Kim Holland (K&D, Hamburg):
Texte zum peinlichen Abschied der »Restlinken« vom Proletariat
Inhaltsverzeichnis ↓
Im Mittelpunkt dieser Veröffentlichung stehen drei kritische Artikel, die Mitte der Neunziger entstanden sind:
- Eine Kritik an G. Jacobs "Kapitalismus und Lebenswelt" →
- Eine Kritik der damals im entstehen begriffenen "Anti-"Deutschen Ideologie →
- Der Text einer Veranstaltung unserer Gruppe in der Roten Flora zum Thema Moralismus, Priateigentum und Staat. →
Bei allen drei Artikeln geht es um die damalige sogenannte "Subjektdebatte", konkret wie sich Linke vom ehemals heftig umworbenen Proletariat verabschiedeten und sich dafür "gute Gründe" zurecht legten.
Vor dem linken Moralismus hatte sich das Proletariat blamiert. Also stellte man die "Arbeiterklasse" als "revolutionäres Subjekt" in Frage und betrieb eine merkwürdige Art von Psychologie: In den "Subjekten" sollten Gründe gefunden werden, warum die ProletarierInnen nicht den eigenen linken Moralvorstellungen gehorchten. Statt zu fragen, worüber sich die Leute falsche oder richtige Gedanken machen, nahm man die Ansichten der Durchschnittsbürger als unumstößlichen Beweis für deren unabänderlich "notwendig falsches Bewußtsein". (Damals wurde ernsthaft die Frage diskutiert, wie es denn möglich sei, dass man sich selber ein "richtiges Bewußtsein" zulegen konnte!)
Die Ansichten der Leute über Staat und Kapital, insbesondere ihr Nationalismus, dienten als Beleg für ihre unabänderliche Notwendigkeit. Von der Kritik dieses Nationalismus hatten sich die die restlinken Theoretiker der "Subjektdebatte" schnell verabschiedet. Den staatsbürgerlichen Willen, die Klassengesellschaft als Volksgemeinschaft zu behandeln, den tatsächlichen Antagonismus der Klassen, ja sogar ihre Existenz zu ignorieren, nahmen die Restlinken zum Anlaß, ihrerseits die Klassengesellschaft für überwunden zu erklären.
Große geistige Leistungen erforderte diese ideologische Überwindung der Klassengesellschaft nicht, da die staatlich geförderte Geistes- und Gesellschaftswissenschaft genau für diesen Zweck schon jede Menge Material produziert hatte. Die "Subjektdebatte" ging eigentlich nur noch darum, welche Komponenten man sich für die eigene Theoriebildung heraussuchte:
- Günther Jacob → plädierte dafür, praktisch die ganze postmoderne Soziologie für das neue linke Weltbild heran zu ziehen. Von diesem Standpunkt aus erledigte sich die Frage nach den Klassen als purer "Ökonomismus". Kapitalismuskritik, speziell die Kritik der politischen Ökonomie wird abgehakt als «Modellbildung der Marxschen strukturalen Analyse» →
- Der Mainstream der Subjektdebatte → präferierte dagegen ein engeres Spektrum von vorgefundener Ideologieproduktion: "Kritische Theorie" bis "Antitotalitarismus" erwies sich als besonders nützlich. Das Scheitern der Linken erklärte man sich aus dem "warenförmigen Bewußtsein", so als handelte es sich beim Kapitalismus um eine klassenlose, Waren produzierende Tauschgesellschaft.
Wir haben seinerzeit eine Diskussionsveranstaltung darüber abgehalten, wovon das Bewußtsein der "Subjekte" aus unserer Sicht tatsächlich abhängt. Das Manuskript dieser Veranstaltung ist der erste Teil → dieser Schrift. Teil 2 und 3 beschäftigen sich mit G. Jacob und dem Ursprung der "Anti"-Deutschen Weltanschauung.
Kim Holland, Januar 2007
P.S.:
Im Jahr 2007 hatten wir bereits eine weitere Abhandlung zum Thema "Anti"-Deutschtum verfasst. Sie heißt "Griff ins Klo" und entstand anlässlich einer von der Bahamas 2004 organisierten Demonstration in Hamburg gegen die hiesige Restlinke. Dass das Rassistenblatt Bahamas einst mit dem Vorsatz entstanden war, zur "Neuformierung einer nichtreformistischen, radikalen, antikapitalistischen, kommunistischen Linken beizutragen" (02), war bereits 2004 nur noch ein schlechter Witz; zehn Jahre vorher konnte man Bahamas & Co durchaus noch mit Linken verwechseln.
Alle Übergänge zur Rechten waren aber schon 1995 in der "anti"-deutschen Ideologiebildung im Kern vorhanden. Was danach folgte, war nur noch Radikalisierung.
Um so verkehrter ist es, dem "Anti"-Deutschtum irgendwelche linken Wurzeln zu attestieren. Was der "anti"-deutschen Ideologiebildung voranging, waren ja nicht irgendwelche Erkenntnisse, sondern ein politischer Entschluss. Man schlug sich 1989 bei der Agitation gegen ein "Viertes Reich" auf die Seite der "Zivilisation", die man bedroht sah.
Das war der Übergang zu Rechten, die Parteinahme für den globalen Kapitalismus, und alle literarischen Anstrengungen, die Wertmüller, Nachtmann, Bruhn, Künzel, Elsässer, Jacob usw. usw. unternahmen, hatten nie einen anderen Zweck als ihrem Seitenwechsel eine theoretische Begründung nach zu schieben. In Sachen Theoriebildung hatten sie nichts zustande bekommen, außer einem verflachten Konglomerat vorhandener meist bürgerlicher Theorien.
Den Popanz IV. Reich haben die Vorkämpfer des "Anti"-Deutschtums längst beerdigt. Eigentlich sind sie sich im Jahr 2010 alle darin einig, dass die real existierende BRD doch irgendwie ein Hort der Zivilisation ist, den man verteidigen muss.
Elsässer ist allerdings in Ungnade gefallen, weil er meint, dass der Zivilisation nun Gefahr aus den USA drohe.
Künzel ist international als Kronzeuge unterwegs in Sachen Islam, der gnadenlos bekämpft werden muss, um eine neue Shoah zu verhindern. Als Ex-Linker und zudem noch Deutscher ist er sozusagen der perfekte Experte in diesen Angelegenheiten.
Von den 1995 prominenten "Anti"-Deutschen hat G. Jacob das traurigste Schicksal. Zu spät auf den "anti"-deutschen Zug aufgesprungen, hat ein paar Jahre verbreitet, dass die Kapital-Lesezirkel der 60er und 70er Jahre ausnahmslos von Bewohnern arisierter Wohnungen veranstaltet worden waren, und er, Jacob, hätte sie alle persönlich gekannt. Das war der "anti"-deutschen Gemeinde auf die Dauer dann doch zu langweilig, die Besucherzahlen bei seinen "Aufklärungs"-Veranstaltungen gingen asymptotisch gegen Null. Günther Jacob ist mega-out, schlimmeres hätte man ihm nicht wünschen können.
Die Bahamas selber machen sich zusehens überflüssig. Wertmüller & Co gelingt es einfach nicht mehr, ihren Hass und ihre Verachtung für alles Linke in immer elaborierterem Code zu formulieren. Ihre militanten Anhänger werden nun zunehmend bei ebenso pro-israelischen wie pro-deutschen Faschisten fündig, wie z.B. bei bei "Politically Incorrect". Die Szene diskutiert darüber, ob man Neonazis nicht als "braunlackierte Sozialisten" beschimpfen sollte. Derlei wäre sicher auch ohne die "Braun=Rot"-Hetze der Bahamiten entstanden, das macht aber die Szene nicht ungefährlicher. Das trifft insbesondere auf diejenigen zu, die öffentlich erklären, sie wären inzwischen über das "Anti"-Deutschtum hinaus.
Kim Holland, Hamburg im Mai 2010
Inhalt
0. Vorwort
(August 1998)
Kernstück der vorliegenden Sammlung sind zwei Auseinandersetzungen, die für uns ihren Zweck bereits erfüllt haben. Sie wurden mit Ausnahme der Einleitung nur leicht verändert in dieses Format umgewandelt. Es handelt sich um zwei Kritiken, die den restlinken Abschied vom Proletariat aufs Korn nehmen.
Ihnen ist unschwer zu entnehmen, daß es uns keinen Kummer bereitet, wenn enttäuschte Idealisten ein für die Errichtung einer besseren Gesellschaft zuständiges höheres Wesen zu den Akten legen. Gegenstand unserer Kritik ist die schier schrankenlose Borniertheit des Verfahrens, sich mit der Hoffnung auf das "historische Subjekt" gleich von jeder Erklärung und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zu verabschieden.
Der Leser wird unschwer bemerken, dass uns der linke Wahn anödet, immer ein Ausdruck der neusten geschichtlichen Entwicklung sein zu wollen. Unsere felsenfeste Überzeugung, dass ohne den Willen des industriellen Proletariats keine radikale Veränderung möglich ist, wird ihm ebenfalls nicht entgehen - ohne, daß wir daraus eine Parteinahme für die Arbeiterklasse machen.
a. Jacobs Lebenswelt
Die Kritik an der Individualisierungstheorie Günther Jacobs ist das Ergebnis unserer wochenlangen internen Diskussion, die wir während und nach der Veröffentlichung seiner Trilogie in der Zeitschrift 17°C geführt haben. Es ging uns darum, den Gegenstand Jacobs Theorie, nämlich das angepaßte, bürgerliche Individuum zu begreifen. Da sich seine Werk dafür als untauglich erwies, entschlossen wir uns erstens unser Wissensbedürfnis an stichhaltigeren Quellen zu stillen (dazu weiter unten. ).
Zweitens beschlossen wir, uns mit Zweck und Methode von Jacobs "Kapitalismus und Lebenswelt" auseinanderzusetzen, das es sich bei seinen Argumentationsmustern eben um keine Privatmacke, sondern um weit verbreitete Techniken handelte. Auch ihr Zweck war und ist keine Ausnahmeerscheinung. Schließlich lieferte Jacob ein Sammelsurium jener Gedanken, die Linke normalerweise weniger zu derartig umständlichen Theoriegebäuden, sondern zum stillen Abschied ins Privatleben veranlassen. (Das kotzt uns zwar auch an, entzieht sich aber der öffentlichen Auseinandersetzung. )
Das Ergebnis dieser Diskussion war eine Kritik, die wir seinerzeit in der Zeitschrift Spezial veröffentlichten.
Weil wir es uns nicht verkneifen konnten, das geistige Wirken Jacobs seit unserer damaligen Kritik zu würdigen, gibt es hier einen bisher unveröffentlichten Nachtrag. Er dient nicht nur dazu, unseren Verriß des illustren G. J. zu komplettieren, sondern ihn auch vor einer falschen Kritik seiner "Lebenswelt-Trilogie" zu bewahren.
b. Abschied der "Antideutschen" von der Linken
Bürgerliches Denken ist wesentlich Denken und Moral von Staatsbürgern . Ohne einen Abschied von deren Untertänigkeit ist an grundlegende Veränderungen nicht zu Denken. Schlimmer noch: insbesondere der Nationalismus der proletarischen Untertanen ist nicht nur die Vorraussetzung des andauernden Schadens des lohnabhängigen Menschenmaterials, sondern der Persilschein für die staatlichen Praktiker von Rassismus und Imperialismus, den diese alle vier Jahre ausgestellt bekommen (nebst Grund für die rassistischen Gewalttaten der Rechtsradikalen).
Eine theoretische Auseinandersetzung mit Grund und Verlaufsformen des Nationalismus ist eine unerlässliche Voraussetzung für Systemkritik.
Die Anfang der neunziger ablaufende Nationalismusdiskussion im Umkreis der Hamburger Zeitschriften konkret , Bahamas und auch Jacobs 17°C ließen eine Zeit lang die leichte Hoffnung aufkommen, es gäbe für eine materialistische Theorie von Nationalismus und Rassismus in der Restlinken ein Bedürfnis. Das Ergebnis der antinationalen Debatte zeigte, daß es bei deren Organisatoren ein solches Bedürfnis kaum jemals gegeben hatte.
Das zeigte sich abschließend in der anläßlich des 50-jährigen Jubiläums der deutschen Kapitulation verbreiteten Schrift namens
" Kein Frieden mit Deutschland. Gegen die Kollaboration mit der Nation".
Sie wurde als "Aufruf für ein Antinationales Wochenende". u. a. von der damals noch existenten Gruppe K (ex-KB), der Redaktion Bahamas und der 17°C unterzeichnet. Was dort in dem Kasten "Subjekt und Nationalsozialismus" abgehandelt wurde, ist gewiß (neben einigen Produkten der Nürnberger Krisis-Gruppe) eins der erstaunlichsten Produkte ex-linker Verblödung. Diese Schrift findet eine ausführliche Begutachtung in unserem Pamphlet "das Elend der Antideutschen Ideologie" , das damals als Zirkular kursierte. Der anschließend innerhalb weniger Wochen erfolgte Zusammenbruch organisierter antideutscher Aktivitäten (ausnahmsweise hier ein Dank an G. Jacob) erübrigte für uns eine weitere Verbreitung der Schrift in unserem Umkreis.
Immerhin verdient der "Aufruf für ein Antinationales Wochenende" nicht in Vergessenheit zu geraten, besteht doch vielleicht die Hoffnung, daß die antiproletarischen Idiotien damals ihren Höhepunkt hatten.
c. Kritik von Staat und Kapital statt moralisierender Kritik
Bei einer von uns ursprünglich als Kritik der antideutschen Ideologie projektierte Diskussionsveranstaltung verzichteten wir auf eine genauere Beschäftigung mit den Elaboraten der Antideutschen, die sich zumindest in Hamburg offensichtlich selbst erledigt hatten. Wir nutzten die Gelegenheit stattdessen für eine Klarstellung darüber, warum es sich bei der von den Antideutschen behauptete Volksgemeinschaft Bundesrepublik um eine ausgesprochenen ungemeinschaftliche Klassengesellschaft mit Klassenstaat handelt - eine Ansicht die Antideutsche und Individualisierungstheoretiker vom Schlage Jacobs zuweilen heftig dementieren. Uns war nämlich die Lust vergangen, mit Ex-Linken, die kein Interesse an einer Erklärung der gesellschaftlichen Zustände haben, darüber zu diskutieren, wie sich diese Zustände in den Köpfen der lieben Mitbürger widerspiegeln. Anders ausgedrückt: die begriffliche Bestimmung gesellschaftlich verbreiteter Ideologien ist zu leisten, nachdem eine Bestimmung der politischen Ökonomie, also Kritik von Wertgesetz und Kapitalakkumulation, Konkurrenz, Staat und Staatenkonkurrenz geleistet ist (vgl. dazu unsere Schrift "Grundwert Militarismus", Trend 9. 12. 96).
An der "Subjektdiskussion" beteiligen wir uns nicht mehr. Sie läuft nur deswegen ab, weil sich einige Leute nicht sang- und klanglos von jeder Systemkritik verabschieden wollen, die dabei nichts als eine indiskutable Verballhornung vorgefundener Denkschemata, z. B. der (zu einem ähnlichen Zweck fabrizierten, aber immerhin noch so eben diskutablen) "kritischen Theorie" hervorbringen - und das alles nur, weil sie glauben, der Linken ihren Abgang als Ausgeburt moralischer Vernunft vorführen zu müssen. (Die Akademiker-Arbeitslosigkeit tut dabei offensichtlich ihr übriges. )
Um zur Begriffsbestimmung der real existierenden Klassengesellschaft an dieser Stelle wenigstens ein bißchen beizutragen, um nicht nur destruktiv auf Meister Jacob und den Antideutschen herumzuhacken, sei zuerst ein Auszug des Hauptreferats unserer Diskussionsveranstaltung zur Klassengesellschaft vorweggeschickt. (Die nach der Veranstaltung einsetzende Nachfrage nach dem Manuskript veranlasst uns zu der Hoffnung nach einem gewissen Interesse beim TREND -Publikum. )
Ein Angriff auf das in oben beschriebenen Kreisen praktizierte moralische Denken ist vorausgeschickt. Das hatte sich nämlich an dem Bild auf dem Aufrufplakat entzündet, das wir als JPG-Datei beigelegt haben. Es stammt übriges aus einem Buch über früh-sowjetische Agitationsgrafik. *
Kritik und Anregungen sind übrigens willkommen und werden wie üblich beantwortet.
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1. Staat und Moral
(Juni 1995)
1. 1. Zum Moralismus
Einleitungsthese:
Eine oppositionelle Massenbeurteilung, die sich aus einem Gut&Böse- Moralismus speist, geht in die Hose. Und eine Kritik am Massenbewußtsein, der es egal ist, worüber da ein Bewußtsein besteht, also wie das System funktioniert, ist unbrauchbar.
a. Der Prolet als Erziehungsproblem
Zum Bild, mit dem wir unseren Aufruf verziert haben. Das Bild stammt von einem Hetzplakat.
Erstmal, bevor ich darauf eingehen brauche, woher wir es haben steht eins fest: Es ist diskriminierend. Da werden bestimmte Sorten von Menschen diskreditiert. Es verwandelt derartige Leute in böse Charaktere, die bekämpft werden müssen. Darin, aber auch nur darin ist es gewissermaßen rassistisch.
Wir haben keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, daß mit diesem Bild Leute wegen ihrer sogenannten "Volkszugehörigkeit" diskriminiert werden sollen. Dennoch halte ich es für daneben.
Der ganze Mist an dem Bild besteht im Folgenden: Leute, die nicht den eigenen Moralvorstellungen, also dem, was "Gut & Böse" ist, gehorchen, werden als Untermenschen gezeichnet
Die erste Behauptung meines Vortrages ist: Dieser Moralismus taugt nichts. Oppositionelle, die solche Formen der Auseinandersetzung benutzen, schaden sich damit. Dazu kommen von mir im ersten Teil einige Argumente.
Wir haben das Bild nicht selbst entworfen.
Vielmehr handelt es sich um ein sowjetisches Propagandabild aus der Zeit der Oktoberrevolution. Dort ist ein Arbeiter und ein Unternehmer abgebildet. Der Arbeiter ist, und das ist für die damalige politische Szene etwas ungewöhnlich, nicht als Ausgeburt an Tugend, nicht als strahlender Held, nicht als tatkräftiger Revolutionär oder als unterjochter Mensch, der endlich seine Ketten abwirft, gezeichnet. Diese Heldenbilder wurden übrigens ja nicht deswegen so heroisch gestylt, weil die politische Führung der Bolschewiki so begeistert von ihren Massen war.
Im Gegenteil: die Bilder vom heldenhaften Proletarier hatten Erziehungsfunktion. Dem Ideal der heldenhaften Massen hat der Pöbel zu entsprechen.
Hier erscheint der Proletarier negativ. Er erscheint als widerwärtiges Scheusal. Geplündert hat er, das sieht man an dem dicken Sack, den er recht mühsam schleppt.
Der Kapitalisten ist, wie der Arbeiter, so gezeichnet, daß der Betrachter sieht: es handelt sich um eine moralisch unter aller Kritik stehende Kreatur, eben um den Klassenfeind. Man erkennt ihn am Hut und seiner Tracht. Er ist fett und voll gefressen, damit der Betrachter erkennt, daß er sich am werktätigen Volk bereichert hat.
Diesem Scheusal reicht der böse Prolet die Hand. Die tolle Gemeinsamkeit zwischen diesen beiden Kreaturen ergibt sich daraus, daß der abgebildete Arbeiter geplündert hat. Das macht ihn zu einem ebenso verwerflichen Untermenschen wie den Kapitalisten. Was er will, warum er seinen Sack gefüllt hat, ist scheißegal. Ob er damit gerade mit dem fetten Scheusal paktieren wollte, läßt der Zeichner im unklaren. Wahrscheinlich war ihm bei diesem Pakt nicht einmal besonders wohl in seiner Haut, da er dem fetten Kapitalisten noch nicht einmal in die Augen sehen kann. Er ist ein Kollaborateur . Objektiv, ob er es will, oder nicht. Als Proletarier hätte er ein guter Mensch zu sein. Er hätte im Interesse seiner Klasse, auf Seiten des Guten zu stehen.
Diesem Ideal des Gutmenschen entspricht er nicht. Das macht ihn zum Feind aller aufrechten Arbeiter.
Dem Zeichner ging es um die Zuordnung nach dem Kriterium Gut&Böse.
