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Dokumentation (8. Februar 2000)
Maulkorbpolitik und Säuberungswahn
- Über die ideologischen Gründe der Zensur beim FSK -
| 1.
| Politische Motive für Sendeverbote
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| 2.
| R3: Schindluder mit dem Antisemitismusbegriff
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| 2.1.
| Die Psychologisierung von Antisemitismus
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| 2.2.
| Begriff des modernen Antisemitismus
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| 2.3.
| Die Verklärung des Antisemitismus in der BRD
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| 2.4.
| ,,Wertkritik'' - Okkultismus für Irrenärzte der Volkspsyche
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| 2.5.
| Zweck der Quacksalberei: praktischer Antikommunismus
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| 3.
| Einheit durch Säuberungen (»radio le bonheur«)
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| 3.1.
| Tradition verpflichtet
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| 3.2.
| Ganz besondere Kommunisten
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| 3.3.
| Hierarchie als »Ökonomie der Zeit«
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| 3.4.
| »Autoritäre Charaktere« - politische Gegner als Charakterschweine
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| 4.
| Ausblick
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| Anhang: Zensierter Artikel »BRAUN=ROT als Antisemitismustheorie«
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| Anmerkungen |
1. Politische Motive für Sendeverbote
Nach monatelanger Spekulation darüber, was die Leute, die in der ,,Anbieterinnengemeinschaft'' meist die Mehrheit haben, zu ihrer Politik von Sendeverbot und Zensur treibt, liegt nunmehr Material vor, das Licht in das Dunkel bringt. Immerhin wurde das Sendeverbot, das der medienrechtlich Verantwortliche gegen die Antikriegssendungen zunächst erließ, und das nach einer Niederlage in der Anbieterinnengemeinschaft durchgepaukt wurde, bewußt unpolitisch formuliert: Es habe an der ,,schlechten Qualität'' der Sendungen gelegen, ihre Absetzung sei also ganz und gar nicht aus politischen Gründen erfolgt. Auch das gegen Jessica verhängte Sendeverbot hat natürlich ganz und gar unpolitische Gründe: mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit wird ihr und anderen angedichtet - ein mit hämischem Gelächter vorgetragener Zynismus von Leuten, die im gleichen Atemzug erklären, mit einer wie Jessica hätten sie keine Lust zusammenzuarbeiten
[01] .
Die den Freunden der Guten Zeit angetanene Denunziation als Sprachrohr des Antisemitismus lag angeblich nie und nimmer daran, daß deren sonstige politische Standpunkte
[02] entsorgt werden sollten. Und als selbst ein Delegierter von Loretta auf der Anbieterinnengemeinschafts-Sitzung im Dezember '99 die Überzeugung aüßerte, beim Sendeverbot der Freunde der Guten Zeit handele es sich darum, Klassenkampf, also die Kritik an der Klassengesellschaft aus dem Projekt zu verbannen, folgte hämisches Gelächter.
(Diese Politik äußert sich aber nicht nur in derartig drastischen Aktionen, sondern betrifft den Alltag im fsk mit Mobbing - frauen- und ausländerfeindliche Töne gehören dazu -, diffamierenden Comics im Transmitter, die ganz im Stil der alten Maoistensekten verfaßt sind, und einer Vergabe von Sendezeit, bei der Forumradio mit ca. 1/3 der aktiven AnbieterInnen keine 5% Sendezeit bekommt.)
Angesichts dieser politischen Zensur, bei der die denunzierte politische Meinung nie thematisiert wurde, war es immerhin ein Rätsel, wieso der Delegierte der HSB seine Politik für Sendeverbote ausgerechnet damit begründete, beim fsk handelte es sich um ein ,,radikal gesellschaftkritischen Projekt'', bei dem Meinungsvielfalt genauso fehl am Platze sei wie in der katholischen Kirche
[03].
Warum also die Überhöhung dieses armseligen Projekts, dem Anbieterinnen und Hörerinnen in Scharen davonlaufen, in dem einlullende Nachtschleifen bis in den Nachmittag gesendet werden, bei dem die Einhaltung des gedruckten Programms selbst dann Glücksache ist, wenn dort die fünfte Wiederholung einer im vergangenen Jahr gesendeten Sendung angekündigt war, ein Projekt, wo die einen keine Sendezeit, die anderen dafür kein Konzept, aber jede Menge Sendezeit nach dem Prinzip der Günstlingswirtschaft zu vergeben haben, warum also die Überhöhung in ein ,,radikal gesellschaftkritisches Projekt''? Oder anders ausgedrückt: Was haben diese Leute im Kopf? Glauben sie selber, es ginge ihnen darum, Systemkritik zu verbreiten?
Material dazu gibt es z.B. in der »Stellungnahme der Redaktion 3 zu der ,,Antisemitismus-Auseinandersetzung'' im FSK« ebenso wie in einem Pamphlet namens »»Versuch zur Verteidigung der Trottel«« , das von Leuten verfaßt wurde, die sich hinter dem Pseudonym »radio le bonheur« verstecken. Der oberflächliche Vergleich dieser beiden Schriften zeigt, daß sich hinter der Zensur- und Rausschmiß-Politik ganz verschiedene Begründungen zutage treten. Diese Inhomogenität ist typisch für beide Lager im fsk - und das ist auch gut so, denn emanzipierendes Bewußtsein entsteht nur in der offenen Auseinandersetzung und nicht im homogenisierten Milieu. Leider spiegelt sich diese Vielfalt nicht in der AnbieterInnengemeinschaft wieder, denn die Delegierten stimmen keineswegs immer ab im Konsens mit ihren jeweiligen AnbieterInnengruppen und Einzelredaktionen - und das finden wir nicht ganz so gut, denn von der parlamentarischen Demokratie halten wir nicht sehr viel, weil sie für unseren Geschmack zu viel mit Fraktionszwang und Ermächtigung von Führerfiguren zu tun hat. Wie auch immer: unsere Kritik ist eine an den Standpunkten der Papiere von Redaktion 3 (R3) und von »radio le bonheur«. Die von uns kritisierten Auffassungen unterstellen wir also keineswegs allen Leuten, die sich z.B. der Redaktion 3 zugehörig fühlen.
2. R3: Schindluder mit dem Antisemitismusbegriff
Unsere nachfolgend formulierte Kritik am Papier der R3 ist in diesem Sinne keineswegs auf alle Leute gemünzt, die die berüchtigten Ausführungen der ,Freunde' für antisemitisch halten, soweit sich diese Auffassung auf eine halbwegs akzeptable Antisemitismus-Theorie stützt. Uns geht es auch nicht darum, die ,Freunde' zu rehabilitieren, denn das können sie selber, soweit ihnen nicht mit der Absicht zugehört wird, ihnen das Wort im Mund umzudrehen. Daß die Freunde nicht mehr senden, liegt (jedenfalls zur Zeit) nicht daran, daß sie daran gehindert wären, etwa aufgrund des generellen Sendeverbots, das der HSB-Delegierte unbedingt als Exempel statuieren wollte. Dieses unbefristete Sendeverbot hat nicht die erforderliche Mehrheit gefunden - ein sicheres Indiz dafür, daß es über das Thema Antisemitismus im Sender ein breites Meinungsspektrum und Diskussionsbedarf gibt.
An der von der R3 vertretenen Auffassung, was Antisemitismus sei, kritisieren wir auch keineswegs, daß dort die ,Meßlatte' besonders scharf angelegt wäre. Das ist sie nämlich nicht: die immer noch existierende, staatlich praktizierte Sortierung in Juden und Nichtjuden geht nach den Maßstäben des R3-Papiers als harmlos durch. Dagegen würde jeder unter das Verdikt der R3 fallen, der z.B. den Grafen Lambsdorf als eine besonders widerwärtige Personifikation des deutschen Kapitals beschreibt.
Diese ,Meßlatte' halten wir für sehr schädlich, und daß mit ihr den ,Freunden' eins übergebraten wurde, soll sich nicht als Beginn eines großangelegten Säuberungsprozesses herausstellen. Deswegen haben wir uns mit dieser ,Meßlatte' auseinandergesetzt. Viele Argumente aus der »Stellungnahme der Redaktion 3 zu der ,,Antisemitismus-Auseinandersetzung'' im FSK« finden sich auch im Januar-Transmitter im Artikel von Volker Weiß namens ,,Unseliges Angedenken'' (S. 26ff). Dazu haben wir eine Replik beim Transmitter eingereicht
[04] ; sie heißt ,,Braun = Rot als Antisemitismustheorie''.
Daß unsere eingereichte Kritik im Februar-Transmitter nicht abgedruckt wurde, hat uns keineswegs verwundert, denn die »Debatte« war von der »Gruppe aus gegebenem Anlaß« nicht dazu gedacht, daß da verschiedene Positionen vorgetragen und gegeneinander abgewogen werden. Eine öffentliche Diskussion darüber, was Antisemitismus ist und in welchen Formen er auftaucht, ist keineswegs in ihrem Interesse. Denn weil ihre BRAUN = ROT-Theorie sich in der öffentlichen Auseinandersetzung tödlich blamieren würde, taugt sie als Begründung für Zensur nur dann, wenn Kritik an ihrer Theorie selbst der FSK-internen Zensur anheimfällt. Wie auch immer: die Tour der R3 mit dem Thema Antisemitismus Schindluder zu treiben, verdient eine ausführlichere Abreibung als naturgemäß kurzgefaßte Artikel, die sich an eine breite Öffentlichkeit wenden.
2.1. Die Psychologisierung von Antisemitismus
Für die Redaktion 3 war der gegen die F.d.G.Z. verhängte Maulkorb der Auftakt für eine »radioweite inhaltliche - auch selbstreflektive - Diskussion über die Zusammenhänge von Antikapitalismus und Antisemitismus«. Schon dieser Zusammenhang zeigt, daß der R3-Standpunkt gar nicht zur Debatte steht, sondern soweit gediehen ist, daß er zwar nach eigenen Angaben sich auf »keine fertige Analyse« stützt, sich aber um so mehr zu Sendeverboten
[05] berechtigt sieht. Zu Zensierendes entdecken sie an den F.d.G.Z. bereits im März '99, also lange vor ihrem Beitrag zu Ignatz Bubis, und zwar in einer Gesellschaftsanalyse,
,,die unter »Kapital« in der Hauptsache konkrete Kapitalisten versteht und eine widerspruchsfreie »oben-unten-Unterscheidung« zwischen den herrschenden Kapitalisten auf der einen Seite und den »verblendeten Proletariern«
[06] auf der anderen Seite ausmacht und antisemitischen Denkmustern nicht zufällig, sondern strukturell ist.'' (R3)
Ähnlich wie Volker Weiß gelingt ihnen nur durch gründliche Verdrehung der Beweis, die Feindschaft gegen Kapitalisten wäre ,,strukturell'' das gleiche wie gegen ,Juden'. Antisemitismus ist für Sie eben nicht ausschließlich eine
,,bewußt politische Einstellung oder Weltanschauung'',
sondern kann auch im ,Unbewußten' hausen. Mit dieser Psychologisierung gelingt es den R3-Autoren, den Antisemitismus erstmal zu entpolitisieren
[07] . Um den politischen Standpunkt eines Menschen braucht man sich nicht zu kümmern. Egal was er denkt, in jedem Menschen kann das Schreckliche schlummern. Der Gegenstand, eine eiskalt kalkulierte Politik des millionenfachen Abschlachtens wird ins nebelige Reich des Unterbewußten verfrachtet. Dort kann er dann vom Fachmann nach Belieben entdeckt werden, nach der Manier eines Irrenarztes, dem es gelingt, jede nur mögliche Reaktion seines Patienten als Beweis für dessen Schizophrenie zu werten.
Überhaupt sei die Auffassung, daß jemand, der keine ,,>antisemitische Intention< bei sich verspüre'' wohl auch kein Antisemit sei, eine bloße Ausflucht, die ,,den Freunden der Guten Zeit'' ein Schlupfloch frei läßt, sich vor der ,,eigentlich wichtigen Selbstkritik''
[08] zu drücken. Strafverschärfend tritt nach der Auffassung der R3 noch hinzu, daß den F.d.G.Z. aufgefallen war, daß es sich bei dem Denunziationsverfahren um eine ,,Projektion'' handelte, was die Autoren der R3 mit folgender dummfeisten Behauptung widerlegen wollen:
,,Bei der Kritik an der Sendung der Freunde der guten Zeit ging es unserer Ansicht nach gerade nicht darum, irgendeinen unbewußten Antisemitismus festzustellen, sondern aufzuzeigen, in welcher Tradition sich bestimmte Formulierungen befinden, welche Deutungen und Handlungen in ihnen bereits strukturell angelegt sind.'' (R3)
Den unbewußten Antisemitismus spüren sie ja gerade nicht dadurch auf, daß sie die Patienten auf die Psychologencouch verfrachten, sondern durch Analyse von ,,bestimmten Formulierungen'', die sie in eine bestimmte ,,Tradition'' stellen. Es geht ihnen darum, den gebrauchten Sätzen ,,strukturell'' nicht nur ,,Deutungen'', sondern auch noch ,,Handlungen'' unterzuschieben. Welche ,,Handlungen''? Antisemitische? Düstere Andeutungen reichen, um hinter den ,,bestimmten Formulierungen'' den im Unbewußten liegenden Dämon nachzuweisen, den es zu exorzieren gilt.
Um so genauer wissen sie, Antisemitismus gibt es nicht
,,nur als völkische, nationalistische oder sonstige Ideologie, die sich als solche explizit zu erkennen gibt''
[09] ,
was ungefähr soviel sagt: Wer den ,an sich gesunden Volkskörper' durch ,fremdrassige Parasiten' gefährdet sieht - das ist Antisemitismus - muß noch lange nicht erkennbar rassistisch oder nationalistisch denken. Offensichtlicher Rassismus und Nationalismus soll gar kein Merkmal des Antisemitismus sein, womit eine idiotische Definition geliefert wird, die jedem Nationalisten und Rassisten
[10] , dem die Distanzierung von Auschwitz opportun erscheint, so recht in den Kram paßt: Was für ein Triumph, wenn im antifaschistischen und antirassistischen Lager immer neue Fälle von Antisemitismus entlarvt und exorziert werden! Welche Erleichterung für bekennende Nazis, wenn sich der Verdacht des geplanten Massenmords sich nicht mehr speziell gegen sie richtet, sondern gegen alle Leute, egal ob sie an eine spezielle Ideologie glauben, oder überhaupt nichts von Ideologie halten. Bei allen
[11] , die sich irgendwie äußern, kann von unseren Exorzisten ein (unbewußter) Antisemitismus zu Tage gefördert werden!
Nicht rassistisch denkenden Leuten, die ja nicht an eine ,jüdische Rasse' oder ein ,jüdisches Volk' glauben, unterzuschieben, daß sie etwas gegen ,die Juden' hätten,
[12] das ist schon eine demagogische Meisterleistung!
Wie die theoretische Begründung für derartige Scharlatanerie aussieht, untersuchen wir unten. Klar ist: eine politische Befassung mit dem Antisemitismus, der von 1933 bis 1945 mörderisches Staatsprogramm war, kommt für unsere Irrenärzte nicht in Frage. Sonst wäre ihnen womöglich aufgefallen welchen sehr bewußten Fanatismus für einen starken Staat die antisemitschen regierenden Nationalisten jener Jahre hatten und schon darin leicht identifizierbar waren.
2.2. Begriff des modernen Antisemitismus
Als wäre Auschwitz im Mittelalter geschehen, befassen sie sich nicht mit dem Faschismus sondern finden ihre Belege in grauer Vorzeit:
,,Müssen wir daran erinnern, daß die Juden (als ,Rasse' [!!!], und nicht etwa als Vertreterinnen jüdischen Glaubens) seit Jahrhunderten [!] als Personifikation der Geldwirtschaft und später dann des Kapitalismus
[13] angesehen wurden?''
Eine komplette Lüge. Als Rasse wurden sie in jenen ,,Jahrhunderten'' nicht definiert, und der Ariernachweis wurde auch nicht im Mittelalter eingeführt, weil man damals noch gar nicht in Kategorien wie ,Rasse' dachte. Als eine ,,Personifikation der Geldwirtschaft'' mögen sie ja angesehen worden sein, und es mag ja sein, daß die alberne Ansicht, es handelte sich bei den Juden um ein eigenes Volk
[14] , von einigen Nicht-Juden schon damals geteilt wurde. Die gesellschaftliche Praxis war das schon deswegen nicht, weil im vorbürgerlichen Staat die Frage der Volkszugehörigkeit
[15] keine Rolle spielte, sondern die Leute erstens nach ihrer Religion
[16] und zweitens nach ihrem Stand sortiert wurden.
Tatsächlich waren die Juden ein besonderes Glied in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft und haben sich nicht trotz, sondern durch die Geschichte
[17] erhalten - Progrome
[18] waren nur ein kleiner Teil der gesellschaftlichen Realität. Die sich im Umbruch befindliche Gesellschaft hat den Juden fortwährend erzeugt, weil sie auf die speziellen Dienste von Leuten angewiesen war, die sich um etwas zu kümmern hatten, was an sich explizit nicht Zweck von Staat und Gesellschaft zu sein hatte, nämlich die Konzentration von Geld. Der Stand der Geldwirtschaft wurde deswegen als religiös definierte Gemeinschaft reproduziert, weil die Staatsform eine von Gottes Gnaden war, deren christliche Gesetze den Ständen Selbstaufopferung auferlegten und darin die konträren Interessen zusammenhielt. Die Geldwirtschaft bekam als notwendige Ausnahme Privilegien, welche die Christen nicht hatten. Diese Ausnahme wurde als Religionsgemeinschaft geduldet, die sich von der christlichen nur darin unterschied, daß in ihrer Bibel zwar das Gebot der Nächstenliebe
[19] , nicht aber die Bergpredigt zu finden war. Die Absonderung des Juden von den übrigen Untertanen wurde nicht nur gestattet, sondern war durchaus erwünscht, damit diese religiös definierte Kaste als separates Glied der spätfeudalistischen Gesellschaft funktionierte. Deshalb hatten Juden im deutschen Reich nicht nur Privilegien
[20] , sondern mußten auch auf Rechte verzichten, die christlichen Ständen gewährt wurden und hatten meist in Gettos zu leben.
Wohlgemerkt: als Rasse wurden sie damals nicht behandelt, sondern erfüllten ihre mißtrauisch beäugte Funktion - die um sich greifende Geldwirtschaft stand durchaus im Interessensgegensatz zu anderen Ständen - als unentbehrliche Kaste. Bei den Progromen - und deswegen waren sie für die Opfer nicht weniger tödlich - wurden sie als barbarische Ketzer
[21] verfolgt.
Bis die Juden zur ,Rasse' erklärt und verfolgt wurden, mußte nicht nur ein gründlicher gesellschaftlicher Umbruch - die ökonomische Durchsetzung des Bürgertums -, sondern vor allem ein politischer Umbruch passieren: Die staatsbürgerliche, die politische Emanzipation, die Entstehung des bürgerlichen Staates. Damit fielen für die Juden die Privilegien weg. Was vorher typisch ,jüdisch' war - Wucher und Schacher - wurde zur Lebensaufgabe der überkonfessionellen bürgerlichen Klasse - nun staatlich geförderte Vermehrung von Privateigentum durch Geld- und Warengeschäfte
[22]; und Religion wurde zur Privatangelegenheit der Staatsbürger.
