Strafe wird über Advokaten
und Rechtsgelehrte verhängt.
Um die Zeit
totzuschlagen, die uns Sekunde für Sekunde tötet, wird
man im Reich der Faulheit ständig Schauspiele und Theateraufführungen
veranstalten - gefundene Arbeit für unsere bürgerlichen
Gesetzgeber. Man wird sie zu Truppen zusammenstellen, die auf die
Dörfer und Flecken ziehen und Gesetzgebungsvorstellungen aufführen.
Generäle in Reitstiefeln, die Brust mit Tressen verschnürt,
mit Orden und dem Kreuz der Ehrenlegion behängt, werden durch
die Straßen und Plätze laufen und die lieben Leute einladen.
Gambetta und Cassagnac, sein Kumpan, werden vorm Eingang ihre Späßchen
aufführen. Cassagnac wird, als Stierkämpfer kostümiert,
die Augen rollen, den Schnurrbart drehen, Feuer spucken und jeden
mit der Pistole seines Vaters bedrohen, aber sich in ein Loch stürzen,
sobald man ihm das Bild von Lullier zeigt. (*16)
Gambetta wird über Außenpolitik palavern, über das
kleine Griechenland, das ihm was vormacht und Europa in Brand steckt
um die Türkei übers Ohr zu hauen; über das große
Rußland, das ihn um den Verstand bringt mit dem Kompott, das
es aus Preussen zu machen verspricht und das Westeuropa sämtliche
Plagen an den Hals wünscht um im Osten sein Spiel zu treiben
und die Staatsverdrossenheit im Innern zu erdrosseln; über
Herrn von Bismarck, der ihm in seiner großen Güte erlaubte,
sich zur Frage des Straferlasses zu äußern ... Dann
wird er seinen riesigen dreifarbig bemalten Wanst entblößen,
wird die Trommel rühren und die köstlichen Tierchen, die
Fettammern, die Trüffeln, die Gläser voll Margaux und
Yquem aufzählen, die er hinuntergestopft hat, um die Landwirtschaft
zu fördern und die Wähler von Belleville bei Laune zu
halten.
In der Bude
aber wird man zuerst die Wahlposse aufführen.
Vor Wählern
mit Holzschädeln und Eselsohren werden Bourgeois- Kandidaten,
mit Stroh bekleidet, den politischen Freiheitstanz aufführen,
indem sie sich vorne und hinten mit ihren Wahlprogrammen voller
Versprechungen beschmieren, mit Tränen in den Augen von den
Leiden des Volkes und mit klangvoller Stimme vom Ruhm Frankreichs
reden. Worauf die Köpfe der Wähler im Chor ein kräftiges
Iah! Iah! brüllen.
Dann beginnt
das große Stück: Der Diebstahl der Güter der
Nation
Das kapitalistische
Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht und kahlem
Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener Haut,
liegt schläfrig und gähnend mit glanzlosen Augen auf einem
Sofa hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle
Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske,
mechanisch Männer, Frauen und Kinder, deren grauenhafte und
herzzerreißende Schreie die Luft durchdringen. Die Bank, mit
Marderschnauze, Hyänenkörper und Habichtskrallen, stiehlt
ihm geschickt Hundert-Sous-Stücke aus der Tasche. Ganze Armeen
elender, abgemagerter und in Lumpen gehüllter Proletarier,
von Gendarmen mit blanker Klinge bewacht, getrieben von Furien,
die sie mit der Hungerpeitsche geißeln, bringen Haufen von
Waren, Fässer Wein und ganze Säcke von Gold und Korn und
legen sie dem kapitalistischen Frankreich zu Füßen. Langlois,
seine Hose in der einen Hand, in der anderen das Testament Proudhons (*17),
das Haushaltsbuch zwischen den Zähnen, stellt sich an die Spitze
der Verteidiger der Güter der Nation und zieht auf Posten. [22]
Sobald die Lasten niedergelegt sind, verjagen sie die Arbeiter mit
Bajonett- und Kolbenstößen, und öffnen den Händlern,
den Industriellen und Bankiers die Pforten. Im wüsten Durcheinander
stürzen die sich auf die Wertobjekte, heimsen die Fabrikwaren,
die Goldbarren, die Säcke Getreide ein und leeren die Fässer.