Die Arbeiterfreunde, die damals dieses Plakat verklebt haben, hatten damals diese Tour von Gut und Böse drauf. Das Bild ist eine direkt eine Karikatur von diesem Gut&Böse Moralismus . Die Moralisten, die damals das Plakat verbreitet haben, haben seinerzeit zwar die Macht erobert. Die Sowjetunion konnte sich als Staat unter ihrer Herrschaft konsolidieren. Doch das was die Moralisten wollten, nämlich die Schaffung des moralischen Proleten , der selbstlos für die Interessen seiner Klasse kämpft, wurde ein Desaster . Das dumme Ideal der heldenhaften Massen wurde nicht Realität. Mit ihrer Jahrzehnte langen, staatlicher Volkserziehung haben die sowjetischen Moralfanatiker nichts bewirkt. Bekanntlich ist der Staat, der das Produkt der Oktoberrevolution war, die Sowjetunion, inzwischen den Bach runter gegangen. Das Projekt Arbeiter- und Bauernstaat , hat sich als grandioser Flop erwiesen - warum soll hier nicht näher diskutiert werden. Nach dem Abgang dieser Staaten hat sich allerdings gezeigt, daß das jahrzehntelange Erziehungsprogramm zum proletarischen Helden ein mindestens genauso großes Desaster war, wie der Staat selber. Denn die überhaupt nicht heldenhafte Arbeiterklasse der Sowjetunion hat sich im großen und ganzen einen Dreck um den Untergang ihres Arbeiter- und Bauernstaates geschert. Trotz aller moralischen Dressur haben die östlichen ProletartierInnen kaum etwas nennenswertes dagegen unternommen, daß für sie in der G. U. S. die heutigen Zustände eingerissen sind. Und diese Zustände, das geben sogar die größten Fanatiker der Marktwirtschaft zu, sind sogar noch wesentlich schlechter als vorher, in der staats-sozialistischen Mangelwirtschaft.
Soviel also zusammenfassend zum Erfolg des linken Volkserziehungs-Moralismus:
Selbst unter günstigsten Bedingungen, wenn er nämlich an der Macht ist, taugt er zu nichts Vernünftigem.
b. Moralisierende Massenkritik
Der klassische Volkserziehungs-Moralismus von Links ist tot. Kein halbwegs ernst zu nehmender Mensch faselt noch von einem zu schaffenden Arbeiter- und Bauernstaat der proletarischen Gutmenschen herum, den er als Avantgarde des Proletariats zu schaffen hätte.
Was allerdings immer noch nicht ausgestorben ist, ist der linke Volkserziehungsmoralismus, oder anders ausgedrückt: die moralische Massenkritik.
Nun hätte man vielleicht hoffen können, daß oppositionelle Linke aus dem Scheitern des von den realsozialistischen Staaten praktizierten Gut&Böse-Moralismus etwas lernen und sich anstatt auf moralisches Geseiche, auf Kritik konzentrieren.
- Statt vom guten Menschen zu faseln, den sie erst schaffen wollen, warum verbreiten Oppositionelle nicht einfach, was ihnen an der kapitalistischen Gesellschaft nicht paßt ? Warum argumentieren sie nicht einfach gegen die so genannte neue Weltordnung?
- Warum verbreiten sie nicht jene Argumente, durch die sie selber zu politisch anders denkenden, zu Oppositionellen wurden? - Das wären ja genau die Argumente, mit denen sie sich selber die herrschenden Verhältnisse erklären, von denen sie ja angeblich nichts halten.
- Warum kritisieren sie nicht die Mitmacher der herrschenden Verhältnisse?
- Warum denunzieren sie nicht die dummen, staatstragenden Vorstellungen , die Ideologien und Vorurteile ihrer Mitmenschen?
Wäre das nicht eine vernünftige Alternative zum längst blamierten Volkserziehungs-Moralismus?
c. Systemkritik von Links?
Warum gibt es von links kaum Systemkritik?
Auf diese Frage haben wir eine durchaus deprimierende Antwort gefunden. Wir haben uns nun einige Jahre mit den theoretischen Fortschritten der Restlinken beschäftigt. Unser trauriges Ergebnis: wesentliche Teile der Restlinken sind weder willens, noch fähig etwas anderes als den bornierten Gut&Böse-Moralismus zu denken.
Gerade viele Restlinke sind nicht willens, weil ihnen inzwischen nichts anderes mehr stinkt, als die mangelnde moralische Güte ihrer Mitmenschen. Ihre Enttäuschung, daß die Massen nicht auf sie gehört haben, hat sie verbittert. Daß sich die ehemals geliebten Massen nicht die integren Volkserziehungs-Moralisten zu Führung auserkoren haben, haben sie ihnen nie verziehen.
Ganz wie in dem albernen Bild auf unserem Aufruf werfen linke Theoretiker dem Proletariat vor, BÖSE zu sein. Der Vorwurf der Kollaboration gedeiht munter weiter. Kollaboration!
Und ein dreiteiliger Artikel von Ebermann und Trampert in der Konkret (ein Vorauszug von ihrem später erschienenen Buch), der ansonsten noch nicht einmal außergewöhnlich dumm war, gipfelte jüngst in einem Plädoyer gegen das - so wörtlich! - «DAS BÖSE IM VOLK». Wegen ihrer Enttäuschung, daß sie als Moralisten nichts mehr zu melden haben, wollen viele Restlinke auf ihrem Gut&Böse - Unsinn beharren.
Und fähig sind solche Leute zu einer Systemkritik sowieso nicht. Ganz wie Polizisten sehen sie in der mangelnden Moral ihrer Mitmenschen die Hauptursache allen Übels. Was ansonsten an Systemkritik noch im Kopf ist, ist reiner Zufall. Da wird - von Linken! - behauptet,
- der kapitalistische Staat sei eine Existenzsicherungsanstalt für seine Insassen (siehe unten)
- der Kapitalismus in den Metropolen wäre ein Segen für seine Lohnarbeiter .
Wer lange genug sucht, wird kaum irgendeine reaktionäre Theorie finden, der nicht von irgendeiner restlinken Strömung so ganz nebenbei vertreten wird.
Ich könnte heute durchaus ein paar Erklärungen darüber abgeben, warum Nationalismus, Rassismus, Konkurrenzgeilheit und andere Widerwärtigkeiten bei den lohnabhängigen Klassen so weit verbreitet sind. Das will ich aber heute mal nicht.
Heute geht es darum, worüber sich die Massen ihr Bewußtsein machen.
Wir haben nämlich keine Lust darüber zu lamentieren, daß die Massen so miese Sachen im Kopf haben. Bevor sich über den Bewußtseinsstand der Normalos ausgekotzt wird, soll man sich nämlich ansehen, worüber sich da von den Normalos ein Bewußtsein gemacht wird. Heute geht es darum, was unserer Meinung nach die wesentlichen Prinzipen des deutschen Staates sind, und was uns daran nicht gefällt. Zum Beispiel gefällt uns nicht, dass der Moralismus , den wir an linken Oppositionellen kritisiert haben, leider ein Massenphänomen ist. Ich meine dabei noch nicht einmal in erster Linie den Spießernachbarn, der immer hinter der Gardine hervorlinst, um zu kucken, was der Nachbar immer macht. Ich meine vielmehr den Staat .
Moralische Appelle sind seit Helmut Schmidt's "Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen" an der Tagesordnung. "Wir alle" , das ist natürlich Nationalismus, der dort von oben propagiert wird. "Wir alle" müssen uns Sorgen um "unsere" D-Mark, um "unsere" Staatsverschuldung machen. Der Spruch "Made in Germany" soll weltweit wieder etwas Gutes bedeuten und derartiger Mist.
Klar, solchen Schmonz braucht man sich ja nicht zu verinnerlichen. Ekliger wird aber der Moralismus, wenn der Staat seine Macht dafür einsetzt. Zum Beispiel, wenn er sich allerhand einfallen läßt, wodurch die Realeinkommen sinken. Dann wird nämlich das "Gürtel enger schnallen" für jeden einzelnen zur Notwendigkeit. Wenn der dicke Kohl davon faselt, daß es "uns" an Leistungsbereitschaft fehlt, dann kann man ja noch müde lächeln. Wenn allerdings staatstreue Tarifpartner diese Moral, diese Leistungsbereitschaft durch Flexibilisierung am Arbeitsplatzerzwingen, ist man angeschissen. Und spätestens wenn der Typ vom Amt mit seiner Stütze die Leistungsbereitschaft durch Zwangsarbeit fördert, bleibt einem nichts anderes übrig: Man hat sich der herrschenden Moral zu beugen.
Moral ist in der modernen BRD also absolut in. Das gehört zur Standortpolitik
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1. 2. Das Privateigentum als Grundlage der Klassengesellschaft
Der Begriff Standortpolitik löst tendenziell alle Ideologien darüber ab, worin die Hauptaufgabe des hiesigen Staatswesens eigentlich zu bestehen hat: es geht nicht um soziale, ökologische, liberale, sicherheitspolitische oder sonst welche Segnungen für die Bürger, sondern um möglichst effektive Kapitalakkumulation .
Mit Standortpolitik ist folgendes gemeint: Standortpolitik ist, wenn Staatsführung sich einen bestimmten Zweck gesetzt hat: Der Staat definiert sein Territorium zu einem Standort, und zwar zu einem Standort unter vielen. Auf seinem Standort sollen, das ist sein Ziel, bessere Geschäfte ablaufen, oder anders ausgedrückt, höhere Gewinne eingefahren werden, als in fremden Ländereien.
Es geht um den Kapitalstandort.
Die Sache hat einen Aspekt, auf den wir heute nicht näher eingehen, nämlich den Aspekt nach außen: ein Staat der sich zur Standortpolitik entschlossen hat, stellt sich zu anderen Staaten in Konkurrenz. Anderen Staaten wird dadurch massiv geschadet. Diesen imperialistischen Aspekt der ganzen Sache behandeln wir vermutlich auf einer späteren Veranstaltung. (Das Manuskript einer solchen war Grundlage unserer oben erwähnten Schrift "Grundwert Militarismus", Trend 9. 12. 96)
Heute geht es darum, was ein solches Staatswesen nach innen veranstaltet, wenn es ihm um Standortpolitik geht. Die heutige Frage ist: wie ist ein solcher Staat nach innen beschaffen, was veranstaltet er mit seinen Untertanen?
- Erste Bedingung für jede Standortpolitik, für die Kapitalakkumulation ist die Gültigkeit des Privateigentums .
Daß Linken etwas am Privateigentum nicht gefällt, war mal eine Selbstverständlichkeit. Früher war die Kritik an diesem obersten Prinzip bürgerlicher Politik in der Linken Common Sense, eine Gemeinsamkeit aller linken Opposition. Leider ist das nicht mehr so. Deswegen wollen wir diesen Punkt hier etwas ausführlicher behandeln.
Meine These ist: Mit dem Primat des Privateigentums hat eine Staatsgewalt neunzig Prozent von dem eingerichtet, wogegen sich linke Gesellschaftskritik richtet, oder zumindest was Linke normalerweise bejammern.
Anders ausgedrückt: Indem ein Staat das Privateigentum zum obersten Staatsheiligtum erhebt, dient er einer bestimmten Klasse.
Eigentum ist in kapitalistischen Gesellschaften keine Angelegenheit, die sich aus der Menschennatur erklärt, sondern bedarf einer ständigen staatlichen Aufrechterhaltung. Warum das so ist wird später geklärt. Aber eins ist an dieser Stelle schon klar. Es geht nicht darum, daß Individuen überbestimmte Gegenstände verfügen, weil sie diese Gegenstände für ihr Leben benötigen.
Es gibt tatsächlich eine Sorte von Gegenständen, die Menschen zu ihrer individuellen Verfügung haben wollen und zu ihrer persönlichen Verfügung haben müssen. Es handelt sich um Gegenstände des persönlichen Gebrauchs, zum Beispiel Zahnbürsten, Kleidung, Wohnräume, Nahrungsmittel und so weiter.
Beim Privateigentum geht es nicht um solche persönliche Gebrauchsgüter. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich darum, daß prinzipiell alle Sachen, die irgendwie in Besitz genommen werden können dem Prinzip des Privateigentums unterworfen werden. Also auch Grund und Boden, Fabriken, Ölplattformen, Computerprogramme, das Wissen über die Herstellung von Arzneimitteln, all das ist Privateigentum. Alles, wovon jemand ausgeschlossen werden kann, wird vom Staat als Privateigentum erklärt. Er legt allgemeinverbindliche Gesetze fest, wem wann was gehört.
Dazu gehört selbstverständlich auch, daß er Leute enteignet . Auch Dinge des persönlichen Bedarfs werden Individuen vom Gerichtsvollzieher weggenommen, wenn staatliche Instanzen beschließen, daß die Sachen nach staatlichen Regeln in das Privateigentum eines anderen Menschen übergegangen sind.
Privateigentum als staatliches Prinzip heißt eben nicht, der Staat garantiert mir, daß ich das was ich habe und brauche, auch behalten kann.
Überhaupt ist es ein Fehler, sich unter Eigentum immer einen Dienst an irgendwelchen Leuten, die etwas haben vorzustellen. Bei den wichtigsten, reichsten Eigentümern der Metropolen handelt es sich um Personen, die der Staat überhaupt erst gemacht hat: es sind juristische Personen . Aktiengesellschaften, GmbH's und so weiter. sind vom Staat durch seine Gesetze konstruierte Rechtssubjekte , die die gleichen Eigentumsrechte besitzen, wie natürliche Personen.
An diesem Sachverhalt ist klar zu ersehen: dem Staat ist das Prinzip des Privateigentums derartig wichtig , daß er im Dienst an dieser gesellschaftlichen Form überhaupt erst "adäquate" Personen durch seine Gesetze in die Welt setzt .
Die Logik des Eigentums als gesellschaftliches Prinzip geht gerade entgegengesetzt zu dem Weltbild, das sich brave Bürger machen, nach der Devise "jeder darf etwas haben": Wenn der gesamte gesellschaftliche Reichtum in privater Form vorliegt, ist das einzelne Individuum vom gesamten gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen , eben mit der Ausnahme des Teils, der ihm als Privateigentum zugesprochen ist. Beschränkt sich das Privateigentum eines Menschen auf das, was er selber beständig verkonsumiert, weil er z. B. von seinem Geld seine Lebensmittel, seine Miete und seine Ratenzahlungen begleichen muß, dann ist der Ausschluß komplett . - Ganz anders sieht es für Leute mit Geldvermögen aus.
Jeder Mensch hat sich entsprechend der ihm zur Verfügung stehenden Mittel durchzuschlagen. Das Prinzip des Privateigentums hat er auch dann zu akzeptieren, wenn er daran zu Grunde geht .
Auch in Teilen der Restlinken sind Weisheiten von dem Kaliber zu lesen, dass der Staat den Privateigentümern ihre persönliche Existenz garantiert. Das ist Unsinn:
Der Staat nagelt die Individuen aus das von ihm gesetzte Prinzip des Privateigentums fest, egal ob sie über Privateigentum verfügen oder nicht. Weil das Prinzip Privateigentum Ausschluß vom gesellschaftlichen Reichtum bedeutet, ist der Staat so unentbehrlich . Jedes Individuum hat die Moral zu haben, sich an dieses Prinzip auf jeden Fall zu halten. Und zwar gerade dann, wenn es ihm offensichtlich schadet. Dieser Moral hilft der Staat nach. Es braucht einen riesigen Apparat an Richtern, Staatsanwälten, Polizisten und sonstigen Vollzugsorganen der staatlichen Gewaltausübung.
Schon Hegel wußte, daß das Prinzip des Privateigentums sofort zusammenbricht, wenn dieser Apparat auch nur einen Tag nicht funktioniert. Dafür beansprucht der Staat ein Gewaltmonopol, er achtet auf seine Souveränität. Auch und gerade in Demokratien steht das Privateigentum nicht zur Wahl, im Gegenteil: Gegen Kritiker des Privateigentums richtet sich politische Repression. Er beansprucht jeden Insassen seines Staatsgebiets als Untertanen, der treu zu ihm zu stehen hat und sich seinen Gesetzen freiwillig zu unterwerfen hat.
Damit ist auch klar, daß Privateigentum nicht den eigentlichen Maßstab in der Befriedigung von Bedürfnissen der Eigentümer haben kann . Jeder hat sich entsprechend der ihm zur Verfügung stehenden Mittel, also entsprechend seines Anteils am gesellschaftlichen Reichtum durchzuschlagen.
Jeder hat das Prinzip des Privateigentums als seine Chance aufzufassen.
Ich sagte vorhin, daß es beim Privateigentum je gerade nicht um Dinge des persönlichen Bedarfs handelt, sondern z. B. um Grund und Boden, Fabriken, das Wissen über die Herstellung von Arzneimitteln, und solche Dinge.
Das sind Dinge, die überhaupt nur gesellschaftlich zu nutzen sind. Als Gegenstände taugen sie für den persönlichen Bedarf ihrer Eigentümer recht herzlich wenig. Das heißt, es geht nicht um die sachlichen, gegenständlichen Mittel, es geht nicht um die spezifischen Gebrauchsgegenstände, die das Vermögen eines Bürgers ausmachen. Es wäre auch z. B. für einen Großgrundbesitzer oder einen Konzernherren tödlich, wenn er seinen materiellen Besitz als Lebensmittel benutzen müßte. Vielmehr geht es beim Privateigentum als staatliches Prinzip um Wert , um Geld. Es geht darum, daß aller Reichtum, daß alle Güter, egal wozu sie taugen, qualitativ gleich gelten , also von ihrer Eigenschaft als nützlicher Gegenstand, von ihrer Gebrauchswertseite abgesehen wird. Die staatliche Durchsetzung des Privateigentums ist also gleichbedeutend mit dem Diktat, daß alle Gebrauchswerte nur als Werte gelten. Was das Individuum kann, entscheidet sich nach seinem Privatvermögen, das in Geld beziffert wird. Es geht um eine Geldsumme, und eben nicht darum, wozu das Privateigentum ansonsten gut ist. Es geht nicht darum welche Bedürfnisse damit befriedigt werden können.
Wo die Sicherung des Privateigentums der wichtigste Staatszweck ist, ist Geld der Maßstab aller Dinge . Die Privateigentümer benutzen sich wechselseitig, um an Geld heranzukommen jeder ist auf Geld angewiesen. Das ist das erste Prinzip, das der Staat mit dem politischen Primat des Privateigentum durchgesetzt hat. Konkurrenz und Ausschluß vom Reichtum.
Ich möchte noch auf einige falsche Vorstellungen eingehen, die sich auch radikale Kritiker der ganzen kapitalistischen Angelegenheit machen.
- Linke Ideologien, die zum Beispiel Armut als staatliches Versagen mißdeuten, leugnen, daß Armut in der durchgesetzten kapitalistischen Gesellschaft zunächst darin besteht, daß die Wohnungslosen vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen sind, da sie das staatliche Kriterium, nämlich Besitzer von Geld zu sein, nicht erfüllen. Wer beispielsweise Obdachlosigkeit als "Versagen der Wohnungspolitik" bezeichnet, verbreitet einen riesigen Blödsinn über die herrschenden Zustände: Erster Grund der Wohnungslosigkeit ist die staatliche Garantie des Privateigentums, daß also Wohnungen eben nicht den Zweck haben, das Bedürfnis nach Wohnungen zu erfüllen, sondern das Vermögen ihrer Eigentümer zu vermehren.
- Eine dummdreiste Ideologie ist auch der Spruch, daß wir alle in einer reichen Gesellschaft leben, und deswegen ja alle nicht arm sein können. Unbenommen: es stimmt daß die Gesellschaft auf dem Territorium der Bonner Republik über riesige Reichtümer verfügt. Diese Gesellschaft produziert sogar einen riesigen Überschuß, der weltweit exportiert wird. Daran sieht man schon: Dieser Reichtum in keinster Weise dazu da, die Individuen zu versorgen. Mit solchen Ideologien wird so getan, als würde jedes einzelne Individuum irgendwie doch am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren. Das ist nicht der Fall. Wo Geld der Maßstab allen Reichtums ist, geht es um etwas anderes.
- Treten innerhalb einer Gesellschaft andere Eigentumsformen , wie z. B. das Gemeineigentum, für das die Chiappas-Indigenas eintreten auf, stehen sie dem Prinzip des Privateigentums im Weg und werden staatlich beseitigt. Das hat seinen Grund darin, daß Gemeineigentum seinen Zweck darin hat, für eine menschliche Gemeinschaft entsprechend ihren Bedürfnissen Quelle von ihren benötigten Gebrauchswerten (Subsistenzmitteln!) zu sein. Die Ideologie, die die Zerschlagung solcher Gesellschaftsformen begleitet, ist der Rassismus . Das heißt allerdings nicht, daß der Rassismus dabei der Grund für ihre Verfolgung ist. Der Grund des dort praktizierten Rassismus liegt im Prinzip des Privateigentums. Das Kriterium wonach z. B. in Amerika Menschen in brauchbar und minderwertig geschieden werden, ist das folgende: inwieweit stehen sie dem Privateigentum im Wege.
- Übrigens gab es in der B. R. D. nicht allzu knappe Versuche alternative Eigentumsformen einzuführen. Ich rede von der CoOp, der Bank für Gemeinwirtschaft, der Volksfürsorge, der Volksbank etc. Diese Unternehmungen, die ursprünglich als Systemkritik gedacht waren sind gescheitert. All diese Unternehmungen hatten sich dem Privateigentum unterzuordnen. Sie sind gescheitert. Alternativen sind eben nicht vorgesehen, wo das Privateigentum herrscht. Auch die Hafenstraße bekommt nun übrigens vermutlich einen richtigen Privateigentümer, nämlich eine juristische Person. Wie ich gestern im Radio gehört habe, soll eine Genossenschaft gebildet werden, welche die Häuser zu kaufen hat, und die sie dann nach den gleichen Prinzipien wie die Neue Heimat verwalten hat. Damit ist diese Sache gelaufen. Ein Häuschen am Wasser hat in der Welt des Privateigentums eben seinen Preis.