Nun fragt es sich an dieser Stelle, wieso die Geschichte für die europäischen Juden so katastrophal ausging. Ihre Religion wurde doch ihre Privatangelegenheit und ihre vormals nur als verdächtige Ausnahme gestattete Revenue Prinzip der staatlichen Wirtschaftspolitik. Welches ,Integrationsproblem' gab es denn da?
Es lag wieder am Konstruktionsfehler der - diesmal bürgerlichen - Gesellschaft: zuallererst hat jeder ein guter Staatsbürger
[23] zu sein, und ob er das vielleicht gar nicht ist, dafür liefert die Privatangelegenheit
[24] Religion
[25] genügend Verdachtsmomente. Hindern die Vorschriften der Religion die Leute womöglich daran, die Vorschriften des Staates einzuhalten
[26] ? Oder kommt womöglich bei der staatlich erwünschten religiösen Moralerziehung sogar die falsche Gesinnung heraus? Speziell bei den Juden: fördert ihre Religion womöglich das Gegenteil des staatlich erwünschten Gemeinsinns, ja bringen sie überhaupt die erforderliche, dem Christen anerzogene Toleranz auf, um anderen die Menschenrechte zuzugestehen? Falls nicht, dürften sie selber ja nicht in deren Genuß kommen!
[27]
[28] Solche Verdachtsmomente richten sich freilich nicht nur gegen gläubige Juden, sondern betreffen generell das Verhältnis zwischen religiösen Menschen
[29] und dem bürgerlichen Staat
[30] Andererseits fallen weltlich orientierte Juden, die es mit ihrer Religion etwa so halten, wie die Mehrheit der Christen, die sich allenfalls zu Weihnachten in der Gemeinde sehen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, kaum unter einen solchen Verdacht.
Die Judenverfolgung des 20. Jahrhunderts basiert tatsächlich auf einem anderen Prinzip, nämlich dem, daß da Leuten ganz unabhängig von ihrer Stellung zur Religion etwas als Eigenschaft ihrer ,,Rasse'' angehängt wird. Dafür waren freilich noch andere Konstruktionsfehler der Staatsbürgerlichkeit nötig. Z.B. der des Ausländers, der keine Bürgerrechte genießen kann, weil er diese schon anderswo hat und sowieso Untertan einer potentiell feindlichen Macht ist
[31] . Vor allem kannte die - ja stets kolonisierende - bürgerliche Staatsgewalt eine Sorte von Ausländern, die für die gleichberechtigte Teilhabe an der bürgerlichen Gesellschaft weder fähig, willens, noch dafür vorgesehen waren, weswegen die Geltung der Menschenrechte für die ,Wilden' in Amerika, Afrika, Asien und Australien lange Zeit selbst von eifrigsten Propagandisten der »naturgegebenen« Menschenrechte nicht ernsthaft in Betracht gezogen wurde, sondern zu philosophischen Spekulationen z.B. über die »Natur« des ,Negers'
[32] Anlaß gab.
Damit war das Vorbild in die Welt gesetzt, das den praktischen und theoretischen Ausgangspunkt für die Nazi-Idee lieferte, einen Teil der eigenen Gesellschaft als feindliche minderwertige ,Rasse' auszurotten: Nationalismus und sein siamesischer Zwilling, der Rassismus
[33] .
Diese Voraussetzung traf freilich auf alle bürgerlichen Staaten zu. Die deutsche Besonderheit ergab sich aus der Niederlage des 1. Weltkriegs, die für deutsche Nationalisten mehr als genug Gründe zur Unzufriedenheit lieferte.
Dabei hatte die Sache für den Nationalismus doch so gut angefangen. Gegen den Krieg hatte es anfänglich kaum nennenswerte Stimmen gegeben. Die Führung der straff organisierten SPD, und das war die einzig relevante Opposition der Kaiserzeit, hatte sich schon gleich zur Kollaboration entschlossen und den Marschbefehl in die Schützengräben mit unterschrieben. Es herrschte Hurra-Patriotismus mit dem ihm stets immanenten Rassismus: »Serbien muß sterbien« , »jeder Stoß ein Franzos« etc. . Das für bürgerliche Staaten unerläßliche Pflichtbewußtsein, die zur Moral verinnerlichte Vaterlandsliebe ließ es an Helden, die »fürs Vaterland ihr Leben gaben« nicht mangeln - bekanntlich konfessionsübergreifend. Die Frage, wofür all die »geliebten Söhne der Nation« elendiglich verreckt oder verkrüppelt waren, wurde jedoch von den Alliierten sehr unerwünscht beantwortet. Im September 1918 sah die Armeeführung, daß ihr zur Kapitulation keine Alternative blieb. Die Massenmörder, die jahrelang die Devise ausgegeben hatten, daß ein anständiger Deutscher eher stirbt, als die Sache des Vaterlands aufzugeben, diese Armeeführung sah sich mit der Notwendigkeit der Kapitilulation konfrontiert. Denn es war absehbar, daß die Moral der meisten deutschen Soldaten den Zusammenbruch der Armee nicht überstehen würde. Das Dilemma, zum Zusammenhalt der Armee kapitulieren zu müssen, aber aus Gründen der von den Soldaten verlangten Moral die Kapitulation nicht selber unterschreiben zu können, löste die Armeeführung unter Ludendorff mit einem Manöver, das in allen Militärdiktaturen gang und gäbe ist: Scheindemokratie
[34]. Ein SPD-dominiertes Kabinett durfte zum Schein die Staatsgeschäfte übernehmen und hatte jene Kapitulation anzubieten, die so ganz und gar gegen die »Ehre« der Kriegsherren ging. So wurde eine Dolchstoßlegende inszeniert, gemäß derer es eben nicht der Nationalismus der Kriegsherren und ihrer Mitläufer war, der alles versaut hatte, sondern »Verrat an der Nation«.
»Verrat an der Nation« war es dann auch, als die Matrosen gegen Kamikaze-Großangriff auf die Englische Flotte revoltierten, der die Kapitulationsverhandlungen der Scheinregierung beenden sollte. Denn bei denen zeichnete sich ab, daß die Militärdiktatur in Deutschland beendet würde. »Verrat an der Nation« war es nach dieser Logik auch, daß die Revolution, die die Macht der sozialdemokratischen Regierung zunächst nur festigen sollte, die Kontrolle des Militärs über den Staatsapparat hinwegfegte. Irgendwie war es sogar »Verrat an der Nation«, daß die Nationalen auf die SPD-Regierung angewiesen blieben, weil die Arbeitermacht nur durch Eberts tatsächlichen Verrat an der Arbeiterklasse zerschlagen werden konnte.
»Verrat an der Nation« war dann auch der Frieden von Versailles: Die Neuordnung Europas und der Kolonialreiche, die neue Weltordnung
[35] war keineswegs nach den deutschen Plänen verlaufen. Statt des geplanten Zuwachses deutsch kontrollierter Territorien, waren nicht nur die Kolonien futsch, sondern auch Teile des Kernreichs.
Der für die Kapitalistenwirtschaft unerläßliche freie Zugang zum Weltmarkt war verschlossen, die Staatsfinanzen ebenso wie die Währung wegen der Reparationszahlungen dauerhaft ruiniert. Und im inneren war soeben eine Revolution niedergeschlagen worden, ohne daß damit der Kommunismus - der gerade in Rußland gesiegt hatte - eliminiert gewesen wäre. Deswegen brauchte man die »Septemberverbrecher« der SPD-Führung als kleineres Übel gegenüber den Kommunisten auch weiterhin. Dieser SPD-Führung um Ebert und den Faschisten Noske gelang aber doch eine Sauerei, die ihnen die Nazis freilich nie gedankt haben: das Ausheben einer Truppe aus lupenreinen Faschisten, den Freicorps. In diesen Kreisen war die Suche nach den Schuldigen für den »Zusammenbruch«
[36] , der der Grund für die Kriegsniederlage gewesen sein soll, schnell erledigt. Die Vollstrecker der von Ebert/Noske angeordneten Ermordung von Karl und Rosa waren bereits samt und sonders Antisemiten, die hinter allem - Kriegsniederlage, »Schandfrieden«, Revolution - eine dunkle Macht sahen, die gnadenlos zu bekämpfen sei.
Eben das war die besondere historische Situation, die speziell in Deutschland aus Nationalismus und Rassismus, aus ein paar religiös motivierten Greuelmärchen über ,die Juden', und vor allem aus Klassenhaß gegen revoltierende Arbeiter etwas drechselten, was tatsächlich eine spezifische Entwicklung des deutschen Rassismus war: der Plan der Massenvernichtung.
Ein besonderer »deutscher Volkscharakter« - die revolutionären Massen von 1918/19 hatten ja nicht gerade durch völkische Gesinnung geglänzt! - war dafür weniger nötig, sondern sollte erst anerzogen werden. Der Erziehungsplan, der da verfolgt wurde, war freilich schon 1925 einem breiten Publikum zugänglich gemacht worden, freilich ohne von seinen Gegnern richtig gelesen worden zu sein
[37] . Erziehungsziele laut »Mein Kampf« [369ff]
- Nr. 1:»die breiten Massen wieder dem Volkstume zu schenken« , überhaupt den »deutschen Arbeiter wieder dem deutschen Volke geben«, wobei »wirtschaftliche Opfer bei dieser Frage überhaupt keine Rolle spielen, solange nicht die Erhaltung und Unabhängigkeit der nationalen Wirtschaft durch sie bedroht wird«.
- Ziel Nr. 2. Eine »soziale Hebung«, die dem »einzelnen gestattet, auch an den kulturellen Gütern der Nation teilzunehmen« - das nennt sich heute Politik gegen die kulturelle Ausgrenzung, der scheinbar auch Linke etwas abgewinnen können.
- Dann Erziehungsziel Nr. 3: Die »rücksichtslose, fanatisch einseitige Einstellung auf das nun einmal zu erstrebende Ziel«, denn der fanatische Nationalismus »geht nur mit der ganzen Vehemenz, die dem Extrem innewohnt« und kann Logik nicht brauchen.
- Dann erst ging Punkt 4.: Es gilt für die »Gewinnung der Seele des Volkes«, nicht nur »den positiven Kampf für die eigenen Ziele« führen, sondern es ist nötig, daß man »den Gegner dieser Ziele vernichtet«. Denn: »das Volk«, wenn erstmal der nationale Wahn nach 1. - 3. gegen jedes Klassenbewußtsein durchgesetzt ist, »sieht zu allen Zeiten im rücksichtslosen Angriff auf einen Widersacher den Beweis seines eigenen Rechts, und es empfindet den Verzicht auf die Vernichtung des Gegners als Unsicherheit in bezug auf das eigene Recht«, wobei klar ist, wer da als erstes niedergemetzelt werden muß: »Die Nationalisierung unserer Masse wird nur gelingen, wenn [...] ihre Vergifter ausgerottet werden.« Und nach Erledigung der Kommunisten steht
- 5. die »klarste Erkenntnis des Rassenproblems und damit die Judenfrage« auf dem Volkserziehungsplan, der nach der unter Punkt 4 gekennzeichneten Methode durchgeführt wird. Das alles war, nach Hitler, notwendig, bis die NSDAP die ,,spontane Volkserhebung'' gegen die Juden beginnen konnte.
Die Charakterisierung der Juden hatte indes mit dem mittelalterlichen Judenhass herzlich wenig, mit Antikapitalismus nicht das geringste zu tun. Wie fanatische Nationalisten auf die Idee kamen, um wen es sich bei ,den Juden' handelte, läßt sich bei Hitler nachlesen: (Den LeserInnen wollen wir an dieser Stelle ein längere Zitate nicht ersparen, weil der Übergang vom Nationalismus zum Antisemitismus, ähnlich wie hier geschildert, millionenfach nachvollzogen wurde.)
»Es ist für mich heute schwer, wenn nicht unmöglich, zu sagen, wann mir zum ersten Mal das Wort "Jude" Anlaß zu besonderen Gedanken gab. Im väterlichen Hause erinnere ich mich überhaupt nicht, zu Lebzeiten des Vaters das Wort auch nur gehört zu haben.« (Mein Kampf, S. 54) ... »Erst in meinem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre stieß ich öfters auf das Wort Jude, zum Teil im Zusammenhange mit politischen Gesprächen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte mich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle Stänkereien vor mir ausgetragen wurden. [...] Linz besaß nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Äußeres europäisiert und war menschlich geworden; ja ich hielt sie sogar für Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig klar, weil ich das einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daß sie deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, ließ manchmal meine Abneigung gegenüber ungünstigen Äußerungen über sie fast zum Abscheu werden.« (Mein Kampf, S. 55)
Zweifellos eine Ausgeburt an Rassismus: »europäisiert und war menschlich geworden«, wonach es außer Europäern (der »Deutsche« das höchste menschliche Wesen) für ihn keine Menschen gab. Aber: Auf eine in seinem rassistischen »Vaterhause« vorhandene antisemitische »Erfahrung« beruft sich Hitler nicht. Von einem allseits verbreiteten gesunden Volksempfinden gegen die Juden weiß er allerdings nichts zu berichten:
»Noch sah ich im Juden nur die Konfession und hielt deshalb aus Gründen menschlicher Toleranz die Ablehnung religiöser Bekämpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien mir der Ton, vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwürdig der kulturellen Überlieferung eines großen Volkes. Mich bedrückte die Erinnerung an gewisse Vorgänge des Mittelalters, die ich nicht gerne wiederholt sehen wollte.« (Mein Kampf, S. 56)
Diese blutigen »gewissen Vorgänge des Mittelalters«, die er und seine Anhänger in jeder Beziehung übertreffen sollte, wollte er »nicht gerne wiederholt sehen«, weil er sie für die Verfolgung von Deutschen und noch dazu aus religiösen Gründen hielt. Das änderte sich, als er sich zu einer Rassistenpartei gesellte, die für ihn zunächst nicht nachvollziehbare antisemitische Hetze verbreitete:
»Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung überhaupt. Sie hat mir die meisten inneren seelischen Kämpfe gekostet, und erst nach monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefühl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre später war das Gefühl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester Wächter
[38] und Warner zu sein. In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht mehr wie in den ersten Tagen blind durch die mächtige Stadt wandelte, sondern mir offenem Auge außer den Bauten auch die Menschen besah. Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kastan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung: Ist dies auch ein Deutscher?« (Mein Kampf, S. 59)
Nur reichen solche rassistischen Studien menschlicher Physiognomie zwar aus, um ,fremdrassige' Leute zu entdecken. Das Ergebnis, daß Juden häufig von Deutschen abweichende körperliche Merkmale hätten, beweist aber selbst für ein rassistisches Subjekt, wie es Hitler damals war, noch lange keinen ,Rassencharakter'.
»Ich wurde dann wieder rückfällig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus. Die Sache schien mir so ungeheuerlich, die Bezichtigung so maßlos zu sein, daß ich gequält von der Furcht, Unrecht zu tun, wieder ängstlich und unsicher wurde. Freilich daran, daß es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession handelte, sondern um ein Volk für sich, konnte auch ich nicht mehr gut zweifeln« (Mein Kampf, S. 60)
Mit der Feststellung, es handelte sich »nicht um Deutsche einer besonderen Konfession«, sondern um »um ein Volk für sich«, waren sie für ihn schon eigentlich schon zum Abschuß freigegeben. Einen Beleg für dieses schon feststehende Urteil fand der Rassist ausgerechnet darin, daß eine keineswegs bedeutende Minderheit unter den Juden den beim Rest nicht ganz ernst genommenen Plan verfolgte, einen Nationalstaat jüdischen Glaubens zu errichten, etwa so wie diverse christliche Sekten vorher in Amerika, nur eben in Palästina:
»Eine große Bewegung unter ihnen, die in Wien nicht wenig umfangreich war, trat auf das schärfste für die Bestätigung des völkischen Charakters der Judenschaft ein: der Zionismus. Wohl hatte es den Anschein, als ob nur ein Teil der Juden diese Stellungnahme billigen würde, die große Mehrheit aber eine solche Festlegung verurteile
[39] , ja innerlich ablehne. Bei näherem Hinsehen zerflatterte aber dieser Anschein in einen üblen Dunst von aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen vorgebrachten Ausreden, um nicht zu sagen Lügen. Denn das sogenannte Judentum liberaler Denkart lehnte ja die Zionisten nicht als Nichtjuden ab
[40] , sondern nur als Juden von einem unpraktischen, ja vielleicht sogar gefährlichen öffentlichen Bekenntnis zu ihrem Judentum. An ihrer inneren Zusammengehörigkeit änderte sich gar nichts.« (Mein Kampf, S. 64)
Letzterer ,Beweis' ist nur noch paranoides Produkt eines fanatisierten Hirns, dessen Verstand seinem Gefühl folgt. Ebenso steht es mit den Entdeckungen, daß an allen möglichen gesellschaftlichen Zuständen, bei denen der fanatisierte Staatsbürger staatsfeindlichen Egoismus entdeckt, immer diese eine ,Rasse' verantwortlich sei:
»Das Verhältnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum Mädchenhandel selber konnte man in Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen westeuropäischen Stadt« (ebenda, S. 63) »Wie ich aber so in allen Richtungen des kulturellen und künstlerischen Lebens [...] nach dem Juden suchen lernte, stieß ich plötzlich an einer Stelle auf ihn, an der ich ihn am wenigsten vermutet hätte. Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluß«. (ebenda, S. 64) ... »die Partei [...] lag in ihrer Führung fast ausschließlich in den Händen eines fremden Volkes; denn daß der Jude kein Deutscher war, wußte ich zu meiner inneren glücklichen Zufriedenheit schon endgültig« (ebenda, S. 66)
Was auch immer sein Staatsbürgerhirn haßt, er kann es nun als Nicht-Deutsch ohne jeden Skrupel ausrotten. Hinter allem, was sein Nationalistenhirn verabscheut, entdeckt er den Vernichtungswillen eines geheimen völkischen Judentums gegen die Deutsche Nation - sozusagen als ,Projektion' seines eigenen völkischen Vernichtungswahns:
»Ich sah dann [im Marxismus] eine Lehre vor mir, bestehend aus Egoismus und Haß, die nach mathematischen Gesetzen zu Siege führen kann, der Menschheit aber damit auch das Ende bringen muß. Ich hatte ja unterdessen den Zusammenhang zwischen dieser Lehre der Zerstörung und dem Wesen eines Volkes verstehen gelernt, das mir bis dahin so gut wie unbekannt war. Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie. Wer diese Volk kennt, dem sinken die Schleier irriger Vorstellungen über Ziel und Sinn dieser Partei vom Auge, und aus dem Dunst und Nebel sozialer Phrasen erhebt sich grinsend die Fratze des Marxismus.« (ebenda, S. 54)
Das Ganze nimmt in seinem Hirn gar den Wahn von einem jüdischen Plan zur Vernichtung der Menschheit an. Wie man mit dem Hinweis, der Feind habe es auf Vergewaltigung abgesehen, zum Massenmord aufruft, ist keine Erfindung der NATO-Propaganda:
»Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blute schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt. [...] So wie er selber planmäßig Frauen und Mädchen verdirbt, so schreckt er auch nicht davor zurück, selbst im größeren Umfange die Blutschranken für andere einzureißen. Juden waren es und sind es, die den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Ziele [...], die ihnen verhaßte weiße Rasse zu zerstören [...] und selber zu ihren Herren aufzusteigen. [...] Politisch aber beginnt er, den Gedanken der Demokratie abzulösen durch den der Diktatur des Proletariats. In der organisierten Masse des Marxismus hat er die Waffe gefunden, die [...] Völker diktatorisch mit brutaler Faust zu unterjochen und zu regieren. [...] Völker, die dem Angriff von innen zu heftigen Widerstand entgegensetzen, [....hetzt er] in Kriege und pflanzt endlich, wenn nötig, noch auf die Schlachtfelder die Flagge der Revolution. Wirtschaftlich erschüttert er die Staaten so lange, bis die unrentabel gewordenen sozialen Betriebe [...] seiner Finanzkontrolle unterstellt werden. [...] Nun beginnt die große, letzte Revolution. Indem der Jude die politische Macht erringt, wirft er die wenigen Hüllen, die er noch trägt, von sich. Aus dem demokratischen Volksjuden wird der Blutjude und Völkertyrann [...] und macht die Völker, indem er sie ihrer natürlichen geistigen Führung beraubt, reif zum Sklavenlos einer dauernden Unterjochung. Das furchtbarste Beispiel dieser Art bietet Rußland, wo er an dreißig Millionen Menschen in wahrhaft fanatischer Wildheit teilweise unter unmenschlichen Qualen tötete oder verhungern ließ, um einem Haufen jüdischer Literaten und Börsenbanditen die Herrschaft über ein großes Volk zu sichern. Das Ende aber ist nicht nur das Ende der Freiheit der vom Juden unterdrückten Völker, sondern auch das Ende dieses Völkerparasiten selber. Nach dem Tod des Opfers stirbt auch früher oder später der Vampir.« (Mein Kampf, S. 357)
Das ist bereits der Auftrag zum Massenmord an die Politik, begründet mit dem unbedingten Recht, die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren. Und daß es sich bei den Ausführungen um geistigen Dünnschiss handelt, ändert nichts an der Tatsache, daß er geglaubt und in die Tat umgesetzt wurde. Fragt sich nur: Von wem?