Endlich können sie nicht mehr und sinken in ihren Schmutz und
ihre Kotze. Da bricht das Unwetter herein, die Erde wankt in ihren
Fugen -- die geschichtliche Notwendigkeit tritt auf. Mit ehernem
Fuß zertritt sie die Köpfe von denen mit Schluckauf,
von denen die umhertorkeln, übereinanderfallen und nicht mehr
fliehen können; mit gewaltiger Hand wirft sie das zitternde
und angstschweißüberdeckte kapitalistische Frankreich
über den Haufen.
Wenn die Arbeiterklasse
sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt,
gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren
Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu
verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind,
nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur
das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden,
das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten,
dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine
neue Welt sich regen fühlen -- aber wie soll man von einem
durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat einen männlichen
Entschluß verlangen!
Wie Christus,
die leidende Verkörperung der Sklaverei des Altertums, erklimmt
unser Proletariat, Männer, Frauen und Kinder, seit einem Jahrhundert
den harten Kalvarienberg der Leiden; seit einem Jahrhundert bricht
Zwangsarbeit ihre Knochen, martert ihr Fleisch, zerrüttet die
Nerven; seit einem Jahrhundert quält Hunger ihren Magen und
verdummt ihr Gehirn ...
O Faulheit,
erbarme Du Dich des unendlichen Elends!
O Faulheit,
Mutter der Kunst und der edlen Tugenden, sei Du der Balsam für
die Schmerzen der Menschheit!
Anhang
Unsere Moralisten
sind sehr bescheidene Leute. Wenn sie auch das Dogma der Arbeit
erfunden haben, so waren sie sich doch über den Einfluß
desselben auf die Beruhigung der Seele, die Erheiterung des Geistes
und die gesunde Funktion des Kreuzes und der übrigen Organe
nicht ganz im Klaren: sie wollen die Sache erst einmal bei der Volksmasse
probieren, das Experiment erst in anima vili (bei einem niederen
Tier) machen, ehe sie es gegen die Kapitalisten kehren, deren Laster
sie zu entschuldigen und gutzuheißen haben.
Aber Philosophen
zu vier Sous das Dutzend, warum denn euer Hirn so quälen, eine
Moral auszutüfteln, deren Befolgung ihr euern Brotgebern nicht
zu raten wagt? Wollt ihr euer Dogma von der Arbeit, auf das ihr
so stolz seid, verhöhnt, verdammt sehen? So schlagt die Geschichte
der alten Völker, die Schriften ihrer Philosophen und ihrer
Gesetzgeber nach:
»Ich
vermag nicht zu sagen«, schreibt der Vater der Geschichtsschreibung,
Herodot, »ob die Griechen die Verachtung, mit der sie auf
die Arbeit blicken, von den Ägyptern haben, weil ich dieselbe
Verachtung bei den Thrakern, bei den Skythen, bei den Persern und
den Lydern verbreitet finde; mit einem Wort, weil bei den meisten
Barbaren diejenigen, welche die Handwerke erlernen, und selbst deren
Nachfahren in geringerer Achtung stehen als die übrigen Bürger ...;
alle Griechen werden in diesen Grundsätzen erzogen, besonders
die Lakedämonier.« [23]
»In
Athen waren nur die Bürger wirkliche Edle, die sich mit der
Verteidigung und Verwaltung der Gemeinschaft beschäftigten,
gleich den wilden Kriegern, von denen sie ihre Abstammung herleiteten.
Um mit ihrer geistigen und körperlichen Kraft die Belange der
Republik wahrzunehmen, mußten sie über ihre ganze Zeit
frei verfügen und beluden die Sklaven mit der ganzen Arbeit.
Ebenso durften in Lakedämonien selbst die Frauen weder spinnen
noch weben, um ihrem Adel keinen Abbruch zu tun.« [24]
Die Römer
kannten nur zwei edle und freie Berufe: Landbau und Waffendienst.