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1. 3. Warum die Klassengesellschaft einen Staat braucht
Bislang ging es darum, was der Staat mit seiner ganzen Macht aufrechterhält. Ich habe ausgeführt, daß der Staat mit diesem Prinzip den gesamten Reichtum seiner Gesellschaft an das Prinzip des Wertes, des Geldes gebunden hat. Es geht jetzt um die Leistungen des Staates für das Privateigentum .
Es geht ihm um die Vermehrung des Privateigentums . Das ist sein Prinzip. Mit dem Schlagwort der Standortpolitik geht es dem modernen Staat genau darum. Er bekennt sich radikal zu seinem Prinzip. Wo Geld staatlicher Maßstab allen Reichtums ist, ist das Geld nicht dazu da, daß sich Menschen Geld zum Kauf von Konsumgütern verwenden. Geld ist "zu schade" dazu, daß es durch "Verbraucher" verfressen wird. Vielmehr geht es dem Staat darum, daß das Privateigentum sich zu vermehren hat.
Diese Vermehrung ist für den Staat übrigens reine Selbsterhaltung . In der BRD geht rund die Hälfte allen produzierten Reichtums dem Staat durch die Finger. Diesen Reichtum hat weder die Bundeswehr, noch sein Beamtenheer produziert. Vielmehr handelt es sich dabei um Überschüsse, die seine Gesellschaft zu produzieren hat. Marxistisch ausgedrückt: der Staat partizipiert am Mehrwert.
Nicht zuletzt deswegen ist der Staat ein Fanatiker von dem Prinzip, daß der gesellschaftliche Reichtum rentabel angewendet werden soll . Da muß es K a p i t a l geben, das Überschüsse produzieren läßt. Das staatliche Gebot, Geld als Maßstab allen Reichtums bedeutet: Geldvermehrung, also Kapital, als das staatlich durchgesetzte, oberste gesellschaftliche Prinzip.
Wenn Kapital oberstes gesellschaftliches Prinzip allen Reichtums ist, wird nur dann etwas produziert, wo sich etwas daran verdienen läßt: Rentabilität . Es müssen in der Gesellschaft einträgliche Geschäfte gemacht werden. Diesem Prinzip haben diejenigen zu gehorchen, deren Arbeit den Reichtum schafft. Der Lohn, der ihnen gezahlt wird, muß sich für das Geschäft, für die nationale Überschußproduktion lohnen. Ihre Arbeitsleistung, die sie für die Eigentümer der Produktionsmittel erbringen, hat möglichst viel Reichtum zu schaffen: Marx nannte das kapitalistische Ausbeutung.
Der Arbeitslohn bemißt sich an der Rentabilität, das Einkommen der Lohnabhängigen ist die abhängige Variable vom Kapital. Sie haben prinzipiell als Geschäftsmittel für andere zur Verfügung zu stehen, dürfen selbst also nicht über geschäftsfähiges Vermögen verfügen: Proletariat. Das Privateigentum dieser Klasse hat so bemessen zu sein, daß sie sich ständig mit der Vermehrung fremden Privateigentums zu beschäftigen haben. Das hat Marx nützliche Armut genannt. Er hat ausgeführt, daß der Reichtum kapitalistischer Gesellschaften gerade auf der Armut der Lohnarbeiter beruht, ihre Armut im Kapitalismus nie überwunden werden kann. Das, so fand Marx, ist überhaupt das wesentliche am Privateigentum. Wie ich vorhin ja lang und breit ausgeführt habe, geht es dabei um Ausschluß vom gesellschaftlichen Reichtum, genauer gesagt: um den Ausschluß einer ganzen Klasse von der Verfügung über die Produktionsmittel . Dieser Klasse gegenüber stehen Leute, die - durch die staatliche Garantie des Privateigentums - die Verfügungsgewalt vom Staat erhalten haben. Dieses Verhältnis ist der Knackpunkt an der ganzen Sache. Und deswegen muß es auch so sein, wie ich oben festgestellt habe. Eine so strukturierte Gesellschaft bedarf einer ständigen staatlichen Aufrechterhaltung .
Zum Schluß noch ein paar Anmerkungen zu verbreiteten Mißverständnissen:
- Das Prinzip des rentablen Lohns bedeutet keineswegs, daß das Einkommen jedes lohnabhängigen Menschen stets an der unteren Armutsgrenze zu liegen hat. Rentabel ist er dann nämlich noch lange nicht, sondern liegt ganz in der Kalkulation desjenigen, der ihn für sein Geschäft verwendet. Es liegt in der Logik der Sache, wenn durchaus verschiedene Lohnhöhen gezahlt werden. Das Prinzip der Rentabilität wird an jeden einzelnen Menschen angelegt.
So können deutlich über dem Existenzminimum liegende Lohnhöhen durchaus im Geschäftsinteresse liegen, weil der proletarische Konsum, das fit-für-die-Arbeit - machen durchaus die Rentabilität der Löhne steigern kann. Wenn der lohnabhängige Mensch über einen PKW verfügt, durch den er unnötigen Kraftaufwand auf seinem Arbeitsweg vermeidet, ist das in vielen Weltgegenden eine Voraussetzung für seine rentable Vernutzung. Auch Reproduktionsmittel wie qualitativ höherwertige Nahrung, Waschmaschinen oder moralsteigernde Freizeitbeschäftigungen (Fernsehen) steigern das Kräftepotential, das er bei der Arbeit verausgaben kann. Daß es Lohnabhängige gibt, die es dabei durchaus zu einem gewissen Wohlstand bringen, bedeuten durchaus nicht, daß es sich beim modernen Kapitalismus um eine Wohlstandsgesellschaft handelt.
- Noch mal: Bedürfnisbefriedigung ist nicht der Zweck dieser Sorte Gesellschaft. VW ist zum Beispiel nicht dazu da, irgendwelchen Managern irrsinnig hohe Gehälter zu verschaffen. Ein Herr Lopez bekommt seine jährlichen Peanuts nur deswegen, wie sich die Sache für das Stammhaus VW rentiert. Daß solche Figuren dabei reich werden, ist zwar unvermeidlich. Auf der anderen Seite sind auch die Gehälter, die Manager beziehen für die Unternehmen Kosten. Wo diese minimiert werden können, werden die Gehälter eingespart und auch diese Leute entlassen. Im Rahmen der modernen Unternehmensstrategie namens "Lean Production" wird das gerade massenhaft gemacht. Aber auch und gerade bei Beziehern niedriger Einkommen läßt es sich massenhaft sparen, die Rede ist von der Erhöhung der Produktivität. Jeder kennt die Politikersprüche, daß "wir" wegen der Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit "unserer" Wirtschaft den technischen Fortschritt brauchen. Eingesetzt wird diese Fortschritt zur Zeit fast nur dafür, um Leute rauszurationalisieren. Wenn also VW-Aufsichtsratsmitglieder wie Gerhard Schröder Sprüche wie "nur technischer Fortschritt schafft Arbeitsplätze" bringen, stellen sie die Realität auf den Kopf. Wie gesagt: Technischer Fortschritt dient den Rationalisierungen. Das Privateigentum setzt dabei jede Menge Arbeitskräfte frei. Arbeitskräfte befinden sich normalerweise im Überschuß.
- Wenn Arbeitskräfte im Überschuß vorhanden sind, spricht es durchaus nicht gegen das Prinzip des rentablen Lohns, weniger Lohn zu zahlen, als für das normale Leben in der jeweiligen Gesellschaft erforderlich ist. Marx sprach davon, daß sie ihre Arbeitskraft unter Wert verkaufen müssen. Lohnarbeiter, die unter solchen Verhältnissen zu leben haben, müssen sich entscheiden: Wenn sie das Prinzip von Angebot und Nachfrage nach ihrer Arbeit gelten lassen, müssen sie sich nach anderen Arbeitsmärkten umsehen. Hierzulande versuchen sie irgendwelche Umschulungen zu ergattern, zu studieren oder sich sonstwie besser für das Kapital herzurichten, wie ihre Mitbewerber. Es findet eine Konkurrenz um Arbeitsplätze statt.
Allerdings resultiert diese Konkurrenz eben nicht darum, wie manche Moralisten behaupten, daß die Leute konkurrenzgeile unmoralische Figuren sind. Die zu falschen Erklärung gehörige Ideologie heißt übrigens "Ellenbogengesellschaft". Die Konkurrenz ist ihnen ja durch das Prinzip des Privateigentums aufgezwungen.
Das heißt auch: Individuen versuchen sich z. B. billiger anzubieten, als ihre Konkurrenten oder bei gleicher Lohnhöhe mehr zu leisten. " In dieser Beziehung unterscheidet sich übrigens der Durchschnitts-Metropolenmensch nicht von den Lieblings-Betroffenen der "Antideutschen", den Immigranten: welche nach Europa einwandern, weil die imperialistische Weltordnung ihnen dort noch schlechtere Reproduktionsbedingungen aufzwingt.
- Die den Lohnabhängigen aufgezwungene Konkurrenz funktioniert, wenn die "lieben Mitarbeiter" dabei mitmachen. Es geht nicht, wenn sie es nicht wollen und sich zu diesem Zweck organisieren. Wenn Arbeiter das Prinzip des rentablen Lohns akzeptieren, aber das Prinzip der Bestimmung der Lohnhöhe durch ihre Konkurrenz von Angebot und Nachfrage nach ihrer Arbeit außer Kraft setzen, bilden sie Gewerkschaften. Diese kommen normalerweise als Verhandlungspartner für die Privateigentümer in Betracht, aber nur wenn sie den Betriebsfrieden garantieren. Es ist ein linkes Märchen, daß Gewerkschaften generell dem Kapital widersprechen.
Wenn sie die Konkurrenz außer Kraft setzen wollen, weil sie auch dann auf einer lebenswerten Existenz bestehen, wenn ihre Beschäftigung unrentabel ist, stellen sie das allerheiligste Prinzip des Privateigentums in Frage und werden nicht zu Moralisten, sondern zu Kommunisten .
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2. Vom Histomat zur bürgerlichen Wissenschaft
(Dezember 1993 - April 1994)
Zur Theorie des bürgerlichen Individuums bei G. Jacob
(Unsere seinerzeit in der Spezial abgedruckte Abrechnung mit dem Jacob'schen Lebenswelt-Zyklus nebst einigen aktuellen Anmerkungen)
2. 1. Einleitung
Wozu taugen überhaupt Theorien über das bürgerliche Individuum? Klar, als linksoppositionelle Menschen sind wir mit der leidigen Tatsache konfrontiert, daß der Normalo unsere Kritik an Marktwirtschaft und Vaterland nicht teilt und sie deshalb nicht praktisch werden läßt. Wir haben keine Lust, die durchweg nationalistische Gesinnung der BürgerInnen zu ignorieren und darauf zu warten, daß die deutschen ArbeiterInnenmassen von selbst auf oppositionelle Gedanken kommen.
Denn wir konnten nie so recht daran glauben, daß staatliche Gewalt und kapitalistische Ausbeutung automatisch Widerstand und revolutionäres Bewußtsein erzeugen. Auf der anderen Seite ist uns die Ansicht suspekt, daß hierzulande Ausbeutung und Unterdrückung bei ihren Opfern automatisch Rassismus und Barbarei erzeugen. Beide Ausfassungen halten wir für gleichermaßen daneben, denn sie unterstellen beide die absolute gesellschaftliche Determiniertheit der politischen Ansichten von denkenden, mit einem freien Willen versehenen Lebewesen.
Das Bewußtsein von Menschen ist keine unveränderbare Angelegenheit. Insofern ist der Geisteszustand der Massen auch keine zu bejammernde Tatsache, sondern der Gegenstand unserer Tätigkeit. Unser Job als Linke ist es eben, das herrschende Bewußtsein zu kritisieren, um möglichst viele unserer Mitmenschen von unseren Ansichten überzeugen.
Dazu, und nur dazu!, ist eine Theorie über bürgerliches Denken von Nutzen.
Insofern hat sie keine historische oder philosophische Interpretation der für uns Linke ach so beklagenswerten bürgerlichen Denkformen, sondern objektives Wissen zu liefern. An diesem Anspruch haben wir Jacobs Text gemessen. In Jacobs Text gibt es einige richtiger und teilweise sehr lesenswerte Abschnitte. Dennoch haben wir jedoch an weiten Teilen seiner Argumentation eine ganz grundsätzliche Kritik, die hier zunächst als Frage formuliert werden soll:
Wie steht linke Theoriebildung zur bürgerlichen Wissenschaft?
Sie wird ja vielleicht nicht ganz grundlos vom Staat bezahlt, und deren Studium muß jeder Gemeinschaftskundelehrer hinter sich bringen, bevor er Kinder zu Staatsbürgern erziehen darf - und damit zu nationalem Gehorsam.
Oder als These formuliert: Bürgerliche Wissenschaft - und das gilt nicht nur für die anthropologische Sorte, die ein Herr Türcke vertritt -ist in der dringend notwendigen linken Theoriebildung (wenn überhaupt) nur dann brauchbar, nachdem man sie auf ihre Richtigkeit überprüft hat. Insofern steht unsere Kritik an Jacob, der sich explizit positiv auf die bürgerliche Soziologie bezieht, exemplarisch für unsere Kritik an Argumentationsmustern, die wir für schädlich halten.
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2. 2. Das Problem mit den Klassen
- These:
- Der Klassenbegriff ist für Linke überholt, die an einen Automatismus von Ausbeutung und Revolution geträumt hatten und nun aus dem real existierenden Klassenbewußtsein den ebenso idiotischen Umkehrschlußziehen, es gäbe in den imperialistischen Metropolen keine Ausbeutung mehr. Die bürgerliche Wissenschaft, die als ideelle Hüterin des nationalen Einheit die Existenz von Klassengegensätzen leugnet, findet hier neue Anhänger.
Der Ausgangspunkt von Jacobs Aufsatz ist die Frage nach den Klassen: Kann das Individuum sie überhaupt "noch" erkennen?
"Die Frage ist, ob die Klassenstrukturiertheit (!) der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt noch (!) irgendwo sichtbar bzw. erfahrbar ist oder ob sie ausschließlich durch theoretisches Denken erkannt werden kann?" (II, 21)
Unsauber argumentiert: eine polemische Frage, die eine unbewiesene (falsche) Behauptung impliziert. Die Globalstruktur einer Gesellschaft war nämlich noch nie anders als durch theoretisches Denken zu erkennen. Erfahrbar sind und waren immer nur die Wirkungen, die sich zum Beispiel für Lohnarbeiterinnen aus den Eigenarten ihrer Einkommensquelle ergeben. Und da mangelt es auch heute nicht an schlechten Erfahrungen.
Daß es sich dabei nicht um Einzelschicksale, sondern um gesellschaftliche Phänomene handelt, steht jeden Tag in der Zeitung. Beispielsweise ist allgemein "erfahrbar", daß der durchschnittliche bundesdeutsche Lohnarbeiter am Ende seines Arbeitslebens mit leeren Taschen dasteht. Er verfügt regelmäßig noch nicht einmal über die Mittel, sein letztes Dahinsiechen als Pflegefall zu finanzieren. Als Mittel der Reproduktion ist die Lohnarbeit für das bürgerliche Individuum ruinös: Durch die Arbeitsbedingungen, denen sich Lohnabhängige zu unterwerfen haben, erreichen viele noch nicht einmal ihr Rentenalter. Daß die Lohnarbeit keine zuverlässige Einkommensquelle ist haben Hunderttausende selbst in Zeiten der Hochkonjunktur bei Entlassungen am eigenen Leib erfahren. In Krisenzeiten stehen Massenentlassungen an. Die bisher übliche, vom Sozialstaat gesponserte Kurzarbeit wird gerade unter gewerkschaftlicher Mitbestimmung in Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnverzicht umgewandelt. Ist der theoretische Schluß, daß es sich dabei um die Wirkungen eines Klassengegensatzes handelt, denn so schwierig, daß er nur von hochintelligenten Spezialisten nachvollzogen werden kann? Oder lassen sich die eben angeführten Beispiele nicht mehr mit dem Begriff "Klassengesellschaft" charakterisieren?
Letzteres behaupten schon lange Vertreter einer Wissenschaft, die sich nicht mit Staat oder Ökonomie, sondern ganz abstrakt mit "Gesellschaft als menschliche Daseinsform in ihrer Bedeutung als solche" beschäftigt: Die Soziologie , die so schöne Worthülsen wie "Klassenstrukturiertheit" (vorzugsweise zur Charakterisierung des Frühkapitalismus), "Freizeitgesellschaft" und "Schichtenmodell" erfindet. Auch Jacob glaubt, daß der Klassenbegriff" irgendwie" überholt ist. Statt daß er sich aber darum kümmert, was linke Theoretiker über Unterschiede zwischen der frühkapitalistischen und der heutigen Klassengesellschaft an Argumenten gefunden haben, argumentiert Jacob ganz pauschal.
Bei seiner folgenden Argumentation werfen wir Jacob insofern auch vor, daß sie ihm noch nicht einmal dadurch verdächtig vorkommt, daß sie auch vom reaktionärsten Soziologiebeamten unterschrieben würde.
"Daß der Marxsche Begriff vom Klassenkampf irgendwie die komplexe Realität in den westlichen Metropolen nicht mehr völlig erfaßt, meinen heute selbst linientreue DKP-Theoretiker" . . . (I, 19)
Jacob beruft sich polemisch auf einen Zeitgenossen, der absolut mega-out ist. Das Motto: wenn selbst diese Idioten es eingesehen haben. Nur wurde wohl kaum jemals behauptet, daß die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie die gesellschaftliche Bedeutung des deutschen HipHop's oder die statistische Verbreitung von IKEA-Design und Ehescheidungen - Jacobs in seinem Text aufgeführte Beispiele für die Komplexität der modernen Welt - direkt ableiten kann.
Die Marxsche Theorie liefert ja auch kein Weltbild, in dem Holzregale, die Charts und juristisch ausgetragene Beziehungskisten eine tiefere gesellschaftliche Bedeutung haben. Das schaffen eher moderne Soziologen. Der Begriff "komplexe Realität" ist ein argumentativer Totschläger .
Logisch gesehen ist es ziemlich dummerhaftig, über etwas zu behaupten, daß es seine wesentliche Eigenschaft darin hat komplex zu sein. Das Wörtchen "komplex" charakterisiert nämlich nicht die Eigenschaft eines Gegenstandes, sondern das Verhältnis zwischen einem denkenden Individuum und einem (noch) nicht begriffenen Gegenstand: die verschiedenen Eigenschaften der Sache werden (noch) nicht im logischen Zusammenhang gesehen. Bis dieses Dilemma nicht behoben ist, erscheint der Gegenstand als komplizierter Wust verschiedener Phänomene, Eigenschaften usw. An sich hat nichts die Eigenschaft der Komplexität, sondern immer erst in Beziehung zum denkenden Individuum. Die staatlich geförderten Gesellschaftswissenschaften gehen von dem logisch nicht begründbaren Dogma aus, daß Komplexität die Haupteigenschaft von allen gesellschaftlichen Angelegenheiten ist.
Daß ihnen die bürgerliche Gesellschaft als ein Wirrwarr der verschiedensten Phänomene erscheint, wollen sie gar nicht ändern. Im Gegenteil: Jede sachliche, urteilende Aussage über Staat und Wirtschaft wird mit ihrem Dogma als "wissenschaftlich unhaltbar" zurückgewiesen. Ganz und gar ihrem Denken widerstreben würde zum Beispiel die durchaus nicht unwissenschaftliche Aussage, daß die bundesdeutsche Staatsgewalt gerade einer ökonomischen Klasse von Menschen die zum täglichen Leben verwendeten Mittel beschneidet , damit eine andere Klasse bessere Geschäfte machen kann. Günther Jacob greift auf die falschen Denk- und Argumentationsmuster der bürgerlichen Wissenschaft zurück. Er vertritt - ganz im Gegensatz zu uns - die Auffassung, man könne einige Theorien der bürgerlichen Soziologie
"für die dringend notwendige Aktualisierung des Marxschen Ansatzes fruchtbar machen und sich der historischen und empirischen Forschung der Individualitätsformen zuwenden." (I, 20)
Ein Forschungsprogramm mit ganz viel Statistik, Fragebögen und historischen Recherchen müßte eigentlich her. Warum müssen die Marx'schen Aussagen über Lohnarbeit und Kapital dringend aktualisiert werden? Weil z. B. Edward P. Tompson glasklar nachgewiesen hat,
"daß die Entwicklung des Kapitalismus zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Entstehung der Arbeiterklasse war." (I, 20)
Das erstaunt einen etwas in der Marxistischen Theorie etwas bewanderten Menschen doch etwas: Kapitalisten so ganz ohne Lohnarbeiter ? Aber Günther Jacob und Edward P. Tompson verstehen unter dem Begriff "Arbeiterklasse" wohl etwas anderes als die Leute, deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß sie sich als Lohnarbeiterinnen der Vermehrung fremden Reichtums unterwerfen müssen:
"Wie wenig Armut und Elend automatisch zu revolutionärem Bewußtsein führen zeigt er am Beispiel des 'King and Church'-Mobs". . . . "Nicht das absolute Ausmaß der Armut, sondern deren Interpretation als "moralisches Unrecht" ist nach Tompson die Ursache von Widerstand. Demnach kann eine Klasse nur in sozialen Kämpfen sichtbar werden. Umgekehrt zeugen soziale Stabilität und fehlende Empörung nicht unbedingt von der Abwesenheit materiellen und psychischen Elends, sondern von der moralisch-politischen Übereinstimmung der Betroffenen mit normativen Vorstellungen von einem sozial adäquaten Leben." (I, 20)
Erstens steckt eine logischer Patzer in den Aussagen: Angenommen, die Arbeiterklasse könne nur in sozialen Kämpfen sichtbar werden, würde es sie doch wohl ansonsten auch geben. Was würde man von einem Astronomen halten, der behauptet, daß der Mond bei bedecktem Himmel "derealisiert" ist?