Erstens muß es sich um Leute handeln, die keineswegs ihren individuellen oder Klassenstandpunkt verfolgen und sich fragen, wieso sie welche Probleme haben, sondern um Typen, die sich umstandslos auf den Standpunkt der Staatsgewalt stellen.
Zweitens muß die Gleichsetzung der zwischen Staat und seinen Insassen als »Rasse« im Kopf schon gelaufen sein. Nur wo Rassismus derartig verinnerlicht ist, leuchtet der Gedanke ein, daß sich in der Welt alles um die »Reinheit der Rasse« dreht, deren Zerstörung vom Feind geplant ist. Auf ihre »Rasse« sind dann Arier und Nichtarier reduziert, um ihr individuelles Schicksal geht es sowieso nicht: Innerhalb des Satzes, wo Hitler die Vergewaltigung genüßlich vorführt, benennt er als das Opfer der Vergewaltigung die »Rasse«, während die tatsächlich Vergewaltigte aus der »Rasse« herausfällt und »verdorben« ist. Der logische Widerspruch, ,die Juden' wollten einerseits »die ihnen verhaßte weiße Rasse zerstören«, dann auf einmal »zu ihren Herren aufsteigen«, wo sie doch gerade zerstört wurde, ist für einen Rassisten keiner: nicht als Untertan eines reinrassigen Staates leben zu können, ist für Rassisten die »Zerstörung« - gerade auch dann, wenn die Bevölkerung ohne Staat und »Rasse« vergnüglich weiterleben und gar mit dem »Neger an den Rhein bringen« nicht das geringste Problem haben
[41] könnte. Wer sollte etwas dagegen haben, den »Gedanken der Demokratie abzulösen durch den der Diktatur des Proletariats«, wenn nicht die Klasse, der das Proletariat ein üppiges, sicheres Einkommen verschafft oder den nationalistischen Proletariern, die sich ein Leben außerhalb der »Volksgemeinschaft« mit pflichtbewußten »Arbeitgebern« nicht vorstellen können?
Was soll daran schlecht sein, wenn »auf die Schlachtfelder die Flagge der Revolution« gepflanzt wird, um ein für allemal jeder (National-) Staatlichkeit ein Ende zu machen und den Krieg in die Rumpelkammer der Geschichte zu verbannen? Freilich, für Rassisten, die im Krieg das »freie Spiel der Kräfte« sehen, das »zu einer dauernden gegenseitigen Höherzüchtung führen muß, bis endlich dem besten Menschentum, durch den erworbenen Besitz dieser Erde, freie Bahn gegeben wird« (Mein Kampf, S. 422), ist die Vorstellung der nackte Horror, eine kommunistische Internationale könnte den ständigen Kriegen den Garaus machen.
Hinter all solchen, dem Rassismus entgegenstehenden Bestrebungen vermag der Rassist nichts als die Sorte Pläne zu entdecken, die er selber verfolgt, nur eben zur »Vernichtung der Menschheit«, während er seine Herrenrasse zum Wohle der Menscheit über Leichen gehen läßt. Das »Sklavenlos einer dauernden Unterjochung« haben die Nazis, und nicht etwa der verhaßte Bolschewismus für die EinwohnerInnen Osteuropas geplant. Der Nationalsozialistische Staat war es, der »Millionen Menschen in wahrhaft fanatischer Wildheit teilweise unter unmenschlichen Qualen tötete oder verhungern ließ«. Dazu nehmen sie sich das Recht heraus, weil es ihnen ja nicht darum ging »einem Haufen jüdischer Literaten und Börsenbanditen die Herrschaft über ein großes Volk zu sichern«, sondern dem Volk der Herrenmenschen.
Auf den Begriff gebracht: was da rassistisches Denken als jüdische Weltverschwörungstheorie hervorgebracht hat, war 1. die Erfindung einer Rasse, die für alles verantwortlich ist, was einem nationalistischen Hirn nicht paßt und 2. einen menschheitszerstörenden rassistischen Plan verfolgt, der nur durch brutalste Gewalt vereitelt werden kann. Das, und nichts anderes ist der moderne Antisemitismus und war der Grund für Auschwitz.
Darauf, daß die Massenvernichtung der Juden in der deutschen Volksseele gelauert hätte, wie manche moderne Antisemitismustheoretiker nachweisen wollen, haben sich die Nazis nicht verlassen können. Verlassen konnten sie sich aber darauf, daß die willigen Untertanen der bürgerlichen Demokratie
[42] gegen den antisemitischen »Weg zur Rettung unseres Volkes« (Mein Kampf 106) nicht allzu viele Antipathien aufbringen würden, sich auf ihr privates Zurechtkommen konzentrieren, sich also auch für den NS-Staat nützlich machen würden. Sie konnten sich darauf verlassen, daß das pflichtbewußte Personal des Staatsapparates auch nach dessen Umwandlung in einen Apparat zum millonenfachen Mord treu seine Pflicht tun würde. Und sie konnten sich darauf verlassen, daß die soldatischen Tugenden genug willige Vollstrecker hervorbringen würden, wenn erst ,der Jude' als existentielle Bedrohung der Nation
[43] imaginiert würde.
2.3. Die Verklärung des Antisemitismus in der BRD
Auf die Idee, daß die feudalistische, religiöse Judenverfolgung mit der ganz und gar nicht religiös begründeten Vernichtung der ,jüdischen Rasse' zusammenhängen könnte, kommen freilich Leute, die den mittelalterlichen Juden die gleiche ,Rasse' oder ,Volkszugehörigkeit' andichten, durch die als ,Juden' vergasten Menschen angeblich von den anderen Nazi-Opfern unterschieden.
[44]
Kommen wir zurück zu den R3-Autoren, die bislang nicht nur den Antisemitismus, sondern auch gleich den Antikapitalismus ins Mittelalter zurückverlegt haben. Daß z.B. Luthers Haß auf den ,,Wucher" schwerlich etwas mit der nationalistischen staatlichen Maßnahmen gegen unerwünschte Wirkungen des internationalen Finanzkapitals auf die von den Nazis geschätzte Kapitalistenwirtschaft zu tun hat, und beides nicht das geringste mit Klassenhaß auf Kapitalisten, stört nicht weiter. Der Zweck der theoretischen Verrenkungen der R3 ist nicht Erklärung des Antisemitismus, der zu Auschwitz geführt hat, sondern der Beweis für Antisemitismus bei Kommunisten. Die Autoren kennen als gute Irrenärzte eben den nicht-,,bewußten Antisemitismus'' und können schnell das ,,Rätsel'' lösen, warum
,,sich in Deutschland eine antisemitische Weltanschauung
[45] halten kann, ohne daß dafür die Existenz von Juden überhaupt nötig ist'' (R3)
- nämlich ein von der Linken verschuldetes Klassenkampfdenken.
Tatsächlich ist dieses ,,Rätsel'' gar nicht so rätselhaft, wenn man den tatsächlichen Antisemitismus analysiert, der mit Springers Philosemitismus nur im Streit darüber liegt, ob die guten oder die schlechten ,Charaktereigenschaften der Juden' überwiegen.
- Erstens brauchten die Vertreter des ,,bewußten Antisemitismus'', die den Staatsapparat als Organisator zum millionenfachen Mord eingesetzt haben, durchaus keine existierenden ,Juden', sondern erfanden diese als ,Rasse'.
- Zweitens werden die wenigen Überlebenden inklusive deren Nachkommen nach wie vor verdächtigt, ob sie als ,Juden' auch eifrig an der ,Versöhnung' mitwirken, also gegenüber dem Ausland an dem Trugbild mitstricken, ein erneutes Auschwitz wäre in Deutschland ein für allemal unmöglich.
- Drittens mußte Bubis erkennen, daß für Nationalisten eine einmal getroffene staatliche Entscheidung immer auch an den Betroffenen liegen muß, sprich: daß alle möglichen Vertreter demokratischer Parteien ihm sagten, daß er und andere Juden doch in Israel als ,ihrem' Vaterland besser aufgehoben wären.
- Viertens: Die ,Wiedergutmachung', also Zahlungen an den Staat Israel, sollen ,unsere' Schuld gegenüber ,den Juden' beglichen haben, womit der einzelne ,Jude' - ob er will oder nicht - zu einem Stück fremden Staatsvolk gemacht wird, das ,uns' gegenüber keine Ansprüche mehr zu stellen hat, weil mit ,seinem' Staat alles geregelt wurde.
- Und fünftens kann die jüdische Gemeinde auf ein paar Mark hoffen, wenn sie fleißig Russen eindeutscht, die keine ,deutsche', sondern ,jüdische' Volkszugehörigkeit haben, denen die Liebe zum Deutschtum, so wird geargwöhnt, nicht ganz so im ,Blut' liegt, wie den ,deutschen' Russen, aber mehr als den ,russischen Russen', die solche Sonderkonditionen nicht bekommen. Das Experiment wird mißtrauisch beäugt: hat es im Ausland die erhoffte Propagandawirkung oder machen militante Rassisten diese Wirkung zunichte? Sind die Leute jüdischer ,Volkszugehörigkeit' überhaupt so integrationswillig, daß sie gute Deutsche werden?
Diesen soeben in fünf Punkten skizzierten, gegen eine imaginäre ,jüdische Rasse' gerichteten ganz modernen Rassismus, diesen für jeden Überlebenden des Holocaust und seine Nachkommen ganz virulenten Antisemitismus, thematisiert die R3 nicht.
Sie kommen auch nicht auf die Idee, die politischen Prinzipien der bundesdeutschen Herrschaft danach zu untersuchen, wie da Leute eingeteilt werden - übrigens ohne daß dafür eine besondere Stimmung in der Bevölkerung nötig wäre. Ihnen fällt am von oben praktizierten Nationalismus nicht auf, welche Übergänge zum Rassismus und seiner antisemitischen Variante ständig passieren.
Ihre Lösung des Rätsels, warum sich Antisemitismus so hartnäckig hält, lautet schlicht, weil es immer noch - nein, nicht Nationalismus, sondern - Antikapitalismus gibt, als ob von dem in Deutschland irgend eine Macht ausgehen würde! Eindreschen müssen sie gemäß ihrer Gleichung Antisemitismus = Variante von Antikapitalismus auf die Linke. Das liest sich so:
,,Gefährlich'' sei es, die antikapitalistische Linke ,,per se von jedem Antisemitismus freizusprechen'', denn dann wird ignoriert, daß ,,gerade der Antisemitismus der Nazis mit deren Verständnis von Antikapitalismus zusammenhängt''. [I 4]
Wieviel ,,Verständnis von Antikapitalismus'' die Erfinder der ,jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung' tatsächlich hatten, haben wir oben ausführlich genug gekennzeichnet.
Tatsächlich resultiert der Wahn als Kammerjäger, ausgerechnet in der marginalen Restlinken lauter vermeintliche AntisemitInnen zu erledigen, ihnen wo auch immer einen Maulkorb zu verpassen, keineswegs aus irgendwelchen Einsichten in die Natur des Antisemitismus oder gar in dem Bedürfnis, dieses Thema unter ,Linken' zu diskutieren.
Der Grund ist viel einfacher: So machen sich resozialisierte (Ex-)Linke
[46] für das geläuterte Deutschland
[47] , z.B. für ein Kommunisten-Freien Sender am Medienstandort Hamburg, nützlich.
[48]
2.4. ,,Wertkritik'' - Okkultismus für Irrenärzte der Volkspsyche
Mit dem Thema wären wir an dieser Stelle durch, gäbe es da nicht noch die Verdrehung richtiger Wissenschaft, genauer von Marxens Kritik der Politischen Ökonomie. Die Autoren konstatieren bei denen, denen sie tatsächlich die mörderischste Form des Rassismus anhängen wollen, ein ,,Mißverständnis von Kapitalismus'', als wäre ihre Maulkorbpolitik eine Aufforderung zur wissenschaftlichen Diskussion über richtige Kapitalismuskritik.
Die erwarten wir von ihnen nicht, schon deswegen weil ihre ganze Kapitalismuskritik aus der ebenso ausschließlichen wie oberflächlichen Lektüre des dritten Abschnitts des ersten Kapitels des ,Kapitals' speist
[49] , sie sich bei jeder Kapitalismusdiskussion gnadenlos blamieren, sich aber beim Thema Antisemitismus um so sicherer fühlen.
Wie Quaksalber, die ihre Anti-Krebs-Wundermittel mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat aus der Sportmedizin anpreisen und auf jedes Ergebnis der Krebsforschung ignorieren, ignorieren sie Marxens Ausführungen ,,Zur Judenfrage'' (MEW1, 347 - 377) und berufen sich stattdessen auf einen Abschnitt aus dem ersten Kapitel eines Werkes, bei dem es um die Kritik der politischen Ökonomie
[50] geht. In diesem Abschnitt, geht es um den sogenannten Warenfetisch. Da faßt Marx die tatsächlichen, gesellschaftlichen Eigenschaften des aus Privatarbeit entstandenen Arbeitsprodukts, der Waren zusammen und erklärt aus dieser Zusammenfassung, warum den Leute die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt werden. (vgl MEW 23, 86).
Hat Marx den Schein aus der Bestimmung dessen hergeleitet, was da erscheint, kommen die R3 Autoren ohne jede Kenntnis darüber aus, was eine Ware ist, oder gar, wann und warum Arbeitsprodukte die Warenform annehmen:
,,Der Warenfetisch besteht darin, daß soziale Verhältnisse verdinglicht werden.'' [I 4]
Oberflächliches Geseiche, bei dem davon abgesehen wird, welche sozialen Verhältnisse, genauer: welche Sorte konkreter gesellschaftlicher Arbeitsteilung da herrscht. Bei Marx geht es darum, daß im Kapitalismus die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Arbeitsprodukten so erscheinen, als ob sie an sich, quasi naturgegeben, einen Wert hätten.
,,Die kapitalistischen Verhältnisse, unter denen eine Ware entsteht, weisen ihr zwei Seiten zu: eine konkrete, ihren Gebrauchswert, und einen abstrakten (Tausch)-Wert, der sich auf ihre Tauschbarkeit
[51] bezieht.''
Daß es die ,,kapitalistischen Verhältnisse'' wären, die einer Ware, die per Definition aus Wert und Gebrauchswert besteht, einen abstrakten ,,(Tausch)-Wert'' zuweisen, ist freilich eine Albernheit
[52] .
,,Der Fetischcharakter der Ware besteht nun darin, die abstrakte Seite als abgetrennt von der konkreten zu denken.''
Womit Ricardo und spätestens Marx ausgesprochene Warenfetischisten gewesen wären, weil denen nämlich auffiel, daß der Wert, ,,die abstrakte Seite'', nichts Selbstverständliches an den ganz konkreten Gebrauchswerten ist. Umgekehrt wußte Marx, daß der Warenfetisch gerade der Schein ist, der Wert wäre der Ware immanent, also gar nicht von jener zu trennen. Dann erinnern sich die Autoren an das was, ganz gegen ihre früheren Ausführungen, der Warenfetisch bei Marx tatsächlich ist. Beim Warenfetisch wird, so fällt ihnen jetzt ein,
,,so getan, als hätte die Ware an sich Wert, und es wird dabei ignoriert, daß Wert nichts anderes ist als ,vergegenständlichte Arbeit'''.
Nun haben unsere Warenfetisch-Profis nicht kapiert, daß Wert durchaus etwas anderes ist als ,,,vergegenständlichte Arbeit
[53] ''', dann hätte nämlich immer jedes Arbeitsprodukt »Wert«, und nicht nur die Produkte einer ganz speziellen Sorte gesellschaftlicher Produktion, wo die Arbeitsprodukte Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind. Mit derlei Spitzfindigkeiten brauchen sich unsere Warenfetischismus-Exorzisten nicht abzugeben, denn schließlich haben sie bislang zwei sich komplett widersprechende Definitionen von Warenfetischismus abgegeben: einmal glauben die Warenfetischisten, die Ware hätte an sich Wert, ein andermal sind sie von dem dumpfen Drang befallen, ,,die abstrakte Seite als abgetrennt von der konkreten zu denken'' . Mit Hilfe beider, sich widersprechenden Definitionen läßt sich alles und nichts beweisen. Erstmal halten sie fest:
,,Wer diesem [???] Fetischcharakter der Ware unterliegt, kann [?] jedenfalls die Produktion von Waren als etwas verstehen, das frei von sozialen Beziehungen existiert. Also jenseits der sozialen kapitalistischen Verhältnisse.''