Alle Bürger lebten von Rechts wegen auf Kosten des Staates,
ohne daß sie gezwungen werden konnten, für ihren Unterhalt
durch eine der sordidae artes (schmutzige Künste, so nannten
sie die Handwerke) aufzukommen, die von Rechts wegen den Sklaven
zukamen. Als Brutus der Ältere das Volk aufwiegeln wollte,
warf er Tarquinius dem Tyrannen vor allem vor, daß er freie
Bürger zu Handwerkern und Maurern gemacht habe. [25]
Die alten
Philosophen stritten sich über den Ursprung der Ideen, aber
sie waren sich einig, wenn es galt, die Arbeit zu verabscheuen.
»Die
Natur«, schreibt Plato in seiner Gesellschaftsutopie, in seiner
Musterrepublik, »die Natur hat weder Schuhmacher noch Schmiede
geschaffen; solche Berufe entwürdigen die Leute, die sie ausüben:
billige Söldner, Elende ohne Namen, die durch ihren Stand bereits
von den politischen Rechten ausgeschlossen sind. Was die Händler
betrifft, die an Lug und Betrug gewöhnt sind, so wird man sie
in der Gemeinde nur als ein notwendiges Übel betrachten. Der
Bürger, der sich durch Handelsgeschäfte erniedrigt, soll
für dieses Verbrechen bestraft werden. Wird er überführt,
so soll er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt werden. Bei jedem
Rückfall ist die Strafe zu verdoppeln.« [26]
In seiner
Ökonomie schreibt Xenophon: »Die Leute, die sich mit
Handarbeit abgeben, werden nie zu höheren Posten erhoben, und
man hat ganz recht. Gezwungen, den ganzen Tag zu sitzen, einige
sogar, ein beständiges Feuer auszuhalten, werden die meisten
von ihnen es nicht verhindern können, daß ihr Körper
sich verunstaltet und es ist kaum möglich, daß sich das
nicht auch auf den Geist zurückwirkt.«
»Was
kann aus einem Laden Ehrenhaftes kommen?« erklärt Cicero,
»und was kann der Handel Ehrenvolles hervorbringen? Alles,
was Laden heißt, ist eines ehrenhaften Mannes unwürdig ...,
da die Kaufleute, ohne zu lügen, nichts verdienen können;
und was ist schändlicher als die Lüge? Deshalb muß
das Gewerbe derer, die ihre Mühe und Geschicklichkeit verkaufen,
als niedrig und gemein betrachtet werden, denn wer seine Arbeit
für Geld hergibt, verkauft sich selbst und stellt sich auf
eine Stufe mit den Sklaven.« [27]
Proletarier,
die man durch das Dogma der Arbeit verdummt hat, hört ihr die
Sprache dieser Philosophen, die man euch mit eifersüchtiger
Sorge verbirgt? Ein Bürger, der seine Arbeit für Geld
hergibt, erniedrigt sich zum Rang eines Sklaven; er begeht ein Verbrechen,
das jahrelanges Gefängnis verdient.
Die christliche
Heuchelei und die kapitalistische Frage nach der Nützlichkeit
hatten diese Philosophen der alten Republiken noch nicht verdorben;
da sie für freie Menschen lehrten, so sprachen sie unbefangen
ihre Gedanken aus. Plato und Aristoteles, diese Riesendenker, denen
unsere Cousin, Caro (*18)
und Simon, und wenn sie sich auf die Fußspitzen stellen sollten,
nicht bis an die Knöchel reichen, wollten, daß die Bürger
ihrer Idealrepubliken die größte Muße genießen
sollten, denn, setzt Xenophon hinzu, »die Arbeit nimmt die
ganze Zeit in Anspruch und bei ihr hat man keine Zeit für die
Republik und seine Freunde.« Nach Plutarch hatte Lykurg, »der
weiseste aller Menschen«, deshalb den großen Anspruch
auf die Bewunderung der Nachwelt, weil er den Bürgern der Republik
Muße zusprach, indem er ihnen die Ausübung irgendeines
Handwerks untersagte. [28]
Aber, werden
die Bastiat, Dupanloup (*19),
Beaulieu und Konsorten der christlichen und kapitalistischen Moral
antworten, diese Denker, diese Philosophen, predigten die Sklaverei.