Zweitens wird hier inhaltlich einiges in einen Topf geworfen: Arbeiterklasse, Klassenkampf und (angepaßtes) Bewußtsein, was ja nun wirklich verschiedene Begriffe sind. Sieht man sich die in Marxens Kapital vorgenommene Bestimmung des Begriffs Arbeiterklasse an, findet man dort keinesfalls die Bestimmung, daß es sich hierbei im wesentlichen um eine Gruppe von Menschen handelt, deren Hauptmerkmal ein gemeinsames Bewußtsein oder gar das ständige Durchfechten von sozialen Kämpfen ist.
Vielmehr handelt es sich bei dem freien Arbeiter zunächst einmal um ein Individuum, das
"als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andererseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los ledig und frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen." (MEW 23, 183)
Es ist uns unverständlich warum es heutzutage nicht sichtbar sein soll, daß der moderne Arbeiter über keine normale Waren oder Produktionsmittel verfügt, und sich so gezwungen sieht, seine Arbeitskraft als Ware zu verkaufen. Dies würde Jacob vermutlich auch gar nicht bestreiten.
Ein Fan der modernen Soziologie würde allerdings das letzte Zitat auch in keinster Weise für einen wie auch immer gearteten Ansatz einer Klassendefinition ansehen. Durch die soziologische Brille betrachtet, ist nämlich die Stellung, die das Proletariat im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozeß hat, überhaupt nicht relevant. Das liegt an den Vorurteilen dieser Wissenschaft: Ökonomie ist ohnehin nicht ihr Metier. An empirischen Phänomenen finden sich jede Menge Unterschiede zwischen den Individuen, die als produktive Lohnarbeiterinnen den materiellen Reichtum in den kapitalistischen Gesellschaften produzieren. Und da die bürgerliche Soziologie ohnehin nicht nach Ursache und Wirkung fragt, gelten ihr alle möglichen Unterschiede zwischen Lohnarbeiterinnen wie Kleidermode, Wahlverhalten, Musikgeschmack, eben ihrer persönlichen Interessen, als Widerlegung ihrer Gemeinsamkeit. Kein gemeinsames Klassenbewußtsein, also ist der Marxsche Klassenbegriff historisch überholt, lautet der falsche Umkehrschluß. Und der zieht sich durch Jacobs Gesamtwerk.
Im folgenden wollen wir uns auf zwei Punkte an Jacobs Arbeit beschränken. Zuerst wollen wir zeigen, wie sich Jacob einerseits bemüht, aus der Konkurrenz der bürgerlichen Individuen eine richtige Theorie über die ihre Stellung zu ihrer Gesellschaft zu entwickeln, und welcher Fehler ihm dabei unserer Meinung nach unterlaufen ist. Zuletzt versuchen wir zu zeigen, wie Jacob mittels der von ihm geschätzten bürgerlichen Soziologie mit seiner ungenauen Analyse des bürgerlichen Individuums bei einer optimistischen Perspektive landet, die der Ideologie einer Arbeiterklasse mit dem historischen Auftrag den Kapitalismus abzuschaffen, verblüffend ähnelt.
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2. 3. Das Individuum in der kapitalistischen Konkurrenz
- These:
- Das grundlegende Merkmal des modernen bürgerlichen Individuums ist der abstrakt freie Wille . Dieser gedeiht nur in einer Gesellschaft, in der die Individuen einem bürgerlichen Staat unterworfen sind. Die Staatsgewalt sorgt für die ständige Anerkennung des Privateigentums und daraus abgeleiteter Gesetzmäßigkeiten, deren antagonistischer Charakter eine ständige Aufsicht der Konkurrenz durch die politische Gewalt benötigt. Sie verpflichtet alle Individuen sich in der Konkurrenzausschließlich unter Anerkennung des Eigentums zu behaupten, egal ob sie über Kapital oder nur über ihre blanke Arbeitskraft verfügen. Der abstrakt freie Wille ist die Unterordnung der individuellen Zwecke der Individuen unter diese Gewalt und ihre Befürwortung als unumstößliche Existenzgrundlage .
Der Teil von Marxens Werk, den er nicht mehr beenden konnte, hat eine ehrwürdige Tradition bei denjenigen universitären Staatsdienern, die Marx für die Produktion ihrer Weltbilder benutzen, aber ihre Dienstpflichten mit seiner dogmatischen und radikalen Kritik nicht vereinbaren können. Sie läßt sich nämlich mit einer konstruktiven Kritik, geschweige denn mit einer Befürwortung "unserer Wirtschaftsordnung" gar nicht vereinbaren. Einen logischen Fehler haben sie bisher Marxens Kapital nicht nachweisen können. Und so sind sich diese Leute einig, daß Marx, wäre er vorher nichtgestorben, bestimmt noch lauter Aussagen geschrieben hätte, die man als Soziologe produktiver in die bürgerliche Wissenschaft einbringen könnte.
So argumentiert auch Jacob. Der Gegenstand des unvollendeten Abschnitts über die Konkurrenz wird zu einer besonderen Sache hochstilisiert, eine
"ideale Oberfläche" (?!) die der "realen Handlungsebene" (I, 27),
nämlich der komplexen Realität sehr viel näher kommt, als die widerborstigen Begriffe aus dem 1. Band des Kapitals, bei denen es sich ja gottseidank nur um rein "logische Kategorien" handelt:
"Logische Kategorien, wie etwa der relative Mehrwert, gehen nicht in die Zwecksetzung der Menschen ein. " (I, 27) [f1]
An diesem Zitat ist überhaupt nichts richtiges dran: Gehen logische Kategorien, ohne die (richtiges wie falsches) Denken gar nicht funktioniert, nicht in die Zwecksetzung von Individuen ein? Beispiele aus Marxens Kritik der politischen Ökonomie: Ware, Preis, Geld, Kapital, Lohn, Gewinn und Zins, sind allesamt "logische Kategorien". Haben die mit der Zwecksetzung des bürgerlichen Individuums nichts zu tun? Das Beispiel "Mehrwert" ergibt durchaus eine Zwecksetzung von Individuen, die sich daran nicht mehr abarbeiten wollen und daher einige grundsätzliche gesellschaftliche Änderungen anstreben. Weitere Beispiele gefällig? Deutsche Rasse, Vaterland, soziale Marktwirtschaft sind ebenfalls keine Dinge zum anfassen, sondern (ideo-) logische Kategorien, die leider verdammt oft in die Zwecksetzung bürgerlicher Individuen eingehen.
Im letzten Zitat hat Jacob seine leicht desinteressierte Stellung zu den von Marx geleisteten, "abstrakten" Ausführungen programmatisch formuliert. Dementsprechend luschig verfährt Jacob mit einigen grundlegenden Aussagen aus dem Kapital Band 1.
An der Kategorie Wert findet Jacob - und das nach der in den letzen Jahren erfolgten Diskussion über den Wertbegriff !!! - daß es sich dabei
"nur" (!) "um einen" (?) "Ausdruck" (?) "menschlicher Arbeit handelt"...(I. 31)
und findet damit nichts besonderes am grundsätzlichsten Hammer des Kapitalismus: die Gebrauchswerte zählen nicht als Mittel der Bedürfnisbefriedigung, sondern nur als Träger von abstrakt menschlicher Arbeit, ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Auf das Quantum dieser abstrakten Arbeit, den Wert, ist im Kapitalismus jedes nützliche Produkt reduziert. Zur Erklärung des Warenbesitzers meint Jacob:
"Als Besitzer von Waren treten sich die Individuen gegenüber und stehen dabei in keinem anderen Abhängigkeitsverhältnis als dem sich aus der Zirkulation selbst ergebenden." (II. 20)
Damit ignoriert Jacob, der zu recht auf die Wichtigkeit der Marxschen Analyse für das Verstehen unserer Gesellschaft hinweist, bei seiner Marx-Rekonstruktion eines der wesentlichen Merkmale der Konkurrenz, auf das Marx schon im zweiten Kapitel des Kapitals hingewiesen hat:
" Um diese Dinge" ; (gemeint sind Gebrauchswerte!) " als Waren aufeinander zu beziehen, müssen sich die Warenhüter zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so daß der eine nur mit dem Willen des anderen, also jener nur vermittels eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigene veräußert. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigentümer anerkennen. Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverhältnis, worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt." (MEW 23, S. 99)
Bereits an diesem Punkt seiner Ableitung verweist Marx also darauf, daß der Austausch von Gebrauchswerten als Waren impliziert, daß hier ein Rechtsverhältnis herrscht. Das heißt, daß es also eine von dem Sonderinteresse der Individuen an den spezifischen Gebrauchswerten unabhängige, übergeordnete Gewalt geben muß, die dafür einsteht, daß sich die Individuen ausgerechnet als Personen gegenübertreten. Es zeigt sich also schon bei der grundlegendsten ökonomischen Beziehung zwischen den bürgerlichen Individuen, daß für ihr eigenartiges Verhältnis zueinander eine übergeordnete Gewalt impliziert ist. Jacob sieht das etwas anders.
"Über die Konkurrenz wird der gesellschaftliche Zusammenhang zwischen den vereinzelten Einzelnen widersprüchlich wiederhergestellt." (So rosig liest sich Marx mit der soziologischen Brille. ) "Aber das Individuum A bemächtigt sich der Ware des Individuums B nicht mit Gewalt, sondern beide erkennen sich wechselseitig als Eigentümer an." (Warum?) "Weil sie um ihre Abhängigkeit wissen, erkennen sie sich wechselseitig als Eigentümer an, ohne dabei zu übersehen, daß es sich bei ihren jeweiligen Interessen um gegensätzliche Sonderinteressen handelt." (II, 30, Hervorhebung von uns. )
Daß die bürgerlichen Individuen sich gerade als Eigentümer gegenübertreten, denen es bei ihren Waren um den Wert und nicht um den Gebrauchswert geht, liegt bestimmt nicht darin, daß sie ganz abstrakt voneinander abhängig sind und das begriffen haben.
Wer käme denn z. B. in einer Familie oder WG auf die Idee, den Zugriff auf Butter oder die Benutzung des Staubsaugers als Warenaustausch vertraglich nach den Regeln des BGB zu regeln? Es sei noch einmal daran erinnert, daß die wechselseitige Anerkennung als Eigentümer für das bürgerliche Individuum heißt, daß es sich selbst die einfachsten Lebensmittel nur beschaffen kann, wenn es über ein Tauschäquivalent (Geld) verfügt. Diese wechselseitige Anerkennung hat für Millionen von Individuen durchaus negative Konsequenzen, da sich nämlich das Wertgesetz in der gesellschaftlichen Konkurrenz als knallharter Klassengegensatz bemerkbar macht. Deshalb beruht dieser Entschluß zur wechselseitigen Anerkennung überhaupt auf einer freiwilligen Einsicht.
Ganz im Gegenteil: Die "Einsicht" ist das Produkt staatlicher Erpressung .
Wie wenig der Staat sich auf einen freiwilligen Entschluß seiner Bürger verläßt, macht er deutlich, wenn er jedes Gesetz mit einer Strafandrohung verbindet. und diese auch regelmäßig vollzieht. Ein nicht unwesentlicher Prozentsatz der Bürger befindet sich normalerweise im Knast. Vom Reichtum, den die deutsche Rechtspflege aufzehrt, könnte ein mittlerer Drittweltstaat saniert werden. Und für ihre exekutierenden Organe wird ein Waffenarsenal bereitgehalten, das von der gezielten Erschießung von Bankräubern bis hin zu Bürgerkriegseinsätzen technisch immer auf dem neusten Stand ist. Denn die staatliche Unterwerfung der Individuen unter die Prinzipien des Eigentums ist durchaus keine historische Leistung aus vergangenen Zeiten. Im Gegenteil: Verliert die Staatsgewalt auch nur für kurze Zeit ihre Kontrolle, sind Plünderungen an der Tagesordnung, bei deren schnellstmöglicher Bekämpfung das Standrecht gilt.
Insofern ist im folgenden Zitat das zweite Wort genau haarscharf daneben:
"Der ökonomische (!) Zwang zur wechselseitigen Anerkennung als austauschende Personen bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Begrenzung der störenden Sonderinteressen der anderen, gewinnt ihnen zum abstrakt freien Willen, das heißt zu einem von ihrem konkreten Willen getrennten Willen. Das allgemeine Interesse, das jeder Einzelne als Motiv seiner in Wirklichkeit egoistischen Handlung ausgibt, kann nur außerhalb der Konkurrenz und jenseits der ökonomischen Sphäre liegen. Die Verständigung des Willens als abstrakter materialisiert sich im bürgerlichen Staat." (II, 30)
Das bürgerliche Individuum ist dadurch charakterisiert, daß es diesen (außerökonomischen!) Zwang aus folgendem Grund affirmiert: Hat der bürgerliche Staat in einer Gesellschaft seine Prinzipien durchgesetzt, dann ist er tatsächlich die unverzichtbare Voraussetzung dafür, daß das Individuum überhaupt seinen Interessen nachgehen kann. Insofern erscheint dem bürgerlichen Individuum der Staat als ein unverzichtbares Lebensmittel. Es relativiert jedes konkrete Eigeninteresse am Allgemeinwohl. Der Staat will also, daß das Individuum einerseits antimaterialistisch mit seinen Interessen umgeht. (z. B. Heldentod, Anerkennung des Privateigentums durch Obdachlose, Steuern, gewerkschaftliche Nullrunden). Andererseits soll es der Kapitalakkumulation dadurch dienen, daß es in der Konkurrenz ganz materialistisch seinen Interessen nachgeht. (Darin besteht die Schizophrenie des lohnabhängigen Bürgers, und nicht, wie Jacob meint, im Widerspruch zwischen einerseits Warenbesitzer und andererseits Produktionssklave. )
Hat Jacob im letzten Zitat noch den Zusammenhang zwischen Staat, Ökonomie und Individuum aufgezeigt, zieht er in seiner weiteren Analyse daraus keine Schlüsse. Jacob weiß um die ständige Präsenz des Staates in der "Lebenswelt": "In diese 'Verrechtlichung' aller Lebensverhältnisse münden nach und nach alle gesellschaftlichen Auseinandersetzungen." (II, 31) Dennoch hält er sich bei seiner Analyse der gesellschaftlichen Oberfläche an die Methode des soziologischen Denkens. Und nach der herrschen in der Gesellschaft nicht etwa in Amt und Würden stehende Persönlichkeiten, sondern "Verhältnisse", "Strukturen", "Normen", die "Konkurrenz" und andere Worthülsen. Und einen Schöberl , der mit dem dummerhaftigen Vorurteil, daß der Mensch sich sein Weltbild aus seiner Lebenswelt bastelt, hält er für eine Ergänzung linker Theoriebildung.
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2. 4. Und ewig schillert die Vielfalt der Individuen
- These:
- Das real existierende bürgerliche Individuum ist durch seinen Anpassungswillen an die kapitalistische Gesellschaft gekennzeichnet. Wie es sich sein Zurechtkommen zum persönlichen Anliegen macht, also sich selbst (begeistert oder zähneknirschend) zur Unterordnung entscheidet, ist seine ganz individuelle Leistung. Aus dieser jeweils ganz persönlich entwickelten "Lebens"-Auffassung resultiert die "bunte Vielfalt" der real existierenden Individuen, Lebensstile und Milieus, und nicht aus den angeblich so vielfältigen Möglichkeiten, die das lohnabhängige Girokonto bietet.
Jacob macht aus der freien Verfügung der Proletarier über ihren Arbeitslohn eine Widerlegung ihrer Klassenzugehörigkeit, also ihrer Lohnabhängigkeit:
"Als Klassen treten sich Arbeiter und Kapitalist nur nach dem Verkauf bzw. Ankauf der Arbeitskraft gegenüber, während der Arbeiter in der Zirkulationssphäre dem Kapitalisten nur als Marktteilnehmer begegnet." (II, 23)
Mit dieser abstrakten Gleichsetzung aller Käufer ignoriert Jacob, daß der lohnabhängige Käufer mit seinem Kauf durchaus konkrete Bedürfnisse befriedigen muß, die zu einer ziemlich klassenspezifischen Verwendung seines Geldes zwingen, die sich allerdings real ständig bemerkbar macht:
- Er verstößt gegen die von Marx erkannte wesentliche Eigenschaft des Geldes (Kapital zu sein), wenn er es (ständig) zum Kauf von Verbrauchsmitteln verwendet, statt das wichtigste an ihm, nämlich seinen Wert festzuhalten. In einer Gesellschaft, in der Geld das Maß aller Dinge ist, gehorcht die proletarische Geldzirkulation der Formel
Geld - Ware - unproduktive (statt produktive) Konsumtion → kein Geld.
Daß Geld "zum Ausgeben eigentlich viel zu schade ist", ist dem "Verbraucher" übrigens durchaus bewußt.
- Zweitens ist der Lohn, quantitativ reichlich beschränkt (sonst ist er nämlich kein Geschäftsmittel fürs Kapital).
"Trotzdem bleibt es eine Tatsache, daß die Verfügung über Geld dem Lohnarbeiter einen bisher nie gegebenen Gestaltungsspielraum gibt. Er kann - wie Marx sagt - sein Einkommen "in Schnaps . . . versaufen, statt seinen Kindern Fleisch und Brot zu kaufen, was er bei Naturalzahlung nicht kann" . " (II, 25)
Ein großartiger "Gestaltungsspielraum" ist das allerdings nur, wenn man ihn an den Möglichkeiten eines Sklaven messen möchte. Und das ist in der Ideologischen Praxis der BRD'94 leider üblich. Wenn Lohnabhängige ihr "Schicksal" mit den Verhältnissen bei indischen Plantagenarbeitern oder südamerikanischen Minensklaven vergleichen, dann haben sie ihre eigene Dienstbarkeit längst für OK befunden. Dann ergötzt sich der Arbeitsmann, daß es ihm doch viel besser geht, als anderen Kulis. Ein Vergleich mit den Lebensverhältnissen der Herren, schickt sich hierzulande nicht, auch nicht bei Jacob. Der Fall, daß die Anschaffung einer Luxusjacht durch einen Kapitalisten die Ernährungssituation seiner Kinder beeinträchtigt, ist nämlich ziemlich selten, während ein einziges, ordentliches proletarisches Besäufnis auch heute noch oft bittere Einschränkungen für die betroffene Familie bedeutet.
(Jacob's Argumentation wird an diesem Punkt insofern krumm, als er aus der Möglichkeit der freien Kaufentscheidung eine Notwendigkeit der individuellen Lebensauffassungen ableitet. Der hierfür verwendete, überstrapazierte Begriff des "notwendig falschen Bewußtseins" gehört hier nicht hin, da die Leute sich statt des Schnapses auch diese Zeitung kaufen können. )
- Drittens: "Es tut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zulieb vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt." (MEW 23, 597)
Das proletarische Individuum kann sich tatsächlich einbilden, sein Lohn wäre eigentlich Mittel seines Genusses. Diese dumme Alltagsvorstellung hat die Soziologie (hier ganz Vulgärwissenschaft) zu der von Jacob geschätzten Erfindung des "hedonistischen Konsumenten" bewogen, der angeblich mit einem Proletarier nichts mehr zu tun hat (so als würden nicht schon die monatlichen finanziellen "Grundbelastungen" die Leute zur Arbeit zwingen). Diese Ideologie ändert allerdings nichts daran, daß der Lohn nur für die Leute, die ihn als Investition für ihr Geschäft bezahlen, ein wirksames Mittel ist, sich regelmäßige Genüsse zu verschaffen. Und darüber, daß er überhaupt nur gezahlt wird, wenn ein Geschäft damit gemacht wird, kann diese Ideologie auch nicht hinwegtäuschen. Auch das ist dem bürgerlichen Individuum nicht ganz fremd.
