Sozialforum Eimsbüttel wird gegründet
Wir werden uns störend bemerkbar machen.
Wir wollen den Eindruck zerstören, daß eigentlich alle
Leute in Deutschland eingesehen haben, daß schmerzhafte Einschnitte
bei Löhnen und Sozialeinkommen nötig wären. Wir lassen
uns nicht einreden, daß die leeren Kassen" irgendetwas
nötig machen. Denn die Politiker haben den Unternehmern und
anderen Besserverdienern Milliarden Steuern erlassen. Mehr noch:
mit Steuermitteln werden im Inland und auch sonst überall in
Europa Niedriglohn- und Steuer-Oasen gefördert. Sollen wir
uns also Sorgen um die Staatskassen machen?
Wir werden uns auch störend bemerkbar machen, wenn Politiker
verbreiten, sie wollten den Sozialstaat umbauen um ihn zu retten.
Sie bauen ihn tatsächlich um: zu einem Instrument der Zwangsarbeit,
das die eingezahlten Beiträge zum staatlich geförderten
Lohndumping ausgibt. Fünfzig Jahre lang hat die soziale"
Marktwirtschaft in Deutschland floriert, und währenddessen
sind immer mehr Leute zu Sozialfällen geworden. Jetzt heißt
es, die soziale" Marktwirtschaft könne es sich eigentlich
nicht mehr leisten, den von ihr in die Armut getriebenen Menschen
ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Spricht
das für Schröders radikalen Umbau der Sozialsysteme? Oder
spricht das nicht vielmehr für einen radikalen Umbau des Wirtschaftssystems?
Wir wollen auch den Eindruck zerstören, daß wir
alle" nichts so sehr wollen wie einen Aufschwung. Den deutschen
Unternehmen geht es keineswegs schlecht. Jedes Jahr werden neue
Export-Rekorde erzielt. Denn viele Produkte können nirgends
so günstig hergestellt werden wie in Deutschland mit seinen
niedrigen Lohnstück-Kosten. Die hier erzielten Gewinne nutzen
die Unternehmen dazu, ins Ausland zu expandieren und Arbeitsplätze
dorthin zu verlagern. Und sie nutzen die Gewinne für Rationalisierungs-Investitionen.
Sollen wir deswegen dafür sein, daß die Unternehmer
noch mehr Gewinne machen?
Wir wollen auch nicht unwidersprochen lassen, daß Arbeitslose
und Lohnabhängige nichts so sehr brauchen wie Arbeit. Wir wissen,
daß die Wirtschaft unermüdlich Jobs wegrationalisiert,
egal wie niedrig die Löhne sind. Wachstumsraten, die den ständigen
Stellenabbau auch nur kompensieren könnten, sind völlig
unrealistisch. Menschen, die von Lohn- und Sozialleistungen abhängig
sind, brauchen nichts so nötig wie Geld. Deshalb betteln wir
nicht um Arbeitsplätze. Oder sollen wir - wie Schröder
- uns ein amerikanisches Job-Wunder" wünschen, bei
dem Hunderttausende obdachlos werden, weil sie trotz mehrerer Neben"-Jobs
keine Miete mehr bezahlen können?
Gegen Hartz 4
Was speziell die Agenda 2010 betrifft: Wir werden bekannt machen,
was die SPD und ihre Bündnispartner angerichtet haben und noch alles
planen. Wir werden die Sauereien publik machen, die uns aus Ämtern,
anderen staatlichen Einrichtungen und Unternehmen bekannt werden.
Zu lange schon waren diese Machenschaften das Privat-Problem der
Betroffenen. Aufklärung wird nur ein Teil unserer Öffentlichkeitsarbeit
sein. Wichtig ist nämlich auch, daß endlich laut und deutlich protestiert
wird. Wir werden dafür ganz verschiedene Aktionsformen nutzen und
entwickeln. Das wird uns um so mehr gelingen, je mehr wir werden.
Aktionen sind nicht nur in Eimsbüttel nötig. Die Großdemonstrationen,
die es im November und April in Berlin gegeben hat, liegen schon
viel zu weit zurück. Eine Großdemo in Hamburg ist schon längst überfällig.
Wir sind Teil eines Bündnisses, nämlich des Hamburger Sozialforum.
Sozialforen entstehen und wachsen überall in Europa. Überall wächst
der Widerstand. Beginnen wir damit auch in Eimsbüttel!
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