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Version 01.12.06 Drucken PDF-Datei

Nein, Karstadt Eimsbüttel ist noch nicht geschlossen. Aber anderswo will Karstadt insgesamt über 75 Warenhäuser loswerden.
Mehrere Tausend Arbeitsplätze werden wegfallen, und auch in Eimsbüttel werden KollegInnen ihren Job verlieren.

Aber — was geht's Sie an?
Wann waren Sie denn zum letzten Mal bei Karstadt?
Wenn Sie nicht gerade zu den „Besserverdienern” gehören, die nicht so genau auf den Preis schauen müssen — dann werden Sie sich doch sicher überlegen, ob Sie ihre Glühbirne, Jacke oder Bratpfanne einfach bei Karstadt kaufen oder nicht vielleicht doch das nächste Aldi-Sonderangebot abwarten — oder ob die alte Jacke nicht vielleicht doch noch ein Jahr länger hält...

Karstadt-Chef Aschenbach: Senkt Personalbestand und Personalkosten
Sie sind kein »Einzelfall«

Millionen Leute machen das genauso wie Sie. Früher haben sie viel häufiger bei Karstadt eingekauft, aber jetzt müssen sie knapsen. Deswegen ist Karstadt ja in der Krise. Denn Kaufhäuser leben nun mal vom Geld ihrer Kunden, und wenn die keins mehr haben, steht es auch um die Kaufhäuser schlecht — genauer gesagt: um deren MitarbeiterInnen.
Denn die Familie Schickedanz und andere Anteilseigner von Karstadt-Quelle werden schon dafür sorgen, daß aus ihrem Geld auch weiterhin mehr Geld wird. Wenn das die Umsätze nicht mehr hergeben, dann wird der Karstadt-Konzern eben „verschlankt” — und schon gibt es wieder ein paar tausend Arbeitslose mehr, und die verbleibende Belegschaft muß für weniger Geld noch mehr leisten.
Und wenn das Geschäft dann immer noch nicht floriert, investieren Schickedanz & Co. ihr Geld eben woanders und machen auch noch die restlichen Kaufhäuser dicht. Spätestens dann erwischt es Karstadt in der Osterstraße.

Karstadt - Ausichtsrätin Wiethold (Verdi): Kompromißbereit
Doch warum haben die Leute kein Geld? Wie kann es sein, daß es in einem der reichsten Länder, in dem die Arbeitsproduktivität so hoch ist wie noch nie, immer mehr Leuten am Notwendigsten fehlt — während die Kaufhäuser gleichzeitig auf riesigen Warenbergen sitzen bleiben?

Personal-Abbau ohne Ende

Im Grunde ist es doch nichts Neues.
Wir leben schließlich in einer „Markt-Wirtschaft” — und da ist auch ein Warenhaus kein Wohltätigkeitsverein, sondern ein Unternehmen.
So ein Unternehmen existiert nun einmal nur solange, wie sich seine Eigentümer daran bereichern können.

Die Unternehmer haben ihre berechtigte Gewinnerwartung, und wer die entsprechenden Preise nicht zahlen kann, mit dem ist kein Geschäft zu machen. Weil die zahlungskräftige Kundschaft begrenzt ist, reduziet der gesamte Einzelhandel ständig die Kosten. 220.000 Vollzeitrabeitsplätze wurden dort in den letzten zehn Jahren abgebaut.
Der Anteil von Teilzeit-Jobs, von denen man nicht leben kann, steigt.

Das alles gilt nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch für alle Branchen. Auch dort wird nicht für die Versorgung Bedürftiger produziert, sondern für den Reichtum der Eigentümer. Überall ist die zahlungssfähige Kundschaft begrenzt. Daher müssen Marktanteile erobert, also die Konkurrenz unterboten werden. Gleichzeitig müssen die Kosten so niedrig gehalten werden, daß ein ordentlicher Profit herausspringt.

Diese Aufgabe haben die Manager seit jeher mit Bravour gemeistert:
— durch Rationalisierung,
— unbezahlte Arbeitszeitverlängerung
— und Auslagerung von Produktionsstätten in Billiglohnländer
Karstadt wird jetzt tatsächlich vorgeworfen, daß es sich zu wenig im Ausland engagiert habe.

Das Ergebnis der ganzen Personalkosten-Senkungen ist: wie überall auf der Welt gibt es auch in Deutschland immer mehr Arbeitslose — und gleichzeitig wird denen, die noch Arbeit haben, immer mehr Leistung für immer weniger Lohn abverlangt.