- Viertens macht sich die Art und Weise, wie der Proletarier sein Geld beschaffen muß, durchaus in seiner Eigenschaft als freier Warenkäufer geltend: Das lohnabhängige Individuum lebt vom regelmäßigen Verkauf seiner Arbeitskraft. Mit welchem Erfolg ihm das gelingt, hängt auch ganz gewaltig davon ab, wie es sich individuell reproduziert. Denn was man am Arbeitsplatz psychisch und physisch aushalten kann, hängt auch von der richtigen Entscheidung zwischen an sich recht trüben Alternativen ab, wofür man seinen Lohn ausgeben soll. (Entweder langweiliges oder ungesundes Leben; entweder keine Vergnügungen am Abend, oder den ganzen Tag müde). Bei aller Freiheit, für welche Alternative sich ein Individuum entscheidet, ist jedem klar, daß Fehler bei dieser Entscheidung sehr schnell dazu führen können, daß der Abstieg in die proletarische Unterabteilung geschieht, an deren Benutzung das Kapital kein Interesse mehr hat: Obdachlosigkeit ist verbreitet.
In der Wahl seiner Kriterien , nach denen es sich zwischen den ihm vorgesetzten Alternativen entscheidet, ist das proletarische Individuum völlig frei und richtet sich nur nach seiner individuellen "Lebens"auffassung. Es identifiziert sich meistens mit der von ihm gewählten Alternative, als hätte er sich diese Alternative höchstpersönlich frei entworfen. Diese Identifikation hat einen ideologischen Begriff: Lebensstil. Die Lebensstile haben als abhängige Variable der verschiedenen Lebensauffassungen eine recht bunte Vielfalt.
- Erstens ist der proletarische moderne Lebensstil vom Job abhängig, denn "auf sehr geheimnisvolle Weise decken sich dann letztlich auch die Summe der individuellen Lebensentwürfe und die Summe der momentan angebotenen 'Berufe'". (II, 24)
- Die individuellen Unterschiede (jung/ alt, kräftig/schwächlich, Frau/Mann, hübsch/ unansehnlich) spielen bei der freien Wahl des persönlichen Lebensstils auch noch eine gewaltige Rolle.
- Noch wichtiger sind "individuelle Eigenschaften" , die erst der Staat am Individuum herstellt : z. B. das Dokument, auf dem ein Pädagoge den Erfolg in der schulischen Konkurrenz bilanziert, eine Einberufung zum Militär, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung etc.
Da die trüben Alternativen, sich aus dem bescheidenen Lohn einen Lebensstil zu gestalten, zahlenmäßig nicht sehr vielfältig sind, findet man auch (zumindest in der Großstadt) relativ schnell Gleichgesinnte zur gegenseitigen Bestätigung. Soziologen messen dem eine grandiose Bedeutung zu, nennen solche Gruppen von Gleichgesinnten: Milieu und schwafeln wie folgt darauf los:
"Die individuelle Selbstzuordnung zu spezifischen Habitusgruppen und die Expression verschiedener Lebensstile ist 'Klassenkampf' (um Marktchancen) mit anderen Mitteln und Stilbewußtsein ist das Klassenbewußtsein von heute. " (III, 55)
Jacob verdreht dabei, daß dieses moderne "Klassenbewußtsein" nur darauf basiert, daß sich die proletarischen Personen ihre unfreiwillige Lage versubjektivieren und sich einbilden, einem höchstpersönlich erfundenen Stil treu zu bleiben. Der damit betriebene "Klassenkampf mit anderen Mitteln" ist überhaupt keiner, sondern bestenfalls Mittel in der Konkurrenz der Lohnabhängigen. Er beschränkt sich darauf, bei Chef und Personalabteilung einen guten Eindruck zu machen.
Das ist aber nicht der Zweck der Veranstaltung Lebensstil, der als praktizierte Ideologie eher in die gleiche Rubrik wie die Religion gehört.
Unsere Kritik am modernen Individuum heißt nicht, daß wir etwas dagegen haben, wenn sich jemand im Rahmen seiner meist bescheidenen Mittel sein Privatleben so einrichtet, wie es ihm am besten gefällt. Leute, die sich schon in ihrer Jugend eher zähneknirschend dem "stummen Zwang der Verhältnisse" unterwerfen mußten, haben meist (zu recht) keine Lust auf die Spießerkultur des deutschen Durchschnittsuntertanen. Das heißt allerdings nicht, daß sie sich mit ihrer (zumeist ebenso armseligen) Lebenssituation identifizieren müssen, nur weil sie wie Sid Vicious oder Andy Warhol herumlaufen dürfen. Ehemalige Linke, die mit gefühlvoll-harmonischem Bekanntenkreis und biologischer Ernährung nehmen nicht nur die gleichen Schwermetalle zu sich, wie ein rassistischer Fußball-Fan, der sich mit ALDI-Dosenfraß ernährt.
Der laufende "Umbau unseres Sozialstaates", wird einige "Lebensstile" auf die pure Subsistenz reduzieren, wenn er ungehindert durchgeht - von einem grün-sozialdemokratischen Arbeitsdienst ganz zu schweigen! Die von postmodernen Lifestyle-Propagandisten affirmierte Einbildung, die sich gerade JungproletarierInnen als berufstätige, also "unabhängige" Menschen von sich machen, liefert die passende Begleitmusik zu jeder kapitalistischen Schweinerei, die früher die proletarische Waffe der Solidarität zum Einsatz gebracht hätte.
Und wie lautet hierzu Jacobs Prognose?
"Auch bei abnehmender sozialer Sicherheit wird die Auflösung traditioneller und die Bildung neuer Milieus entlang von Lebensstilen , Konsummustern sowie veränderten Selbstbildern und Bedeutungshierarchien zu neuen, sich über kulturelle Präferenzen definierenden, sozialen und politischen Konstellationen führen". . . (III, 56)
Dem bürgerlichen Individuum fällt nichts anderes ein, als wieder einen neuen Versuch des Sich-Einrichtens zu starten, wenn es - Jacob weiß das!- die Taten von Politikern und Kapitalisten als "abnehmende soziale Sicherheit" uminterpretiert. Was zu befürchten ist, daß nämlich auf jede Schädigung der Individuen nichts anderes als ein erneutes, ganz individuelles Sich-Einrichten folgt, trägt Jacob hier als automatische Gesetzmäßigkeit vor, die ihn auch noch optimistisch stimmt!
Zumal er nun auch neue Bündnispartner entdeckt hat, und zwar bei Menschen, die zwar nicht positiv, sondern gleichgültig zu ihrer Lohnabhängigkeit stehen:
"subkulturellen Szenen, 'subkulturellen Theorie ist Lebensstil'-Zeitschriften, linken Kulturjournalist Innen/AuthorInnen und jungen" (also notorisch fortschrittlichen)"SozialwissenschaftlerInnen" (III, 53).
Der Jacob'sche Artikel endet mit einer sehr dialektischen Synthese aus den rosigen Perspektiven des ML-Weltbildes und Jacob's Bewunderung für die schillernde Vielfalt der bürgerlichen Individualität:
"Die Herrschaft der Verhältnisse über die Individuen hat ihnen die Aufgabe gestellt, an die Stelle der Herrschaft der Verhältnisse und der Zufälligkeit über das Individuum die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit der Verhältnisse zu setzen. " (III, 56)
Da gibt es eine Herrschaft. Sie hat "den Individuen", also 'uns allen' eine historische "Aufgabe gestellt". Wer ist diese Herrschaft? Sie ist die "Herrschaft der Verhältnisse". Meint Jacob damit etwa den bürgerlichen Staat, oder steht diese philosophische Metapher für die Art und Weise, wie die bürgerlichen Individuen miteinander umgehen? Egal, denn die Aufgabe, die sie (laut Jacob) den Individuen gestellt hat, ist soziologisch-historisch voll im Trend: Die "Herrschaft der Verhältnisse" hat die Aufgabe gestellt, daß an ihre Stelle "die Herrschaft der Individuen" über die Verhältnisse tritt. Sie will also selber, daß sie zur Abdankung gezwungen wird.
So kann man sich das Life-Style-Individuum als historisch beauftragten Totengräber des Kapitalismus vorstellen. Eine Streicheltheorie für post-moderne Bürger, deren "Opposition" in ganz individueller Anpassung besteht.
(Zitate: (I) Günther Jacob: Kapitalismus und Lebenswelt. 17°C, Heft Nr. 3; (II) Heft Nr. 4; (III) Heft Nr. 5; (MEW) Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Bd. 23. Dietz Verlag Berlin, 1977)
↑ oben
2. 5. Anekdotischer Nachtrag (1993-96): Das postmoderne Lifestyle-Individuum in der Konkurrenz - am Beispiel von Herrn G. Jacob
a. Eine notwendige (seinerzeit von der Spezial unterschlage) Ergänzung zu G. Jacobs illustrer Zitatensammlung [1993]
«Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie einige Teile des Jacobschen Textes über das bürgerliche Individuum und seinen Staat sind Ende der siebziger Jahre Karl Held et al. (unter dem Pseudonym Marxistische Gruppe) in der Schrift "Der bürgerliche Staat" gekommen. Die Ähnlichkeit der Ergebnisse geht teilweise bis in die Wortwahl. Allerdings hat bei Jacob der Druckfehlerteufel zugeschlagen: Schreiben dort z. B. Held et al. richtig "Der bürgerliche Staat ist also die Verselbständigung ihres" (der Bürger) "abstrakt freien Willens", spricht Jacob von der "Verständigung". Vom vermutlich gleichen Autoren-Team stammt weiter ein Buch namens "Die Psychologie des bürgerlichen Individuums" . (Resultate Verlag, München 1981, über GegenStandpunkt Verlag München) erhältlich. (Dieser Text diente uns seinerzeit als Grundlage für die Klärung des bei Jacob aufgeworfenen Themas)
b. Rücksprache
Der vorangegangene Text wird keineswegs allen Gedankengängen in Jacobs Werk gerecht; dazu wären wohl mindestens fünfzig Seiten notwendig gewesen. Wir hatten uns also zu entscheiden, was für uns das Wesentliche an Jacobs Gedankengängen darstellt, worauf er hinauswollte und wie er das begründet hat.
Wie oben dargestellt, hielten wir die in seinem Artikel aufgegriffene Fragestellung für sehr wichtig und haben in größerem Kreis auch mehrere Wochenlang sein Monumentalwerk diskutiert. Uns gefiel z. B. , daß er die Wichtigkeit der Analyse unseres Lieblingstheoretikers Marx herausstrich und daß er seitenweise, wenn auch etwas verquast, Gedankengänge von Held& Co in die Diskussion brachte.
Andererseits kamen uns weite Passagen seines Textes wie der ganz normale Schwachsinn vor, den angehende Gemeinschaftskundelehrer büffeln müssen, bevor sie Kinder zu Staatsbürgern erziehen dürfen. Ging es Jacob in seinem Text darum, einen weiteren soziologischen Denkansatz zu produzieren, um z. B. postmodernen Soziologieprofs mit etwas Marx bei der Aktualisierung ihrer Denkansätze zu helfen? Oder beschäftigte er sich mit Theorie, weil er weiß, daß richtiges Wissen die Voraussetzung für eine erfolgreiche linke Praxis ist?
Es war daher für uns naheliegend, sich mit diesem Problem an ihn selber zu wenden. Jacobs erstes und eindrucksvollstes Statement zu unserem Enwurf war, daß er die von uns avisierte Veröffentlichung in der Zeitschrift 17°C unterbinden würde. So entschlossen uns zur Veröffentlichung in der damals besser verbreiteten und inhaltlich der 17°C überlegenen Hannoveraner Spezial.
Ein persönliches Gespräch über unsere Kritik an seiner "Lebenswelt" lehnte er ab. Statt dessen gab es zwei von uns protokollierte Telefonate.Dabei stellte Meister Jacob uns gegenüber klar, was ihm an unserer Kritik nicht gefiel.
- Wir brächten keine eigene Definition des Klassenbegriffs und böten keine theoretische Grundlage dafür, daß man mit uns überhaupt diskutieren kann. Die in unserem ersten Kapitel angeblich versprochene eigene Theorie, wie Klassenzugehörigkeit und bürgerliches Bewußtsein zusammenhängen, würden wir in unserem Artikel nicht einlösen. Jacob hat tatsächlich gemerkt, daß wir weder eine soziologischen Kriterien genügende, ausdifferenzierte Klassendefinition verfasst haben, noch ein ML-Glaubensbekenntnis über das heldenhafte Proletariat abgeliefert haben. Wir haben bloß (mit Marx) hingeschrieben, was einen freien Lohnarbeiter charakterisiert. (siehe oben ↑)
- Aus unserem Artikel ging nicht hervor, welchem Weltbild unsere Kritik entsprungen war - Vorwurf Nummer 2. Wie Jacob uns telefonisch mitgeteilt hat, haben wir die Frechheit besessen, ihn zu kritisieren, ohne zu sagen, welche politische Praxis uns vorschwebt. Wollen wir etwa Flugblätter vor Fabriken verteilen? - fragte er. Das könnten wir uns abschminken, denn eine politische Praxis der Aufklärung sei ja wohl wirklich überholt. Womit er klargestellt hat, in Zukunft inhaltliche Kritik als "Aufklärungswahn" denunzieren zu wollen, wenn sie sich nicht an ein postmodern-gestyltes Publikum richtet.
- Vorwurf: Wir diskreditierten die Soziologie als bürgerliche Wissenschaft , die vom Staat bezahlt wird und werfen Jacob vor, daß er von einigen Soziologen sehr viel hält. In der Tat sind wir der Meinung, daß die staatlich finanzierte Gesellschaftswissenschaft namens Soziologie mit dem was wir unter Theoriebildung verstehen etwa genauso viel zu tun hat wie Astrologie mit Astronomie. Auf eine über die von Jacob angeführten Zitate hinausgehende Begründung unserer Meinung möchten wir hier gerne verzichten. Jacob schreibt ja auch nicht eine seitenlange Widerlegung des Revisionismus, bevor er den "linientreuen DKP-Theoretiker" als abschreckendes Beispiel der Gattung Mensch hinstellt.
- Von wegen Plagiat . In unserem Anhang würden wir - Vorwurf Nummer 4. - unterstellen, er habe die von ihm (zugegebenermaßen!) aus diversen MG-Schriften bezogenen Gedanken absichtlich mit keinem Zitat gewürdigt. Jacob hat uns dazu gleich mit zwei Erklärungen bedacht. Version Nr. 1: es handele sich dabei um ein technisches Versehen . Version Nr. 2: Jeder seiner Leser wüßte, daß wo Jacob die entsprechenden Gedanken und Formulierungen her hätte - was wir für interessierten Unsinn halten. Auf einen Literaturhinweis hätte er leider verzichten müssen, da er dann eine 14-seitige Fußnote zu den entsprechenden MG-Schriften hätte abdrucken müssen.
Diese zweite Version haben wir mit Verblüffung zu Kenntnis genommen: Stimmt Jacob denn mit all den anderen von ihm zitierten Quellen von der ersten bis zur letzen Seite überein? Es ist uns scheißegal, ob Jacob irgendwelche Gedanken irgendwo "klaut". Wir würden auch nicht behaupten, daß er sich diese Quellenangaben gespart hat, weil sie bei den "jungen SoziologInnen" , denen er seine Trilogie als "Diskussionsrahmen" andient, absolut nicht salonfähig sind. Wir haben unseren Literaturtip lediglich angefügt, weil wir die Bücher für diskussionswürdig finden, und weil es zum Zeitpunkt unserer Kritik bei der Veröffentlichung seines Artikels in der Spezial noch eine Ergänzung des Literaturverzeichnisses möglich war.
Offensichtlich hat Jacob unseren Literaturhinweis als Angriff auf seine Person aufgefaßt. Die Art seiner Kritik an Ebermann und Trampert (siehe unten) hat uns davon überzeugt, daß man bei konkurrenzgeilen und eitlen Lifestyle-Subjekten auf persönliche Rücksichtnahmen gut verzichten kann. Er mag ja Leuten aus dem Bereich der bürgerlichen Wissenschaft wie ein ungemein kreativer Denker vorkommen. Eine vollständige Literaturliste hätte einen großen Teil seiner Kreativität als schlechte unsystematische Angeberei mit allen möglichen Ansätzen erscheinen lassen, die zu einem großen Brei vermengeliert wurden, um dann in einem überaus kreativen Ausfluß zu münden: die Herrschaft der Verhältnisse hätte den subkulturellen Szenen die Aufgabe gestellt, die Herrschaft der Individuen über die Zufälligkeit der Verhältnisse zu setzen.
- Er, Jacob, hätte den Eindruck gewonnen, daß unsere theoretischen Kenntnisse einfach mangelhaft wären. Vermutlich hätten wir, das wußte er sofort, "den dritten Band des Kapitals noch nicht einmal gelesen" - der Vorwurf eines Professoralwissenschaftlers gegen einen dummen Studenten! Daß man erst begriffen haben muß, was es mit dem tendenziellen Fall der Profitrate auf sich hat, bevor man mit Jacob eine theoretische Diskussion führen darf, glaubt er selber nicht. Was treibt er dann eigentlich mit seinen "'subkulturellen-Theorie-ist-Lebensstil'-Zeitschriften, linken Kulturjournalist Innen/AutorInnen und jungen SozialwissenschaftlerInnen"? Ganz einfach: er verkauft ihnen topaktuelle, garantiert antirassistische, PC-geprüfte Musik- und Kulturkommentare. Die Fassungslosigkeit, mit der seinesgleichen zur Kenntnis nimmt, daß es Leute wie uns gibt, die statt antirassistischem Kulturkampf ganz altmodische öffentliche Kapital-Termine und antimilitaristische Agitation betreiben, erstaunt uns nicht.
c. Intermezzo als Antinationalist
Jacobs zwischenzeitige Tätigkeit als Nationalismuskritiker hat genauso überraschend geendet, wie sie begonnen hat. Findet sich in seinem Lebenswelt-Zyklus die Kritik an der bürgerlichen Affirmation der Staatsgewalt noch unter ferner liefen, hat er es danach doch vorübergehend zu einigen - gemessen am sonstigen "antideutschen" Niveau - weniger ärgerlichen antinationalen Aktivitäten und Schriften gebracht. Überflüssig ist allerdings die Bemerkung, daß es ihm an einer Theorie über das Phänomen des Nationalismus ganz und gar mangelt, da er weder etwas von der Klassengesellschaft , noch etwas vom ideellen Gesamtkapitalisten versteht, sondern dem Rassismus mit Musik- Eß- Sprach-, Foto- und sonstiger Kultur beikommen will.
Vorbei sind die Zeiten, als die 17°C eine Provokations- und Missionstour durch die ehemalige Ostzone anführte, um sich anschließend seitenweise darüber auszuflennen, daß ihr Unterfangen sogar der östlichen Autonomenszene am Arsch vorbei ging, Jacobs ganzer 'ästhetisch' hochgestylter Moralismus ein grandioser Flop war. Derartige Aktivitäten entbehren für Life-Style-Linke seines Kalibers inzwischen jeder Grundlage, denn die antideutsche Strömung hat sich ganz und gar nicht zu einer Bewegung gemausert und ist kein Publikum mehr. Jacob's 17°C ist erledigt, sein Konzept, das er bei der Spezial zu verwirklichen gedenkt, hat der Diskurstheoretiker dort gleich in der Form einer Diskussion ausgebreitet. (Spezial 103, S. 94. f. ) Eins hat Jacob übrigens mit den meisten Figuren der ehemaligen Hamburger Bahamas gemein: offenbar können sich Ex-K-Grüppler überhaupt nur dann politisch betätigen, wenn bereits eine Bewegung vorhanden ist, als deren Avantgarde sie sich aufspielen.
Von Jacobs Antinationalismus ist außer Attitüden herzlich wenig übriggeblieben:
"wir arbeiten nicht zu Deutschland, wie andere Leute zu AKW's" (Spezial 103, S. 103).
Das stimmt. Im Gegensatz zu AKW-Gegnern, die mitunter sehr genau wissen wollen, warum die Dinger vom imperialistischen Staat gebaut werden, auch einige militante Aktivitäten an den Tag legen und darüber hin und wieder sogar zu Staatsgegnern wurden, treiben postmoderne Diskurslaberer ein ganz anderes Geschäft. Sie besetzen keine Bauplätze oder Transportwege, sondern Begriffe. Denken, das sich postmodernen, soziologischen Worthülsen bedient, kommt nicht zu dem Ergebnis, aus einem Widerspruch zur Politik und Ökonomie auf die Grundlage zu schließen, die beseitigt werden muß, um in Zukunft nicht mehr der Verstrahlung ausgesetzt zu sein. Ein Antinationalismus, der gegen die Schäden argumentiert, welche nicht nur die regierten (wie beim Brandanschlag in Lübeck), sondern auch die regierenden Nationalisten anrichten - was beispielsweise eine Kritik an einem vom bundesdeutschen Bedürfnis nach Atomwaffen mitbestimmten Atomprogramm beinhaltet! - kommt solchen Leuten nur noch als Reminiszenz an die guten alten Zeiten in den Sinn, z. B. um zu zeigen, daß "eine linke Kritik auch damals schon möglich war". (Spezial 103, S. 8). Ja ist es denn die Möglichkeit! Und ein Belegexemplar hat die Spezial auch noch beigelegt, an dem seinerzeit vermutlich sogar ein G. Jacob beteiligt war!