Ganz richtig, aber konnte es unter den wirtschaftlichen und politischen
Verhältnissen ihres Zeitalters anders sein? Der Krieg war der
normale Zustand der antiken Gesellschaften; der freie Mensch mußte
seine Zeit der Beratung der Staatsangelegenheiten und der Sorge
für die Verteidigung widmen; das Handwerk war damals zu unentwickelt
und zu hart, als daß man neben seiner Ausübung seinem
Beruf als Bürger und Soldat hätte nachgehen können;
um Krieger und freie Bürger zu haben, mußten die Philosophen
und Gesetzgeber in den Helden-Republiken Sklaven dulden. Aber lobpreisen
nicht die Moralisten und Wirtschaftsexperten des Kapitalismus die
moderne Sklaverei, das Lohnsystem? Und was sind es für Leute,
denen der kapitalistische Sklave Muße verschafft? Den Rothschild,
den Schneider, den Madame Boucicault -- unnütze und schädliche
Schmarotzer, Sklaven ihrer Laster und ihrer Dienstboten.
»Das
Vorurteil der Sklaverei beherrschte den Geist von Aristoteles und
Pythagoras«, hat man verächtlich geschrieben, und doch
sah Aristoteles voraus: »Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder
auch vorausahnend das ihm zukommende Werk verrichten könnte,
wie des Dädalus' Meisterwerke sich von selbst bewegten, oder
die Dreifüße des Hephaistos (*20)
aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Webschiffchen
von selbst webten, dann bräuchte der Werkmeister keinen Gehilfen,
die Herren keine Sklaven.«
Der Traum
des Aristoteles ist heute Wirklichkeit geworden. Unsere Maschinen
verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen
Gliedern, mit wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft,
gelehrig von selbst ihre heilige Arbeit; und doch bleibt der Geist
der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil
des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei. Sie begreifen noch nicht,
daß die Maschine der Erlöser der Menschheit ist, der
Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den schmutzigen Künsten
und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße
und Freiheit bringen wird.
Fußnoten:
[1]
Descartes, Les Passions de l'âme (Die Leidenschaften
der Seele).
[2]
Dr. Beddoe, Memoirs of the Anthropological Society
(Berichte der anthropologischen Gesellschaft); Charles Darwin, Descent
of Man (Die Herkunft des Menschen).
[3]
Oft sind die europäischen Forscher ganz betroffen
von der körperlichen Schönheit und der stolzen Haltung
der Angehörigen primitiver Völker, die noch nicht von
dem befleckt sind, was Päppig den »vergifteten Hauch
der Zivilisation« nennt. Von den Ureinwohnern Ozeaniens schreibt
Lord George Campbell: »Kein Volk der Welt frappiert mehr im
ersten Augenblick. Ihre ebene, leicht kupferfarbene Haut, ihr goldenes
gelocktes Haar, ihre schöne und anmutige Figur, mit einem Wort
ihre ganze Persönlichkeit stellte ein neues und glänzendes
Muster der Gattung Mensch dar; ihre physische Erscheinung machte
den Eindruck einer der unsrigen überlegenen Rasse.« Mit
derselben Bewunderung betrachteten die Zivilisierten des alten Roms,
ein Caesar und Tacitus, die Germanen der kommunistischen Stämme,
die in das römische Reich eindrangen. Gleich Tacitus stellte
Salvian, der der »Lehrer der Bischöfe« genannt
wurde, im 5. Jahrhundert den Zivilisierten und Christen die Barbaren
als Muster hin: »Wir sind unzüchtig inmitten von Barbaren,
die keuscher sind als wir. Mehr noch; die Barbaren nehmen an unserer
Unzucht Anstoß. Die Goten dulden keinen Wüstling ihres
Stammes unter sich; nur die Römer in ihrer Mitte haben dank
dem traurigen Vorrecht ihres Namens und ihrer Nationalität
das Recht, unrein zu sein. (Das sexuelle Verhältnis zu Kindern
war damals bei Heiden und Christen stark in Mode.) Die Unterdrückten
gehen zu den Barbaren, Menschlichkeit und Schutz zu suchen.«
(De gubernatione Dei - Von der Leitung Gottes). Die alte Zivilisation
und das aufstrebende Christentum verdarben die Barbaren der alten
Welt geradeso, wie das altersschwache Christentum und die moderne
kapitalistische Zivilisation die Wilden der neuen Welt verderben.
