»Wozu die Anti-Hartz-Demo in Eimsbüttel?«
Interview mit Andreas Schmidt (Sozialforum Eimsbüttel)
- Du hast das Sozialforum Eimsbüttel mit
gegründet. Ihr bezeichnet euch als "Aktivisten".
Was unterscheidet euch von anderen Initiativen?
- Personell erstmal gar nichts. Bei uns machen die gleichen Leute
mit, die man sie auch in anderen politischen oder privaten Zusammenhängen
findet. Bei uns gibt es aber ein ungewöhnlich breites Spektrum
von verschiedenen Ansichten. Angehörige von politischen Gruppen,
die sich anderswo heftig bekämpfen, arbeiten bei uns sehr
effizient zusammen. Das liegt daran, daß sich bei uns alles
aktions-orientiert ist.
Schon unser zweites Treffen wollten wir im Bezirksamt Grindelallee
abhalten. Die Stadtteil-Presse veröffentlichte das vorher.
Und so war die Polizei gleich alarmiert und hinderte uns daran.
Genau so aktionsorientiert machen wir weiter. Alle die mitmachen,
vertreten dabei nur sich - und nicht irgendeinen Verein. Jeder
zerbricht sich seinen eigenen Kopf und steht sich seine eigegen
Füße beim Flugblatt-Verteilen in den Bauch.
- Ihr vertretet Aktivismus pur? Inhaltliche oder
gar theoretische Arbeit ist bei euch nicht angesagt?
- Ganz falsch. Wir haben z.B. damit angefangen, unter uns zu
klären: was ist eigentlich "Volk". Niemand bei
uns will mit der Drecks-Parole "wir sind das Volk" rumrennen.
Wir müssen aber zusammen kären, was wir gegen dieses
Volks-Zeugs argumentativ machen können.
Anderes Beispiel: Wir haben schnell geklärt, daß wir
eigentlich nicht Steuererhöhungen für Reiche, sondern
Wohlstand für alle wollen - ganz grundsätzlich, ohne
Kompromisse, egal wie. Das findet sich konkret in allen unseren
Aktionen wieder.
Wir machen lauter inhaltliche Klärungen, aber eben nicht
als Debattier-Club.
Wir diskutieren, wenn wir für unsere Arbeit die gemeinsame
Klärung brauchen. Demnächst veröffentlichen wir
z.B. ein paar Grundsatz-Statements zum Thema "Volk"
und "Recht auf Arbeit"...
- Zu euren Aktionen: Warum führt ihr eine
Demonstration in Eimsbüttel durch? Gebt ihr die Unterstützung
der Montagsdemos auf?
- Keineswegs. Die Montagsdemos sind eine bundesweite Aktion,
an denen sich auch Hamburg weiter beteiligt. Wir auch. Aber wenn
wir auf der Mönckebergstraße demonstrieren, fällt
es den Medien leicht, die Aktion unter den Teppich zu kehren.
Die Leute bekommen in den Stadtteilen nichts von den Montagsdemos
mit. Wir wollen sie sozusagen dort abholen, wo sie sind.
- Gilt das auch für das Bewußtsein
der Leute?
- Die woll'n wir nicht in einen Topf werfen. In Eimsbüttel
gibt es z.B. jede Menge Alt- und Ex-Linke. Leute die resigniert
sind. Auch sogenannte "Normalos", also Menschen, die
sich noch nie politisch irgendwie betätigt haben. gibt's.
Die kapieren immer mehr, daß es ihnen an die Existenzgrundlagen
geht. Sie sind nicht nur gegen Hartz oder die Privatisierung der
Wasserwerke, sondern haben auch kapiert, woran das alles liegt.
Klar, wir möchten, daß alle diese Leute unsere Demo
mitkriegen und sich auch einreihen.
Aber wir vetreten das, was wir selber im Kopf haben, und kriechen
nicht einer imaginären "schweigenden Mehrheit"
in den Arsch.
- Eure Demo richtet sich nicht einfach gegen die
Agenda 2010 und Hartz IV. Sie richtet sich speziell gegen die
"Hartz-Parteien", also CDU, Grüne, FDP und vor
allem die SPD.
- Allerdings. Da machen wir mal was Neues. Hartz IV wird zwar
allgemein abgelehnt. Aber im öffentlichen Bewußtsein
betrifft "Hartz IV" nur irgendwelche "Langzeitarbeitslose"
im Osten. Das ist ein böser Irrtum, über den wir die
Leute aufklären müssen. Es betrifft Tausende in den
Stadtteilen - mittelfristig übrigens vor allem diejenigen,
die in Lohn und Brot stehen.
Aber es geht noch weiter: Es sind ja nicht nur Schröder,
Clement und Merkel, die Hartz IV mit der Brechstange durchdrücken
wollen. Ihre Unterstützer leben ja unter uns. Den SPD-Mitgliedern
z.B. sagen wir auf einer Zwischenkundgebung vor ihrem Parteibüro:
"Ihr seid als SPD-Mitgieder mit verantwortlich. Tretet also
aus!"
- Als Logo für die Demo habt ihr einen Papierkorb
gewählt, in den zwei Leute symbolisch die Hartz-Parteien
reinwerfen. Ist das nicht populistisch? Rechtsradikale sind ja
auch gegen die etablierten Parteien.
- Rechtsradikale sind für mich erstmal gar kein Maßstab.
Ich war z.B. strikt gegen den Angriffskrieg gegen Jugoslawien.
Viele Nazis waren das auch. Lag ich deswegen falsch?
Aber im Ernst: die Medien, und vor allem die DGB-Führung
diffamieren die Anti-Agenda-Bewegung. SPD-Führer, in und
außerhalb des DGB, versuchen uns das Image anzuhängen,
als wären wir von Rechten durchseucht. Daran stimmt überhaupt
nichts. Bei den Hamburger Montagsdemos ist seit Wochen kein Nazi
in Sichtweite geraten, sozusagen aus gesundheitlichen Gründen.
Und in Eimsbüttel werden sie's erst recht lassen.
Stil und Inhalt unserer Demo ist völlig inkompatibel mit
den Zielen von nationalistischen Typen. Es wird z.B. Beiträge
auf Türkisch geben und einen HipHop-Live-Act. Und wir richten
uns ganz klar gegen eine Politik, die für den Standort Deutschland
Millionen Leute ruiniert - hier und im Ausland.
- Welche Perspektive soll es haben, wenn man gegen
SPD, CDU , Grüne und FDP demonstriert? Soll die "Wahlalternative"
gewählt werden?
- Die interessiert uns überhaupt nicht. Wirklich, sie geht
praktisch allen im Eimsbüttler Sozialforum am Arsch vorbei.
Vielleicht wähle ich die persönlich mal. Eher aber nicht.
Aber ist es wichtig, wo ich als Individuum irgendwannmal ein Kreuzchen
mache?
Wir machen was ganz anderes: Außerparlamentarische Opposition.
Die Perspektive ist klar: wir wollen, daß solche Sauereien
wie Hartz IV nie wieder politisch durchsetzbar sind - ungefähr
so wie ein Atomkraftwerk im Niendorfer Gehege, das ja auch nicht
durchsetzbar wäre.
Kriegen wir eine starke und gleichzeitig radikale Opposition hin,
kann es uns ziemlich egal sein, wer von den Hartz-Parteien gerade
im Rathaus oder im Reichstag regiert. Langfristig ist dann ihr
ganzes politisches und wirtschaftliches System nicht mehr politisch
durchsetzbar.
Das Interview führte Kim Holland (K&D).
|