Noch der größte Depp würde nicht auf die Idee kommen, daß Waren ohne einen Markt produziert würden, daß es einen Markt gäbe, ohne eine menschliche Gesellschaft. Egal, denn ein der bekloppter Warenfetischist, der nach dem Konstrukt der Autoren ja nur auf die Idee kommen ,,kann'', ist glatt dafür verantwortlich, daß alle Leute, die vom Warencharakter des gesellschaftlichen Arbeitsprodukts keine Ahnung haben, völlig bekloppt werden müssen:
,,Und so [?] erscheint lediglich der Tauschwert, nicht aber der Produktionswert [???] als das eigentlich kapitalistische.''
Was auch immer unsere Autoren unter ihrer Wortschöpfung ,,Produktionswert'' verstehen - es handelt sich wohl um einen ,Wert', den in allen historischen Verhältnissen jedes Produkt von ,,Arbeit'' hat -, es handelt sich um etwas ganz Schlimmes. Und:
,,Es ist niemand anderes als Karl Marx selbst, der'' [...] ,,darauf hinweist, daß schon die Produktion selbst - die Vorstellung eines Produktionswertes - kapitalistisch ist.''
Was denn nun? Die ,,die Produktion selbst'' oder ,,die Vorstellung
[54] eines Produktionswertes'' ???
Bei diesem ,,Karl Marx selbst'' kann es sich nicht um den Karl Marx handeln, der die kapitalistische Produktionsweise als Ausbeutung der Proleten durch die Kapitalistenklasse kritisiert hat. Denn durch diese kapitalistische Form der Warenproduktion durch Lohnabhängige kommt der Wert nicht zustande, sondern durch die spezifisch arbeitsteilige Form der Produktion, die in Form von Privatarbeiten abgewickelt wird, weswegen die gesellschaftliche Arbeit als Eigenschaft jener Produkte erscheinen muß, die die Arbeitsteilung auf dem Markt zu vermitteln haben. Bei dem ,,Marx'' der R3-Autoren scheint es sich vielmehr um einen ausgesprochenen Vertreter der subjektiven Wertlehre zu handeln: die pure ,,Vorstellung [!!!] eines Produktionswertes'' macht produzierte Gebrauchsgüter zu Waren!
[55]
Wer dem Unsinn der R3 - Autoren bis hierher folgen konnte, der muß ihre letzten Kurz-Schlüsse für den Gipfel aller Weisheiten halten. Was macht Linke so schlimm? Sie
,,kritisieren den Kapitalismus, als stände der Bereich der Arbeit außen vor und sei seinem Wesen ebenso kapitalistisch''
Kapitalistisch ist die Produktion eben nicht dadurch, daß die Leute, die den Kapitalisten ihre Arbeitskraft mangels anderer Waren verkaufen müssen, ihrer kapitalistischen Ausbeutung unterworfen sind, sondern einfach dadurch, daß die Leute - arbeiten! Daß Lohnarbeit Arbeit ist, ist also das kapitalistische am Kapitalismus! Und die Linke will das nicht wahrhaben, sondern ist eine Sippschaft, die ,,das revolutionäre Potential innerhalb der Arbeit sieht''. Überhaupt ist die Linke eine vom ,,Arbeitsfetischismus'' infizierte Bande, die danach trachtet,
,,die Arbeit von ihrer äußerlichen
[56] Ausbeutung zu befreien, um zu einer befreiten Gesellschaft zu gelangen. Diese soll nur noch unmittelbar für sich selbst arbeiten.''
Der kommunistische Vorschlag, daß die Leute sich mal Gedanken darüber machen sollten, wofür sie ihre Zeit und ihre Arbeitskraft verbrauchen, die Rechnung, daß eine auf Befriedigung der Bedürfnisse gerichtete Produktion den heutigen ProletInnen einiges an Elend und Arbeit ersparen würde, denunzieren unsere Irrenärzte als ,,Arbeitsfetischismus'', als wäre die Befreiung der Arbeiterklasse das selbe wie der faschistische Anspruch auf die unbedingte Botmäßigkeit der Arbeiter fürs Vaterland.
Mit derartig profundem Wissen über Waren- und Arbeitsfetischismus ausgestattet, können sich unsere Irrenärzte ans Werk machen, die Linke von Leuten zu säubern, die nichts von der Herrschaft der Kapitalisten über die Produktion halten.
,,Ist die konkrete Seite der Ware einmal als die »eigentliche« von der abstrakten - dem Wert - getrennt, wird die abstrakte wiederum'' [von wem und warum eigentlich?] ,,als konkrete gedacht: Als »der Kapitalist«: Kapitalistisch sollen nur die sein, die gerade nicht selbst arbeiten, sondern nur den Wert dieser Arbeit abschöpfen.''
,,Wert dieser Arbeit''?!? Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert. (vgl. MEW23, S. 559) Aber wozu sollten Irrenärzte einen blassen Schimmer von Ökonomie haben, wenn es doch darum geht, den Arbeitern die Existenz des ,,Wert'' anzulasten und die Kapitalisten zu bloßen Abschöpfern dieses von den Proleten unter ihrem Kommando zur Welt gebrachten Teufelswerks zu machen?
Daß es sich bei Kapitalisten um die Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen handelt [vgl. MEW23, S. 16], ein Kapitalist als personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital ist [vgl. MEW23, S. 168], ist von den Autoren, die sich so gerne auf Marx berufen, nicht zur Kenntnis genommen worden.
[57] Das ,,ganze System'' soll kritisiert werden, als wäre es nicht ein System von gesellschaftlichen Beziehungen zwischen ganz realen Menschen, die sich in der Tat als Funktionsträger, als Personifikationen dieses Systems erweisen. Insofern erklärt kommunistische Systemkritik, weswegen die sich die Aufseher der Kapitalakkumulation immer wieder so merkwürdig raffgierig erweisen und die zur Lohnarbeit Gezwungenen immer wieder aus der Not eine Tugend machen und zu Arbeitsfetischisten, religiösen Idioten und schlimmeres werden. Kommunistische Systemkritik dementiert allerdings, daß dieses Verhalten aus einem Zuviel an Reichtum, einer egoistischen Gesinnung oder gar einer bestimmten ,Rasse' läge.
Das paßt unseren Irrenärzten nicht. Kapitalismuskritik, die sich nicht auf Gelaber über einen von den ArbeiterInnen zu verantwortenden ,Wert' und ,Fetisch' beschränkt, sondern die im Kapitalismus handelnden Personen erklärt, kritisiert und womöglich den Kampf ansagt, soll die Ursache für Antisemitismus sein:
,,So kann man den Kapitalismus bekämpfen, indem man seine Personifikationen bekämpft: die Reichen, die Bonzen, die Chinesen in Indonesien oder Ignatz Bubis im Frankfurter Westend usw. An dieser Stelle greifen die gängigen Stereotype. Bei den Nazis resultierte der Antisemitismus aus ihrem »Antikapitalismus«: Denn genau um die vermeintliche Abschöpfung der Wertproduktion anderer Leute Arbeit zu vernichten, vernichteten die Nazis die Juden.''
Obwohl sie »Antikapitalismus« in Klammern schreiben, genau den dichten sie den Nazis an. Die Nazis wären gegen die ,,Abschöpfung der Wertproduktion anderer Leute Arbeit'' vorgegangen, weil Nazis etwas gegen die Abpressung des Mehrwerts hätten
[58] , der für unsere Irrenärzte freilich nur eine ,,vermeintliche Abschöpfung der Wertproduktion'' ist, genau deswegen ,,vernichteten die Nazis die Juden''.
Nicht Nationalismus, nicht Rassismus und schon gar nicht Kapitalismus, sondern Kritik am Mehrwert sei der wahre Kern des Nationalsozialismus. Ergo: Braun = Rot.
2.5. Zweck der Quacksalberei: praktischer Antikommunismus
Die R3-Autoren haben mit ihrem antikommunistischen Müll nicht etwa
,,den Anspruch, eine ausgefeilte Theorie dargestellt zu haben; die Zusammenhänge zu sexstischer und rassistischer Unterdrückung sind noch ungeklärt. Wir werden unsere Kapitalismuskritik'' [die tatsächlich eine Anti-Kapitalismuskritik ist] ,,in der nächsten Zeit im FSK noch weiter ausformulieren.''
Auch wenn es den Autoren nicht gelang, auch noch Sexismus und Rassismus in ,,Antikapitalismus'' zu verwandeln: geklärt soll der notwendige Zusammenhang zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus sein. Ihre angekündigten theoretischen ,,Ausformulierungen'' werden daher nie zur Diskussion stehen, sondern sollen in indiskutable Vorschriften gegossen werden, deren Einhaltung mit Maulkorb und Sendeverbot erzwungen werden sollen:
,,antisemitsche Mechanismen wirken nicht nur da, wo Menschen völkisch oder rassistisch denken, sondern auch da, wo sie sich antikapitalistisch wähnen'',
womit jene antikapitalistischen Äußerungen aus dem Sender genauso herausfliegen müssen, wie rassitische oder ,,völkische'' Standpunkte. Antikommunisten, Nationalisten
[59] und elitäre Herrenmenschen finden sich natürlich nicht auf dieser Verbotsliste.
,,wer antikapitalistisch denkt, ist nicht per se frei von Antisemitismus; im Gegenteil: Solange nach Personifikationen der kapitalistischen Unterdrückung gesucht wird, ist es kein Wunder, daß »Antikapitalisten« zum Schluß auf einen Juden kommen''
Weil es ohne unterdrückende Personen auch keine kapitalistische Unterdrückung geben kann, umgekehrt jedes Anprangern kapitalistischer Unterdrückung hinfällig ist, wenn sie gar keine Subjekte hat, wäre damit jeder halbwegs rationale Antikapitalismus aus dem Sender hinausgesäubert. Und das von Leuten, die den Wahnsinnsgedanken zu Papier bringen, ein ,,Jude'' böte sich als Personifikation der kapitalistischen Unterdrückung geradezu an.
Das Ganze gipfelt in folgendem Schwachsinn:
,,keine Berufung auf den vermeintlich unschuldigen Bereich der Warenproduktion;
keine Glorifizierung der wertschaffenden Arbeit!''
Wer bitte ist beim fsk für Warenproduktion
[60] ? Fans der Marktwirtschaft oder ihre kommunistischen Gegner? Wer ist für ,,wertschaffende Arbeit''? Antikommunisten oder Antikapitalisten? Oder wird jetzt im Sender die ständige Agitation gegen den schuldigen ,,Bereich der Warenproduktion'', gegen Arbeit und ArbeiterInnen zur Pflicht?
3. Einheit durch Säuberungen (»radio le bonheur«)
Zunächts hatten wir gewisse Zweifel, ob wir uns zu den Ausführungen von »negator und wehner/radio le bonheur« überhaupt äußern sollen, denn anonyme Denunziation
[61] gehört unserer Meinung nach in den Papierkorb. Jetzt hat allerdings die Transmitter-Redaktion die öffentliche Verbreitung und die Verantwortung für das Papier »Versuch zur Verteidigung der Trottel« übernommen.
Als »Stellungnahme zum Antisemitismusstreit« war das Machwerk im Transmitter (02/2000, S. 26) angekündigt, unser Beitrag zum Thema Antisemitismus flog dafür raus. Nun war der Transmitter-Redaktion keineswegs entgangen, daß »negator und wehner« gar nichts zum Thema Antisemitismus zu sagen haben. Der Kunstgriff, den Artikel dennoch unter dem Thema Antisemitismus in den Transmitter zu lancieren gelang ihnen dadurch, daß die gleichen Figuren, die unseren Beitrag hinauszensiert haben, den »VerteidigerInnen der Sendung« anhängen, zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung zum Thema Antisemitismus bereit zu sein:
»Vielmehr war den VerteidigerInnen der Sendung sofort klar, dass hinter der Kritik in Wirklichkeit die Machtinteressen einer klandestinen fsk-Führungsclique stecken, die sich dergestalt einige unliebsame Elemente vom Halse zu schaffen trachtete. Insbesondere auf diese Argumentation nimmt der [...] Text bezug.«
Als hätte jemand im Transmitter oder sonstwo den Unsinn einer »klandestinen fsk-Führungsclique« verbreitet, werden KritikerInnen der keineswegs »klandestinen« fsk-Führungsclique um A. und E. präventiv als Leute gezeichnet, die »Machtinteressen«
[62] einer nur in ihrer Einbildung existierenden Gruppe imaginieren
[63] . Nun haben wir unter Punkt 2 nachgewiesen, wie A. & Co sich »einige unliebsame Elemente vom Halse« schaffen, und warum. Volker Weiß hatte selbst geschrieben, »die Anbieterinnengemeinschaft lehnte den Antrag von Forumradio, eine Stellungnahme der FdgZ zu veröffentlichen ab
[64] « (Transmitter 01/2000, S. 27), die F.d.G.Z. also daran gehindert werden sollten, sich gegen die Denunziation zur Wehr zu setzen. Der nachfolgend besprochene Artikel von »negator und wehner« hatte in seiner internen Fassung
[65] selbst aufgeführt, wie Ehrhard als medienrechtlich verantwortlicher mit dem entsprechenden Paragraphen die Ausstrahlung der morgendlichen Antikriegsendung schlicht untersagte. Und »negator und wehner« geben auch gleich wieder neu entdeckte »unliebsame Elemente« zum Abschuß frei. Aber Zensur beim FSK? Absurd! Bei Leuten, die behaupten, beim FSK gäbe es Zensur, kann es sich nur um Paranoiker handeln. Die Behauptung, beim FSK gäbe es Zensur, wird schon deshalb beim FSK zensiert.
Das Verhalten der Transmitter-Redaktion wäre in einem linken Projekt ein Skandal. Angefangen von ihren Hetz-Comics
[66] gegen Forumradio und die F.d.G.Z (z.B.: Nr. 12/1999 und 01/2000) bis zu ihrer Veröffentlichungspolitik im Heft 02/2000 nutzen sie ihre Stellung, um den Transmitter zu einem Hetzblättchen zu machen, das dafür reserviert ist, daß die Redaktion eine Gruppe im Sender öffentlich bekämpft. Mit diesem Verfahren knüpfen sie an die finstersten Zeiten der K-Sekten an, wo die Inhaber des Parteiorgans ihre vornehmste Pflicht darin sahen, ihr Parteiblättchen zum Werkzeug parteiinterner Säuberungen zu machen.
3.1. Tradition verpflichtet
Die aus der Anonymität heraus operierenden »negator und wehner« betonen in ihrem Papier immer wieder, sie stünden auf dem Standpunkt, daß der leidige Streit beim FSK endlich ein Ende haben sollte:
»Da die historische Vernunft bei Block- und Ticketbildung immer auf der Strecke bleibt, muss damit sofort Schluß gemacht werden. Alle Akteure sollen ihre albernen Masken abnehmen, vom jeweiligen hohen Ross herunter und zu einer selbstkritischen Aufklärung der Vorgänge und Schlagabtausche im einzelnen beitragen, und dabei die Besinnung einleiten darauf, was das historische Substrat dieses Projekts ist. Und dann entscheiden, wer reingehört und wer nicht. Und die Konsequenzen ziehen.« (negator/wehner, Internes Papier, S. 7)
Daß bei »Block- und Ticketbildung« jede Vernunft auf der Strecke bleibt, scheinen die Autoren leider gar nicht eingesehen zu haben, denn sonst würden sie nicht gleich wieder eine Blockbildung propagieren, die nach »Besinnung« auf ein »historisches Substrat« sofort zum Jäten des Unkrauts schreiten sollte, das nicht »reingehört«. Ihr mäßigend klingender Appell ist also nichts anderes, als eine Kritik an der momentanen Zusammensetzung der »Blöcke« beim fsk. Nach ihrer Ansicht ist es leider so, daß zur Zeit »keiner der beiden Blöcke die historische Vernunft und Wahrheit vertritt« (negator/wehner, Internes Papier, S. 7), ein Zustand, dem sie abhelfen wollen. Denn bei der Blockbildung, die unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« gerne hätten, wären die Guten alle in einem Block, um dann hübsch einträchtig die Bösen hinauszusäubern. Was zeichnet die Guten aus?
»Es sollte, zehn Jahre nach radio st. pauli, nicht in Vergessenheit geraten, dass ein großer Teil der Gruppen und Strömungen {...} aus dem selben Stall [!] kommen. {...} Permutationen von radio st. pauli, welches aus der (damals {...} gerade im Zerfall befindlichen) Szene heraus initiiert wurde, die sich um Projekte wie die Jobberläden und Publikationen wie wildcat herum gruppierte {...}« (negator/wehner, Internes Papier, S. 2)
Leider finden sich einige der eigentlich Guten im falschen Block:
»Einige der Gruppen, die jetzt im Forumradio sind genauso Fraktale der genannten Gruppen und haben daher ein gemeinsames historisches Substrat, die Erfahrung oder zumindest Rezeption der Erfahrung der autonomen Linken der 70er Jahre, ausreichen, um einen Begriffsrahmen {?} zu garantieren, der zumindest den Dialog im Projekt garantieren, der zumindest den Dialog im Projekt und eine sinnvolle Kohabilitaion ermöglichen.« (ebenda, S. 2)
Sogar eine gemeinsame geistige Tradition sei gewissermaßen vorhanden, bei denen, die alle »aus dem selben Stall kommen«:
»Der Reichtum der alten italienischen autonomia, den es auch einmal in Krautland einmal annäherungsweise {?} gegeben haben muß {?} , ist vergessen.« (ebenda, S. 3)
Welcher Art dieser »Reichtum« war in jenen seligen Zeiten, den es »einmal annäherungsweise gegeben haben muß«, davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Es gab Leute, die einen Klassenkampf gemäß den Erfahrungen der autonomia operaia führten oder es zumindest versuchten, und es gab andere Leute, die eine Selbstverwirklicht-im-hier-und-jetzt-Bewegung gerne mit dem Ehrentitel ,,autonom'' versehen wollten. Aber solche Unterschiede interessieren nicht.
Wegdenken soll man sich, daß es bei den SympathisantInnen der Wildcat gemeinsames Ziel immer gab, nämlich Klassenkampf, daß zu diesem Zweck die Jobber- und Arbeitslosenprojekte durchgeführt wurden, daß diese Leute u. E. zu wenig Gewicht auf Theorie gelegt hatten, aber gewiß keine antikommunistische Verdrehung des modernen Antisemitismus verbreitet haben, und daß es damals gewiß keinen gegen die F. d. G. Z. gerichteten Maulkorb gegeben hätte.
Tatsächlich vertreten HSB und Anhang, die unbedingt ein unbefristetes Sendeverbot gegen die F.d.g.Z verhängen möchten, genau die gegenteilige Position der damaligen undogmatischen klassenkampf-orientierten Linken, und hätte es damals Leute wie sie gegeben, wären sie zweifellos schärfste Gegner der Jobber- und Arbeitslosenbewegung gewesen. Es braucht unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« freilich nicht weiter zu stören, daß ein Teil der Leute, die damals dabei waren, inzwischen von ehemaligen Liebhabern des Proletariats zu Arbeiterfeinden konvertiert sind, während die anderen weiterhin klassenkämpferische Positionen vertreten. Völlig gegensätzliche Positionen sollen ihre Einheit durch »Besinnung« auf die gemeinsame Geschichte bekommen. Diese alberne Methode ist - mal in der Sprache der R3 ausgedrückt - ,,strukturell'' der Sorte des Nationalismus nahestehend, die eine über alle Klassen und Interessen hinweg existierende Gemeinsamkeit aus der Tradition ableitet.