Herr F. LePlay, dessen Beobachtungsgabe man anerkennen muß,
selbst wenn man seine mit menschenfreundlicher und christlicher
Spießbürgerei versetzten gesellschaftswissenschaftlichen
Schlüsse verwirft, sagt in seinem Buch Les Ouvriers européens
(Die europäischen Arbeiter) (1855): Der Hang der Baschkiren
zur Faulheit (Baschkiren sind halbnomadische Hirten im Ural), die
mit dem Nomadenleben verbundene Muße, die Gewohnheit der Meditation,
die sie bei den besser Begabten hervorruft, haben bei diesen Leuten
oft eine Feinheit der Manieren, eine Schärfung von Intelligenz
und Urteilsfähigkeit zur Folge, wie man sie auf der gleichen
sozialen Ebene in einer höheren Zivilisation selten findet ...
Was ihnen am meisten zuwider ist, sind die Ackerarbeiten; sie tun
eher alles andere, als daß sie sich zum Beruf des Ackerbauern
entschließen.« In der Tat ist der Ackerbau die erste
Erscheinungsform knechtischer Arbeit in der Menschheit. Nach der
biblischen Überlieferung ist der erste Kriminelle, Kain, ein
Ackerbauer.
[4]
Das spanische Sprichwort sagt: Descansar es salud,
Ausruhen ist gesund.
[5]
O Meliboea (*21),
ein Gott schenkte uns diesen Müßiggang. Vergil, Bucolica.
(Siehe Anhang).
[6]
Matthäusevangelium, Kapitel VI.
[7]
Auf dem ersten Wohltätigkeitskongreß (Brüssel
1857) erzählte ein Herr Scrive, einer der reichsten Unternehmer
von Marquette bei Lille, unter dem Beifall der Kongreßteilnehmer
und mit der Genugtuung erfüllter Pflicht: »Wir haben
einige Zerstreuungsmittel für Kinder eingeführt. Wir lehren
sie während der Arbeit singen, während der Arbeit zählen.
Das unterhält sie und läßt sie mutig die zwölf
Stunden Arbeit antreten, welche nötig sind, um ihnen ihren
Lebensunterhalt zu verschaffen.« 12 Stunden Arbeit, und was
für eine Arbeit! Kindern aufgebürdet, die noch nicht 12
Jahre alt sind! Die Materialisten werden ewig bedauern, daß
es keine Hölle gibt, in die man diese Christen, diese Menschenfreunde,
diese Henker der Kindheit schicken kann!
[8]
Rede, gehalten im Mai 1863 in der Pariser Internationalen
Gesellschaft für praktische sozialökonomische Studien,
veröffentlicht im Economiste Français desselben Jahres.
[9]
L.-R. Villermé: »Tableau de l'état
physique et moral des ouvriers dans les fabriques de coton, de laine
et de soie« (Ein Bild vom körperlichen und moralischen
Zustand der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und Seidenfabriken),
1840. Nicht etwa, weil die Dollfus, die Köchlin und andere
elsässische Fabrikanten Republikaner, Patrioten und protestantische
Menschenfreunde waren, behandelten sie ihre Arbeiter so; denn Blanqui,
der Akademiker, Reybaud, der Prototyp des Jérôme Paturot (*22),
und Jules Simon, der politische Besserwisser, haben ein gleiches
Wohlleben bei den Arbeitern der sehr katholischen und sehr monarchischen
Fabrikanten in Lille und Lyon festgestellt. Das sind kapitalistische
Tugenden, die in entzückender Weise mit jeder politischen Richtung,
mit jeder Religion zusammengehen.