Nun, wenn es schon damals möglich war, aber nichts gebracht hat, treibt man jetzt eben etwas anderes und mokiert sich schwach darüber, daß die Linke so unkritisch geworden ist. Deswegen produziert man hochtrabende Worthülsen auf Hochglanzpapier, die mit antinationaler Kritik etwa soviel zu tun haben, wie ein Perry Rhodan mit dem kommunistischen Manifest.
Beispielsweise weiß die letzte Spezial zur sogenannten Globalisierung des Kapitals folgendes zu vermelden:
"Der Begriff Globalisierung verweist auf Prozesse, die weltweit wirken, staatliche Grenzen durchschneiden, Gesellschaften und Organisationen in neue Raum-Zeit-Verbindungen integrieren und miteinander in Beziehungen setzen und die Welt real wie in der Erfahrung stärker miteinander verbinden. . . . Diese als neu wahrgenommenen zeitlichen und räumlichen Phänomene, die ein Resultat der Verdichtung von Distanzen und Zeiträumen sind, gehören zu jenen Aspekten, die die Diskussion über sogenannte kulturelle Identitäten boomen lassen. . . . Als wesentliche Eigenschaft der Globalisierung gilt die "Zeit-Raum-Verdichtung", die Beschleunigung globaler Prozesse, so daß die Welt kleiner und Distanzen kürzer erscheinen und Ereignisse an einem Ort unmittelbare Auswirkungen auf sehr weit entfernte Menschen und Orte haben. . . . Wenn der Raum zu einem 'globalen Dorf' der Telekommunikation und zu einem Raumschiff Erde... schrumpft - und wenn Zeithorizonte auf Punkte verkürzt werden, an denen es nur noch Gegenwart gibt, entsteht der Eindruck einer räumlichen und zeitlichen Verdichtung der Welt. Verschiedene Kulturepochen verbinden diese Raum-Zeit-Koordinaten auf unterschiedliche Weise. In der Hochzeit der Aufklärung war die Vorstellung von einer vernünftigen Ordnung von Zeit und Raum vorherrschend. Im zwanzigsten Jahrhundert hingegen scheinen eher gebrochene und fragmentierte Zeit-Raum Koordinaten zu dominieren, was sich z. B. anhand solch unterschiedlicher Entwicklungen wie Einsteins Relativitätstheorie, der kubistischen Malerei Picassos, dem Werk der Dadaisten, den Experimenten mit der Zeit und der Erzählweise in den Romanen von Marcel Proust und James Joyce und der Montagetechnik in den frühen Filmen von Vertow und Eisenstein zeigen läßt." (Spezial 103, S. 58).
Mit irgendeiner Aussage über Globalisierung hat dieser Vortrag jedenfalls nichts zu tun. Vielmehr gibt Meister Jacob nur zum Besten, daß ihm die tatsächlichen Entwicklungen des globalen Imperialismus komplett am Arsch vorbei gehen. Er stellt sich die Welt lieber als «Raumschiff Erde» vor. Er kann lässig von allen politischen, ökonomoschen und gesellschaftlichen Angelegenheiten so weit abstrahieren, daß bei ihm im Kopf nur noch eine «Zeit-Raum-Verdichtung» übrig bleibt. Die erzeugt im Kopf des Bildungsbürgers Jacob alle möglichen angenehmen Assoziationen zu Einstein, Picasso, den Dadaisten usw. usw.. Und so wird die Welt für ihn zu einem haluzinierten Genuß. Ein eindrucksvolleres Beispiel für intellektuelle Selbstverblödung läßt sich wohl kaum finden.
d. Soziologischer Antimarxismus
Als die Ex-Grünen Ebermann und Trampert (E/T) eine Kolumne im "Rolling Stone" bekommen haben, und nicht der Hip-Hop-Pop-Theoretiker Günther Jacob, muß er das als eine himmelschreiende historische Ungerechtigkeit empfunden haben. Als dann E/T noch ein erfolgreich vermarktetes Buch namens "Die Offenbarung der Propheten" rausbrachten, mußte Jacob, der sich als einen «gegen jede grün-rosa Versuchung resistenten Kulturbolschewisten» (Spezial 103, S.18f) inszeniert, zeigen, dass er den beiden zumindest in politischen Belangen haushoch überlegen ist.
Aus seiner Eitelkeit spricht von Anfang an der Neid:
"Dieser Beitrag möchte den vielen Besprechungen keine weiteren hinzufügen. ... Indem er (sein Beitrag) auch von Codierungen und Images spricht, bezieht er sich auf andere Weise auf dieses Buch und seine bisherige Rezeption. ... Dieser Beitrag ist vor allem eine Polemik, deren Ausgangspunkt die Irritation darüber ist, daß ein Buch, das ich für schrecklich schlecht halte, im etablierten Feuilleton, wie in der Restlinken gleichermaßen positiv rezipiert wurde. ... Meine These ist, daß die freundliche Aufnahme des Buches mit dem, was von einer bestimmten Tradition als "Inhalt" verstanden wird, alleine nicht zu erklären ist. Wenn dem so wäre, müßten auch gebundene Flugblattsammlungen linker Aktivistengruppen oder ein Nachdruck der "Bahamas" zu kleinen Bestsellern in Universitäts- und Szenebuchhandlungen werden können."
Damit hat er dreierlei mitgeteilt.
- Erstens gibt sich seine Eitelkeit irritiert, zeigt sich sozusagen in seinem Geschmack beleidigt, weil das Buch von Ebermann und Trampert (E/T) ein Erfolg war, während nach seiner Ansicht wesentlich wertvollere Werke wie die "Bahamas" nicht zu dem gleichen Recht kommen.
- Das kann zweitens seiner Ansicht nach aus dem "Inhalt" des Buches alleine nicht verstanden werden - als würde aus dem Buch nicht noch in hundert Jahren glasklar entnommen werden können, daß sich da frustrierte Linke auf recht humorvolle Art über die Regression des Geisteszustandes ihrer Zeitgenossen auskotzen und an ihrer Perspektivlosigkeit herumnörgeln.
- Drittens macht der leidige Umstand gleich Herrn Jacob nötig, damit er der Menschheit mittels entschlüsselter "Codierungen" und "Images" erklärt, warum die Menschheit auf ein so schlechtes Buch hereinfällt.
Nachdem nun klargestellt ist, daß man aus Jacobs Rezension über Ebermann und Tramperts Buch gewiß nichts erfahren wird, dafür aber um so mehr über Jacob - sein Bild hat er seiner Kritik in der Spezial ja schon beigelegt - legt er los:
"Dafür daß man die 'Ökonomiekapitel' überlesen kann, ohne Gefahr zu laufen, das folgende nicht mehr zu verstehen, dafür haben die Autoren Sorge getragen."
Da hat er recht. Aber spricht das gegen das Buch? Im Theorie-Sammelsorium von Jacobs "Lebenswelt" kann man ja auch jeden einzelnen Punkt weglassen, ohne daß dadurch der Fortgang seiner Argumentation unverständlicher wird. Vielmehr sollte man gar nicht versuchen, seine "Lebenswelt" im Kontext zu lesen, denn die von ihm präsentieren Theorien sind zueinander inkompatibel, widersprechen sich gegenseitig und stehen zueinander nur in dem einzigen Zusammenhang, nämlich daß Jacob sie als "Beweise" für die "Komplexität der Welt" in den Kram passen.
Jacob stört an den 'Ökonomiekapiteln' auch nicht die Folgenlosikeit, sondern daß es E/T um den Nachweis ging, wieweit das Leben der Insassen der Bundesrepublik dem Kapitalismus unterworfen ist. Deswegen kotzt Jacob sich über das 'ungenügende' ökonomische Wissen von E/T aus, weil diese nicht "begriffen" haben, daß Marxens Werk ein nicht auf die Realität übertragbares "Modell" wäre. Speziell regt ihn daran auf:
"Die Überzeugung, Marx habe alle gesellschaftlichen Phänomene auf einen Ursprung ... reduziert, zieht seit jeher die Denkfaulen an, die die Modellbildung (!) der Marxschen strukturalen Analyse mit Strukturdeterminismus und Substatialismus verwechseln. In den wirklichen Verhältnissen können sie daher nur die Fleischwerdung eines ewig gleichen Kapitalismus erkennen."
Zum einen ist diese Tour der Kritik keinesfalls originell, sondern genau die Sorte pluralistischen Dogmas mit denen an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg angehenden Gewerkschaftsfunktionären z. B. beigebracht wird, daß die Erwerbslosigkeit unbedingt auch als Sinnkrise der Betroffenen verstanden werden muß und nicht auf einen einseitigen ökonomischen Aspekt reduziert werden dürfe.
Zum anderen passen Eitelkeit und Redlichkeit bei einem postmodernen Jacob schon gar nicht zusammen. Seine Behauptung ist, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Ausbeutung und der Lebensweise ihres Menschenmaterials könne es nicht geben. Er will aber nicht sagen, an welcher Stelle E/T, die ja zum gegenteiligen Ergebnis gekommen sind, etwas falsches behauptet haben. Statt dessen behauptet Jacob, E/T hätten den Marx völlig falsch verstanden. Marx habe nämlich
"vor allem auch im Band 3 von das Kapital gezeigt, daß zwischen dem System objektiver Regelmäßigkeiten und dem System der direkt wahrnehmbaren Verhaltensformen eine strukturierte und strukturierende Vermittlung existiert" .
Daß Marx' "Vermittlung" gerade in dem Nachweis bestand, wie radikal die kapitalistische Produktionsweise die Gesellschaft ihrem Kriterium des (Mehr-)Werts unterwirft, diese ihm widersprechende Auffassung lügt Jacob weg, weil sie ihm nicht in den Kram paßt. Tatsächlich geht es beim Kapital nicht um "strukturierte und strukturierende Vermittlung", sondern um Erkenntnisse der ökonomischen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft mit eminent politischen Konsequenzen - die allerdings Jacob nicht passen. Marx habe nur gezeigt, daß
" eine strukturierte und strukturierende Vermittlung existiert, die von Bordieux als Habitus bezeichnet wird."
Den Kommunisten Marx, dem tatsächlich das Wort "Habitus" für die Kritik der politischen Ökonomie nicht eingefallen ist, hat Jacob somit in einen gescheiterten Vorläufer des Herr Professor Bordieux verwandelt. So liest uns Jacob, ganz auf der Höhe der Zeit, die Leviten: Man hätte das "von Ökonomisten verleugnete" (diese Schweine!) "Feld der symbolischen Macht" zu "analysieren" und stellt indigniert über E/T fest: "Problemlösung durch Komplizierung ist ihre Sache nicht" - ohne daß er sich bei diesem Vorwurf albern vorkommt.
Denn schon ist der Meister Jacob als Experte für symbolische Image-Mächte bei seiner Image-Analyse von Ebermann und Trampert:
"Andererseits strukturiert diese Substantialisierung, die bei einigen Leuten das Image einer "Prinzipienfestigkeit" hervorbringt, nicht wirklich ihr praktisches Handeln. Die Öffentlichkeit kennt sie doch als bewegliche Zeitgenossen"
Ganz wie den mobilen Günther.
"Trotz der im Buch vorherrschenden "unversöhnlichen Sprache" wird niemand den Autoren ernsthaft Dogmatismus vorwerfen" .
Sonst könnten sie ja auch nicht so erfolgreich sein, und seine Eitelkeit Jacob müßte sich nicht so grämen.
Nun muß er E/T nur noch überführen, daß es sich bei ihnen nur scheinbar um Dogmatiker, in Wirklichkeit aber um genau die gleiche Sorte eitler postmoderner Angeber wie Jacob selbst handelt:
"Um es deutlich zu sagen: Nicht daß E/T glamouröse Radikalsubjektivisten mit hohem Unterhaltungswert sind, ist das Problem" . (Zitate aus Spezial 7-9/96/18)
Daß es sich bei den beiden um Leute handelt, die eine politische Meinung haben, und es ihnen um deren Verbreitung geht, kommt eben seiner Eitelkeit nicht in den Sinn.
e. "Selbstverwirklichung als Flop"
Jacobs Leistungen haben inzwischen eine nicht ganz unverdiente Würdigung von Robert Schlosser (und auch von D. Dockerill erfahren). Nicht ganz unverdient deswegen, weil sie ihre gemeinsame Neigung, nämlich über den krisenphilosophischen Mist der Krisis-Gruppe endlose Widerlegungen zu produzieren, nun auf Jacob übertragen haben. (Als gäbe es nicht gehaltvolle Theorien zu kritisieren, beispielsweise welche aus Freiburg oder München!)
Aus ihren Schriften scheint das Urteil zu sprechen, daß Jacob's Abschied vom Proletariat theoretisch besser "fundiert" ist, als die entsprechenden Nürnberger Elaborate. An dieser Müllsortierung wollen wir uns nicht beteiligen, wohl aber zu einigen falschen Kritikpunkten an Jacob was sagen. Wir beschränken uns hier auf Robert Schlossers " Selbstverwirklichung als Flop"- ein schöner Titel der Erwartungen weckt, die allerdings in seinem Untertitel Fragmente einer Kritik an Günther Jacobs "Kapitalismus und Lebenswelt" leicht gedämpft werden. Den Untertitel hatte Robert Schlosser gewählt, weil er glaubt, daß seine "Kritik Stückwerk bleibt" (ebenda).
Denn Schlosser meint, wer Jacob "auf gleichem Niveau überallhin folgen will, muß selbst eine Arbeit vergleichbaren Umfangs schreiben" . Soweit wir die Schriften von Schlosser bereits zur Kenntnis genommen haben, würden bei ihm tatsächlich mehrere tausend Seiten nicht genügen, um eine derartige Menge an Inkonsequenzen, Widersprüchen, unlogischen Sprüngen, Schludrigkeiten und Verdrehungen hinzubekommen, wie Jacob. Sein Respekt vor Jacob und seiner Lebenswelt ist unangebracht.
An diesem Respekt liegt es auch, daß sein Wunsch eigene Gedanken in Jacobs Gemenge zu finden, eine genaue Lektüre des Textes verhindert hat.
Schlosser freut sich, weil seiner Meinung nach Jacob "sich um Rekonstruktion der Kritik der Politischen Ökonomie" bemüht. Wegen dieser vermeintlichen Bemühungen hatte Jacob seinerzeit auch bei uns erstmal einen Stein im Brett. Allerdings haben wir an dieser positiven Meinung aufgehört festzuhalten, als wir uns den Inhalt der Rekonstruktionsbemühungen ansahen. Denn Jacobs ganzes Interesse an der Kritik der Politischen Ökonomie besteht darin, ihr nachzuweisen, daß aus ihr keine Kapitalismuskritik, sondern eine in der Verherrlichung des postmodernen Individuums gipfelnde postmoderne Soziologie folgt. Statt nun Jacob diese Marxverdrehung um die Ohren zu hauen, macht Schlosser dazu einen Parallelansatz:
"Anders als Jacob, werde ich in meiner Kritik an seinem Ansatz zu zeigen versuchen, daß das persönliche Individuum als ein Moment im Klassenindividuum enthalten ist und nicht umgekehrt."
Damit kommt Schlosser allerdings in Schwierigkeiten. Denn das persönliche Individuum ist zwar Moment einer Klassengesellschaft, genauer Bürger eines Klassenstaates, aber als solcher nicht Moment einer bestimmten Klasse. Dagegen ist das lohnabhängige Klassenindividuum nicht nur eine bürgerlich-rechtliche Person, sondern hat gewisse Eigenarten, die sich aus der proletarischen Reproduktion, die seiner Individualität aufgezwungen sind, ergeben. Aber was Marx seinerzeit über das Verhältnis zwischen Bourgeois und Citoyen herausgefunden hat, braucht ja heute nicht mehr zu interessieren.
↑ oben
3. Das Elend der Antideutschen Ideologie
«Deutsche Volksgemeinschaft» als endgültige Diagnose enttäuschter Idealisten
(März bis Mai 1995)
3. 0. Vorbemerkung
Zweierlei sei zunächst vorausgeschickt:
- Erstens halten nichts von der Sorte Kritik, welche die kritisierte Theorie in Aussagen auseinander dividiert, die der KritikerIn in den Kram passen, und in welche, die sie nicht leiden kann. Dieses Verfahren nimmt nämlich nicht die kritisierten Theorie ernst, die für ihr Ergebnis beide Komponenten gleichermaßen benötigt. Die Resultate dieses Verfahrens laufen in der Regel darauf hinaus, daß die Kritisierten, unabhängig davon, worauf sie eigentlich hinauswollten, entweder für ihre " nützlichen "Gedanken in die Galerie anerkannter DenkerInnen aufgenommen, oder wegen ihrer "schädlichen" Textpassagen diskreditiert werden.
- Deswegen geht es uns zweitens nicht darum, allen Leuten, die sich der "neuen, antinationalen Bewegung in der Linken" zugehörig fühlen, das zu unterstellen, was unserer Meinung nach aus den von uns analysierten Texten folgt. Auch uns ist es recht,
- daß die Antideutschen die deutschen Großmachtambitionen vehement kritisieren und
- daß sie gegen die dafür notwendige, regierungsamtliche Geschichtsrevision polemisieren.
- Daß ihnen jegliche Sympathie für Bürger abgehen, die bei dem nationalen Projekt nicht nur am Wahltag mitmachen, stört uns genausowenig wie der antideutsche Traum eines auf die Anliegerstaaten aufgeteilten deutschen Staatsgebiets.
Allerdings halten wir nichts von der Logik, nach welcher der 'Feind unserer Feinde' automatisch unser Freund ist. Der Vorwurf des 'Spaltertums', der aus diesem Freund-Feind-Schema folgt, läßt uns kalt. Schon allein deswegen, weil aus der von uns kritisierte Theorie nichts anderes folgt, als Linke moralisch in die Rubriken "verbrecherisch" und "lernfähig" zu sortieren. (01)
Uns interessiert die innere Logik der antideutschen Theorien, also welche Argumente von Seiten der Antideutschen fallen, wenn sie sich über die Bundesrepublik auslassen. Uns interessiert, ob immanente Widersprüche deren Nachvollziehen vom Glauben des Lesers abhängig machen. Wir werden aufzeigen, ob etwas beschrieben wird, was mit der BRD'95 wenigstens oberflächliche Ähnlichkeiten aufweist. Und ferner wollen wir aus unserer Sicht die Frage beantworten, ob die antideutsche Theoriebildung etwas zur "Neuformierung einer nichtreformistischen, radikalen, antikapitalistischen, kommunistischen Linken beizutragen" (02) vermag.
Unsere Kritik ist ziemlich ausführlich geraten, damit bestimmte andere Teile der Restlinken darin auch vorkommen. Und zwar deswegen, weil gerade einige der eifrigsten "anti-antinationalen" Kritiker aus der Restlinken die fragwürdigsten Theoriebausteine der Antideutschen produziert haben. Unsere Kritik richtet sich insofern nur exemplarisch gegen die antideutsche Ideologie. Gegenstand unserer Kritik sind jene Anstrengungen, mit denen enttäuschte Restlinke gesellschaftliche Antagonismen theoretisch zum Verschwinden bringen, um an ihren blamierten Idealen festzuhalten.
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3. 1. Aus der klassenlosen Ellenbogengesellschaft der Ware-Geld-Monaden
Die Antideutschen trauen sich Urteile zu, in denen sie allen einzelnen Gesellschaftsmitgliedern gemeinsame, ganz wesentliche Eigenschaften zuschreiben. Anders als nationalistische Theoretiker verorten sie diese Wesensmerkmale jedoch nicht in einer gemeinsamen Biologie, Sprache oder (zumindest nicht primär) in einer gemeinsamen "Geschichte", sondern in der Ökonomie (03). Bemerkenswert ist ferner, daß ihre ganze Abhandlung von einer Problematisierung dieser Gleichheit beseelt ist:
"Der Kapitalismus setzt alle Individuen zunächst als gleiche, als bürgerliche Subjekte: Der Selbstverwertung des Werts haben sie unterschiedslos zu folgen. (04)" (alle Herv. von uns)
Bei näherem Hinsehen kommen hier bereits einige Zweifel auf. Daß alle bürgerlichen Individuen dem irgendwie dem Profitprinzip unterliegen, mag ja sein. Aber Unterschiede gibt es doch zumindest in der Art und Weise, wie die bürgerlichen Subjekte der Selbstverwertung zu folgen haben. Die Angehörigen der einen oder anderen Klasse sich können sich durchaus entscheiden, ob ihr privates Vermögen investiert wird, also der Selbstverwertung des Werts folgt, oder ob ihr Geld je nach Gusto für ihre persönliche Bedürfnisbefriedigung ausgeben wird. Im Gegensatz zu diesen Klassen, deren Eigentum im Prinzip der Kapitalakkumulation unterliegt, steht für Lohnabhängige der Zwang sich persönlich der Selbstverwertung des Werts zu unterwerfen, dabei lebenslängliche Lohnarbeit im Dienst an fremdem Reichtum zu verrichten und dabei die Gesundheit zu ruinieren. Für die Autoren machtes offenbar keinen Unterschied, ob für jemanden die Reproduktion seines Vermögens , oder seiner nackten Existenz dem Profitprinzip unterworfen ist.