3.2. Ganz besondere Kommunisten
Nun wäre es verfrüht, unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« als Antikommunisten zu bezeichnen. Sie für Kommunismus, und wie! Unter »Kommunismus« verstehen sie
»die realen, sich in Widersprüchen bewegenden Prozesse der Selbstaufhebung aller Formen und Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft verstehen, was all die idiotischen Dinge, die man sein kann, einschließt wie Kapital, Arbeit
[67][68] , Frau, Mann, homo, hetero, schwarz, weiss, jung alt und so« (ebenda, S. 1)
Diese Sorte »Kommunismus«, der Glaube an die »Selbstaufhebung aller Formen und Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft« hat freilich kaum noch Anhang, seit der realsozialistische Staatenblock, wo dieser Unsinn Staatsreligion war, verschwunden ist. Wie soll die »Selbstaufhebung aller Formen und Kategorien« denn auch gehen, wenn die Leute »Arbeit, Frau, Mann, homo, hetero, schwarz, weiss« sein WOLLEN, also die an ihnen vorgenommene Einteilung ganz selbstverständlich finden?
Egal. Die Geschichts-Philosophie der »Selbstaufhebung aller Formen und Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft« liefert zumindest das tröstliche Gefühl, daß die bessere Welt von alleine kommt, wenn man sie nur läßt
[69] !
Damit das Gute siegt, darf es freilich nicht gestört werden. Ganz verkehrt wäre der Aufruf zum Klassenkampf:
Reaktionär ist dagegen nur [!!!] das ständige Agitieren, das ununterbrochene Aufrufen zu, das Radio in der Befehlsform. Radio, das auf seine Autorität vertraut, konterkarriert den Prozess der Bildung revolutionären Bewußtseins, den Prozeß der Gewinnung von Autonomie, des vollen gesellschaftlichen Individuums, von dem Marx sprach
[70] . (S. 6, vgl. Transmitter 02/2000, 29)
Wie kommen unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« auf die Idee, daß »nur das ständige Agitieren« reaktionär wäre? Und vor allem: wer tritt denn bei FSK für »das Radio in der Befehlsform« ein? Wo gibt es denn Sendungen, wo keine Argumente für diesen oder jenen Standpunkt geliefert werden? Oder sind zu viele Argumente schon »Radio, das auf seine Autorität vertraut« und damit den »Prozeß der Gewinnung von Autonomie« stört, weil die Leute doch um Himmels Willen ihre eigene Meinung behalten sollen? Können negator/wehner als Radiokritiker ihre Kritik an irgendeiner Sendung festmachen oder wollen sie lieber, daß sich politische Sendungen prinzipiell beschränken auf die bescheidenere »Praxis der Gegenöffentlichkeit«?
»Auch wenn wir wissen, daß die blosse Information über den Klassenkampf der Busfahrer in Sri Lanka nicht an sich revolutionär ist, weil die Gegenöffentlichkeit erst revolutionär wird, wenn sie in proletarischer Öffentlichkeit aufgehoben wird (das ist, woran Freie Radios seit Jahrzehnten arbeiten {...}), dann heißt das ja nicht, dass die bescheidenere Praxis der Gegenöffentlichkeit überflüssig wäre. So wie Schönberg betonte, dass noch viel gute Musik in C-Dur zu schreiben bleibt
[71] , so gibt es noch viele solide Berichterstattung zu tun, in einem Rahmen, der jedoch {?} darüber hinaus treibt.« (ebenda, S. 6)
Wie soll denn die »viele solide Berichterstattung«, z.B. »über den Klassenkampf der Busfahrer in Sri Lanka« über sich hinaustreiben, wenn keine Argumente fallen, weswegen die hiesigen Busfahrer, z.B. wegen Lohnkürzungen und outsourcing, gut beraten wären, wenn sie es ihren KollegInnen in Sri Lanka gleichtun? Es stimmt ja, daß die »Gegenöffentlichkeit erst revolutionär wird, wenn sie in proletarischer Öffentlichkeit aufgehoben wird« , aber wo bitte soll denn letztere herkommen? Durch »Selbstaufhebung aller Formen und Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft«?
Nicht weniger Rätsel gibt der Satz auf, in dem negator/wehner festlegen möchten, nach welchen Kriterien Sendungen erlaubt und verboten gehören. Die »Frage, ist eine Sendung emanzipiernd oder autoritär, ist und bleibt eine Schlüsselfrage zur Bewertung, Aufnahme und Ablehnung von Sendungen und Sendungsformaten.« (negator/wehner, Internes Papier, S. 6) Was bitte ist sind emanzipierende oder autoritäre »Sendungsformate«? Was verstehen negator und der Namensvetter jenes anscheindend so ungemein sympathischen Ex-Anarchisten und Antikommunisten Wehner unter »autoritär«? Und was unter »emanzipierend«, vor allem, wo es ihnen doch nur darum geht ein Kriterium für Zensur im FSK aufs Schild zu heben? Das erhellen ihre weiteren Ausführungen.
3.3. Hierarchie als »Ökonomie der Zeit«
Immerhin haben sich unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« als Leute präsentiert, die sozusagen über den streiteden Parteien bei FSK stehen. Klassenkampf, den die Autoren der R3 am liebsten ganz aus dem Sender verbannen möchten, gegen den haben negator/wehner, zumindest in gewissem Rahmen, nichts. Warum kann es dann kein friedliches Miteinander beim FSK geben zwischen jenen Gruppen, die »ein gemeinsames historisches Substrat« haben? Denn eigentlich
»(...) sollte dieses Substrat, die Erfahrung oder zumindest Rezeption der Erfahrung der autonomen Linken der 70er Jahre, ausreichen, um einen Begriffsrahmen zu garantieren, der zumindest den Dialog im Projekt und eine sinnvolle Kohabilitaion ermöglichen.« (negator/wehner, Internes Papier, S. 2)
Daran, daß sich A., E. & Co dazu aufschwingen Sendeverbote zu erteilen, kann es nicht liegen.
Im Radioprojekt ist eine »Vielzahl von Spezielisierungsformen erforderlich« und weil die »warenförmigen (???) Verkehrsformen keineswegs überwunden« wären, »reproduziert sich die spektakuläre Trennung in Aktivität und Passivität, Teilnahme und Kontemplation, Handelnde und Zuschauerin innerhalb des Radios. Die durch handeln errichte Kompetenz wird in unserem konkreten Fall mitlererweile von dem freiwilligen (Hervorhebung von unseren anti-autoritären Säuberungsexperten} Publikum als Macht einer Einzelperson, Clique oder eines ,,Zentrums'' wahrgenommen, während sie selbst sich nur als ,,Basis'', somit Gralshüter der Anti-Macht, Bewegung, Politik, Unschuld, revolutionären Ambitionen begreifen können.«
Warum gibt es beim FSK Leute, die sich selbstherrlich anmaßen, Maulkörbe zu erteilen? Weil nunmal »Vielzahl von Spezielisierungsformen erforderlich« ist. Wie resultiert aus diesen »Spezielisierungsformen« eine Hierarchie, eine »Trennung in Aktivität und Passivität, Teilnahme und Kontemplation«? Weil die »warenförmigen Verkehrsformen keineswegs überwunden« sind? Was ist damit gemeint? Egal, es wird schon am »freiwilligen Publikum« liegen, daß eine »déformation professionelle der in den Spitzenstatus gedrängten« passiert. Statt sich bei den bemitleidenswerten »in den Spitzenstatus gedrängten« zu entschuldigen, fällt dem »freiwilligen Publikum«, den »specteurs
[72]«, auch noch eine »Projektion einer konterrevolutionären Verschwörung der ,,Macht''« (S. 7) ein, womit negator/wehner freilich zugegeben haben, daß sich das »freiwillige Publikum« keineswegs insgesamt so freiwillig unterordnet
[73] , womit ihre ganzes Gebäude in sich zusammengebrochen ist. Egal, denn die Schuldfrage ist hiermit geklärt. An wem liegt es, wenn einer der »in den Spitzenstatus gedrängten« das ihm staatlich verliehene Privileg zum begründungslosen Sendeverbot nutzt? An dem undankbaren »Publikum«, das »die Macht in eine groteske Wagenburg und zu Kurzschlußhandlungen inclusive deren hemdsärmelige Verteidigung als Notwehr (der 11 Panikknopf) zwingt« (S. 3)
Auf eine derartige Heimtücke muß man erstmal kommen! Nunmehr dürften unsere überparteilichen Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« hinreichend bewiesen haben, wer die wahren Schuldigen sind: Es ist »Forumradio«, ein »höchst disparater Haufen«, wogegen Loretta von Radio Las Vegas bis Radio Libertär durch allgemeine Homogenität glänzt und schon deshalb keinen gemeinsamen Feind nötig haben kann. Aber so »disparat« Forumradio auch sein mag, seine MitgliederInnen leben doch in einem gemeinsamen Wahn, einer »Phantasmagorie einer zentralistischen Macht im FSK, die sie ausgerechnet in Ehrhard
[74] verkörpert sehen, der im projekteigenen Klassenkampf das Kapital
[75] zu repräsentieren die Ehre hat«. Woran liegts? Daran daß die »motley crew, die nur mit so etwas wie einer Stimme auftreten kann, wenn sie gegen die Macht, für die Basis daherschwadroniert« (negator/wehner, Internes Papier, S. 3). Fazit: alles pure Einbildung. Dabei meint es Forumradio mit seiner Kritik angeblich noch nichtmal ernst:
»Nicht die Verteilung der notwendigen Tätigkeiten, die Verallgemeinerung des hierzu erforderlichen Wissens und damit die Aufhebung von Spezialisierung werden diskutiert, damit die vermeintlich erkannte Macht aufgelöst werden könnte; vielmehr ist die Ökonomie der Zeit für die sich revolutionär gebärdenden KitikerInnen überhaupt kein Thema« (negator/wehner, Internes Papier, S. 7)
Nun liegen die Machtverhältnisse in den Mehrheitsverhältnissen
[76] bei der AnbieterInnengemeinschaft. Die haben bislang verhindert, daß sich der Vorschlag von St. Paula durchgesetzt hat, die Amtszeit in der GEK zu begrenzen, was doch wohl etwas zur »Aufhebung von Spezialisierung« beigetragen hätte. Und es liegt an diesen Mehrheitsverhältnissen, daß E. immernoch die Funktion als medienrechtlich Verantwortlicher hält, die er nicht nur mißbraucht hat, sondern auch gegebenenfalls wieder zu mißbrauchen gedenkt. Und an einer mangelnden Diskussion über die »Ökonomie der Zeit« liegt es schon gar nicht, wenn bislang eine keine Deligiertenmehrheit zustande kam, um Leute, die notorisch Machtmißbrauch und Zensur betreiben, einfach abzuwählen.
3.4. »Autoritäre Charaktere« - politische Gegner als Charakterschweine
Jede Christliche Sekte stellt sich die Welt so vor, als sei die restliche Christenheit vom wahren Glauben abgefallen, wohingegen sie selbst der wahre Gralshüter der christlichen Tradition sei. Unsere Kämpfer für »historische Vernunft und Wahrheit« sind die wahren Gralshüter »des gemeinsamen historischen Substrats«. Ihr härtester Vorwurf gegen Forumradio ist daher der des Verrats:
»Was ist bitte in unseren alten genossen R. gefahren, durchgeknallte Macker wie die Apparatschiks ohne Apparat von der alten MG
[77] ins Projekt zu schleusen? Seit wann ist FSK ein Speakers Corner für wahnsinnige Sekten? (Unter Sekten, nach einer Definition, die Marx
[78] irgendwo [???] mal gegeben hat, verstehen wir Leute, die einen Aspekt einer komplexen Sache, wie etwa Marxscher Theorie, isolieren, fetischisieren und verabsolutieren, und damit verkehren). Oder Romantische Reaktionäre wie "Ökotopia"? Und warum hat niemand auf solche Neuzugänge reagiert? Der blanke Opportunismus hinter der Hausmachtpolitik
[79] von Forumradio verweist hier auf die Amnesie gegenüber der eigenen politischen Geschichte, wie die kommentarlose Hinnahme dieser Entwicklung von seiten der anderen Anbieterinnen gefährliche Indifferenz zeigt: nehmen wir jetzt, bei fast Vollfrequenz, fast jeden auf?« (S. 2)
War tatsächlich eine wesentliche »Erfahrung der Autonomie« die »Ablehnung von Sekten, leninistischen Rackets
[80] , Verschwörungstheoretiker
[81] , Esotheriker, Spiritisten und andere autoritäre Charaktere
[82]« (S. 5), oder tobt sich da eine ,autonome' Schrebergärtnermentalität aus, die sich im selbstgewählten Linken Getto zum Unkrautjäten verpflichtet fühlt, und - von wegen »durchgeknallte Macker« - Sexismus nur noch als täglich gebrauchtes Wortgeschoß zum Machtkampf in der Gettohierarchie kennt? Es ist ihr eigener Säuberungswahn, der sie überall lauter »wahnsinnige Sekten« endecken läßt, freilich ohne an einer einzigen Sendung dieser »Rackets« Kritik üben zu können. Diese Sektenbekämpfer wollen zurück zu dem Zustand, in dem sich die Linke in den Siebzigern und Achzigern befand, als jede Gruppe und Strömung ihre vordringslichste Aufgabe in der Abgrenzung von den anderen und ihrer Bekämpfung sah. Wo, wie bei Forumradio, der damalige beschissene Zustand der innerlinken Kämpfe praktisch überwunden ist, entdecken sie »blanken Opportunismus« (S.2) und eine »gefährliche Indifferenz«. Sie verdammen deshalb Forumradio als
»eine re-leninisierte, wieder traditionell und respektabel gewordene, regressive [...] Kombo, die ihre strategische Verelendung durch opportunistische Bündnisse mit losern, Deperados und bolschwisierenden Abenteurern zu überspielen versucht« (S. 3)
und treten umso entschlossener dafür ein, daß solche Linke aus dem Sender fliegen. Ein CLOSED SHOP soll also FSK werden, schwelgend in einer imaginären gemeinsamen linken Tradition, von der sich allerdings Leute wie der HSB-Delegierte längst gründlich verabschiedet haben. So soll also das »Freie Radio«, werden, das den selben Leuten vorschwebt, denen »ein Freies Radio mit einem Schrottanteil von unter 30% verdächtig wäre« (S. 5). Auch wenn noch so viel Schrott gesendet wird, Freies Radio hat für diese Kämpfer der reinen Linie »kein repräsentativer Schnitt durch alle Schattierungen der Restlinken, kein ,,Bewegungssender ohne Bewegung'', kein offener Kanal für alle, die sich irgendwie für Linke halten« zu sein. Denn unsere Sektenbekämpfer wissen genau, was Restlinke mit dem Sender vorhaben: »ist doch FSK für sie nicht mehr als ein Megaphon für ihre jeweiligen Politklüngel und so gut wie jedes andere Flugblatt, wo die Form egal ist, solange nur der immer gute Inhalt stimmt.« (S. 7) . Auch diese Anklage bedarf keines Beweises, keiner Diskussion und schon gar keiner Kritik von Äußerungen oder Sendungen. Dafür weiß unsere antisektiererische, antiautoritäre Geheimpolizei schon, wessen Rausschmiss als nächstes erforderlich ist:
»Leute die zum Beispiel in der MG waren und dies auch bei ihrem Auftreten schamlos offenbaren, kommen von einem dieser [angeblich gemeinsamen, autonomen] Geschichte absolut feindlichen Hintergrund
[83] und haben nach unserer Auffassung nach nichts zu suchen« (S. 2) in dem zu säubernden Sender.
Nummer zwei auf der Liste wäre dann Radio Ökotopia, bei denen es sich angeblich um »Romantische Reaktionäre« handeln soll, vermutlich weil es denen nicht scheißegal ist, wenn Kapitalisten und Imperialisten die BewohnerInnen von abgelegenen ,unterentwickelten' Weltgegenden ausrotten.
Wer dann noch alles auf diese Liste gehört, dürfte schon feststehen: alle, die irgendwie zur Inforedaktion oder zu Forumradio gehören. Sollten sie jemals auf die Idee kommen, beim FSK Radiosendungen zu machen, wären dann allerdings auch die nostalgischen Volltrottel von »radio le bonheur« an der Reihe, deren heißgeliebte Tradition nach einer sattsam bekannten Theorie reiner »Antisemitismus« ist.
4. Ausblick
Negator/wehner wollen einen closed shop. Zutritt hat nur, wer sich vor Jahrzehnten in ihrer Lieblingsströmung einen Orden verdient hat, egal wie mensch jetzt drauf ist. Bei anderen Linken kann es sich nur um »autoritäre Charaktere« oder schlimmeres handeln. Die linke Vergangenheit soll dem Projekt etwa den gleichen linken Flair verleihen wie der TAZ, die ja auch aus einer undogmatischen Linken hervorging.
Die R3-Autoren ergänzen das hervorragend. Sie liefern mit ihrer Umfärbung des Antisemitismus eine Methode der Hetze, mit der alles was des Klassenkampfes verdächtig sein könnte, jederzeit denunziert und herauszensiert werden kann.
Das von beiden angestrebte Regime von Maulkorb und Säuberung wäre das Ende für ein Freies Radio in Hamburg. Solange sie den Sender dominieren, verunmöglichen sie ein auf inhaltlicher Diskussion basierendes Mit- oder Nebeneinander. Wir müssen ihnen beibringen, daß sie nur ein Teil des Senders sind und sich sachlich mit den anderen Teilen auseinandersetzen müssen, statt mit dubios zustandegekommenen Mehrheiten abweichende Meinungen einfach niederzustimmen und hinauszusäubern.
Natürlich geht aus unserer Kritik auch hervor, wie wir uns FSK vorstellen, ohne den ständigen Hickhack etc.:
- Inhaltliche Kritik von Sendungen, statt am imaginären Charakter der Leute, deren Ansichten man nicht mag. Inhaltliche Diskussion, Streit, und zwar offen, on air, statt der Denunziation abweichender Meinungen und den ständigen Kampfabstimmungen in nicht-öffentlichen Sitzungen.
- Nach sachlicher Klärung Konsensentscheidungen, auch wenn das mal länger dauert als das die-Stimme-abgeben.
- Imperatives Mandat. Wahl der Delegierten durch Leute, die tatsächlich Sendungen machen, statt durch Karteileichen.
- Arbeitsteilung statt Ämterhäufung. Möglichst wenig Spezialisierung auf administrative Aufgaben. Wer Funktionen als Machtposition mißbraucht, Mobbing betreibt oder durch Informationszurückhaltung versucht, unentbehrlich zu werden, wird abgewählt und ersetzt.
- Vor allem: Schluß mit Zensur und Säuberungswahn. Ω
Anhang
BRAUN = ROT als Antisemitismustheorie
Ein Verriß der gegen die ,,Freude der Guten Zeit'' erhobenen
Vorwürfe [vgl. Transmitter 01/2000, S. 26ff]
1
Es geht hier nicht darum, die ,,Freunde der guten Zeit'' gegen den im letzten
Transmitter von Volker Weiss erhobenen Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen.