[10]
Die Indianer der kriegerischen Stämme Brasiliens
töten ihre Schwachen und Alten; sie bezeugen ihre Freundschaft,
indem sie einem Leben ein Ende machen, das nicht mehr von den Kämpfen,
den Festen und Tänzen erfreut wird. Alle primitiven Völker
haben den Ihren diesen Beweis der Zuneigung gegeben: Die Massageten
des Kaspischen Meeres (Herodot) genauso wie die Wenden Deutschlands
und die Kelten Galliens. In den Kirchen Schwedens bewahrte man noch
vor kurzem die Familienkeulen genannten Keulen auf, die dazu dienten,
die Eltern von der Trübsal des Alters zu erlösen. Wie
sehr verkommen sind die modernen Proletarier, daß sie das
schreckliche Elend der Fabrikarbeit geduldig ertragen!
[11]
Auf dem am 21. Februar 1879 in Berlin stattgefundenen
Kongreß deutscher Industrieller schätzte man den Verlust,
den allein die Eisenindustrie Deutschlands während der letzten
Krise erlitten hat, auf 568 Millionen Francs.
[12]
Die »Justice« des Herrn Clemenceau sagte
im Wirtschaftsteil ihrer Nummer vom 6.4.1880: »Wir haben die
Meinung gehört, daß die Milliarden des Krieges von 1870
auch ohne die Preussen für Frankreich verloren gegangen wären;
und zwar in der Form der von Zeit zu Zeit aufgelegten Anleihen zum
Ausgleich fremder Staatshaushalte; das ist auch unsere Ansicht.«
Man schätzt den Verlust, den englisches Kapital bei der Kreditvergabe
an die südamerikanischen Republiken erlitten hat, auf fünf
Milliarden. Die französischen Arbeiter haben nicht nur die
an Herrn Bismarck gezahlten fünf Milliarden erarbeitet, sie
müssen auch die fetten Zinsen aufbringen, welche die Verschulder
des Kriegs und der Niederlage, die Ollivier, die Girardin, die Bazaine
und andere Besitzer von Rententiteln einstreichen. Allerdings bleibt
ihnen ein Trost: diese Milliarden werden keinen Wiedereintreibungskrieg
zur Folge haben.
[13]
Unter dem Ancien Régime (französische Monarchie
bis zur Revolution) garantierten die Gesetze der Kirche den Arbeitern
90 Ruhetage (52 Sonntage und 38 Feiertage), während deren es
streng verboten war, zu arbeiten. Das war das große Verbrechen
des Katholizismus, die Hauptursache für die Nicht-Religiosität
des industriellen und handeltreibenden Bürgertums. Sobald es
in der Franz|sischen Revolution ans Ruder kam, schaffte es die Feiertage
ab und ersetzte die Woche von sieben Tagen durch die zehntägige
Woche. Es befreite die Arbeiter vom Kirchenjoch, um sie umso strenger
unter das Joch der Arbeit zu spannen.
Der Haß gegen die Feiertage macht sich erst in dem Moment
bemerkbar, wo die moderne industrielle und kommerzielle Bourgeoisie
auf die Bühne tritt, d.h. im 15. und 16. Jahrhundert. Heinrich
IV. (1589-1610) verlangte die Verminderung ihrer Zahl vom Papst;
dieser schlug ihm das ab, weil »eine der Ketzereien, die heute
um sich greifen, darin besteht, die Feiertage anzugreifen«.
(Brief des Kardinals d'Ossat) Aber 1666 verbot Péréfixe,
Erzbischof von Paris, siebzehn. Der Protestantismus, diese den neuen
Handels- und Industriebedürfnissen der Bourgeoisie angepaßte
christliche Religion, kümmert sich wenig um die Erholung des
Volkes; er entthronte die Heiligen im Himmel, um ihre Feste auf
Erden abschaffen zu können. Die Religionsreform und das philosophische
Freidenkertum waren nichts als Vorwände, um der heuchlerischen
und gierigen Bourgeoisie zu erlauben, die beim Volk beliebten Feiertage
verschwinden zu lassen.