Wohlgemerkt: die antideutschen Theoretiker wollen mit dem obenstehenden Zitat ein Urteil über das Subjekt im Kapitalismus schlechthin - impliziert also auch über die Verhältnisse im Trikont! - abgegeben haben. Es ist die Frage, ob die Antideutschen mit dem Wort "unterschiedslos" tatsächlich alle Unterschiede im privaten Reichtum der Subjekte - die tatsächlich an den zueinander im Gegensatz stehenden und voneinander abhängigen Einkommensquellen liegen! - platt mangeln wollen. Allerdings:
"Stets ist das bürgerliche Subjekt darauf aus, die eigene Arbeitskraft (05) teuer zu verscherbeln, die der anderen jedoch billig einzukaufen (4). "
Hier liegt unzweifelhaft eine ungewöhnlich dummdreiste Begriffsverwechslung von "das bürgerliche Subjekt" , "Kapitalist" und "Proletarier" vor. Das Subjekt soll angeblich einerseits darauf angewiesen sein, die "eigene Arbeitskraft teuer zu verscherbeln". Andererseits ist genau das gleiche Subjekt darauf aus, die Arbeitskraft "der anderen jedoch billig einzukaufen" ?! Hier wurde ein Gespenst konstruiert, bei dem es sich um einen Produktionsmittelbesitzer und gleichzeitig einen Besitzlosen - in einer Person! - handelt. Die Existenz von gesellschaftlichen Klassen wird theoretisch aufgehoben, indem diese in das Innere des Subjekts hineinpsychologisiert werden. Nach der Konstruktion dieser unmöglichen Figur müßten sich die antideutschen Theoretiker eigentlich beruhigt in den Sessel zurücklehnen, da sie soeben entdeckt haben, daß der Kapitalismus, zumindest in ihrer Welt, die klassenlose Gesellschaft herbringt. Es herrscht eine absolute Gleichheit. Jeder ist scharf drauf, den anderen reinzulegen,
"den Konkurentlnnen auf dem Markt das Sonderangebot wegzuschnappen und das Finanzamt zu bescheißen" (4). Reproduzieren "können sich diese Individuen" , jene erstaunlichen Doppelwesen aus Produktionsmittelbesitzern und -nichtbesitzern, "ergo nur warenförmig, über den Wert, der so Gesellschaftlichkeit produziert - eine Gesellschaft allerdings, deren Mitglieder notwendig asozial sind."(4)
Nicht die Armut zwingt sie, sich um den miesen Massenramsch auf dem Grabbeltisch zu drängeln. Kein Interessensgegensatz zwischen Staat und Steuerzahler veranlaßt zur riskanten Steuerhinterziehung, sondern pure Konkurrenzgeilheit. Die antideutsch konstruierten Subjekte, die nichts anderes im Kopf haben, als sich gegenseitig zu bescheißen, gehen eben ihren Tätigkeiten nach, kaufen - je nachdem wie sie gerade drauf sind - billig Arbeitskraft ein, oder verdingen sich selber für teures Geld. In der Logik des antideutschen Konstrukts würde sich daraus allerdings kein Problem ergeben.
Problematisch wird die ganze Angelegenheit erst dadurch, daß die Autoren einen falschen Gegensatz aufgewärmen, nämlich dem zwischen Konkurrenz ( "asozial" ) und "Gesellschaftlichkeit", womit sie nichts anderes zum Ausdruck gebracht haben, als daß sie Gesellschaftlichkeit mit einem Miteinander verwechseln.
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3. 2. Ein Repressionsapparat zur Sicherung der persönlichen Existenz
Eben noch hat ein merkwürdiges Subjekt, daß mit der von Marx kritisierten Produktionsweise nur den Namen gemeinsam hat", alle Individuen zunächst als gleiche, als bürgerliche Subjekte" gesetzt, (06) geschieht etwas verblüffendes: Jene Subjekte sind plötzlich aus unerfindlichen Gründen darauf
"angewiesen, abstrakte Gleichheit in konkrete Ungleichheit zu verwandeln" (4).
Was folgt logisch für die gespenstischen Doppelwesen daraus? Nichts. Schließlich handelt es sich ja nicht um jene Sorte Liebhaber "abstrakter" Gleichheit (07), die sich in der real existierenden Welt in der Politszene tummelt. Die nächste Überraschung folgt jedoch sogleich: blitzartig transzendieren die antideutschen TheoretikerInnen aus ihrem außermarxistischen Universum (08) wieder in unsere Galaxis zurück:
"Die blinde Eigennützigkeit führt jedoch schnell in den Ruin; die moderne Ware-Geld-Monade weiß dies aktuell aus der Ökologie-Debatte. Der Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts wäre schnell zugrunde gegangen am Mangel an Arbeitskräften, hätte nicht der Staat dem Vernutzen der Kinder in den englischen Bergwerken, die starben, bevor sie Nachkommen zeugen konnten ein Ende gesetzt." (4)
Bleiben wir zunächst in der real existierenden, kapitalistischen Welt. Das Kapitalverhältnis mit dem moralischen Vorwurf der "blinden Eigennützigkeit" zu kritisieren ist eine Tour, die nicht zufällig auch der mieseste Faschist beherrscht. Diesem ist nämlich durchaus bewußt, daß die proletarische Unterordnung in die staatliche und Betriebshierarchie eher Moral erfordert, als Egoismus. Wer " blinde Eigennützigkeit" kritisiert, fordert diese Moral.
Übrigens: wessen "blinde Eigennützigkeit führt" in wessen Ruin? Die Antideutschen bemühen zwei Beispiele, wo die staatlich geförderte "blinde Eigennützigkeit" der Kapitalistenklasse massenweise Proleten ruiniert hat (09) . Diese Ruinierung wurde im Fall der Kinderarbeit zwar in England seinerzeit unterbunden. Sie floriert allerdings bis heute in anderen Weltgegenden munter weiter. Das veranlaßt heutzutage die verantwortlichen Staaten keineswegs dazu dieser kapitalistischen Scheußlichkeit ein Ende zu setzen, genausowenig, wie der bundesdeutsche "Energiekonsens" irgend etwas damit zu tun hat, die mit seinen AKW's produzierten Leukämie-Toten zu minimieren. So etwas nennt sich Standortpolitik. Sie ist nicht "blind": der Ruin ihrer Opfer ist von ausgebildeten Fachleuten kalkuliert und staatlich beaufsichtigt. Daß sie die oben genannte Moral von ihren Opfern einfordert, werden linke Moralfanatiker allerdings nie für kritikabel halten...
Kehren wir wieder in die Phantasiewelt der Antideutschen zurück. Dort sind die klassenlosen Ware-Geld-Monaden aus unerfindlichen Gründen dazu gezwungen worden, abstrakte Gleichheit in konkrete Ungleichheit zu verwandeln . Inzwischen ist auch im außermarxistischen Universum ein Staat aufgetaucht, der vermutlich aus dem Nichts materialisiert ist. Wie stehen die Monaden zu ihm?
"Zur Institution Staat muß das staatsbürgerliche Subjekt (...) eine Haßliebe entwickeln, sichert jener doch - schon allein in der Herstellung von Rechtssicherheit - seine persönliche Existenz , jedoch nur um den Preis des Zurückstellens unmittelbarer persönlicher Bedürfnisse." (04, 10)
Wagen wir an dieser Stelle einmal eine - gegenüber den antideutschen Theoretikern ganz gehässige Annahme: Wir gehen einmal davon aus, daß dem letzen Zitat ein Urteil über die real existierenden kapitalistischen Staaten und ihren Umgang mit der Bevölkerung abgegeben werden sollte. Es wäre ein, selbst von Figuren wie Lambsdorff nicht zu überbietender Zynismus:
"Zurückstellen unmittelbarer persönlicher Bedürfnisse"?? So wie man beim Sparen freiwillig auf etwas unmittelbaren Konsum verzichtet, um hinterher etwas mehr zu haben? Und dafür sichert der Staat dem staatsbürgerlichen Subjekt seine persönliche Existenz ? Klar, die persönlichen Bedürfnisse hat das proletarische Subjekt zurückzustellen. Darin sind insbesondere die obdachlosen Anteile des Proletariats sehr erfahren. Spätestens nach seinem Ableben kommt der Untertan im Paradies voll auf seine Kosten - ein Zeitpunkt der je nach geographischem Breitengrad und Beruf durch das lebenslängliche Zurückstellen seiner elementaren Grundbedürfnisse mehr oder weniger deutlich vorverlegt wird. Eins ist jedoch bombensicher: Solange er noch am Leben ist, gewährt ihm jene Instanz, von der auch ein Christoph Türcke weiß, daß es sich um eine Versorgungsanstalt handelt, hundertprozentig seine Rechtssicherheit . Und sei es dadurch, daß der Staat bei Bedarf an ihm die Todesstrafe vollstreckt. (11)
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3. 3. Warum die Monaden Trost im Glauben an die Nation suchen
Inzwischen hat sich auch im antideutschen Paralleluniversum, wie immer aus unerfindlichen Gründen, etwas ergeben, was wieder entfernt an den Planeten Erde erinnert:
" Das staatsbürgerliche Subjekt ist somit gespalten; der bourgeois, dem das eigene, und der Citoyen, dem das allgemeine Wohl am Herzen liegt, bekämpfen sich beständig in einer Person. Erträglich macht die Spaltung (12) und die Erfahrung unmittelbarer Repression..." (4)
Jetzt haben die Autoren selber zugegeben, daß es sich bei dem Staat nicht um ein Dienstleistungsunternehmen zu Existenzsicherung handeln kann . Woher käme sonst diese Repression, welche die Monade am eignen Leib erfährt? Wäre bis hierher das theoretische Konstrukt einigermaßen konsequent durchgehalten worden, wäre überhaupt nicht einzusehen, wozu eine klassenlose Tauschgesellschaft, ergänzt durch eine staatliche Versorgungsanstalt, noch irgendeiner "erträglich machenden" Ideologie bedürfte. Doch es kommt noch herber:
"Erträglich macht die Spaltung und die Erfahrung unmittelbarer Repression am eigenen Leibe jedoch nicht Rationalität und Weitsicht, sondern ein Drittes, das - im Unterschied zum historisch älteren Staat - genuine Produkt kapitalistischer Verhältnisse, die Idee der Nation. Nicht nur vor dem Geld, sondern auch vor dem Recht mögen alle abstrakt gleich sein, doch als Staatsgewalt stellt es, im Interesse der Allgemeinheit, stets wieder konkrete Ungleichheit her. Vor der Nation hingegen sind alle konkret gleich, eben weil sie nur abstrakt existiert. (4)"
Es gibt eine Art dialektischer Methode, mit der offensichtlicher Blödsinn - vor der Nation sind alle konkret (8) (!) gleich (worin?) , eben weil (??) sie abstrakt (!) existiert - dadurch als geniale Erkenntnis verkauft wird, daß der logische Widerspruch (der dem eigenen Unvermögen zur Formulierung eines halbwegs plausiblen Zusammenhangs geschuldet ist) offensiv formuliert wird.
Diese Methode wurde schon anno dazumal in Frankfurt bis zur maximalen Unverständlichkeit der dort produzierten Texte getrieben. Eine vermutlich Nürnberger Erfindung ist es, den Schwachsinn so zu formulieren, daß offengelassen wird, ob der schlaue Theoretiker oder das dumme Subjekt sich die Welt so absurd zurechtlegt. Natürlich tut man dann im weiteren so, als hätte man soeben etwas ganz grundsätzliches klipp und klar bewiesen, woraus sich dann alles Weitere ableitet.
Warum, zum Teufel kommen die Monaden nicht auf den lieben Gott, oder auf sonstwas? Vor jeder beliebigen Spinnerei wären sie nach antideutscher Logik "konkretgleich", wenn sie nur abstrakt genug ist. Gottgleiche Fähigkeiten hat die (nach Antideutscher Logik pure) Einbildung (13) jedenfalls:
"Sie heilt alle Widersprüche: z. B. die zwischen denen, die nicht arbeiten brauchen, und denen, die's gern würden, aber nicht gebraucht werden; die zwischen den Männern, denen der Staat, und den Frauen, denen der Haushalt gehört; den zwischen dem Anspruch ans bürgerliche Subjekt, das ganz persönliche Glück verfolgen zu müssen, und dem Wissen, im modernen Produktionsprozeß schon längst persönlich überflüssig oder austauschbar geworden zu sein. (4)" Amen.
Wie der für Lohnabhängige weltweit ruinöse Klassengegensatz durch den Glauben an die Nation oder an den lieben Gott geheilt werden kann, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber antideutsche Theoretiker entdecken gesellschaftliche Widersprüche vorzugsweise dort, wo sie in der bürgerlichen Öffentlichkeit angeprangert werden (weil sie nämlich selber radikale Verfechter des dort angelegten Maßstabs der Gerechtigkeit sind). Die Grundmelodie ist dabei immer, innerproletarische Unterschiede zu Klassengegensätzen aufzublasen. Hier sind sie erstens bei dem von Heiner Geisler erfundenen Klassengegensatz zwischen reichen Arbeitsplatzbesitzern, und den an Unterbeschäftigung leidenden Menschen fündig geworden. Daß "den (!) Männern" der (!) Staat gehört wissen sie vermutlich von der Christlich Demokratischen Frauenvereinigung. Wohlgemerkt: behauptet wird der ganze Schmonz als Prinzip des Kapitalismus, (impliziert) weltweit!
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3. 4. Wie die Nation die Monaden um ihre Gleichheit betrügt, und wodurch die Antideutschen dem Schwindel auf die Spur gekommen sind
Das Halleluja auf die Nation geht noch weiter:
"Die Nation ist das Ganze, das Einheitliche, die große Familie oder in Deutschland gleich der Mutterschoß, in dem sich jedeR einzelne geborgen fühlen darf. Der reale Staat muß sich stets bemühen, dem Fetisch jener Nation, in deren Namen er existiert, sich anzugleichen ohne je eins mit ihr werden zu können; dann flöge, was alle wissen und doch nicht wissen dürfen, der ganze Schwindel nämlich auf. (4)"
Erstens: Bitteschön, welcher Schwindel? Soeben hatten und die antideutschen Theoretiker mitgeteilt, daß Nation so etwas ähnliches wie der christliche Glaube ist. Wenn Menschen so etwas glauben wollen, dann ist das ihre Leistung, und kein Schwindel. Zweitens: Was hat nach der antideutschen Logik der Staat überhaupt mit der Nation zu schaffen?
Der reale Staat "bemüht" sich überhaupt nicht, dem Gleichheits-Fetisch jener Nation sich anzugleichen. Vielmehr agitieren staatliche Repräsentanten ganz offensiv - sogar im Wahlkampf!- gegen die "Anspruchshaltung" ihrer Bürger, die "viel zu wenig danach fragen, was sie für die Allgemeinheit tun können". Gehetzt wird gegen "sozialistische Gleichmacherei". Gegen diesen "Sozialneid" verteidigte z. B. ein Scharping im Wahlkampf "überdurchschnittlichen" Einkommen der "Leistungsträger" der Wirtschaft.
Die antideutschen Theoretiker glauben tatsächlich, daß der ganze Schwindel aufflöge , wenn die politische Herrschaft nicht dauernd dem Gleichheitsfetisch hinterherlaufen würde.
Dieser Irrtum ist die Tradition der moralischen Linken:
Nach dem Abschied von der Hoffnung auf eine unmittelbar bevorstehende proletarische Revolution hatten sich Linke (z.B. der KB) an der Unterstützung der Frauen-, später der AKW-, Schwulen-, der Studenten- und Friedensbewegung abgearbeitet. Als Antifaschisten entdeckten sie in jeder Minderheitenunterdrückung eine Bedrohung der Demokratie. Dieser "Bewegungspolitik" machte der Anschluß der ehem. DDR ein Ende.
Während z. B. beim KB die (knappe) Mehrheit dieses Vereins die Ostdeutschen als neue Opfer undemokratischer Tendenzen entdeckte, deren Unterstützung ein Pöstchen in einer finanzkräftigen, parlamentarischen Partei einbrachte, zog die Minderheit eine andere Konsequenz aus dem Anschluß.
Mit den neuen Maßstäben der deutschen Politik ging nämlich auch die Grundlage ihrer (ohnehin irrelevanten) Funktion als linke Gerechtigkeitsapostel der Demokratie flöten. Ihre Integrationsbemühungen gegenüber skandalös unterbrachten Knast- und Altersheiminsassen, diskriminierten Kindern, Punks, Behinderten, Homosexuellen und Frauen, standesbewußten Arbeitern, radikalen Ökologen, staatenlosen Drittweltnationalisten etc. pp. zielten darauf ab, eine wirkliche Volksgemeinschaft zu erkämpfen (was bekanntlich erst in einem wahrhaft demokratischen Staat mit leninistischen Einschlag gelingen kann).
Die von der Bundesregierung erklärtermaßen angestrebte Einheit erfuhr nach Erledigung des Warschauer Pakts staatlicherseits einige Neudefinitionen. Mit dem obsolet-werden des Antikommunismus als oberste Staatsreligion wurde die Westbindung (i. e. Mitgliedschaft in der NATO, die wohl auch für den KB so etwas wie eine westliche Wertegemeinschaft gewesen sein muß) neu an deutschen Interessen gemessen.
Mit dem Anschluß einiger Millionen für unbrauchbar befundenen Ostzonenproleten wurde verkündet, die sich im Lande befindlichen Volksmassen ganz radikal in brauchbare und unbrauchbare zu sortieren (woraus einige regierte Nationalisten den Schluß zogen, zur Vertreibung möglichst aller Ausländer durch eigene Mordbrennerei beizutragen). Damit war etwas von oben verkündet und von unten akzeptiert (z.B. in Form von Lichterketten), das eine Fortsetzung der ohnehin bescheidenen Bewegungspolitik als nicht mehr durchführbar erschienen ließ.
Bei der darauf einsetzenden Diskussion, woran man eigentlich gescheitert war, wurden die Moralisten selbstverständlich bei der Unmoral der Menschen fündig...
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3. 5. Der restlinke Lieblingspopanz: Monade, Untergattung Metropolenschwein
Nie war für Gleichheitslinke die absolute Schädigung, die Lohnabhängige im Kapitalismus erfahren, ein Argument gegen diese Produktionsweise. Schaden wurde immer nur als relative Ungleichheit definiert. Plötzlich brüstete sich ein Heiner Möller mit der Entdeckung, daß es hierzulande um lauter "Privilegierte" handelt, sie also als revolutionäres Subjekt überhaupt nicht in Frage kommen. Das liest sich neuerdings so:
"Die Durchsetzung und Sicherung sozialer Interessen und Besitzstände innerhalb der kapitalistischen Metropolenordnung beinhaltete immer auch Teilhabe an den durch die weltweite imperialistische Ausbeutung erzielten Profiten. Ein Großteil der MetropolenbewohnerInnen erfährt tagtäglich, daß sie auch als ausgebeutete Klasse sozial von dieser Ordnung noch einen Nutzen zieht. (14) "
Da "diese Ordnung" eben den Zwang zur Lohnabhängigkeit inc. Ausbeutung nach sich zieht, kann die "ausgebeutete Klasse sozial von dieser Ordnung" kaum einen Nutzen ziehen, weil eben jene Ordnung ihren Schaden garantiert. Weil die Antideutschen aber den Nutzen eben dadurch realisiert sehen, daß es in anderen Regionen den Ausgebeuteten noch schlechter geht, verwandeln sie die regierungsoffizielle Darstellung - "die Marktwirtschaft nützt uns allen" - in eine unwiderlegbare tagtägliche Erfahrung und damit in eine feststehende Tatsache.
Ökonomisch ist das auch und gerade im Bezug zum Trikont blanker Unsinn. Die Ausbeutung in den Metropolen funktioniert derartig gut, daß damit weltweit der Export dominiert wird. Weiter: Wozu zahlt das Kapital überhaupt in den G7-Staaten die ganzen Arbeitslöhne, wenn das ein Zuschußgeschäft ist, und sich nur aus der Ausbeutung der 3. Welt rechnet?
Betrachtet allerdings ein Gleichheitsfan die Welt, dann stellt er bereits dann die Diagnose des Profitierens der Ausbeutung der 3. Welt, wenn es hier irgendwelchen armen Schluckern besser als den Angehörigen der gleichen Klasse im Trikont geht:
"Es kommt hinzu, daß hierzulande Deutschsein ein Privileg ist" , wieder die Brille des Gleichheitsfanatikers" , das die ärmste deutsche Sau vom Nichtdeutschen unterscheidet . (12)"
Worum sich insbesondere Obdachlose einen feuchten Kehricht scheren können.