Der fsk-Beschluß, daß die Beschuldigten sich an dieser Stelle nicht
gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen dürfen, gehört nicht stillschweigend
unterlaufen, sondern den dafür Zuständigen um die Ohren gehauen. Wäre
es jedenfalls darum gegangen, die gravierenden Fehler ihres Bubis-Nachrufs zu
kritisieren, wäre ein derartiger Maulkorb-Beschluß nicht nötig
gewesen.
Aber um die Widerlegung der Freunde ging es nicht. Man hätte ihnen
die Idiotie vorgeworfen müssen, daß sie Bubis als Kapitalisten
verdammt haben, statt seine politischen Standpunkte und Erfolge kritisch
unter die Lupe zu nehmen. Bubis war Antirassist, und daß er von seinem
Kapital und nicht vom Verkauf seiner Arbeitskraft gelebt hat, kann das genausowenig
in Zweifel ziehen, wie daß der Kapitalist Friedrich Engels ein Kommunist
war. Ebenso daneben war der Vorwurf der Freunde, daß der Zentralrat
der Juden einen »kapitalistischen Vorstand« habe. Die
mit diesem Amt verbundene Tätigkeit ist mit der chronischen Zeitnot
von Lohnabhängigen eben nicht zu vereinbaren. Und weil die jüdische
Gemeinde nun mal nicht das Privileg der beiden Staatskirchen genießt,
deren Würdenträger mit Kirchensteuereinnahmen bezahlt werden,
regelt sich ihre Vorstandsfrage wie in jedem anständigen Fußballclub
oder dem Alpenverein. Insofern läßt sich der Bubis-Nachruf der
,,Freunde'' in dem schwachsinnigen Vorwurf zusammenfassen, daß
die jüdischen Gemeinden eine Religionsgemeinschaft und kein proletarischen
Zirkel sind, bei dem Kapitalisten keinen Zutritt haben.
Aber um die Widerlegung der im letzten Transmitter verbreiteten Dummheiten
der ,,Freunde'' ging es dem Volker Weiß nicht.
2
Volker Weiß ging es darum, den antisemitischen Charakter der Freunde
anzuprangern: »im Kern ihrer Identität getroffen«
seien sie gewesen, als des Antisemitismus bezichtigt wurden. Beweis: Sie
»konterten bisher hautsächlich mit Pöbeleien«
- eine glatte Lüge mit dem Zweck, die ,,Freunde'' als Charakterschweine
zu illustrieren. Daß jener »Kern ihrer Identität«
antisemitisch sei, verbreitet der »Volker Weiß«
und betont dabei gleichzeitig, er wäre doch der »Überzeugung,
daß sie [die Freunde der guten Zeit] subjektiv keine Antisemiten
sind«. Objektiv aber schon, lautet sein Urteil, das er mit der
gleichen Bestimmtheit vertritt, wie ein Irrenarzt, der in der Psyche seiner
Anstaltsinsassen immer neue Abgründe an Schizophrenie entdeckt. (Das
gleiche intellektuelle Niveau hatten ehemals die K-Grüppler, die Linbksabweichler
stets als subjektiv links = objektiv rechts denunziert haben.)
Regelrecht dummdreist ist das Beweisverfahren, mit dem er die schriftliche
Aussagen der ,,Freunde'' aus dem Zusammenhang reist, alle logischen
Beziehungen zwischen den von ihnen verwendeten Begriffen wegwirft und diese
zum unwiderlegbaren Beweis umgruppiert. Für derlei Zitatverdrehung
liefert er folgende Gebrauchsanweisung:
»Produziert wird« [von den Freunden]
»eine Negativ-Kette (Kapitalismus, Spekulation, Ausbeutung,
Vorstand, Bevorm,0undung, Terror), die sich um den Begriff des Jüdischen
(Bubis, Galinski, Israel) schlingt. [...] Bei einem Text von 40
Hauptwörtern verweisen etwa 20 Hauptwörter beit etwa gleichem
Anteil auf Kapitalismus und Judentum. [...] Diese Begriffe sind
durch Satzstellungen und und Wortbedeutung einander zugeordnet und mit
entsprechenden Eigenschaftsworten wie ,jüdisch' und ,kapitalistisch'
verknüpft. Dieses linguistische Mosaik liefert ein antisemitisches
Ganzes.«
Folgen wir dieser Gebrauchsanweisung, läßt sich leicht beweisen,
daß Volker Weiß zweifellos ein fanatischer Antisemit ist: Sobald
die obenstehenden Ausführungen in ein »linguistisches Mosaik«
verwandelt sind, ensteht auch bei »Volker Weiß«
eine »eine Negativ-Kette« mit Begriffen wie »Ausbeutung,
Vorstand, Bevormundung, Terror«, Begriffe, die auch bei ihm mit
»jüdisch«, »Kapitalismus und Judentum«
verknüpft sind.
Eben so konstruiert er ein denunziatorisches »Bild« der
,,Freunde'', das sich seinen Angaben zufolge nicht aus seiner Verdreherei,
sondern »aus ihnen heraus konstituiert«. Ein Meisterwerk
»linken Selbstverständnisses und Streitkultur«!
3
Die Absicht dieses Verfahrens mit dem sich jede Aussage in ihre Gegenteil
verdrehen läßt, geht über die Denunziation der unseligen
,,Freunde'' weit hinaus. Was Weiß leistet, ist die Verwandlung
Faschismus in eine Variante linken ,,Klassenkampfdenkens''. Gegen
dieses Denken geht es der »Gruppe aus gegebenem Anlaß«,
für die der Bubis-Nachruf in der Tat nur ein Anlaß war.
Bei den Nazis erfinden sie eine »Verschränkung von ,Judentum'
und ,Kapitalismus'«, dem Antisemitismus sei eine »antikapitalistische
Rethorik [...] wesentlich«. Die amtlich organisierte Enteignung
der vom Staat als Juden Selektierten stellt er dar als Plünderungsaktion
des aufständischen Pöbels: »Fledderei jüdischen
Eigentums [...]«, »davongeschleppt wurde höchstens
eine Kosakenbeute und das gute Gefühl, es jenen, die man sich in der
Phantasie so mächtig gemacht habe, genauso dreckig gehe, wie einem
selbst.« Den Faschisten, deren politisches Programm die Verwendung
des Staatsapparates zur Massenvernichtung an einer von ihnen erfundenen
,,parasitären Rasse'' war, attestiert er, sie hätten lediglich
den »Antisemitismus als Teil des Wertekonsens der [!] Bevölkerung«
zu »sich selbst« gebracht, indem sie »die Differenz
von Vernichtungsrethorik und Vernichtung aufzuheben trachteten [!]«.
Der staatlich praktiszierte Antisemitismus, der die ,,Endlösung
der Judenfrage'' forderte und betrieb, ist damit schier in sein Gegenteil
verkehrt. Weggelogen wurde nicht nur, daß der erste Vernichtungsschlag
der Nazis den Kommunisten galt, die keineswegs ein antisemitisches Programm
hatten. Weggelogen wurde mit der Verwandlung des Nationalsozialismus in
eine Variante von Antikapitalismus vor allem, welches Verbrechen den Juden
zur Last gelegt wurde: daß es nämlich das Judentum wäre,
das hinter dem Kommunismus stände.
Klassenkampfdenken bei den Nazis? Ihr Vorwurf an die Gewerkschaften: ,,der
Marxismus hat aus ihnen ein Instrument für seinen Klassenkampf gemacht''
[Hitler: Mein Kampf, S. 675]. Überhaupt sei die ,,politische Klassenspaltung''
überhaupt nur Werk der Juden, die ,,zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
jene innere Entfremdung'' [MK 675] verursacht hätten, die den Klassenkampf
überhaupt nur möglich gemacht habe.
Antikapitalismus bei den Nazis? Sie schätzten das Kapital als ,,Dienerin
des Staates [MK 228]'', entdeckten im Judentum die Absicht, den ,,Betrieben
die Grundlagen der persönlichen Besitzerschaft'' [MK 344] zu rauben.
Das kapitalistische System als ,,der natürliche Ausleseprozeß,
der den Tüchtigsten, Fähigsten und Fleißigsten befördern
soll'' [MK 676], sahen sie von der ,,jüdisch-bolschewistischen
Weltverschwörung'' bedroht. Soweit diese Richtigstellung.
4
Was Volker Weiß da verbreitet ist nicht der übliche Antikommunismus,
der nach dem Motto ROT = BRAUN der Linken den Plan für eine totalitäre
Herrschaft nach Nazi-Vorbildern andichtet. Volker Weiß macht sich
in einer Gesellschaft, in der Kapitalismuskritik marginal geworden ist,
dadurch nützlich, daß er die Gleichung BRAUN = ROT aufstellt.
Rückkehr Deutschlands zur Normalität, verbannen der Nazi-Vergangenheit
ins Vergessen wie Walser und Co ist seine Sache nicht. Er folgt dem deutschen
Mainstream, einem geläuterten kapitalistischen Deutschland, das die
Vergangenheit so verdreht, daß es das wegen Auschwitz zur Bombardierung
Jugoslawiens und zur Führungsmacht Europas berufen ist. Sollte jemand
Einwände dagegen haben, wo Volker Weiß doch Kapitalismus und
Nationalismus davon freispricht, nach Auschwitz geführt zu haben?
Um so besser trifft der Antisemitismusvorwurf in dieser Republik linke Kritiker
der Klassengesellschaft, solange jedenfalls, wie sich die organisierten
deutschen Juden für die ,,Versöhnung'' mit Deutschland
einsetzen, sich als gute Deutsche präsentieren und gegenüber dem
Ausland jeden Verdacht über den rassistischen Charakter der Berliner
Republik zerstreuen. Sollten sie sich allerdings einmal nicht mehr als gute
Deutsche erweisen, sind auch die Juden in dieser Republik nicht mehr sicher.
Anmerkungen
[01] Tatsächlich geht es nicht um Zusammenarbeit. Das Sendeverbot soll ja auch gelten, wenn z.B. Jessica & friends ihre Sendungen in Zusammenarbeit mit anderen Radiogruppen, z. B. Forumradio, produzieren.
[02] Zur Antisemitismusdebatte haben wir einiges an den Transmitter für die Februar-Ausgabe geschickt. Dort steht, warum wir uns sicher sind, daß der Bubis-Nachruf lediglich Anlaß, aber nicht Grund für gegen die F.d.G.Z. (Freunde der Guten Zeit) gerichteten Maßnahmen, nämlich Denunziation und Sendeverbot, waren. Die Leistungen des Rausschmisses der Freunde der Guten Zeit lagen darin, erstens ihre politischen Standpunkte zu ignorieren, sonst hätte der Antisemitismusvorwurf ja nicht gepaßt. Zweitens lagen sie darin, die erznationalistische Lüge, bei Antisemitismus handele es sich um eine Art Klassenkampfdenken, als einzig gültige Theorie über den Antisemitismus hinzustellen. Die dritte Leistung war es, die ohne inhaltliche Kritik mundtot gemachte politische Meinung der Freunde der Guten Zeit mit der persönlichen Denunziation ihrer Vertreter zu erledigen.
[03] Diesen interessanten Hinweis darauf, in welche Richtung diese Leute die Gesellschaft zu verändern trachten, lieferte der gute A. in der vorletzten Anbieterinnengemeinschaft.
[04] Der Artikel wurde kurz vor Redaktionsschluß zusammen mit unseren Programmankündigungen in den dafür vorgesehenen Mac-PC eingegeben. Die Programmankündigungen sind abgedruckt, der Artikel nicht. Stattdessen findet sich unter Rubrik Antisemitismusdebatte ein Artikel, der nicht das geringste zum Thema Antisemitismus zu sagen hat und trotz seiner irreführenden Überschrift nicht den geringsten Versuch zur Verteidigung der F.d.G.Z. unternimmt.
[05] Egal wie der Vorwurf, hier ist es Antisemitismus, betitelt ist: es geht ja immerhin darum, daß in einem gemeinsamen Projekt ein Tatbestand festgelegt werden soll, der den Rauswurf nach sich zieht, ohne daß es darüber eine einvernehmliches Diskussionsergebnis gibt. Wie die gegen unseren Diskussionsbeitrag verhängte Zensur zeigt, soll ein einvernehmliches Diskussionsergebnis gar nicht zustandekommen.
[06] »oben-unten-Unterscheidung«?»verblendeten«? Ein pfiffiges Verfahren, mit dem hier Anführungszeichen eingesetzt werden. ,,Verblendung'' - ein Wort, das in schlechte Kitschromane oder in davon abgeleitete, noch schlechtere bürgerliche Wissenschaft gehört - in Anführungszeichen ist seine Benutzung nicht dem unzureichenden aktiven Wortschatz der R3 Autoren geschuldet, sondern wird den F.d.G.Z. in den Mund gelegt.
[07] Dieses Verfahren der Entpolitisierung ist unserer Erfahrung nach für alle möglichen bürgerlichen Erklärungsversuche des Faschismus, die seine Ursachen ungeschoren lassen sollen. In der einfachsten Variante ist der Faschismus ,,das Böse'', das selbstverständlich durch eine »starke Demokratie« bekämpft werden muß, weswegen Kapitalismus, geschweige denn die der bürgerlichen Staatsgewalt immanente Dalektik von citoyen und bourgeois, nie und nimmer etwas mit dem Faschismus zu tun haben können. Daß es ausgerechnet eine solche starke Demokratie war, von Ebert und Noske in einem Bürgerkrieg gegen die Arbeiterklasse durchgesetzt, deren Staatsgewalt die Machtübergabe an die Faschisten bewerkstelligte, muß natürlich weggelogen werden. - Bei anderen Varianten entpolitisierender Faschismustheorie liegt die Ursache in mangelnder christlicher Nächstenliebe (modern: Empathie), mangelnder christlicher Demut (modern: Intoleranz) oder Nichteinhaltung der christlichen Gebote (modern: Werteverfall).
[08] Diese Selbstkritik hätte freilich im Stile der stalinistischen Schauprozesse als Selbstanklage laufen müssen, bei der die Delinquenten immer wieder beteuern, objektiv für den Feind tätig gewesen zu sein, ohne das subjektiv zu ahnen.
[09] Die Autoren der R3 phantasieren da etwas von einem ,,Verblendungszusammenhang'' - was auch immer dieses Unsinnswort bedeuten soll -, und der wäre nicht für den Antisemitismus verantwortich, denn: im ,,verblendungsfreien Zustand des aufgeklärten Subjekts'' ist der Antisemitismus auch nicht ,,vom Tisch''. Vermutlich hat man in der Redaktion 3 da empirische Erfahrungen, etwa aus einer Psychosekte, die eifrig daran arbeitet, ihre Jünger durch die Lektüre von Robert Kurz in verblendungsfreie Zustände zu versetzen? Wir sind da Selbsterfahrungsberichten durchaus interessiert. - - Ganz in diesem Sinne erscheinen die F.d.G.Z. den Autoren auch als Psycho-Sekte, die im ,,Kampf mit der herrschenden Klasse'' den Antisemitismus ,,als weiteres Täuschungsmanöver des ,Kapitals''' entlarven will, was etwa den gleichen Grund hat, aus dem einem gläubigen Christen der Atheismus als Kirche des Satans erscheint. Der einfache Gedanke, daß Leute, denen die falsche Volkszugehörigkeit von Kapitalisten stinkt, nichts gegen Kapitalisten haben, sondern für Arbeitgeber mit richtiger Volkszugehörigkeit kämpfen, also Rassisten gewiß keinen Klassenkampf wollen, geht unseren nahezu verblendungsfreien Subjekten von der R3 wahrscheinlich ab.
[10] Einige deutsche Rassisten bringen z.B. eine Distanzierung von der NS-Herrschaft, nach der die Nazis zwei Verbrechen begangen haben, nämlich daß sie erstens den Krieg verloren haben, und daß sie zweitens unnötigerweise gute Deutsche in Auschwitz umgebracht haben.
[11] Die Personengruppe, auf die der Verdacht der R3 ausgeweitet wird, ist marginal, da es in Deutschland leider keine bedeutende Minderheit gibt, die das nationale WIR nicht teilt. Das gilt insbesondere für die im Bundestag vertretenen Parteien. Sollte also jemand in der PDS Antisemitismus entdecken, soll er das nicht als Beweis dafür nehmen, daß es Antisemitismus doch ohne Nationalismus geben könne.
[12] Von Leuten, die an ein außerhalb der Phantasie existierendes ,jüdisches Volk' glauben, Philosemiten z.B., kann in alles Antisemitismus hineininterpretiert werden, was irgendwelche Angehörige dieses imaginären Volkes betrifft. Antisemit ist dann, wer Wolf Biermann oder Gari Kasparow als ausgesprochene Arschlöcher bezeichnet, nichts von der Folterpraxis in Israels Knästen hält, ja sogar, wer den jüdischen Glauben für genauso idiotisch hält wie den christlichen. Die Logik: Biermann, Kasparow, der zionistische Staat und das Alte Testament sind - Manifestationen dieses imaginären Volkes.
[13] Wer die Juden als Vertreter des Kapitalismus angesehen haben soll, steht in den Sternen. Die Nazis jedenfalls nicht: im »Kampf gegen das Kapital« sahen die Nazis den Plan, »die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen« (Mein Kampf, S. 232). Dringend unterschieden müsse zwischen den »beiden Kapitals-Arten« (ebenda, S. 228). Es wäre ein Irrtum, daß es nur die Sorte Kapital gäbe, das »in jedem Falle nur das Ergebnis der Arbeit wäre und mithin, wie diese selbst, der Korrektur all jener Faktoren unterläge, die die menschliche Tätigkeit entweder zu fördern oder zu hemmen vermögen. Darin läge dann auch die nationale Bedeutung des Kapitals, daß es selber so vollständig von Größe, Freiheit und Macht des Staates, also der Nation, abhänge, daß diese Gebundenheit allein schon zu einer Förderung des Staates und der Nation von seiten dieses Kapitals führen müsse. « (Erstaunlich wie krass er alles durch die staatliche Brille betrachtet!) Aber im »Unterschied dieses reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit« gäbe es ein »Kapital, dessen Existenz und Wesen ausschließlich auf Spekulation beruhen« würde. (ebenda, S. 228) Keineswegs auf den Kapitalismus, sondern nur auf dieses ,raffende' Kapital richtete sich ihre nationalistische Wut, nicht aud das Kapital, sondern auf das Finanzkapital, und auch nur auf das in feindlichen Händen: »Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des Kampfes der deutschen Nation um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit und Freiheit geworden.« (ebenda, S. 233) - Den Übergang zum Lob des schaffenden und zur Kritik am raffenden Kapital gibt es in der Linken schon, z.B. beim Linksruck, oder in den Kreisen der PDS, die Diskussionen mit Nazis etwas abgewinnen können, also genau in dem Spektrum der Linken, das den F.d.G.Z am fernsten liegt.