[14]
Diese pantagruelischen Feste dauerten Wochen. Don Rodrigo
de Lara erwarb seine Braut durch Vertreibung der Mauren aus Calatrava
la Vieja, und der Romancero erzählt:
Las bodas fueron en Burgos,
Las tornabodas en Salas:
En bodas y tornabodas
Pasaron siete semanas.
Tantas vienen de las gentes,
Que no caben por las plazas...
(Die Hochzeit ward in Burgos,/ die Heimkehr von der Hochzeit in
Salas gefeiert:/ mit Hochzeits- und Heimkehrfeier/ vergingen sieben
Wochen./ So viel Leute kamen herbei,/ daß die Plätze
sie nicht faßten...) Die Männer dieser Hochzeitsfeste
von sieben Wochen waren die heldenhaften Soldaten der Unabhängigkeitskriege.
[15]
Karl Marx, »Das Kapital«, Band I (MEW 23,
S. 470).
[16]
"Der Anteil, in dem die Bevölkerung eines
Landes als Dienstboten der wohlhabenden Klassen beschäftigt
ist, gibt seinen Fortschritt im nationalen Reichtum und in der Zivilisation
wider.« R.M.Martin, Ireland before and after the Union (Irland
vor und nach dem Zusammenschluß), 1818. Gambetta, der die
soziale Frage leugnete, seitdem er nichts weiter als der notleidende
Advokat des Café Procope war, wollte ohne Zweifel von dieser
wachsenden Dienstbotenklasse sprechen, als er das Entstehen neuer
gesellschaftlicher Schichten forderte.
[17]
Zwei Beispiele: Die englische Regierung mußte,
um den indischen Gebieten zu gefallen, die versessen Mohn statt
Reis oder Getreide anbauten, obwohl sie regelmäßig von
Hungersnöten heimgesucht wurden, blutige Kriege unternehmen,
um die chinesische Regierung zur freien Einfuhr des indischen Opiums
zu zwingen. Die Wilden Polynesiens mußten sich, obwohl es
die Ursache ihres Aussterbens ist, englisch kleiden und auf englisch
besaufen, um die Produkte der schottischen Brennereien und der Textilfabriken
von Manchester zu konsumieren.
[18]
Paul Leroy-Beaulieu, La Question ouvrière au
XIXeme siècle (Die Arbeiterfrage im 19. Jahrhundert), Paris
1872.
[19]
Hier ist, nach dem berühmten Statistiker R. Giffen
vom Büro für Statistik in London, die stetige Steigerung
des nationalen Reichtums von England und Irland:
1814 betrug er 55 Milliarden Francs
1865 betrug er 162,5 Milliarden Francs
1875 betrug er 212,5 Milliarden Francs.
[20]
Louis Reybaud, Le Coton, son régime, ses problèmes
(Die Baumwolle, ihr Reich und ihre Probleme), Paris 1863.
[21]
Pantagruel, Buch II, Kapitel XXXIV.
[22]
Der etwas hitzige Leutnant Langlois, ein wirklich großer
Freund Proudhons, wurde in die Nationalversammlung gewählt,
wo er nicht immer die Lächerlichkeit zu vermeiden wußte.
[23]
Herodot, Historien II 167. Trad. Larcher, 1786.
[24]
Biot, De l'abolition de l'esclavage ancien en Occident
(Über die Abschaffung der alten Sklaverei im Okzident), 1840.
[25]
Titus Livius, 1. Buch.
[26]
Platon, Republik, Buch V.
[27]
Cicero, Von den Pflichten II, XLII.
[28]
Platon, Der Staat V, Die Gesetze III; Aristoteles,
Politik II und VII; Xenophon,Ökonomie IV und VI; Plutarch,
Leben des Lykurg (*23).
Anmerkungen
der Herausgeber
(*1)
Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 69.