Agenda 2010: Armut ist ein Standort-Vorteil

Die Bundesregierung ist offenbar entschlossen, diesen Wahnsinn durch die „Reform”-Agenda 2010 noch weiter zu treiben. Erklärtes Ziel ist der Ausbau von Deutschlands Spitzenstellung als Kapitalstandort:

VW Personalchef und Kanzler-Berater Hartz: Senkt Personalbestand und Personalkosten.
Weltweit sollen deutsche Unternehmer, zum Nachteil ihrer ausländischen Konkurrenten, gute Geschäfte machen und dicke Gewinne auf deutschen Konten ansammeln. Wenn dann noch ganz viele jener ausländischen Konkurrenten dazu verleitet werden, ebenfalls in Deutschland ein neues „Zuhause” für ihr Geld zu finden, dann läuft der Machkampf der Kapital-Standorte optimal für Deutschland.

Also bietet die Politik der internationalen Geschäftswelt lauter Standortvorteile. Man bietet Subventionen, Steuergeschenke und vor allem: möglichst rentable Arbeitskosten. Länder wie Indien haben nämlich mit ihren Hunger-Löhnen einen Standortvorteil, den man auch in Europa gerne hätte.

Um die Arbeitskosten zu senken, sollen Lohnsenkungen her. Dafür hat sich die Bundesregierung eine Arbeitsmarktreform ausgedacht, die unter dem Namen „Hartz IV” inzwischen berüchtigt ist.

Im Kern sollen die Tariflöhne von unten her aufgeweicht werden. Massenweise sollen Arbeitslose zum Lohndumping gezwungen werden. Ein-Euro-Jobs werden nach den „Hartz-Reformen” als Zwangsarbeit auch für die Leute angeordnet, die bisher Arbeitslosenhilfe bekommen haben. Dieser »Reichsarbeitsdienst« soll angeblich notwendig sein, weil „die Kassen leer” sind.

Darum sind die „Kassen leer”

Die angeblich „leeren öffentlichen Kassen” scheinen die Regierung jedoch nicht daran zu hindern, gleichzeitig mit der Arbeitsmarkt-Reform die Steuer und Sozial-Beiträge von Unternehmern und anderen „Besserverdienern” zu senken.
Dazu gehört die Senkung des Spitzensteuersatzes von 45% auf 42 %. Dazu gehört auch die die Senkung der „Lohnnebenkosten”. Geld, das früher Unternehmen in die Sozialkassen eingezahlt haben, muß jetzt von den Versicherten aufgebracht werden, z.B. durch die Praxispauschale. Und noch mehr Geld fließt aus denn Privathaushalten ab durch alle möglichen Zusatzversicherungen. Die werden jetzt nötig, weil die gesetzlichen Sozialversicherungen ihren Leistungskatalog zusammenstreichen.

Allein durch die "Sozialreformen" sparen die Unternehmer fünf Milliarden Euro pro Jahr an Kosten. Dazu kommen die durch Hartz IV erwarteten Lohnsenkungen, dazu noch die Steuersenkungen und der Stellenabbau, der ja immer weiter läuft. All diese Milliarden, fehlen den Privathaushalten - nicht weil die „öffentlichen Kassen leer” sind, sondern weil diese Umverteilung politisch gewollt ist!

Hartz-Gegner mit etwas anderer Meinung: Kapitalismus abschaffen.
Eine Nebenwirkung dieser staatlich geförderten Armut trifft den Teil des Konsumsektors, der sich nicht auf Luxusgüter spezialisiert hat:

  • Die Pleitewelle im Einzelhandel,
  • Schließende Kneipen und Restaurants,
  • Entlassungen im im Dienstleistungssektor, überhaupt in allen Geschäftsbereichen, die für den Weltmarkt keine Rolle spielen,
  • und die Verödung ganzer Stadtteile, Städte und Regionen - nicht nur in „der Zone”.
All das sind nur die zwangsläufigen Folgen dieses Standort-Förderungs-Programms.

Das hat in vielen Ländern stattgefunden, und zwar um so mehr, je weniger sich die Bevölkerung dagegen gewehrt hat. Soll man also darüber klagen — oder ist es nicht angebracht, sich um die im System liegenden Ursachen dieser ganzen Misere zu kümmern?

Bitte fragen Sie sich mal:

Wozu brauchen Sie eine Wirtschaft, die Deutschlands Spitzenplatz auf dem Weltmarkt sichert, ihnen aber keine sichere Existenzgundlage bieten kann?

Sie sind kein "Einzelfall". Die gesetzlich angeordnete Verarmung der Bevölkerung wir auch Sie treffen. Müssen Sie sich das gefallen lassen, oder wollen sie sich zusammen mit anderen Betroffenen zur Wehr setzen?

Brauchen Sie solche Welt-Wirtschaftsmacht-Politiker wie Schröder? Oder ist es nicht höchste Zeit, denen das Handwerk zu legen?


[Version 3]: Änderungen von Martin z.g.T. eingearbeitet.
[Version 2]: Zwischenüberschriften eingebaut und die gegenüber Martin vorgeschlagegen Änderungen eingefügt. A.
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