[14] Die Rede ist von der Chimäre eines ,,auserwählten Volkes'', das mit dem ,Volk' des antiken Israel freilich nicht mehr zu tun hat als der christliche Sprößling aus diesem Land. Als ,,Volk Gottes'' sahen und sehen sich ja nicht nur die Juden, sondern diverse andere Sekten - tendenziell auch die katholische - und auch die USA sind ja »goods own nation«. Daß das jüdische ,,Volk Gottes'' ausgerechnet einen eigenen Nationalstaat als ,,Lehre aus Auschwitz'' braucht, ist in den jüdischen Gemeinden zurecht umstritten. Denn die Einbildung, Gottes auserwähltes Volk zu sein ist ein religiöser und kein nationalistischer Wahn, der Frömmigkeit, und nicht etwa einen Nationalstaat erheischt.
[15] Völker sind, nicht im idealisierten rassistischen, sondern im realen Sinn, Einwohner eines Gebiets, die einer gemeinsamen Staatsgewalt unterworfen sind, deren Untertanen sie zu sein haben (egal ob freiwillig oder nicht). Deswegen entscheidet sich an der Frage der ,Volks'-zugehörigkeit die Gewährung der Bürgerrechte, denen in der vorbürgerlichen Gesellschaft erst zum Durchbruch verholfen werden sollte.
[16] Bis ins 19 Jahrhundert konnten Katholiken in Preussen keine höheren Beamten werden. Dagegen wurden die Hugenotten dort mit offenen Armen aufgenommen, ebenso in den Niederlanden.
[17] »Das Judentum hat sich neben dem Christentum gehalten, nicht nur als religiöse Kritik des Christentums, nicht nur als inkorporierter Zweifel an der religiösen Abkunft des Christentums, sondern ebensosehr, weil der praktisch-jüdische Geist, weil das Judentum in der christlichen Gesellschaft selbst sich gehalten und sogar seine höchste Ausbildung erhalten hat. Der Jude, der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, ist nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft. Das Judentum hat sich nicht trotz der Geschichte, sondern durch die Geschichte erhalten.« (MEW 1, S. 374)
[18] Das falsche Wort Reichs-progrom-nacht setzt diese vom NS-Staat generalstabsmäßig durchgeführte Zerstörungs- und Vernichtungsaktion in genau die Tradition, die ihr die Nazipropaganda geben wollte: einen spontanen Ausbruch eines tief in der Geschichte verankerten Judenhasses. Den hatte sie nicht: »Es steht aber auch weiter fest, daß die Pogromaktionen von SA, SS, NSKK und HJ durchgeführt worden sind, und daß das Volk davon am Morgen des 10. November genau so überrascht worden ist wie das Ausland. Daß dann der Pöbel hier und da die Gelegenheit benutzte, um zu plündern, hat mit ,,spontanem Volkszorn" nichts zu tun.« (Deutschland-Berichte der SPD (Sopade) 1934-1940, 5. Jahrg., 1938, Nr.11, S. A27ff ) Freilich war für diesen ,,spontanen Ausbruch'', bei dem die Duchschnittsuntertanen die Rolle des mehr oder weniger wohlwollenden Zuschauers spielten, langjährige Hetze zur Verbreitung von Nationalismus notwendig (mehr dazu weiter unten).
[19] Daß der (antimaterialistische, untertänige) Gedanke der Nächstenliebe eine Erfindung von J. Christus wäre, ist ein Gerücht. (vgl. 3. Mose 19.18)
[20] Sie unterlagen nicht der Leibeigenschaft - eine Staatsbürgerschaft war noch lange nicht erfunden.
[21] Die Gründe waren selbstverständlich gesellschaftlich, resultierten aus Klassengegensätzen, und spiegelten sich in der Religion nur wider. Die Hetze bediente sich der Logik unchristlich = böse und wurde mit bluttriefenden Greuelmärchen über jüdische Rituale bebildert, die in dem jüdischen (und auch anderem) ,Aberglauben' den Idealismus des Bösen entlarvten.
[22] Das ist keine Ableitung des Kapitals, sondern ergibt sich aus der oberflächlichen Betrachtung: einerseits direkt Geld heckendes Geld G - G', anderserseits vermittelt durch eine Ware G - W - G', wobei die Quelle des Überschusses nicht an der Oberfläche erscheint.
[23] Was von einem guten Staatsbürger verlangt wird, darin sind sich viele demokratische Parteien mit den Nazis einig. Die folgenden Sätze könnten jedenfalls auch von einem Politiker der CDU oder SPD stammen: »In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung alles Opfersinnes. [...] Gerade unsere deutsche Sprache aber besitzt ein Wort, das in herrlicher Weise das Handeln nach diesem Sinne bezeichnet: Pflichterfüllung; das heißt, nicht sich selbst genügen, sondern der Allgemeinheit dienen.« (Mein Kampf, S. 327) Den Juden die Fähigkeit zum »gemeinnützigen Handeln« abzuerkennen, ist speziell Merkmal der Nazis. Allen Faschisten gemeinsam ist die bedingungslose Unterwerfung privater Interessen unter die Pflicht zum »gemeinnützigen Handeln«. Der bourgeois soll im citoyen aufgehen.
[24] Die Gleichsetzung von »Privat« mit »individuell, geht niemanden und vor allem den Staat nichts an« ist ein ernster Fehler. Alle Privatangelegenheiten sind gesetzlich geregelt. Der Sex der Leute - nun folgt eine Schnellableitung des Sexismus - unterliegt z.B. dem staatlichen Verdacht, er könne die heilige Instituton der Familie als Keimzelle neuer Untertanen gefährden, weswegen Mütter »mit häufig wechselndem Geschlechtspartner« schnell großen Ärger mit dem Jugendamt bekommen, gleichgeschlechtliche Ehen ein Unding sind, Prostituierte keinen Beruf haben (oder gar illegal sind), und Sex für Eheleute oft kein Vergnügen, dafür aber eine eheliche Pflicht ist, aus der sich so mancher Macker ein unbedingtes Recht auf sexuelle Befriedigung ableitet.
[25] Da erwischt es durchaus nicht nur Juden. Als 1999 aus ungeklärten Gründen eine vollbesetzte Boeing der Egypt Air im Atlantik abtauchte, äußerten die US-Behörden den dringenden Verdacht, es habe am moslemischen Glauben des Co-Piloten gelegen, dem wegen seiner Religion das Amoklaufen allemal zuzutrauen wäre. Und im christlichen Bayern bekam zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses sogar eine katholische Lehrerin ein Berufsverbot, weil ihr unbedingtes Festhalten am 5. Gebot mit der »Verteidigungsbereitschaft« des bundesdeutschen Frontstaates nicht in Einklang zu bringen wäre.
[26] Der Verdacht blamiert sich nicht vor Albernheiten: "Der Jude z.B. müßte aufgehört haben, Jude zu sein, wenn er sich durch sein Gesetz nicht verhindern läßt, seine Pflichten gegen den Staat und seine Mitbürger zu erfüllen, also z.B. am Sabbat in die Deputiertenkammer geht und an den öffentlichen Verhandlungen teilnimmt." (Bruno Bauer: "Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden". zitiert nach MEW 1, S. 350)
[27] "Die Frage ist, ob der Jude als solcher, d.h. der Jude, der selber eingesteht, daß er durch sein wahres Wesen gezwungen ist, in ewiger Absonderung von andren zu leben, fähig sei, die allgemeinen Menschenrechte zu empfangen und andern zuzugestehn." (Bruno Bauer: "Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden". zitiert nach MEW1 S. 362) Dieser Standpunkt findet bei Marx seine gründliche Widerlegung dadurch, daß Marx den Charakter der einzelnen Menschenrechte bloßstellt.
[28] Dem Islam, speziell als »Islamismus« wird von christlichen Fundamentalisten ebenso die Fähigkeit abgesprochen, Menschenrechte zu akzeptieren, also auch in deren Genuß zu kommen. Noch effektiver läßt sich diese Stammtischlogik gegen Kommunisten einsetzen, deren »Weltanschauung« nichtmal unter die Religionsfreiheit fällt.
[29] Für Religiöse, die nicht einer der beiden Staatskirchen sind, die das Primat der weltlichen vor den göttlichen Gesetzen predigen, gibt es seit kurzem in der BRD sogenannte Sektenbeauftragte, was in den USA - zu unrecht - als Angriff auf die Religionsfreiheit aufgefaßt wird.
[30] Auch das liegt wieder am Konstruktionsfehler der bürgerlichen ,Zivilisation': »Allerdings bleibt der bourgeois, wie der Jude, nur sophistisch [heuchlerisch] im Staatsleben, wie der citoyen <Staatsbürger> nur sophistisch Jude oder bourgeois bleibt; aber diese Sophistik ist nicht persönlich. Sie ist Sophistik des politischen Staates selbst. Die Differenz zwischen dem religiösen Menschen und dem Staatsbürger ist die Differenz zwischen dem Kaufmann und dem Staatsbürger, zwischen dem Taglöhner und dem Staatsbürger, zwischen dem Grundbesitzer und dem Staatsbürger, zwischen dem lebendigen Individuum und dem Staatsbürger.« (MEW 1, S. 355)
[31] Neueren Datums nennt sich dieser ausländerfeindliche Gedanke ,Loyalitätskonflikt'.
[32] Vorher wurden die BewohnerInnen Afrikas und Amerikas als Heiden verfolgt. Mit Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft, deren Ausrottungsfeldzüge die der Conquistadoren schnell übertrafen, nützte die Taufe den Betroffenen immer weniger.
[33] Der Rassismus funktionierte schon immer nach dem Prinzip, daß man das, was man z.B. aus Gründen der Staatsraison irgendwelchen Menschengruppen antun wollte, als deren höchstpersönliche Eigenschaft andichtete, so wie die »Mutterpflichten« an der »Natur der Frau« liegen sollen, oder der »kriminelle Charakter« von Leuten, die gegen Gesetze verstoßen haben, deren Bestrafung erfordert.
[34] Die Demokratisierung der kaiserlichen Miltärdiktatur war Kapitulationsbedingung des amerikanischen Präsidenten Wilson.
[35] Beim ersten Weltkrieg ging es, wie beim zweiten und beim Kalten Krieg, nicht um »Raub«, wie das Leninisten meinen, sondern um eine neue Weltordnung.
[36] »So ist zu der Behauptung, der verlorene Krieg trage die Schuld am deutschen Zusammenbruche, folgendes zu sagen: [...] sein Verlust ist nicht eine Ursache, sondern selber nur wieder eine Folge von Ursachen. Daß ein unglückliches Ende dieses Kampfes auf Leben und Tod zu sehr verheerenden Folgen führen mußte, war ja jedem Einsichtigen und nicht Böswilligen vollkommen klar. Leider aber gab es auch Menschen, [...] die, entgegen ihrem besseren Wissen, dennoch diese Wahrheit erst abstritten und wegleugneten. Das waren zum größten Teil diejenigen, die nach der Erfüllung ihres geheimen Wunsches auf einmal die späte Einsicht in die Katastrophe, die durch sie mit angerichtet wurde, erhielten. Sie aber sind die Schuldigen am Zusammenbruche und nicht der verlorene Krieg, wie sie plötzlich zu sagen und zu wissen belieben. Denn der Verlust desselben war ja nur die Folge ihres Wirkens und nicht, wie sie jetzt behaupten wollen, das Ergebnis einer "schlechten" Führung.« (Mein Kampf, S. 249)
[37] Es ist unglaublich, daß antifaschistische Kreise geglaubt haben und immer noch glauben, auf die Lektüre von Hitlers Mein Kampf, also auf einen Einblick in die Wahnsinnsgedanken des faschistischen Weltbildes verzichten zu können. Schlimmer noch: die Nazis begreifen zu wollen, um ihnen besser den Garaus machen zu können, gilt neuerdings mitunter als »Verständnis« für die Faschisten, das der »Relativierung des Unfaßbaren Grauens« dienen soll. Damit ist die Verwandlung von Antfaschismus in Okkultismus, nämlich den Kampf gegen das »Unbegreiflich Böse« perfekt.
[38]So funktioniert Moral: Ist eine Weltanschauung erstmal verinnerlicht, ist der Verstand dem Gefühl unterworfen - und jede Aufklärung und Kritik für die Katz. (Das ist der rationale Kern am Gerede vom ,,autoritären Charakter".) Solche Figuren können nur noch unschädlich gemacht weden.
[39] Tatsächlich stieß der Zionismus zunächst auf die heftige Kritik der liberalen Juden. Warum sollten Leute jüdischer Herkunft denn auch weniger gute Nationalisten oder gar Sozialisten sein, als Leute aus christlichen Familien?
[40] So blödsinnig ist rassistische Beweisführung Bis jetzt hat noch niemand von einem Lutheraner verlangt, er solle sich vom im Vatikan ansässigen christlichen Fundamentalismus als ,nicht christlich' distanzieren. Wie hätten liberale Juden also den Zionismus als ,nicht jüdisch' kritisieren sollen?
[41] Soweit die Leute mit der hübschen dunklen Hautfarbe gerne hier leben möchten.
[42] Um bürgerliche Demikratie hat sich die SPD unter Ebert und Noske verdient dadurch verdient gemacht, daß ihr einen adäquaten Gewaltapparat schuf. Dazu mußten in einem riesigen Massaker die aufständischen Arbeiter entwaffnet werden, nachdem die SPD die potentiellen theoretischen Arbeiterführer abschlachten ließ. Für diesen Massenmord brauchte sie allerdings Truppen, die Noske zielstrebig aushob, und bei deren Mannschaften es sich meist um lupenreine Faschisten handelte. Aus deren Gewehrläufen kam die Macht der Ersten Deutschen Demokratie. Die Grundlage der NSDAP war mit desen Truppen gelegt. Ein Staatsapparat der zur Machtübergabe an die NSDAP nur zu bereit war, war ebenfalls ausgemachte Sache. Anders gesagt: der »Schoß aus dem das kroch« ist nicht zuletzt »die gute alte Tante SPD«.
[43] Als Kohl die »Asylantenfrage« zur »Staatskrise« hochpuschte, war das der Startschuß für die schlimmsten Angriffe auf Ausländer, die die BRD bis dahin erlebt hatte.
[44] Wie skrupellos derartig rassistisches Denken von ,Antideutschen' übernommen wird, zeigt ein Zitat aus einem antideutschen Klassiker des Antitantionalen Plenums namens ,,Rechsprogromnacht, die Shoa und die Kontinuität des Antisemitismus in Deutschland, 1995, Seite 2: ,,Der Nationalsozialismus führte verschiedene Herrschaftsideologien des Kapitalismus, wie rassistische und eugenische Aussonderung von als ,Fremden' ausgemachten, ,nicht Gesunden' und ,nicht Leistungsfähigen' zur extremen Konsequenz des Massenmordes an Roma und Sinti, an ,unwertem Leben', an Schwulen und Lesben und an ,Asozialen'. Diese Verbrechen sind letztlich mit Leistungs- und Vernutzungskriterien verbunden, die sich aus der kapitalistischen Produktionsweise und deren Wertnormen und deren Ideologien ergeben. Dies erklärt nicht die besonderheit der Vernichtung des europäischen Judentums.'' Das ist nicht nur historisch Unsinn, denn schließlich wurde den Juden die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung zur Abschaffung des Kapitalismus angelastet. Es ist auch rassistischer Müll. An Leuten, die z.B. als ,Zigeuner' selektiert wurden, war nicht das geringste, was sie in einen größeren Widerspruch zu den kapitalistischen ,Leistungs- und Vernutzungskriterien' gebracht hätte, als die getöteten Juden. Außer dem aus der Rassenhygiene begründeten Todesurteil, hatten weder die ,Zigeuner' untereinander eine Gemeinsamkeit, wie die ,Juden'. Und erst recht gibt es nichts zu finden, was ihrer Ermordung eine kapitalistische ,Rationalität' verliehen hätte, geschweige denn, was die Roma und Sinti als weniger brauchbar für die moderne Marktwirtschaft gemacht hätte. Es sei denn, man glaubt selber an Rassenunterschiede zwischen beiden Opfergruppen. - Die von den Nazis erfundene rassistische Sortierung liegt überhaupt dem ganzen ,Gedenken' zugrunde, das der geläuterte deutsche Rassismus den Juden als zu Unrecht Getöteten zukommen läßt, und ihnen ein Mahnmal setzt, auf dem die anderen Nazi-Opfer keinen Platz haben, nicht die Kommunisten, Russen, ,Zigeuner', polnische Intellegenz etc., und schon gar nicht die ,Serben', die inzwischen ,wegen Auschwitz' auf der Liste stehen.
[45] Weltanschauungen sind gewiß keine unbewußte Angelegenheit, sondern Gedankengebäude.
[46] Nur zur Terminologie: Daß es unter den Leuten, die sich - egal aus welchen Gründen - als ,Linke' bezeichnen, irgendeine Gemensamkeit gibt, halten wir für ein Gerücht. Soll sich doch als ,links' bezeichnen, wer will. Leute als Antideutsche zu bezeichnen, die ,uns' als ,Deutsche' eine ,besondere Verantwortung', womöglich sogar für einen rassistischen Folterstaat am Ostrand des Mittelmeers abverlangen und sich für jede Geschichtsverdrehung des geläuterten Deutschland - von wegen ,gegen das Vergessen' - nützlich machen, ist idiotisch. Leute, die den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Auschwitz weglügen, gar als ,Antinationale' zu bezeichnen, ist schier wahnwitzig.
[47] Die ,,Einzigartigkeit der Shoa'' ständig zu beteuern, paßt zu diesem Nationalismus, seit von Kohl der ,Historikerstreit' entschieden wurde: »Sein [Kohls] Schlußwort, mit dem er dem Hahnenkampf ein Ende setzte, daß nämlich die deutschen Verbrechen "unvergleichlich" gewesen seien und keine bloße historische Doublette , bedeutete zweierlei: Zum einen, daß der neuerstarkte Nationalstolz jetzt auch borniert genug war, Auschwitz als original deutsche Spitzenleistung für sich zu reklamieren, zum anderen, daß die von der "späten Geburt" Begnadeten begriffen hatten, wie ein solches Bekenntnis die Bundesrepublik in einem umso strahlenderen Gewand erscheinen ließ; denn nichts verknüpfte sie dann mehr mit dem Nationalsozialismus.« (Uli Krug, BAHAMAS 25/1998)
[48] Womit nicht gesagt sein soll, wir hätten etwas dagagen, daß Antikommunisten im FSK mitmachen. Sie sollen aber doch bitte erstens die in bürgerlichen Demokratien normalerweise üblichen Regeln einhalten und zweitens kein Schindluder mit Antisemitismusvorwürfen treiben, weil sonst jeder Antifaschismus auf den Hund kommt.
[49] Oder soll man den R3 Autoren unterstellen, ihre theoretische Grundlage wäre die Kurz'sche Verballhornung von Postones Verflachung der Theorie Sohn-Rethels, dem tatsächlich noch wissenschaftliche Fehler unterlaufen sind, während die Fehler seiner Epigonen an deren Beweisinteressen liegen?