(*2)
Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 77.
(*3)
Paul Lafargue, Persönliche Erinnerungen an Karl
Marx; wiedergegeben nach: Über Paul Lafargue und die Satire;
in: Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit und andere Satiren, Stattbuch
Verlag Berlin.
(*4)
Adolphe Thiers (1797-1877), französischer Politiker,
Ministerpräsident 1836 und 1840, führend an der Niederschlagung
der Pariser Commune beteiligt, Präsident der Republik 1871.
(*5)
Auvergnaten, Bewohner der Auvergne, Landschaft um Clermont-Ferrand.
(*6)
Die aufständischen Pariser Arbeiter forderten
1848 vor allem das »Recht auf Arbeit« und die »Organisation
der Arbeit«.
(*7)
Jules Simon (1814-1896), republikanischer Politiker
und Philosophieprofessor; Graf de Germiny, kirchenfreundlicher Politiker.
(*8)
Auguste Comte (1798-1857), Mathematiker, Philosoph,
Soziologe, Begründer des Positivismus, nach dem man sich nur
mit nachprüfbaren Tatsachen und ihrem Verhältnis untereinander
befassen soll; Paul Leroy-Beaulieu (1843-1916), Ökonom; Victor
Hugo (1802-1885), Dichter und Romanschriftsteller; Paul de Kock,
Schriftsteller.
(*9)
Comte de Destutt de Tracy (1754-1836), Ökonom,
Philosoph, Anhänger der konstitutionellen (also mit Parlament
garnierten) Monarchie.
(*10)
Joseph Townsend (1739-1816), englischer Geistlicher,
Geologe, Soziologe, entwickelte eine Bevölkerungstheorie, die
von Malthus weiterentwickelt wurde (siehe Anm. 13).
(*11)
Leon Gambetta (1838-1882), Politiker; was Lafargue
meint, wissen wir auch nicht.
(*12)
Antipatros von Thessalonike (etwa 1. Jahrhundert vor
unserer Zeitrechnung); Marcus Tullius Cicero (106-43 v.u.Z.), römischer
Staatsmann und Schriftsteller; Däo (römisch Ceres), Göttin
des Ackerbaus.
(*13)
Thomas Robert Malthus (1766-1834), englischer Geistlicher
und Ökonom; stellte die Theorie von der Überbevölkerung
auf, nach der das Elend der Menschen normal sei, weil sie sich stärker
vermehrten als die Produktion von Lebensmittel.
(*14)
Quecksilber war früher das gängige Medikament
zur Behandlung von Syphilis; im Französischen heißt es
»Mercure« wie der römische Gott der Liebe.
(*15)
Curius Dentatus (um 280 v.u.Z), römischer Feldherr,
Muster altrömischer Tugend; Bacchanalien, Feste zu Ehren Bacchus,
Gott des Weines.
(*16)
Paul Granier de Cassagnac (1843-1904), Politiker, bekannt
für seine vielen Duelle; Lullier, kampflustiger Marineoffizier,
gewähltes Mitglied der Pariser Commune.
(*17)
Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), Publizist, Ökonom,
Soziologe, einer der theoretischen Begründer des Anarchismus.
(*18)
Victor Cousin (1792-1867), Philosophieprofessor; Elme-Marie
Caro (1826-1887), Philosophieprofessor.
(*19)
Frederic Bastiat (1801-1850), Ökonom; Dupanloup
(1802-1878), Bischof von Orleans.
(*20)
Hephaistos (römisch Vulcanus), Gott des Feuers
und der Schmiede.
(*21)
Meliboea, antike Stadt in Thessalien, Griechenland.
(*22)
Adolphe Blanqui (1798-1854), Ökonom, Bruder des
Revolutionärs Louis Auguste Blanqui; Jérôme Paturot,
Romanfigur (von Louis Reybaud): meint, er kann alles und taugt dann
doch nichts.
(*23)
Lykurg (nach der Überlieferung 9. bis 8. Jahrhundert
v.u.Z.), sagenhafter Gesetzgeber Spartas.
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