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3. 6. Von der imaginierten Nation (15) zur zivilisationsbedrohenden Volksgemeinschaft
Wurde bisher dem Metropolenmenschen als eine fiese Parasiten charakterisiert, mit denen Antirassismus nicht zu machen ist, weil er "ihrem warenförmigen Interesse nicht entspricht", schreiten die Antideutschen nun zur Analyse der spezifisch deutschen Verhältnisse. Als moderne Menschen wissen sie, daß es kein "Germanen - Gen" gibt (16). Moderner Rassismus leitet vielmehr den jeweiligen Volkscharakter aus der Geschichte ab: Kulturalismus. In der antideutschen story taucht ein Herr namens Napoleon auf, der damals die dem deutschen Volkscharakter so fremde, tolle moderne Rechtlichkeit einführte. Was ihm die Deutschen bisher wohl nie verzeihen konnten, denn: "Am Kapitalismus haßten sie nur das, was ihn vom Raubmord unterschied . (17) " Im weiteren Verlauf der antideutschen Geschichtsschreibung taucht ein entgegengesetzter, ebenfalls kulturalistisch konstruierter Volkscharakter auf, und zwar Menschen, "denen tatsächlich nur die Abstraktion zum Wertsubjekt, die der Kapitalismus an ihnen vollzog, ihr Überleben hatte geschichtlich sichern können ." Klar, daß die Liebhaber des Raubmordes in den abstrakten "Wertsubjekten" - die Antideutschen meinen damit diejenigen, die von staatlichen Institutionen aufgrund ihrer Abstammungsurkunden zu Juden erklärt wurden! - ihre Opfer fanden:
"In Auschwitz wurden sie ihrem Wahnbild gleichgemacht - zu Untermenschen entmenschlicht und zu Rauch verflüchtigt. Die ökonomische Unvernunft dieser Aktion war Programm."
Nach der Konstruktion von zwei Volkscharakteren - gut und böse - ist ihnen eine Verklärung des Nationalsozialismus gelungen, in welcher der Staat, für die Antideutschen sowieso der vernünftige Widerpart zum blind konkurrenzgeilen Pöbel, überhaupt nicht mehr auftaucht. Vielmehr ist der NS-Staat in eine antikapitalistische, weil ökonomisch unvernünftige, Aktion des Pöbels umgedichtet worden. Bei dem das durch Auschwitz entstehenden Produkt handelt es sich, nach antideutscher Logik, um eine reale, bis heute existierende Volksgemeinschaft, ganz als ob das staatlich organisierte Abschlachten einiger Millionen zu Volksschädlingen erklärter Menschen die kapitalistische Konkurrenz außer Kraft gesetzt und durch das Nazi-Ideal des selbstlosen Miteinanders abgelöst hätte. Zu dieser Denkleistung, die kapitalistische Konkurrenz als eine Symbiose umzudichten, verhilft den Antideutschen ihre moralische, selektive Brille, die alles eben an den Maßstäben ihrer Gerechtigkeit mißt:
"Im gemeinsam begangenen, bis heute weder gesühnten noch - außer der revolutionären Aufhebung Deutschlands - sühnbaren nationalsozialistischen Völkermord verschmolzen sie zur Volksgemeinschaft, die dann nach 1945 zum Motor des "Modell Deutschland" wurde."
Die gleichen Theoretiker, welche die staatliche Zwangsgemeinschaft Nation (von lat. natio, Volk) als HaluziNation, als Hirngespinst verharmlosen, erklären das faschistische Ideal der Nation, die Volksgemeinschaft für durchgesetzte, bis heute existierende Realität:
"Die Symbiose aus Kapital und Arbeit, die sich gegenseitig als Fleisch vom Fleische anerkennen, funktionierte, ob im Wirtschaftswunder oder im Modell Deutschland als Akkumulationsmotor und Standortvorteil. . ." (18).
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3. 7. Freedom and Democracy gegen die Krauts verteidigen
In altlinker Tradition haben sie sich mit ihrem Konstrukt einer barbarischen, zu Kapitalismus und Demokratie unfähigen Deutschen Volksseele zu einem moralischen Standpunkt vorangearbeitet, der jede Kritik an Staat und Kapital als geradezu verbrecherische Ablenkung vom gerade entdeckten Menschheitsproblem erscheinen läßt. In den Atomkriegsplanungen der alten BRD entdeckten die antideutschen Theoretiker nie und nimmer eine Kontinuität der bereits von Hitler in Angriff genommen Endlösung der Kommunistenfrage. Vielmehr finden sie die BRD mit ihrem stets kriegsbereiten Antikommunismus als vergleichsweise harmlos:
"Wenn die Außenpolitik der Alt-BRD" - die Vorbereitung atomarer Massenvernichtung ! - " im Vergleich zur jetzigen als geradezu gebändigt erscheint, dann deshalb, weil die äußeren Rahmenbedingungen eine andere Politik nicht zugelassen hatten." (19)
Die Rede ist von der alliierten Kontrolle, die damals einen Einfluß des deutschen Pöbels auf die Regierungspolitik dankenswerterweise verhindert hatte. Logischerweise sind die Antideutschen nunmehr verbittert, daß die Westmächte, jene Bollwerke humanitärer Vernunft, auf eine weitere Kontrolle des "German Problem" verzichten. Das veranlaßt Antideutsche schon mal zum Vorwurf des Verrats, der "Kollaboration" an die NATO Staaten. Jede andere KritikerIn des westliche Imperialismus hat sich dagegen mit der antideutschen Entlarvung, aus ihr spräche jener verbrecherischer Volkscharakter, abzufinden:
"Entscheidend ist, daß (...) die Linke nicht als Gegner, sondern als Bestandteil der deutschen Volksgemeinschaft agiert und immer noch dabei ist, die Kritik, die Deutschland verdient hätte, auf die Europäische Union, die NATO oder die USA umzulenken." (20)
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3. 8. Antitotalitäre Fahnder nach verbrecherischen Massen-Linken
Nunmehr sind wir beim Hauptbetätigungsfeld der Antideutschen angelangt. Durch das Versagen der zu humanitären Bollwerken umgedichteten Nato-Verbündeten ist nämlich für die Linke eine ganz neue Situation in Deutschland entstanden:
" Wenn nun das letzte Hemmnis des kollektiven Hasses, die alliierte Besetzung wegfällt, die Landsleute andererseits aber beweisen, daß sie mit nichts, was sie doch angeblich wollten (...) zufrieden sein können, wenn schließlich den VolksgenossInnen vor Augen geführt wird, daß ökonomisch sie nicht mehr benötigt werden,..." (21)
dann ist bei dieser Volksgemeinschaft geistesgestörter Raubmörder natürlich nicht die Empfehlung angebracht, es doch einmal mit einer Produktionsweise zu versuchen, welche die Befriedigung individueller Bedürfnisse zum Zweck hat. Ganz verkehrt wäre der Hinweis, daß es nur für diejenigen, die proletarischer Armut unterworfen sind, ein Unglück bedeutet, wenn "sie ökonomisch nicht mehr benötigt werden". Gegenüber dem lebensgefährlichen deutschen Monstrum gilt vielmehr die Devise, den ganzen hiesigen Kapitalismus- siehe oben! - möglichst schönzureden und gefälligst alles zu unterlassen, was weitere Unzufriedenheit wecken könnte. Da aus den im letzen Zitat genannten Gründen
" zu erwarten also sein wird, daß sie ihre Nützlichkeit für die Politik nur um so aggressiver, da jeder realen Grundlage entbehrend, unter Beweis zu stellen versuchen werden, läßt sich keine Massenorientierung mehr herstellen, die nicht verbrecherisch wäre. " (21)
Als Tempelritter linker Gesinnungskontrolle hegen sie nicht nur den generellen, gegenüber Kommunisten auch berechtigten Verdacht, daß diese ihr moralisierendes, elitäres Weltbild nicht teilen. Sie unterstellen denjenigen, die die Massen mit der Ansicht konfrontieren, als BRD-ProletarierIn hätte man einige materielle Gründe, sich gegen Staat und Kapital aufzulehnen, nicht nur eine Parteinahme für die deutsche Rassistensau, sondern erklären Systemkritik schlicht für " verbrecherisch". Antinationalistisch sind die Antideutschen nicht etwa, weil sie eingesehen haben, daß ohne Kritik am Nationalismus keine Systemkritik geht, sondern aus ganz anderen Gründen.
- Die ehemaligen kritischen Liebhaber von Friedensbewegung und DGB haben erstens von Hannah Ahrend zwischen dem harmlosen westlichen und dem gefährlichen völkischen Nationalismus unterscheiden gelernt.
- Zweitens können sie sich nun ganz radikal auf einen demokratisch akzeptierten Standpunkt, die pro-NATO-Postion, berufen, die auch einen Patrioten wie Heiner Geisler zu Warnungen vor dem Nationalismus veranlaßt. (Ganz vom Opportunismus könne diese Leute wohl nie lassen!)
- Antinationalisten sind sie vor allem drittens, weil sie jetzt in dem miesen deutschen Pöbel (natio = Volk!) - dem sie die besten Jahre ihres Lebens geopfert haben - den neuen Hauptfeind entdeckt haben.
Ob schließlich die Antideutsche Theoriebildung etwas zur
" Neuformierung einer nichtreformistischen, radikalen, antikapitalistischen, kommunistischen Linken beizutragen" (2)
vermag, dürfte somit geklärt sein.
Ansonsten befriedigt die antideutsche Ideologie zumindest noch zweierlei Bedürfnisse. Der mehr oder weniger enttäuschte, inzwischen etablierte Linke erfährt als Konsument von Bahamas, 17°C und den entsprechenden Artikeln in jW und Konkret, daß seine hehren Ideale seinerzeit am miesen deutschen Volkscharakter gescheitert sind.
Die europäisch/atlantische Fraktion der regierenden Elite bietet ihnen auch im antideutschen Sinne ein kleineres Übel bei der nächsten Wahl - und angesichts des miesen deutschen Volkscharakters ist hierzulande sowieso keine positive Veränderung möglich. Und besonders durchgedrehte Moralisten aus dem autonomen Spektrum verfügen nun auch über ein kulturalistisch-rassistisches Feindbild gegenüber dem Normalo, dessen Lebensstil sie nicht teilen wollen. Vielleicht können die 'Proletarier aller Länder', die an deutschen Fließbändern den Profit mehren, von den Antideutschen lernen, daß ihre miese Lage nicht am hiesigen Gesellschaftssystem, sondern am deutschen Volkscharakter liegt.
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4. Anmerkungen
4.1. Nachträgliches zu Jacob
[f1]Nebenbei gesagt ist der relative Mehrwert genauso wenig wie Geld oder Zins eine «logische Kategorie», sondern ein ökonomischer Begriff. Er charakterisiert, wie die Zunahme der Produktivkraft der Arbeit den Mehrwert dadurch erhöht, dass der Wert der Ware Arbeitskraft gesenkt wird, indem der Wert der für ihre Reproduktion nötigen Lebensmittel fällt.
Marx erläutert auf hunderten von Seiten, wie der relative Mehrwert aus der «Zwecksetzung» der Kapitalisten, die Rentabilität der eingekauften Ware Arbeitskraft zu steigern, sie also als Quelle des Mehrwerts zu benutzen, zustande kommt. Dass es dem einzelnen Unternehmer dabei nur um seinen Extragewinn, um seinen technologischen Vorsprung vor der Konkurrenz geht, tut nichts zur Sache. Entscheidend ist die fürs Kapital höchst erfreuliche und notwendige "Nebenwirkung" durch die einzelnen Rationalisierungen in den Industriezweigen, deren Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen, also entweder dem Umkreis der gewohnheitsmäßigen Lebensmittel angehören oder sie ersetzen können (vgl. MEW 23, S. 331).
Überhaupt ist es von Jacob eine Unverfrorenheit zu behaupten, dass in der Kritik der politischen Ökonomie die «Zwecksetzung» der Akteure nicht vorkäme. Tatsächlich hat Marx ja im Detail nachgewiesen, wie die «Zwecksetzungen» der Leute mit den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft zusammenhängen.
- Einmal basieren die verfolgten Ziele der Leute auf den sogenannten "Gegebenheiten", hinter denen tatsächlich ökonomische Gesetzmäßigkeiten stecken, die vom Willen der Akteure unabhängig sind. Bei der Vermarktung der Arbeitsprodukte müssen beispielsweise die «allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Maß reduziert werden, weil sich in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen ihrer Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit» wie ein "regelndes Naturgesetz" «gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt». (MEW 23, S.89)
Anders gesagt, geht das Wertgesetz ungefähr so in die «Zwecksetzung» der Leute ein, wie Naturgesetze: man unterliegt ihnen, ob man sie kennt, zur Kenntnis nehmen will oder nicht.
- Zudem ist es gerade die von Jacob beschworene «Zwecksetzung» der Leute, die den ganzen Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise erst Geltung verschaffen. Dass und warum sich die ökonomischen Gesetze hinter dem Rücken (vgl. MEW 23 S.59,121,221,385,632) der Akteure durchsetzen, ist ausdrücklich Gegenstand von Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie. Schon indem die Leute akzeptieren, dass die gesellschaftliche Produktion in Form von Privatarbeiten stattfindet und die Leute danach handeln, oder indem Lohnabhängige ihre unvermeidlichen Schwierigkeiten als Privatproblem behandeln, also miteinander konkurrieren, führt derartiges "Verhalten" der einzelnen Individuen zu oft gar nicht beabsichtigten gesellschaftlichen Ergebnissen, etwa so, wie Autofahrer regelmäßig Staus produzieren, obwohl sie doch alle nur zügig ihr Fahrziel erreichen wollen.
4. 2. Das Elend der antideutschen Ideologie
(01) Diese Sortierung ist leider nicht nur eine theoretische Konsequenz des antideutschen Weltbildes. Als namentliche Diffamierung linker Gruppierungen (als "auf Seite der Täter des NS und ihrer defacto unangefochtenen Massenbasis") wird dieses Verfahren in den Bahamas (Nr. 16, S. 6-8) bereits praktiziert. [Zitate aus den "Bahamas" sind inzwischen beliebte "Beweise" in den offiziellen Berichten des VS über Linke - auch darin unterscheidet sie nichts vom "Arbeiterkampf". ]
(02) Selbstverständnis der Gruppe K, [damals] in jeder Ausgabe der Bahamas auf S. 4 links abgedruckt.
(03) Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß unsere Kritik bereits an diesem Punkt beginnt. Die Antideutschen verdrehen mit ihrem Ausgangspunkt genauso Ursache und Wirkung, wie die Apologeten der modernen Nation: eine nicht a priori relevante, sondern erst durch staatliche Gewalt praktisch geltend gemachte Gemeinsamkeit (egal ob sprachliche, genetische, kulturelle Gleichheit oder Gleichheit als Warenbesitzer) der verschiedenen Klassenangehörigen wird zum Grund umgedichtet, der Staat und Nation nach sich zieht.
(04) "Kein Frieden mit Deutschland. Gegen die Kollaboration mit der Nation. " Aufruf für ein "Antinationales Wochenende". Unterzeichner u. a. : Gruppe K / Redaktion Bahamas, 17°C. Die im folgenden kritisierten Zitate stammen aus dem Kasten "Subjekt und Nationalsozialismus", S. 8-9.
(05) Übrigens kaufen deutsche ProletInnen nicht die Arbeitskraft von LandarbeiterInnen des Trikont billig ein, wenn sie sich bei ALDI für ihren Kaffee nur ein paar Mark bezahlen. Die Lohnhöhe im Trikont würde sich nämlich genauso wenig durch gestiegene Kaffeepreise erhöhen, wie die hierzulande sinkenden Löhne irgendein Industrieprodukt im Trikont verbilligen würde. Der letzte Fall steigert übrigens nichts als die Konkurrenzfähigkeit der hier ansässigen Kapitale und mehrt indirekt die Zahl der Trikont-BewohnerInnen, die zum Sterben verurteilt sind, weil sie dem Wertgesetz unterworfen wurden, ohne eine profitable Verwendung für ihre brachliegende Arbeitskraft finden zu können.
(06) Zu dieser Leistung ist eine auf Klassen beruhende Produktionsweise überhaupt nicht fähig. Diese Leistung erbringt ihre politische Gewalt, der bürgerliche Staat.
(07) «Auch im Begriff der Gleichheit liegt ein Herrschaftscharakter... Was sollte denn 'konkrete Gleichheit' sein? Blaue Unterhosen für alle?« bemerkt selbst Robert Kurz (Krisis 14, S.19), wenn er in das Frühstadium seiner theoretischen Entwicklung zurückfällt.
(08) Die Entdeckung dieses Universums ist ganz unzweifelhaft das Verdienst der Nürnberger Krisis-Guppe (vgl. Marxistische Kritik 5, S. 7.)
(09) Aus der Ökologie-Debatte hat der Normalo den gleichen Blödsinn gelernt wie die antideutschen Autoren, nämlich, daß die blinde Eigennützigkeit der Menschen an allem schuld ist. Daß die negativen Wirkungen der kapitalistischen Ruinierung der Natur hauptsächlich die Angehörigen einer Klasse schädigen, werden solche Naturfreunde wahrscheinlich noch nicht einmal am Beispiel Bhopal entdecken.
(10) Hier drängt sich die (weiter unten beantwortete) Frage auf, was Linke - doch wohl wider besseres Wissens! - umtreibt, wenn sie solch schönfärberische Texte über den Kapitalismus zu Papier bringen. Noch vor zehn Jahren wäre jedenfalls jemand, der solchen Mist verbreitet, sogar bei den Jusos als Rechter rausgeflogen.
(11) Wie die Türcke-Debatte gezeigt hat, geniesen Denker, die sich auf Hegel berufen auch und gerade bei Linken, die außer ihrer Moral nichts im Kopf haben, automatisch einen riesigen Repekt. Daher lassen wir hier einmal diesen bürgerlichen Staatsfanatiker zum Thema Recht und Todesstrafe zu Wort kommen: "Beccaria hat dem Staate das Recht zur Todesstrafe bekanntlich aus dem Grunde abgesprochen, daß nicht präsummiert (vorausgesetzt) werden könne, daß im gesellschaftlichen Vertrage die Einwilligung der Individuen, sich töten zu lassen, enthalten sei (...). Allein der Staat ist überhaupt nicht ein Vertrag, noch ist der Schutz und die Sicherung des Lebens und des Eigentums der Individuen so unbedingt sein substanzielles Wesen, vielmehr ist er das Höhere, welches das Leben ... in Anspruch nimmt und die Aufopferung desselben fordert." Da hat Hegel verdammt recht. " Daß die Strafe ... als sein eigenes Recht angesehen wird, darin wird der Verbrecher als Vernünfiges geehrt." Kopf ab, als Ehrung des Delinquenten: zu solch geistigen Perversionen sind wohl nur Gerechtigkeitsfanatiker fähig. (Zitate aus: Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, §100)
(12) So wie oben der Gegensatz zwischen Produktionsmittelbesitzern und Besitzlosen in ein und das selbe Subjekt fabriziert wurde, so verwandeln die Antideutschen hier den Gegensatz zwischen Individualinteresse und Staat in eine persönliche Schizophrenie des Subjekts.
(13) Tatsächlich ist Nation leider alles andere als eine Einbildung. Es handelt sich um eine von der Staatsgewalt gewaltsampraktizierte Abstraktion, um eine reale Zwangsgemeinschaft. Ihre Mitglieder sind nicht freiwillig Gläubige, sondern (nach autonomem Sprachgebrauchkorrekt formuliert) - Insassen
(14) Aufruf, S. 14
(15) Die Nation ist tatsächlich die von staatlicher Gewalt hergestellte Zwangsgemeinschaft der ihr unterworfenen Menschen, die dadurch zu einem Volk werden und dabei, von ihren natürlichen und gesellschaftlichen Unterschieden abstrahierend, diese Ordnung zu affirmieren haben. Für Antideutsche ist sie gleichzeitig (!): 1.) Lediglich eine HaluziNation ist, über die man beim besten Willen kein fundiertes Urteil abgeben kann, weil Nationen eben nicht real existieren. 2.) Eine Institution, die ihren Mitgliedern solch entzückende Angebote wie Familie und Schule macht, eben die Versorgungsanstalt für die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft und 3.) Ein auslaufendes Gesellschaftsmodell, weil die allgemeine Krise des faulenden Kapitalismus tendenziell den Rückfall in die Barbarei auf die Tagesodnung setzt.
(16) Aufruf, S. 5. Eine solche Absage an eine biologistische Erklärung von Rasse, fällt überhaupt nur jemandem ein, der Volkscharakter anders konstruieren möchte.
(17) Aufruf, S.10
(18) Aufruf, S.10
(19) Aufruf, S. 4
(20) Aufruf, S.15
(21) Aufruf, S.11
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