[50] Genauso, wie sie Marxens ,,Zur Judenfrage'' mit ablehnender Ignoranz strafen, genauso ignorant stehen sie Marxens Ausführungen zu Klassengesellschaft und Klassenkampf gegenüber. Ihre Berufung auf Marx ist daher eine Unredlichkeit, die an Perversion grenzt. Derartiges ist allerdings in der bürgerlichen Wissenschaft guter Stil, wo rechtsradikales Gedankengut habilitationsfähig ist, wenn es sich ,ausgewogen' mit genügend Hegel-, Marx- und Adorno-Zitaten schmückt.
[51] Das Wort ,,Tauschbarkeit'' tritt in fast jeder falschen Kapital-Interpretation auf. Daß die Dinger getauscht werden können, ist ja gar nicht der Witz, sondern daß Privatwirtschaft heißt, daß sie getauscht werden müssen. Die große Freude über die Möglichkeit zum Tausch - tatsächlich ist es das Gegenteil, der Zwang zum Tausch! - diese famose ,,Tauschbarkeit'', findet regelmäßig Niederschlag in der Affirmation aller Kategorien der kapitalistischen Ökonomie, die - angefangen beim Geld - als im Sinne aller Beteiligten liegenden Erleichterung der ,,Tauschbarkeit'' gelobhudelt werden.
[52] Das ,,Kapitalistische'' ist in der Ware bereits angelegt - und wird von Marx in den Kapiteln 1 - 4 aus der Ware hergeleitet - und tritt eben nicht von außen hinzu, um ihr einen Wert zuzuweisen.
[53] Unsere Irrenärzte erweisen sich als Jünger der Krisis-Sekte. Deren grandiose theoretische Leistung besteht gerade darin, alle Formen, in die Arbeit im Kapitalismus hineingepreßt ist - Lohnarbeit, wertbildende Arbeit, Privatarbeit, Mehrarbeit etc. - mit ,,die Arbeit'' an sich gleichzusetzen. Die allen Gesellschaften gleiche Notwendigkeit zur zweckmäßigen Herstellung von Gebrauchswerten wird damit zur Ursache für den spezifisch kapitalistischen Umgang mit dieser Tätigkeit namens Arbeit. (Es soll sogar an der Wortschöpfung ,,Arbeit'' liegen!) Es fehlt nur noch, daß die Krisis-Sekte als Grund für die Sklavenarbeit - die es weltweit ja immer noch gibt! - ,,die Arbeit'' erfindet.
[54] Diesen Unsinn findet man noch in jeder Publikation der Krisis-Gruppe zu diesem Thema, z.B: »Dadurch, dass die Mitglieder eines warenproduzierenden Systems nur indirekt (ueber den Markt) vergesellschaftet sind, stehen sie auch nicht durch die bewusste Verstaendigung ueber den Einsatz ihrer gemeinsamen Ressourcen in Verbindung, sondern nur durch die isolierte Verausgabung von Quanta menschlicher Arbeitskraft, die gesellschaftlich als "geronnene Arbeit" (Wert) an den Produkten halluziniert werden und diese zu Waren machen.« (Ernst Lohoff und Robert Kurz, 1998, in der Zeitschrift MARBURG-VIRUS) Das von uns fett hervorgehobene ist falsch und zeigt, daß die beiden Vorbeter ihre Ahnung von Warenproduktion aus einer Sorte Marx-Lektüre haben, die dem Analphabetismus nahesteht. »Indem sie [die Warenbesitzer] ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.« (MEW 23, S. 88) Und es bleibt ihnen nichts anderes übrig als diese Gleichsetzung zu betreiben, da die gegenseitige Abhängigkeit der privat produzierenden Einheiten sie dazu zwingt, die Produkte als Tauschmittel zur Partizipation an der gesellschaftlichen Produktion, eben als Waren zu verwenden. Daß die "geronnene Arbeit" das Durchschnittsmaß des Werts darstellen muß, liegt schlicht daran, daß alle Privatarbeiten in den Markt gegen andere Arbeitsprodukte hneingetauscht werden müssen, wenn sie Glieder der gesellschaftlichen Arbeitsteilung werden sollen. Daß dabei von den spezifischen Eigenarten der die Gebrauchswerte hervorbringenden Tätigkeiten praktisch abstrahiert wird, wertbildende Arbeit also abstrakte Arbeit ist, macht Wert noch lange nicht zu einer geistigen Abstraktionsleistung.
[55] Sollte sich jemand für den Zusammenhang zwischen Kapitalistenklasse und ,,Wert'' interessieren, von wegen Klärung der ,,Schuldfrage'', dazu zweierlei. Daß die gesellschaftliche Form der Produktion eine privatwirtschaftliche ist, liegt durchaus im Interesse derer, denen das bürgerliche Gewaltmonopol die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel übertragen hat. Die lohnabhängigen Untertanen des bürgerlichen Staates leisten sich dagegen den selbstzerstörerischen Luxus, ihre Anhängigkeit von den Eigentümern als Voraussetzung für ihre Privatsicherheiten aufzufassen.
[56] Unsere Autoren sind offenbar Jünger von Robert Nostradamus Kurz, der Lohnarbeit und Arbeit in einen Topf wirft um dann beweisen zu können, kapitalistische Ausbeutung wäre der Arbeit immanent. Damit ist der tröstliche Beweis geliefert: solange das Schlaraffenland nicht realisiert ist und menschliche Arbeit zur Herstellung der Produkte nötig erscheint, wird es Kapitalismus geben.
[57] Die ganze Marx-Lektüre beschränkt sich bei unseren Autoren offenbar auf 13 Seiten des Kapital, die sie so zurechtdrehen, daß sie dem Gesamtergebnis der Marxschen Analyse völlig widersprechen. Statt nun diesen Widerspruch zu konstatieren und nachzuprüfen, weshalb sie zu völlig konträren Ergebnissen gelangen, statt Marx gegebenenfalls zu widerlegen, tun sie so, als befänden sie sich mit Marx in völliger Übereinstimmung. Was Marx zum Thema Kaptalisten zu sagen hatte, geht z.B. aus folgenden Zeilen hervor: »Der Kapitalist hat die Arbeitskraft zu ihrem Tageswert gekauft. Ihm gehört ihr Gebrauchswert während eines Arbeitstags. Er hat also das Recht erlangt, den Arbeiter während eines Tags für sich arbeiten zu lassen. Aber was ist ein Arbeitstag? Jedenfalls weniger als ein natürlicher Lebenstag. Um wieviel? Der Kapitalist hat seine eigne Ansicht über dies ultima Thule, die notwendige Schranke des Arbeitstags. Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele. Das Kapital hat abei einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb, sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt. Die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumiert.« [MEW23, S.247]
[58] Zum x-ten Mal: Nazis schätzen die Kapitalistenklasse, weil die dafür sorgt, daß die Arbeiter fleißig Mehrarbeit fürs Vaterland verrichten, die ihnen freilich in Form von Mehrwert abgepreßt wird - egal ob in Fabrik Arbeits- oder Vernichtungslager. Die Pläne des »Erfinders der sozialen Marktwirtschaft« Ludwig Ehrhard waren übrigens die Nazi-Pläne für die Zeit nach dem Endsieg, denn die von wegen Kriegswirtschaft unerläßlichen Einschränkung unternehmerischer Freiheiten sollten im siegreichen Nazi-Staat schnell wieder aufgehoben werden.
[59] In der ,anti'-deutschen Ideologie gibt es auch einen nicht völkischen, atlantischen Nationalismus, der gegenüber dem kontinentalen Nationalismus deutscher Prägung das kleinere Übel sei und vorwiegend in den Mutterländern von Sir Arthur Harris und des Ku-Klux-Klan zuhause ist.
[60] Damit keine Unklarheiten über unsere Position aufkommen: Warenproduktion ist unvermeidlich, solange die Güter »Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten« (MEW23, S.57) sind, also in neudeutsch Marktwirtschaft herrscht. Schon dieser Zwang, für den Tausch prozuzieren zu müssen, paßt uns nicht. Deswegen wir der Meinung sind, daß die realsozialistische Aufhebung der Kapitalistenklasse nichts bringt, wenn die Arbeitsteilung weiter über einen Markt vermittelt ist und insbesondere der Zwang der Arbeiterklasse, sich auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen, fortbesteht. Das versteht unsere Redaktion unter Kritik der Warenproduktion. - Allerdings würden wir nie und nimmer auf die Idee kommen, unseren Standpunkt den anderen Redaktionen zur Vorschrift zu machen.
[61] Wenn in der militanten Szene Flugblätter anonym unterzeichnet werden, hat das den durchaus akzeptablen Grund, daß sich Leute vor staatlicher Verfolgung schützen wollen. In dieser Tradition stehen »negator und wehner/radio le bonheur« keineswegs. Unter einem Pseudonym veröffentlichen sie, um den Schein einer neutralen, aktiven Radiogruppe zu wahren.
[62] Unsere volkserzieherischen Irrenärzte brauchen freilich Macht um Leute herauszusäubern, die im Sender durch »Personifikation des Kapitals« etwas fördern, was als »Antisemitismus« denunziert wird: Politik, die über bloße Verbreitung von Fakten hinausgeht, und Theorie, die sich nicht in moralphilosophischem Geschwafel à la Krisis erschöpft.
[63] Wieso wird Forumradio unterstellt, es setzte sich zur Wehr gegen eine klandestine Führungsclique? Wollen negator/wehner, daß die reale Führungsclique, die sich beim fsk offen die entsprechenden Posten besorgt hat, öffentlich namentlich angeprangert wird???
[64] Diese Entscheidung ist anzuzweifeln, da nach unserer Erinnerung eine ungültige Stimme abgegeben wurde.
[65] »Negator und wehner« hatten ihr Pamphlet zunächst als Beitrag zur FSK-internen Antisemitismus-Debatte veröffentlicht, der um einige Zeilen länger war, als der im Transmitter.
[66] Auch für diese einfältigen Bildchen finden sich bei den K-Sekten der 70er würdige Vorläufer. Gegner, denen damals Opportunismus vorgeworfen wurde, wurden schon damals so gezeichnet, als würden sie noch den übelsten Rassismus bei Arbeitern abfeiern.
[67] Wer versteht sich denn als »Arbeit«??? Oder meinen die Autoren, daß der Fehler von Arbeitern daran liegt, daß sie sich als solche identifizieren? Der Kapitalismus hat das freilich nicht nötig. Vielmehr funktioniert die Ausbeutung auch bestens, wenn sich die Leute einbilden, sie wären etwas besseres: ,,Gerade der oberflächliche äußere Eindruck ist eine der wesentlichen Quellen des Mythos des modernen Kapitalismus. [...] Du wärst erstaunt, wieviele junge Arbeiter an den Bändern der Autoindustrie eben auch keinen anhaben. Wie oft habe ich gedacht: he, die Jungs am Band mit ihren Diesel-Jeans, ihren modischen Shirts und ihren hippen Käppchen mit dem Schild nach hinten, die sind am Band schicker gekleidet als ich, wenn ich ausgehe. Ich habe mich gefragt, was die dazu bringt, ihre Fruchtbarkeit zu riskieren und andere Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen? Ganz einfach: sie wollen nicht wie Arbeiter aussehen. Sie wollen nicht so aussehen, weil sie keine sein wollen.'' (Wildcat: ,,Nadeschda - hör auf Deinen Rücken!'' - eins der Highlights marxistischer Theorie der späten 90er)
[68] Merkwürdig ist auch, wie negator/wehner die ,,Wertkritik'' der R3 kritisieren: »die Vorstellung, von Marx ließe sich zwar der Begriff des Werts ,,retten'', nur müsse man hierzu leider auf den Begriff der Klasse verzichten, was Unsinn ist, denn der Begriff des Werts im Zusammenhang mit dem der Aneignung von Mehrwert impliziert den der Ausbeutung, und Ausbeutung verweist auf Ausbeuter und Ausgebeutete, also zwei Klassen: Kapital und Arbeit., die sich wechselseitig konstituieren«. (ebenda, S. 4) Nun haben die Autoren des R3 Papiers bloß leider nicht die Freundlichkeit, den Wert »im Zusammenhang mit dem der Aneignung von Mehrwert« zu sehen. Umso lieber ist derartiger Theoriebildung ein diffuser Zusammenhang der Klassen, die sich irgendwie »wechselseitig konstituieren«. Eine sich in solch diffusen Zusammenhängen erschöpfende Theorie liefert übrigens immer nur ein Ergebnis: daß man ohnmächtig vor einer unglaublich komplexen Welt steht.
[69] Mit dem Standpunkt, für die Revolution muß man nichts machen, denn sie kommt, wenn überhaupt, von selbst, zog die SPD in den 1. Weltkrieg.
[70] Bei dem erwähnten Namensvetter von Karl Marx scheint es sich um einen den Autonomen nahestehenden Fanatiker von ,,Gesellschaftlichkeit'' zu handeln. Schade, daß jenes Genie seine Weisheiten nur ,,sprach'' und von diesem unbekannten Genie keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen.
[71] Schönberg, dessen Musik im Sender gerade noch gefehlt hat, kannte Abba nicht, sonst hätte er diesen Schmonz nicht geschrieben.
[72] specteurs - Zuschauer. Den Spezialisten von »radio le bonheur« fällt noch nichtmal auf, daß jene »Zuschauer« diejenigen sind, die aktiv Radio machen, während die »in den Spitzenstatus gedrängten« als Deligierte der passiven Anbieterinnen auftreten.
[73] Deswegen bestehen die Sitzungen der AnbieterInnengemeinschaft auch aus ständigen Kampfabstimmungen.
[74] Wie E. auf der vorletzten Anbieterinnengemeinschaft zum Besten gegeben hat, ist er derjenige, der sich tagtäglich selbstlos für das FSK-Gemeinwohl aufopfert, und das zusätzlich zu seinem Fulltimejob. Bei seinen Gegnern handelt es ich, seinen Angaben zufolge, um arbeitsscheues Gesindel, das den ganzen Tag Pläne gegen ihn ausheckt, statt einer ordentlichen Arbeit nachzugehen. Etwa der Planung einer Medienkarriere?
[75] Wie kommen unsere Gralshüter des "gemeinsamen historischen Substrats" auf die Idee, E. würde mit dem ,,Kapital'' identifiziert? Seit wann repräsentieren machtgeile Vereinsmeier, die sich unentbehrlich zu machen trachten, um für ihre Intrigen eine unangreifbare Basis zu haben, das Kapital? Tatsächlich ist der Mann für jeden Taubenzüchterverein eine Starbesetzung, und zwar in der Rolle des tyrannischen Hausmeisters. Solchen Leuten geht es allenfalls darum, die eigene proletarische Erfolglosigkeit in der kapitalistischen Konkurrenz durch die Konkurrenzerfolge im eigenen Verein wettzumachen. Übrigens: Kapitalisten, denen es um tatsächliche Macht geht, halten nichts von derartiger Gockelei.
[76] Diese Mehrheitsverhältnisse kommen erstens zustande durch die Konstruktion der sogenannten ,,passiven AnbieterInnen'', die z.B. der HSB satzungsmäßig eine Deligiertenstimme garantiert. Wieso eigentlich? Die HSB ist keineswegs eine Institution, sondern ein der Krisis-Gruppe nahestehender Politzirkel. Zweitens sorgt die merkwürdige Sitzverteilung, die aus einer merkwürdigen Festlegung resultiert, wer als aktive AnbieterIn zählt, und wer nicht, für Verhältnisse, die denen in einem Ständeparlament sehr nahekommen.
[77] Der Tatbestand ist unwiderlegbar, weil für die Denunziation, bei den »Eingeschleusten« würde es sich um »durchgeknallte Macker wie die Apparatschiks ohne Apparat« offenbar gar nicht begründet werden muß. Wer würde angesichts der von negator/wehner geäußerten Wut auch anzweifeln, daß es sich bei »Ex-MGlern« um Leute handelt, die ein nicht verjährbares Verbrechen begangen haben, etwa wie Vergewaltiger?
[78] Bei diesem Marx scheint es sich um einen mit Karl Marx nur zufällig namensgleichen Beliebigkeitsapostel der Postmoderne zu handeln, dem es darum ging eine möglichst komplexe Theorie abzuliefern, die stets nur die Relativierung statt der schrecklichen ,,Verabsolutierung'' zuläßt.
[79] Derartig krasse Lügen, die die Mehrheitsverhältnisse im FSK komplett auf den Kopf stellen, lassen sich praktisch nur aus der Anonymität heraus in die Welt setzen. Für deren Verbreitung ist die Transmitter-Redaktion verantwortlich zu machen.
[80] Zu deutsch: Gauner
[81] Welche »Verschwörungstheoretiker« sind von unseren Hohepriestern der Sektenbekämpfung gemeint? AntiimperialistInnen?
[82] Typischerweise handelt es sich bei den Gegnern unserer Anti-Sektierer um absolut verkommene, eben ,,autoritäre Charaktere'', die nicht von einer falschen politischen Meinung abzubringen sind, weil das ,,Autoritäre'' (wie von der Kritischen Theorie den Nazis angelastet) bei den "Sekten, leninistischen Rackets, Verschwörungstheoretikern, Esotherikern und Spiritisten" den ganzen Charakter ausmacht. So sehen sich unsere anti-sektiererischen Zensurapostel von einer Welt umzingelt, in der es von nicht besserungsfähigen Charaktersäuen nur so wimmelt. Gemeinsam mit A. & Co »im Bunker« mit dem Rücken an der Wand kämpfend, fühlen sich unsere Anti-Sektierer, die wissen, daß gegen ,,autoritäre Charaktere'' Argumente fehl am Platz sind, also zu jeder Sauerei berechtigt. Mit der Kritik von falschen und der Verbreitung von richtigem Klassenbewußtsein wollen sie nichts zu tun haben, da dem im Unterbewußtsein steckenden ,,Autoritären'' mit Klassenbewußtsein nicht bezukommen ist und sich die »Formen und Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft« ja alle in einer »Selbstaufhebung« befinden. Soviel zur »antiautoritären« rot=braun-Variante des scheißbürgerlichen Gedankens, nach dem Kommunismus am Bösen im Menschen scheitert, das gerade im Leninismus lauert. Der Vorwurf des Leninismus (von dem wir übrigens auch nicht viel halten) nimmt hier die gleiche Stellung ein wie bei der R3 jenes ,,Klassenkampfdenken'', das des Antisemitismus bezichtigt wird. Beiden Sorten antikommunistischen Säuberungswahns argumentieren also im Prinzip gleich.
[83] Bekanntlich wurde die MG von fanatischen Theoriefeinden immer gehaßt wie die Pest. Daß umgekehrt die MG die Bekämpfung der Autonomen oder gar der Bewegung um Jobber/Wildcat betrieben hätte, ist allerdings eine glatte Lüge. Jede Menge Ärger mit der MG hatte die DKP und ihre Antiraketenbewegung, der die MG, wir meinen oft zu recht, immer wieder Nationalismus vorwarf. Außerdem war die MG, bei allen Mängeln, praktisch über Jahrzehnte die einzige Gruppe, die konsequent Wert- und Nationalismuskritik formulierte. Worin besteht also das Verbrechen, wöfür sich da zu schämen wäre? An dem elitären Gehabe mancher damaliger MGlerInnen? Das wird doch von Figuren wie A. um Lichtjahre übertroffen!
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